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Sandra Seubert: Das Konzept des Sozialkapitals

Cover Sandra Seubert: Das Konzept des Sozialkapitals. Eine demokratietheoretische Analyse. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. 270 Seiten. ISBN 978-3-593-39048-2. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Der Begriff „Sozialkapital“ ist seit Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in sozialwissenschaftlichen Debatten verbreitet zu finden. Er wird vor allem im Zusammenhang mit den Fragen verwendet, woraus die Grundlagen einer lebendigen Bürgergesellschaft bestehen und welche politisch-kulturellen Bedingungen die Verantwortungsübernahme und Selbsttätigkeit der Bürger erleichtern (S. 9)? Professorin Seubert beschäftigt sich in ihrem Buch mit eben diesem Sozialkapital. Sie analysiert Sozialkapital als Konzept und betrachtet die Grenzen und Potentiale dieses Konzepts für eine demokratietheoretische Analyse.

Autorin

Prof.in Dr. Sandra Seubert (*1968) ist seit WiSe 2009/10 Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie hat in 02/2008 ihr Habilitationsverfahren mit der Habilitationsschrift „Krise oder Chance gesellschaftlicher Integration? Eine demokratietheoretische Analyse des Konzepts des Sozialkapitals“ und mit dem Habilitationsvortrag „Was interessiert uns am Privaten? Probleme liberaler Selbstbeschränkung“ abgeschlossen. Aufgrund des Titels der Habilitationsschrift ist zu vermuten, dass es sich bei dem hier zu besprechenden Buch um die (überarbeitete?) Fassung ihrer Habilitationsschrift handelt. Im Buch wird dieser Sachverhalt jedoch nicht erwähnt (warum eigentlich nicht?).

Entstehungshintergrund

Auch zum Entstehungshintergrund finden sich in dem Buch keinerlei Informationen. Es kann jedoch ein ´roter Faden´ rekonstruiert werden von der Promotion Prof. Seuberts durch Prof. Axel Honneth (Titel: „Gerechtigkeit und Wohlwollen. Bürgerliches Tugendverständnis nach Kant“), über die Tätigkeit als wiss. Mitarbeiterin in dem Forschungsprojekt „Verläufe und Faktoren der Konstitution demokratischer politischer Identität in nachdiktatorischen Gesellschaften“ von Prof.in Gesine Schwan an der FH Berlin bis eben zum Habilitationsthema bzw. Thema des Buches.

Aufbau und Inhalt

Die Problemstellung der Arbeit ist demokratietheoretisch ausgerichtet. Ein wesentliches Anliegen der Arbeit ist für Seubert, das Theoriedefizit der Sozialkapital-Forschung zu verkleinern. So werden u.a. die Potentiale und Grenzen des Konzepts des Sozialkapitals für eine demokratie-theoretische Analyse neu bewertet. Den Rahmen dafür bildet der Diskurs der Bürgergesellschaft mit dem „besonderen Schwenk“, den er seit den 1990´er Jahren gemacht hat: Von der Bürgergesellschaft wird nicht mehr nur die Verbesserung der sozialen Integration durch Möglichkeiten der politischen Partizipation erhofft, sondern auch die Beteiligung der Bürger an öffentlichen Aufgaben, die der Staat alleine nicht mehr zu vollbringen vermag (S. 16f).

Das Buch besteht aus acht Kapiteln, excl. einer Einleitung, einem Schlusskapitel und dem Literaturverzeichnis.

Im ersten Kapitel behandelt Seubert in einem Problemaufriss die Konzepte Demokratie, Bürgergesellschaft und Sozialkapital.

In Kap. 2 stellt sie das Konzept der Zivilgesellschaft in der Tradition der nordamerikanischen Soziologie vertreten durch Robert D. Putnam vor.

Kap. 3 informiert über Putnams Konzept des Sozialkapitals. Seubert resümiert: „Wenn die mit Sozialkapital verbundenen kulturellen Elemente (Normen der Reziprozität und Vertrauen) sich nur in relativ geschlossenen Sozialstrukturen verwirklichen und diese zu ihrer Reproduktion brauchen, lässt sich von Sozialkapital zunächst nur als etwas sprechen, was innerhalb einer Gruppe zur Verfügung steht. … Die Existenz von Sozialkapital kann deshalb nicht von vorne herein ausschließlich als öffentliches Gut betrachtet werden“ (S. 99). Am Ende dieses Kapitels steht der Vorschlag, „Sozialkapital als durch soziale Vernetzung geschaffenes Vermögen zu kollektivem Handeln“ zu verstehen.

In Kap. 4 erschließt Seubert die „normativen Potentiale zivilgesellschaftlicher Assoziationen“. Sie stellt zunächst den Faktor Freiwilligkeit vor (der auch von Putnam besonders betont wird): Assoziative Beziehungen haben einen freiwilligen und konsensuellen Charakter (die Bereitschaft der Bürger, miteinander zu kooperieren, wird dabei wohl schlicht vorausgesetzt). Soziales Kapital benötigt zudem eine Basis des Vertrauens und der reziproken Beziehungen, auf der sich Kooperation und gegenseitige Unterstützung entwickeln können. (Praktische Beispiele für die angeführten theoretischen Sachverhalte finden sich in dem Buch nur wenige. Deshalb hier zur Veranschaulichung eines, welches ich im Internet fand: Ob ein Vertrauensklima - als Maß für soziales Kapital – vorhanden ist oder fehlt, kann anhand der Antwort auf folgende Frage entschieden werden: Lässt eine Mutter/ein Vater ihr/sein Kind allein in einem Park spielen, oder wagt sie dies nicht und begleitet es oder lässt es begleiten?)

