Peter Förster: Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit
Peter Förster: Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit. Eine systemübergreifende Längsschnittstudie zum politischen Mentalitätswandel vor und nach der Wende. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 357 Seiten. ISBN 978-3-8100-3452-6. 35,00 EUR.
Autor, Entstehungshintergrund und Überblick
Das Buch von Peter Förster bilanziert in gut lesbarer Form die relevanten Ergebnisse und Erkenntnisse der sog. 'Sächsischen Längsschnittstudie'. Dabei handelt es sich um eine in ihrer methodischen Anlage einzigartige Längsschnittstudie, die systemübergreifend seit 1987 (zuerst DDR, dann 'Wende' und schließlich Ostdeutschland) bei einer identischen Population (junge Ostdeutsche zwischen damals 14. und zuletzt 27. Lebensjahr) umfangreiche standardisierte Befragungen vorgenommen und auch qualitative Daten erhoben hat und diese ausführlich dokumentiert und interpretiert. Kurzum: Eine empirische Studie, die auf Grund ihrer methodischen Konzeption (Panel) und gewissenhaften Durchführung und Auswertung sowie ihren hochinteressanten und für die politisch Verantwortlichen in diesem Lande bedeutungsvollen Erkenntnissen mehr Aufmerksamkeit in der wissenschaftlichen und politisch-medialen Öffentlichkeit verdient hätte - aber Peter Förster ist "abgewickelter" (exkludierter) Ostdeutscher, ehemals Mitbegründer und Abteilungsleiter des Ende 1990 "abgewickelten" Zentralinstituts für Jugendforschung (ZIJ, gegründet 1966) in Leipzig.
Glücksfall Längsschnittdatenerhebung mit 16 Untersuchungswellen
Es liegt zwar mittlerweile ein riesiger, nahezu unübersichtlicher Berg an Daten und Erkenntnissen aus der sog. Transformationsforschung vor, und "Wende und Vereinigung gehören zu den am besten dokumentierten Ereignissen in der jüngsten deutschen Geschichte" (Vorwort, S. 7), die Studie von Förster unterscheidet sich jedoch m.E. gegenüber allen anderen Erhebungen nicht nur konzeptionell-methodisch, sondern wohl auch in ihrer Form und in ihren Ergebnissen. Denn:
Förster beschreitet hochengagiert, sich tendenziell, aber sympathisch mit der Studie und der Population fast identifizierend, den nur zu selten begangenen "Königsweg" der Sozialforschung. Seine "systemübergreifenden Längsschnittstudie", die er zu Recht als "Glücksfall sozialwissenschaftlicher Forschung" bezeichnet (so wie überhaupt die "Wende" als wohl größtes sozialwissenschaftliches Experiment zu bezeichnen ist), ist durch "zwei Besonderheiten" zu charakterisieren: In mittlerweile 16 (!) "Untersuchungswellen" von 1987 bis 2002 wurde jeweils die gleiche Population erfasst, so dass "bemerkenswerte Veränderungsprozesse ihrer Mentalität und Lebenslagen über einen längeren Zeitraum hinweg dokumentiert werden", und der Untersuchungszeitraum umfasst das Aufwachsen, Leben, Denken und Handeln in zwei unterschiedlichen Systemen. Es gibt keine zweite vergleichbare (Jugend-)Studie in Deutschland.
Zu Beginn der Erhebung 1987 wurden 1281 SchülerInnen der Geburtsjahrgänge 1972/ 73 der Bezirke Leipzig und Karl-Marx-Stadt aus 72 Klassen bzw. 41 Schulen erfasst. Diese Jahrgangsgruppe bzw. Kohorte hatte letztmalig vor der "Wende" die zehnklassige polytechnische Oberschule vollständig durchlaufen und war bis zum 16. Lebensjahr "DDR-sozialisiert". Nach dem vorläufigen Abschluss der Untersuchung im Frühjahr 1989 (Schulende nach der 10. Klasse) erklärten sich 587 dazu bereit, an weiteren Erhebungen teilzunehmen, wovon dann letztlich "wendebedingt" (Umzug etc.) noch 485 Probanden übrig blieben. An der 14. Erhebungswelle 2000 nahmen noch 398 teil, das sind 82 % - eine erstaunlich hohe Zahl über 10 Jahre hinweg (2002 waren es 417 ! vgl. unten), die zeigt, dass sich auch die ProbandInnen mit "ihrer" Studie identifizier(t)en. Das Geschlechterverhältnis der jeweiligen Stichproben ist in etwa ausgeglichen.
