Dorett Funcke, Bruno Hildenbrand: Unkonventionelle Familien in Beratung und Therapie
Dorett Funcke, Bruno Hildenbrand: Unkonventionelle Familien in Beratung und Therapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 220 Seiten. ISBN 978-3-89670-673-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Autorin und Autor
Dr. phil. Dorett Funcke (geb.1972) studierte Soziologie und Germanistik in Jena und arbeitet seit 2002 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie an der FSU Jena
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (geb.1948) ist seit 1994 Professor für Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie an der FSU Jena. Seit 1988 ist er als Dozent und Supervisor am Ausbildungsinstitut für Systemische Therapie und Beratung in Meilen/Zürich tätig.
Unkonventionelle Familien – welche sind das eigentlich?
Es gibt verschieden Familienkonstellationen, fast alles scheint heute möglich und lebbar zu sein: Kernfamilie, Alleinerziehendenfamilie, Stieffamilie, Pflegefamilie, Adoptivfamilie, kinderlose Paare und die gleichgeschlechtliche Familie und Inseminationsfamilie. Die Fülle an Beziehungskonstellationen wird daher auch immer in rechtliche Bezüge gesetzt werden bzw. ist gesetzt worden, die es zu beachten gilt. Die Familie scheint einem ständigen Wandel zu unterliegen. Und trotzdem gilt für diese Familienmuster „ …dasselbe wie für die konventionelle Familie, nämlich dass mit dem Heranwachsen der Kinder sich die Aufgaben in der Dialektik von Bindung und Autonomie verändern.“ (S. 237)
Thema
Die Autoren versuchen in ihrem Buch die oben genannten unterschiedlichen Familienformen in ihrer Entwicklung zu veranschaulichen, mögliche Haltungen oder Gesinnungen aufzuzeigen, auf eventuelle Risiken aufmerksam zu machen und dabei Hilfen durch Beratung und Therapie zu veranschaulichen. Jedes Kapitel hat daher einen sehr ähnlichen Aufbau und wird ergänzt durch zahlreiche Fallbeispiele aus anderen Büchern, eigenen wissenschaftlichen oder therapeutischen Erfahrungen, Studien und Beispielen von Personen aus dem öffentlichen Leben wie der CSU-Politiker Horst Seehofer (S.33), Thomas Bernhard (S.46) oder Jack Nicholson (S. 37).
Aufbau und Inhalt
Nach der Einleitung wird zunächst „der lange Weg der Kernfamilie“ sehr komprimiert und zusammenfassend auf 17 Seiten veranschaulicht.
Danach folgen in den kommenden 3 Kapiteln mögliche Formen der Abwesendheit von Familienmitgliedern.
Im 2. Kapitel: „Abwesender Vater, abwesende Mutter“ geht es um die Formen der Alleinerziehendenfamilie und der Stieffamilie. Bei der Alleinerziehendenfamilie wird u.a. ein Vergleich zwischen Westdeutschland und der DDR gezogen, der sich folgendermaßen darstellt: „Die Rolle des Dritten, des Vaters also, übernimmt dann der Sozialsaat.“ (S.44) „Zu DDR-Zeiten waren Väter nicht nötig, sie ersetzte der Staat.“ (S. 45). Die Stieffamilie wird mit einem Fallbeispiel eines Mannes Namens Boris Kucharczyk (S. 50) eingeleitet, das im nächsten Kapitel ab S.81 weitergeführt wird und mit folgender Annahme schließt: „ …dass die Schranke des Inzesttabus in komplexen Familienformen wie bei der Stieffamilie niedriger liegt als in Kernfamilien mit leiblicher Elternschaft.“ (S. 82)
Im dritten Kapitel: „Abwesende Eltern“ werden die Pflegefamilie und Adoptivfamilie vorgestellt. Bei der Pflegefamilie geht es u.a. um die Ausbildungsmöglichkeiten von Pflegeeltern bei der die Autoren sich die kritische Frage stellen, „ …was die Kompetenz von Laien noch wert ist, wenn sie erst ein sozialpädagogisches und psychologisches Minnigrundstudium durchlaufen müssen.“ (S.126)? Zur Adoptionsfamilie werden drei unterschiedliche Fallbeispiele vorgestellt, die zum einen die Adoption als Familiengeheimnis hüten (S.140), oder den halboffenen (S.140-143) und offenen (S.144-146) Umgang mit der doppelten Elternschaft veranschaulichen. Außerdem geben die Autoren zu bedenken, dass die gesellschaftliche Perspektive diese Form des familialen Zusammenlebens als Adoptivfamilie „ …mit idealistischen Erwartungen (überfrachtet) und übersieht die zu bewältigenden Aufgaben und Herausforderungen dieser besonderen Familienform.“ (S.133) Auf den Seiten 152-162 werden immer wieder bewegende Fallbeispiele aus dem Buch : Survival-Tipps für Adoptiveltern von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon zitiert.