In Kap. 5 differenziert Seubert zwischen unterschiedlichen Formen von Sozialkapital (sie geht dabei aus von Differenzierungen, die Putnam selbst im Anschluss an die Auseinandersetzungen um sein Konzept eingeführt hat, z.B. dass Netzwerke nach den Zielen, die sie verfolgen, unterschieden werden können; S. 119), beschreibt in einem kurzen Exkurs das Thema ´Sozialkapital und der kulturelle Wandel des Geschlechterverhältnisses´, untersucht die Bedeutung sozialer Gruppen und das Verhältnis von Zivilgesellschaft und liberaler Demokratie.

In Kap. 6 analysiert Seubert Bourdieus´ Konzept des Sozialkapitals. Sie macht gleich zu Beginn deutlich, dass es sich hierbei um ein – im Vergleich zu Putnam – gänzlich verschiedenes Konzept handelt: Während Putnams Zugang zum Konzept des Sozialkapitals es kaum erlaubt, ökonomische und kulturelle Machtungleichgewichte systematisch zu thematisieren, liegt mit Pierre Bourdieus Theorie des Sozialkapitals eine Analse vor, die gerade die Genese sozialer Ungleichheit und ihre komplexen, insbesondere kulturellen Reproduktionsbedingungen ins Zentrum stellt“ (S. 162) Da diese Theorie im laufenden Diskurs über Sozialkapital und die moralischen Grundlagen der Demokratie weitgehend ausgeblendet ist, fragt S., „inwieweit sich Bourdieu für die Aufhellung der machttheoretischen Blindflecken heranziehen lässt?“ (ebd.). Zunächst thematisiert sie die allgemeine Theorie Bourdieus´, sodann differenziert Frau Seubert zwischen den verschiedenen Kapitalformen bei Bourdieu, betrachtet anschließend die „Ökonomie sozialer Kämpfe“, um dann in einem Resümee Überlegungen zu einer übergreifenden Theorie des Sozialkapitals anzustellen. Damit gelangt Seubert an einen wichtigen Punkt ihrer Analyse, ist es doch so, dass soziale Gruppen mit unterschiedlichen Machtressourcen existieren. Ihre bis hierhin geführten Betrachtungen erlauben ihr nun, die Frage zu diskutieren, welches Maß an sozialer Gleichheit, welches Maß an materieller und kultureller Inklusion für die demokratieförderliche Entfaltung von Sozialkapital grundlegend ist und welche Widerstände ihr entgegenstehen. M.a.W. konfrontiert sie also die Zugänge Bourdieus´ und Putnams´ miteinander, um zur Klärung der Frage beizutragen, welche Wirkungen Sozialkapital in der Bürgergesellschaft haben und unter welchen Bedingungen es sich als Ressource der Inklusion bzw. der Exklusion erweisen kann. Als Ergebnis ihrer Analyse unterscheidet Seubert drei Ebenen, auf dem Sozialkapital wirken kann. Diese Differenzierung nach verschiedenen Ebenen (individuelle, Gruppenebene und gesamtgesellschaftliche Ebene) ermöglicht es ihr, das Konzept für die verschiedenen Fragestellungen – die machtkritische Bourdieus und die integrationstheoretische Putnams – offen zu halten (S. 183). Es wird deutlich, dass für Seubert beide Perspektiven, die von Putnam und die von Bourdieu, für die Bewertung von Sozialkapital in der Bürgergesellschaft von Bedeutung sind. Sozialkapital kann als Ressource sozialer Inklusion, aber auch als Medium der Exklusion wirken: „Ebenso wie ökonomisches und kulturelles Kapital ist auch Sozialkapital eine Ressource, die seinen „Besitzern“ Distinktionsgewinne gewährt. Seine ungleiche Verteilung kann dazu führen, dass sich ohnehin bestehende Ungleichheiten verschärfen“ (S. 190f).

In Kap. 7 werden von Seubert verschiedene Forschungsanstrengungen zur Erklärung generalisierten Vertrauens betrachtet. Sie untersucht insbes. drei Ansätze (von Piotr Sztompka, von Claus Offe und von Philip Pettit), die einen institutionentheoretischen Pfad einschlagen, d.h. generalisiertes Vertrauen unter Berücksichtigung der jeweiligen institutionellen Kontexte erklären.