Ausgewählte Ergebnisse
Auf den immerhin 357 Seiten kann man etliche hochinteressante Ergebnisse herauslesen; der Autor entschuldigt sich zwar für die Menge der Tabellen und Graphiken (im Anhang sind noch mal 23 Seiten "ergänzende Tabellen und Abbildungen", S. 317-346), aber die Fülle der Prozess-Daten und relevanten Erkenntnisse ist schier unerschöpflich und wäre eine sprudelnde Quelle für Sekundäranalysen. Es ist daher schwer, sich auf wenige Erkenntnisse zu konzentrieren und eine Auswahl zu treffen. Ich muss es dennoch tun.
Erwähnenswert erscheint mir zu aller erst, dass sich "Arbeitslosigkeit" (bzw. Angst vor/ Erfahrung mit Arbeitslosigkeit) wie ein roter Faden zur Erklärung von (Veränderungen von) Mentalitäten, Einstellungen und Perspektiven geradezu aufdrängt. Kein anderes Merkmal (ausgenommen die klassischen Merkmale "Geschlecht" und "Bildung") schlägt sich in den Daten derlei vehement nieder. Weiter ist von Bedeutung, dass die "hohe Abwanderung" der jungen Menschen in die alten Bundesländer zur Jahrhundertwende keineswegs beendet ist (S. 26). Erschreckend (hier muss wohl normativ argumentiert werden) ist die "gravierende Veränderung" sowie der "massive Rückgang des politischen Bewusstseins" und Interesses der Panelmitglieder (S. 33).
Die sog. "Wende" "führte bei sehr vielen Panelmitgliedern zu einer ungewöhnlichen Häufung von kritischen Lebensereignissen, nicht selten zu einem Schock" (S. 47). "Wende" und "Einheit" werden zwar überwiegend begrüßt, bejaht und "positiv bewertet" und "nur eine Minderheit wünscht die früheren politischen Verhältnisse zurück" (S. 54), aber der überwiegende Teil der Befragten ist schwach bis stark "unzufrieden mit dem neuen politischen System" - dabei lassen sich, wie bei vielen anderen Daten auch, "deutliche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Teilnehmern erkennen": "Die weiblichen Teilnehmer bejahen die Wende fast durchgängig signifikant weniger häufig" (S. 55).
Insgesamt wird das neue politisch-ökonomische System "mehrheitlich skeptisch oder kritisch betrachtet" (S. 87), was sich auch in einer "anhaltenden Distanz gegenüber den demokratischen Parteien" (S. 98) niederschlägt. "Weniger als 10 % der Teilnehmer trauen dem jetzigen Gesellschaftssystem im Jahr 2000 eine Lösung der dringenden Menschheitsprobleme zu bzw. sehen in ihm das einzige menschenwürdige Gesellschaftsmodell der Zukunft, rund 60 % zweifeln daran, etwa ein Drittel äußert sich ambivalent" (S. 116). Der Prozess des "Identitätswandels vom DDR-Bürger zum Bundesbürger (erweist sich) als ein sehr langwieriger Prozess mit teilweise unerwarteten Tendenzen" (S. 117). An "sozialistische Ideale" glaubt im Jahr 2000 "reichlich die Hälfte" - "diese Ideale finden zunehmend Zuspruch", vor allem bei Frauen (!), waren aber "eine Zeitlang verdrängt" (S. 132).