Im 4. Kapitel “ Abwesende Kinder, Kinderlose Paare“ werden die Aspekte der Selbstbestimmung (z.B. freiwillige Kinderlosigkeit) oder der seelischen Belastungen und mögliche psychosoziale und medizinische Hilfen besprochen und ebenfalls durch Fallbeispiele ergänzt: „ \. schöpft dieses Paar – bisher allerdings erfolglos – die vielfältigen Möglichkeiten der Medizintechnik aus.“ (S. 187)
Daraus entstehende „Grenzfälle“ wie die gleichgeschlechtliche Inseminationsfamilie werden dann im letzten Kapitel beschrieben.
Nach diesen 233 Seiten erfolgt dann eine Zusammenfassung in der 3 wesentliche Kernaussagen getroffen und eine Forderung formuliert werden:
- „Auch unkonventionelle Familien orientieren sich an kernfamilialen Mustern – das zentrale Thema ist die Differenz von Anwesenheit und Abwesenheit.“ (S.234)
- „ In der Leugnung der Differenz von Anwesenheit und Abwesenheit liegen die Risiken unkonventioneller Familien für das Aufwachsen der Kinder.“ (S. 235)
- „Beratung und Therapie haben die Aufgabe, mit den unkonventionellen Familien Landkarten für die Gestaltung der Differenz von Anwesenheit und Abwesenheit zu entwickeln.“ (S. 235)
Die daraus sich ergebenden Forderung der Autoren lautet: „Die Landkarten müssen ständig umgeschrieben werden, wenn auch das Grundmuster bleibt.“ Denn: „Die auf zwei Generationen konzentrierte Kernfamilie hat nicht abgedankt.“ (S. 234)
Fazit
Das Buch eignet sich für den erfahrenen Leser und Praktiker um sein Wissen aufzufrischen, Denn die überaus zahlreichen Verweise auf Studien und Fallbeispiele ermöglichen sicher auch einen neuen Blickwinkel. Auch für Studierende kann es zu Prüfungsvorbereitung, sowohl als zusammenfassendes Werk als auch auf der Suche nach neuen Quellen dienlich sein.
Rezensentin
Dr. Andrea Dobkowitz
Systemische Familientherapeutin (DGSF), systemische Supervisorin (DGSF),
Heilpraktikerin für Psychotherapie, langjährige eigene Praxis für
systemisches Arbeiten, wissenschaftliche Mitarbeiterin am
Universitätsklinikum in Ulm, Abtl. Psychotherapie, Psychosomatik und
Medizinische Psychologie über 10 Jahre, jetzt: wissenschaftliche
Mitarbeiterin an der Universität Koblenz, Abtl. Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Andrea Dobkowitz. Rezension vom 09.08.2010 zu: Dorett Funcke, Bruno Hildenbrand: Unkonventionelle Familien in Beratung und Therapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 220 Seiten. ISBN 978-3-89670-673-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7988.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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