Hansjörg Meyer: Gefühle sind nicht behindert
Hansjörg Meyer: Gefühle sind nicht behindert. Musiktherapie und musikbasierte Kommunikation mit schwer mehrfach behinderten Menschen. Lambertus Verlag (Freiburg) 2009. 159 Seiten. ISBN 978-3-7841-1894-9. 16,80 EUR, CH: 30,90 sFr.
Thema
In der neuen Ausgabe des „Lexikon Musiktherapie“ (2009 herausgegeben von Decker-Voigt und Weymann) werden schwer mehrfach behinderte Menschen als Adressaten der Musiktherapie nicht erwähnt. Lediglich in einem Kapitel über „Musikalische Heilpädagogik“ kann man sie quasi als mit gemeint annehmen, obwohl sie auch dort, wie auch im Stichwortverzeichnis nicht genannt werden.
Hansjörg Meyer hebt hervor, dass Musiktherapie als Psychotherapie verstanden wird. Im allgemein läuft sie so ab, dass Patienten und Therapeut miteinander musikalisch improvisieren und anschließend über die Erfahrungen, die in der Musik gemacht wurden und die Lebensthemen, die in ihnen zum Ausdruck kamen, sprechen. Dieser verbale Diskurs sei mit schwer mehrfach behinderten Menschen zwar nicht möglich. Das bedeutet aber nicht, dass damit auch Musiktherapie als Psychotherapie mit ihnen nicht möglich sei. Einerseits leiden diese Menschen wie Nichtbehinderte auch an psychischen Erkrankungen und seelischen Störungen, die psychotherapeutisch zu behandeln sind. Anderseits – und darin besteht das zentrale Anliegen dieses Buches - besitzen sie Ressourcen, die sie sehr wohl befähigen, von psychotherapeutischen Behandlungen zu profitieren: Das sind ihre Fähigkeiten, Gefühle zu erleben, auszudrücken und mit dem Gegenüber zu teilen.
Gertrud Orff war eine der großen Pioniere der Musiktherapie, die in ihren Büchern eindrucksvoll beschrieben hat, wie behinderte Kinder das musikalische Spiel nutzen können, um sich psychisch und sozial weiter zu entwickeln. Nordoff und Robbins werden im zu besprechenden Buch angeführt. Sie gehen von einem „Music-Child“ aus, einer jedem Menschen innewohnenden Instanz, die ihn in die Lage versetzt, musikalisch zu kommunizieren und auf diesem Wege Emotionen mit anderen zu teilen. Hansjörg Meyer steht mit seiner Publikation in einer Reihe mit diesen drei musiktherapeutischen Vordenkern und Vorreitern.
Inhalt
Gefühle sind ebenso wenig durch körperliche und geistige Behinderungen beeinträchtigt wie die basalen Kompetenzen, musikalische Rhythmen zu erfassen, Melodiebögen zu verfolgen und dynamische Spannungsverläufe nachzuvollziehen. Das ist durch die neurophysiologische Forschung vielfach nachgewiesen, und die vom Autor angeführten Belege bilden nur einen sehr schmalen Ausschnitt dieses Forschungsgebiets. Auch besteht ein enges Zusammenspiel zwischen Musik, Emotionen und Körpererfahrung, das bei der musiktherapeutischen Behandlung genutzt werden kann.
Ohne dass Hansjörg Meyer sie ausdrücklich als Beitrag zur musiktherapeutischen Forschung benennt, dürften die detailliert und anschaulich beschriebenen musiktherapeutischen Begegnungen, die er mit seinen Patienten erlebt hat, als Fallstudien mit dem empirischen Wirksamkeitsnachweis dafür gelten, dass Musiktherapie bei schwer mehrfach behinderten Menschen hilfreich und notwendig ist.
Voraussetzung ist die stabile therapeutische Beziehung zwischen Therapeut und Patient, auf deren Grundlage „musikbasierte Kommunikation“ möglich wird. Über diese Art der Kommunikation, die der Autor als die „Sprache des Musiktherapeuten“ bezeichnet, kann sich nonverbaler Austausch und Verstehen ereignen. Dabei begegnet der Therapeut dem Patienten als ein aufmerksam und achtsam hinspürendes Gegenüber, das wahrnimmt, wie der Atem fließt, wie sich im Zusammenspiel von stimmlicher und motorischer Bewegung Emotionen zeigen, die er mit seiner eigenen Stimme oder mit einfachen Musikinstrumenten nachvollzieht, begleitet, gestaltet und in gemeinsamen Ausdruck einmünden lässt.
Diese Art, über Rhythmen und Klänge miteinander in Kontakt und Austausch zu kommen, ist die Grundlage jeder musiktherapeutischen Behandlung. Sie ist das elementare Handwerk des Musiktherapeuten. Hansjörg Meyer hebt darüber hinaus nachdrücklich hervor, dass es nicht nur dem Musiktherapeuten zugänglich sein sollte, sondern jedem Menschen, der mit schwer mehrfach behinderten Menschen arbeitet. Den emotionalen Ausdruck des Gegenübers wie eine Sprache wertzuschätzen, die man verstehen kann, wenn man ihre rhythmischen, melodischen und klanglichen Eigenschaften erfasst und nachvollzieht, schafft eine Atmosphäre des Aufgehoben- und Verstandenseins, in der Angst, Stress oder Anspannung sich lösen und seelische Kränkungen und Verletzungen heilen können.
Im letzten Teil Buches beschreibt der Autor eine Art Lehrgang, in dem auch Nicht-Musiktherapeuten, Betreuer, Physio- und andere Therapeuten, lernen können, wie sie die Möglichkeiten der „Musikbasierten Kommunikation“ nutzbringend in ihren Pflegealltag einbringen können.
Fazit
Als „Praxisbuch“ liefert das Werk klare Informationen darüber, dass und wie Musiktherapie (als Psychotherapie) mit schwer mehrfach behinderten Menschen möglich ist. Die dafür erforderliche therapeutische Haltung und die Fähigkeiten die der Musiktherapeut und andere Bezugspersonen, die „Musikbasierte Kommunikation“ nutzen wollen, besitzen müssen, werden übersichtlich und verständlich beschrieben und es wird aufgezeigt, wie man lernen kann, die Gefühle der Behinderten, die ihre nicht behinderten Anteile, ihre kommunikativen Ressourcen darstellen, wertzuschätzen und so zu teilen, dass erfüllte und heilsame Begegnungen möglich sind.
Rezensent
Prof. Hartmut Kapteina
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Zitiervorschlag
Hartmut Kapteina. Rezension vom 27.02.2010 zu: Hansjörg Meyer: Gefühle sind nicht behindert. Lambertus Verlag (Freiburg) 2009. 159 Seiten. ISBN 978-3-7841-1894-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7965.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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