Jugend kann als zuverlässiger "Seismograph" für gesellschaftliche Entwicklung angesehen werden. "Immer weniger Panelmitglieder (verbinden) ihre eigene Zukunft mit Ostdeutschland" (S. 157) - der Trend nach Westen hält an, während bereits "knapp ein Drittel übergesiedelt" ist! "Die Panelmitglieder haben sich zwar mit der neuen Gesellschaft mehr oder weniger arrangiert, aber sie engagieren sich nicht für sie" (S. 183) - das politische Interesse an Staat, Parteien und Gesellschaft geht faktisch gegen Null! "Die (mittlerweile, H.G.) im Westen lebenden TeilnehmerInnen (sind) häufiger sehr zufrieden mit ihrem Leben als ihre Altersgefährten im Osten (22 % gegenüber 12 %)" (S. 188), und die "mehr oder weniger in der Bundesrepublik âangekommenenÕ ... sind psychisch signifikant weniger belastet als vor allem jene, die sich noch vorwiegend als DDR-Bürger fühlen" (S. 209).
Insgesamt "überwiegt ... ein positiver, bejahender Blick auf das Leben - trotz bestehender Probleme und Schwierigkeiten" (S. 214) - "Du hast keine Chance, nutze sie"? "Arbeitslosigkeit" entpuppt sich bei den untersuchten Jahrgängen als "prägende Generationserfahrung" (S. 228). Die Erfahrungen mit der neuen "Demokratie" werden tendenziell negativ dargestellt (Meinung sagen können, Interesse der Politik an der Meinung der Jugend, "erhebliche Defizite im Erleben sozialer Gerechtigkeit", "Unzufriedenheit mit dem politischen System", als "Deutscher zweiter Klasse" behandelt zu werden, "abnehmende Zukunftszuversicht für Ostdeutschland").
Es zeigen sich Hinweise auf eine Art "Langzeitwirkung der DDR-Sozialisation" (S. 243) in Bezug auf "erhebliche Nachwirkungen politischer Erziehung und Bildung" (S. 248) - allerdings erst "im Zusammenspiel mit aktuellen Erfahrungen und Beobachtungen" (ich will das mal DDR-revival nennen oder: Das über den "Kapitalismus" Gelernte wird plötzlich Realität). Es gilt aber auch: "Je besser die Kenntnisse im Fach Staatsbürgerkunde waren, um so positiver ist nach der Wende die Einstellung gegenüber Ausländern" (S. 254)!
Westsender und "Westkanäle" dienten vielen zur politischen Information - über den Einfluss der (Massen-)Medien insgesamt (als dominante Sozialisationsinstanz neben der peer group im Jugendalter!) verrät die Studie ansonsten nichts (ein Mangel, den Förster selbst benennt).
"Der Anteil von Ausländern in Ostdeutschland ... wurde erheblich überschätzt, von den jungen Frauen noch mehr als von den jungen Männern" (S. 278) - wohl Folge unverantwortlicher Presseberichte?! - aber "von Ausländerablehnung als einem 'Erbe' der politischen DDR-Sozialisation kann keine Rede sein" (S. 280). Ausländerfeindlichkeit hat dagegen mehr mit negativen aktuellen Erfahrungen mit und in dem neuen Gesellschaftssystem, mit Zukunftspessimismus, Bildungsniveau und Existenzängsten zu tun.
Bei fast allen Ergebnissen schlägt ein überaus starker Geschlechtsunterschied durch, wodurch sich auch ein eigener "Exkurs" anbietet (vgl. unten), der von der bekannten Frauenforscherin Uta Schlegel (ebenfalls ehedem ZIJ) verfasst ist.
