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Arist von Schlippe, Mohammed El Hachimi u.a.: Multikulturelle systemische Praxis

Cover Arist von Schlippe, Mohammed El Hachimi, Gesa Jürgens: Multikulturelle systemische Praxis. Ein Reiseführer für Beratung, Therapie und Supervision. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2003. 244 Seiten. ISBN 978-3-89670-407-8. D: 22,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Mit Vorw. von Cem Özdemir und Klaus J. Bade.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-89670-640-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Das Thema

Mit diesem Band wollen die AutorInnen die Grundlagen und die Praxis multikultureller systemischer Beratung als Baustein interkultureller Kompetenz darlegen.

Die AutorInnen

Arist von Schlippe, Psychologischer Psychotherapeut, Lehrtherapeut am Institut für Familientherapie in Weinheim, bekannter Autor („Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung“) Privatdozent für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Osnabrück.

Mohammed El Hachimi, Diplom-Sozialpädagoge, Familientherapeut und Organisationsberater, langjährige Praxis in Feldern multikultureller und interkultureller Beratung, von Suchttherapie und im Gesundheitsbereich

Gesa Jürgens, Diplompsychologin und Psychotherapeutin, Lehrtherapeutin am Institut für Familientherapie in Weinheim, entwickelte dort ein spezielles Curriculum für den multikulturellen Bereich

Der Inhalt

Die AutorInnen gliedern ihr Buch in 3 grosse Teile: Der erste Teil beschäftigt sich mit den Grundlagen, der zweite führt in die multikulturelle Praxis ein, der dritte Teil beschreibt ausgewählte Praxisfelder. Eingeleitet wird der Band durch ein Vorwort von Cem Özdemir.

Für die AutorInnen bedeutet eine multikulturelle Gesellschaft in erster Linie eine Bereicherung und Chance.

Im Eingangskapitel setzen sie sich zunächst mit dem Kulturbegriff auseinander und wählen sich aus der Vielfalt der möglichen Definition die aus der Psychologie stammende Kulturdefinition von Thomas als Grundlage, der von bestimmten „Kulturstandards“ ausgeht und erweitern diese durch das Mehr-Ebenen-Modell von Hofstede, dessen Modell zur Charakterisierung von Kulturen anhand von fünf Dimensionen die Autorinnen ebenfalls übernehmen. Als Ethnologin begeistern mich diese Definitionen und Zuordnungen nicht. Ich halte sie für zu stereotyp und zu sehr an einer fragwürdigen „Normalität“ einer Kultur orientiert. Für mich stellt dieses erste Kapitel allerdings das einzige dar, das ich nicht vorbehaltlos zur Lektüre empfehlen möchte.

Bereits das zweite Kapitel stellt kenntnisreich verschiedene Formen von Migration sowie Modelle kultureller Anpassungsprozesse vor.

Gut nachvollziehbar stellen die AutorInnen dar, wie jede Person, die beraten wird, in das Netzwerk ihrer Familie eingebunden ist und jede Familie wieder auf ihre individuelle Art im Netzwerk ihrer Kultur eingebettet ist. Die Anforderung an die BeraterInnen ist hier, möglichst fundierte Kenntnis der Kulturen zu erlangen, in die Familien eingebettet sind, ebenso fundierte Kenntnisse über Migrationsprozesse. Andererseits dürfen die KlientInnen aber auch nicht auf dieses Wissen festgelegt werden. Jede Familie hat eine individuelle Struktur und eine individuelle Art des Umgangs mit einer ganz spezifischen Migrationssituation.

In diesem Zusammenhang ist Sprache ein wichtiges Werkzeug des interkulturellen Umgangs und häufig Quelle für Missverständnisse. [1] In diesem Sinne ist der gesamte Band ein Pädoyer dafür, „…nicht zu schnell zu verstehen, nicht zu schnell zu wissen, was der andere meint.“ (64) Dies gilt nach Meinung der AutorInnen für jede Art von Therapie und Beratung, im interkulturellen Kontext aber ganz besonders. Aus ihrer Praxis haben die AutorInnen hier hilfreiche Tipps, wie BeraterInnen im sprachlichen Feld sensibel vorgehen können, so z.B. die Anregung, dass wichtige Aussagen in der Muttersprache wiederholt werden. Hier wie an anderen Stellen nennen die AutorInnen hilfreiche Fragen, die sich in der multikulturellen Beratungspraxis bewährt haben.