Im achten Kapitel rückt Seubert dezentrale Verhandlungssysteme und Netzwerke in den Blickpunkt und verleiht damit Argumentationen für eine Auflösung der „nationalen Konstellation“ (S. 236) Gewicht. Sie zitiert Castells´ Gegenwartsanalyse der Netzwerkgesellschaft und der Individuen, die in dieser Gesellschaft ihre Identität formen und ihre Position in der Gesellschaft (re-)definieren. Die Chancen auf „ziviles, brückenschlagendes und offensives Sozialkapital“ scheinen ihr unter diesen Bedingungen nicht günstig zu sein (S. 246). Professorin Seubert geht im folgenden ein auf Luc Boltanski und Eve Chiapello (2003), die den Netzwerkbegriff im Rahmen ihrer Analyse des ´neuen Geistes des Kapitalismus´ in Abgrenzung zur Transparenz der legalen öffentlichen Beziehungen mit Heimlichkeit verbinden: das Netzwerk entzieht sich jedem Zugriff staatlicherseits; es ist auf gegenseitige Hilfe, Geld und Macht aus (S. 247). Der Begriff des Sozialkapitals bezieht sich in dieser Vorstellung auf Kontakte, über die eine Person verfügt – und diese sind zentral in der vernetzten Welt (S. 255). In dieser Perspektive wird Sozialkapital gleichzeitig aufgewertet und vernutzt: Aufgewertet, weil sämtliche Bereiche des Lebens unter dem Gesichtspunkt des Wertes von Beziehungen für die Realisierung von eigenen Projekten in den Blick genommen werden; vernutzt, weil den sozialen Grundlagen der Sozialkapital-Bildung unter den Bedingungen der Netzlogik gar nicht Rechnung getragen werden kann (S. 260).

Zusammengefassend zeigt Seubert (S. 269f), dass der Zugang zu demokratischen Prozessen nicht nur durch die Ausstattung mit ökonomischem und kulturellem, sondern auch mit sozialem Kapital beeinflusst wird. Dieses beeinflusst die Möglichkeiten der Positionierung von Gruppen mit Blick auf den Einfluss auf das politische Entscheidungszentrum. Seubert begrüsst es darüber hinaus, dass die innergesellschaftliche Verteilung von Sozialkapital als individuelle und als Gruppenressource in Analysen sozialer und politischer Exklusion inzwischen vermehrte Aufmerksamkeit erfährt. Die dritte Ebene, auf der von Sozialkapital als gesamtgesellschaftlicher Ressource die Rede ist und die auf die Existenz ziviler Normen bezogen ist, die sowohl institutionell als auch politisch-kulturell Niederschlag gefunden haben, soll ihren Ausdruck in einer Verbreitung generalisierten Vertrauens finden. In der zuletzt diskutierten ´postnationalen´ Variante ergeben sich nach Seubert schwierige Fragen nach den Möglichkeiten (und Grenzen) transnationaler Demokratie (die in der Arbeit allerdings nur andeutungsweise behandelt werden).

Diskussion

Nach den in der vorliegenden Arbeit angestellten Überlegungen ist ein Konzept von Sozialkapital als bloße Kompensation für institutionelle Fehlfunktionen kritisch zu sehen. Auch ein rein positives Verständnis - im vorbehaltlosen Sinne als ´Ressource´ - ist nicht nützlich, so Sandra Seubert. Es sind bestimmte Bedingungen zu erfüllen, wie z.B. ein wechselseitig aufgebautes Vertrauen, das erst über die Zeit aus einer „Geschichte“ der gemeinsamen Interaktion erwächst (S. 267), damit Sozialkapital entstehen und seine positiven Wirkungen entfalten kann.

Sozialkapital muss auch von seiner anderen, unzivilen bzw. ´schlechten´ Seite, her betrachtet werden. Wir sprechen hier von der Ausbildung z.B. rechtsextremer, fundamentalistisch-religiöser oder anderweitig aggressiver Bündnisse. Wir sprechen aber auch vom strategischen Einsatz von Sozialkapital als Mittel der Ausgrenzung und Distinktion (Abschottungstendenzen der „Privatisierung von Sozialkapital“).

Frei nach Christoph Butterwegge ist nichts davon zu halten, wenn die Verantwortung Einzelner zu stark gestärkt wird. Wenn dies geschähe, würden letztlich die Mächtigen und Reichen entscheiden (z.B. über Sponsoring), welche Armen gefördert werden und welche nicht. Diese an Sozial- und anderen Kapitalien gut ausgestatteten Gruppen hätten die Macht, zu bestimmen, was ein ´guter´ und was ein ´schlechter´ Armer ist. Auf diese gefährliche Tendenz macht Butterwegge zurecht aufmerksam, und er wird dabei m.E. durch die konzeptuelle Arbeit von Frau Seubert argumentativ gestärkt.

Fazit

Die Arbeit besteht aus einer theoretischen Analyse. Die Analyse wird durch wenige/keine praktischen Beispiele erläutert. Dennoch ist die Arbeit verständlich und vor allem, sehr sorgfältig und gewissenhaft geschrieben.

Für jene, die an einer differenzierten und umfassenden Analyse des Konzepts Sozialkapital interessiert sind, kann diese Arbeit einen erheblichen Nutzen erbringen.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 27.02.2010 zu: Sandra Seubert: Das Konzept des Sozialkapitals. Eine demokratietheoretische Analyse. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-593-39048-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8003.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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