Überblick über Aufbau und Inhalte
Ein Blick auf die 13 Kapitelüberschriften gibt Hinweise auf Inhalt und auf relevante thesenartige Erkenntnisse:
"Ein Blick zurück" (S. 33ff) (im Zorn?), "Ja zur Wende und zur deutschen Einheit" (S. 47ff), "Skepsis und Kritik gegenüber dem jetzigen Gesellschaftssystem" (S. 87ff), "Schon Bundesbürger, aber noch DDR-Bürger" (S. 117ff), "Viele glauben an sozialistische Ideale, zweifeln aber an ihrer Verwirklichung" (S. 131ff), "Gesellschaftliche Krisen dämpfen persönliche Zukunftszuversicht" (S. 145ff), "Lebensorientierungen im Wandel" (S. 161ff), "Trotz bisher unbekannter Ängste: Das Leben ist schön!" (S. 185ff), "Einflussfaktoren des politischen Mentalitätswandels" (S. 215ff), "Exkurs I: Ausländerfeindlichkeit - Erbe der DDR-Sozialisation?" (S. 275ff), "Exkurs II: Weibliche Entscheidungszwänge und politische Distanz" (von Uta Schlegel) (S. 289ff).
Die wesentlichsten Ergebnisse und Erkenntnisse aus der Sicht des Autors werden sodann in 14 Thesen mit ausführlichem Erklärungstext ("Zusammenfassung und Ausblick" - S. 303 bis 315) nochmals präzise und stringent dargeboten (sozusagen die Kurzfassung für Schnellleser, wovon ich aber auf Grund der Fülle der hochinteressanten Einzeldaten und -erkenntnisse abraten will).
Als kleines "Schmankerl" serviert Förster als Nachtisch ein "Postscriptum: Keine Zukunft in Ostdeutschland?!", die "neuesten Ergebnisse der 15. Untersuchungswelle vom Januar 2002" (S. 347 - 357), die zusätzlich auf die Folgen des "11. Septembers 2001" reagiert bzw. "insbesondere zu politischen Einstellungen und zur Zukunftszuversicht" interessante Daten liefert. 354 Panelmitglieder beteiligten sich trotz kurzfristiger Termine, 54 % davon weiblich; das durchschnittliche Alter betrug mittlerweile 28,6 Jahre; 80 Probanden leben mittlerweile in den alten Bundesländern! Die wichtigsten Erkenntnisse lauten: "Zukunftsängste nehmen wieder zu" (S. 349), vor allem bei Frauen; die "Zufriedenheit mit der Militärpolitik der Bundesrepublik" geht zurück (S. 348); die meisten (68 %) "fühlen sich als Bundesbürger, ohne jedoch ihre Verbundenheit mit der DDR aufgegeben zu haben" (S. 351); "nach wie vor (bestehen) Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des jetzigen Gesellschaftssystems" (S. 352) und es bleibt die Grundtendenz: "Keine Zukunft im Osten!" (S. 354) - letztere Aussage wäre auch ein passender (empirisch belegter) Titel, denn "geradezu schockierend sind die neuesten Daten zur Zukunftszuversicht für Ostdeutschland!" (S. 355).
Für die "16. Welle dieser Längsschnittstudie, die im April 2002 begann" haben sich (letzter Satz, S. 357) "bis zum Redaktionsschluss ... bereits 417 junge Frauen und Männer beteiligt" - der wohl einzig "positiv" zu nennende Anstieg im Kontext der Studie und ihrer oftmals schockierenden Ergebnisse.
Fazit
Der Titel das Buches hat mich als einziges geärgert, zumal die Studie klar belegt, dass "Freiheit" zumeist nur mit "Reisefreiheit" assoziiert wird, weniger mit demokratischen Freiheiten oder "Meinungsfreiheit". Die Mehrheit der Panelmitglieder (43 % zu 41 %) ist 2000 der Meinung: "Freiheit nützt nichts, wenn man keine Arbeit hat" (S. 110) - "Für sie ist Freiheit eine Illusion" (S. 114); "Ohne Arbeit keine Freiheit" (S. 307) - diese Auffassung von etwa der Hälfte der Panelmitglieder hätte einen treffenderen Titel für die äußerst interessante und informative Studie ergeben, der ich viele Leser, vor allem in politisch-öffentlich verantwortlichen Stellen, wünsche.
Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 30.06.2003 zu: Peter Förster: Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 357 Seiten. ISBN 978-3-8100-3452-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/803.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.
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