Den praxisorientierten Hauptteil stellen die AutorInnen anhand eines Modells vor, dass einige LeserInnen bereits aus einem Aufsatz von Mohammed El Hachimi kennen werden: Der persische Sufi und Mystiker Fariduddin Attar beschreibt in einer Schrift die „Sieben Täler“, die der Mensch in seinem Ringen nach Erkenntnis durchschreitet. Anhand der 7 Stationen dieser Schrift verdeutlichen die AutorInnen den Gang einer typischen Beratung oder Therapie aus der multikulturellen systemischen Praxis.

Sehr klug, erfahren und mit zahlreichen Anregungen für die Praxis beschreiben die Autorinnen im Hauptteil des Buches typische Therapie- und Beratungsprozesse vom Erstgespräch bis zur Verabschiedung der KlientInnen. Dabei gehen sie in sensibler und sehr praxisorientierter Weise auf alle möglichen Probleme, Konflikte und Fallstricke, aber auch auf die besonderen Möglichkeiten im multikulturellen Kontext ein. Die AutorInnen schlagen stets sehr konkrete Schritte des Vorgehens vor, nennen bewährte Formulierungen und Fragen und stellen so der Leserin einen großen Koffer mit Handwerkszeug zur Verfügung. Dieses Handwerkszeug ist deutlich erprobt und sehr praxisfreundlich. Neben allgemeiner Beratung werden auch die Möglichkeiten speziellerer Verfahren wie Genogramm-, Skulptur- und Ritualarbeit dargestellt und einzeln erläutert.

Grossen Wert legen die AutorInnen auf die Selbstpflege der BeraterInnen und TherapeutInnen, zu der sie ganz konkrete Vorschläge und Erfahrungen beizutragen haben.

Im dritten Teil des Buches schliesslich erfolgen Erfahrungen und Anregungen zu speziellen Arbeitfeldern, nämlich

  • Paarberatung
  • Arbeit mit Gewaltopfern
  • Sucht
  • Erziehungs- und Schulschwierigkeiten
  • Gesundheitsbereich
  • Gruppenarbeit
  • Multikulturelle Teamarbeit
  • Schuldenberatung

Wer in einem der genannten Bereiche kundig ist, wird hier wertvolle Anregungen für die Arbeit mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen erhalten. Literaturhinweise ermöglichen eine spätere intensive Auseinandersetzung der Leserin.

Aufgelockert wird der gesamte Band durch Fotos und künstlerisch-philosophische Texte, die den geforderten Perspektivenwechsel bereits beim Lesen erleichtern.

Zielgruppen

Für alle, die Beratung und Therapie für Menschen aus unterschiedlichen Kulturen anbieten. Durch klare Sprache und zahlreiche Beispiele gut für Studierende geeignet, für Lehrbuchsammlungen (Sozialwesen, Erziehungswissenschaft, Psychologie) zu empfehlen!

Fazit

Das beste Buch, das ich in den letzten Jahren zum Bereich interkultureller und multikultureller Beratung gelesen habe. Unbedingt empfehlenswert!


[1]  Unfreiwillig spaßig ist, dass das auf S. 67 zitierte türkische Wort für eine unbeholfene Sprache im Buch falsch wiedergegeben ist!


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 30.09.2003 zu: Arist von Schlippe, Mohammed El Hachimi, Gesa Jürgens: Multikulturelle systemische Praxis. Ein Reiseführer für Beratung, Therapie und Supervision. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2003. ISBN 978-3-89670-407-8. Mit Vorw. von Cem Özdemir und Klaus J. Bade.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-89670-640-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/800.php, Datum des Zugriffs 29.08.2016.


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