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Johann Michael Gleich (Hrsg.): Keimzelle Familie

Cover Johann Michael Gleich (Hrsg.): Keimzelle Familie. Aktuelle Lage, Orientierungen und Hilfestellungen. Verlag Barbara Budrich (Opladen; Farmington Hills, MI) 2009. 220 Seiten. ISBN 978-3-938094-82-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Schriften der KatHO NRW - 11.

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Entstehungshintergrund und Thema

Dieser Sammelband geht auf einen Hochschultag des Fachbereichs Sozialwesen, Abteilung Köln der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen zum Thema „Familie heute“ zurück.

Da nach Auffassung der Autoren – in Anlehnung an eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung- „die Milieus in Deutschland auseinanderdriften“ und es gelte „deren jeweils spezifischen Ressourcenerfordernisse [zu] berücksichtigen“, wollen „ die in diesem Band zusammengefassten Ausführungen (\.) einen Beitrag zu solch einer Ressourcenstärkung liefern, wollen Anregung geben und gleichzeitig exemplarisch aufzeigen, in welch vielfältiger Weise und aus welch unterschiedlichen Perspektiven die Soziale Arbeit die Aufgabe der Sorge um die Integrität und Schutz der Familie umsetzt“ (S.10).

Die Autorinnen und Autoren setzen sich „mit ausgewählten Problemlagen und Lösungsansätzen zur Stützung und Förderung von Familien“ auseinander und „spiegeln dabei durchaus unterschiedliche, zum Teil kontroverse Positionen wider und verweisen so, je nach Perspektive der Autorin/des Autors, auf unterschiedliche Ressourcenerfordernisse“(S.10).

Zielsetzung

Der Herausgeber will mit dieser Veröffentlichung „verdeutlichen, wie breit das Spektrum möglicher Probleme von Familie aussieht, welche Vielfalt an Hilfestellungen der Sozialen Arbeit zur Verfügung stehen“ und „wie sich Soziale Arbeit zukünftig entwickeln muss, um den veränderten Lagen von Familien gerecht zu werden“. Er erkennt „hierbei sehr unterschiedliche, zum Teil recht unvereinbar erscheinende und gegensätzliche Positionen, die sich durchaus auch in aktuellen politischen Diskussionen wieder finden“ würden (S.11).

Aufbau

Die Darstellungen lassen sich grob drei jeweils aufeinander bezogenen Themenbereichen zuordnen.

  1. Die Beschreibung der Lage von Familien,
  2. Orientierungen,
  3. und Probleme und Hilfestellungen.

Zunächst erfolgt ein Überblick über die Lage von Familien in Deutschland, den derzeit aktuellen politischen Leitbildern und sozialethischen Perspektiven von Ursula Nothell-Wildfeuer. Armut von Familien und Kindern untersucht Johann Michael Gleich.

Im zweiten Teil erfolgen grundlegende theologische Formulierungen und Orientierungen von Dominik Schwaderlapp und Karl Heinz Schmitt.

Der dritte Teil setzt sich mit Problemfeldern auseinander und „welche Vielfalt an Hilfestellungen der Sozialen Arbeit zur Verfügung stehen“ (S.11). Dieser Teil umfasst acht Artikel, die nach „zukünftigen Familienmodellen“ fragen (Hugo Mayer), auf „die Betreuung und Pflege in Familien eingehen“ (Renate Zwicker-Pelzer), „Neuorientierung im Familienrecht aufweisen“ (Rolf Jox) und „Impulse für die Erziehungpraxis setzen „ (Albert Wunsch).

Dem folgen Beiträge zum den Themen „Familienbildung“ (Dietmar Jürgens), „Ressourcen und Bildungsorientierung von Zuwanderfamilien“ (Angelika Schmidt-Koddenberg), dem „Modell „Familienzentrum NRW““ (Michael Gleich und Ute Haupt) und last not least eine Beschreibung der Entwicklung der Hochschule zu eine „Familiengerechten Hochschule“ (Barbara Krause).

Anhand von zwei Artikeln soll diese Zielsetzung verdeutlicht werden.

1. Familien in Deutschand

„Familien in Deutschland: gesellschaftliche Realität, politische Leitbilder und sozialethische Perspektiven“ heißt der prätentiöse Beitrag von Ursula Nothelle-Wildfeuer exakt. Sie spannt den Bogen von Aristoteles bis heute. Für sie ist das zentrale Thema derzeit die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ (S.13). Ihr geht es darum, die unterschiedlichen diesbezüglichen „Leitbilder zu analysieren, zu kritisieren und eine Konzeption zu entwickeln, die der Würde des Menschen und seiner Freiheit, dem Wohl des Kindes und der Familie gerecht wird“ (S.13). Nothell-Wildfeuer erkennt vier verschiedene Typen familienpolitischer Ansätze.

1. Der demographische Ansatz der Familienpolitik. Die derzeitige Familienministerin Ursula von der Leyen begründe alle familienpolitischen Maßnahmen mit der demographischen Problematik der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Es gelte für mehr Nachwuchs zur Sicherung der Sozialen Systeme zu sorgen. Dieser Ansatz gehe insgesamt von der Voraussetzungen der stetig steigenden Erwerbsneigung von Frauen aus: „Vor die unselige Alternative Beruf/Karriere oder Kind gestellt, fällen sie vor diesem Hintergrund immer häufiger eine Entscheidung für Beruf und Karriere und gegen Kinder“ (S.16f). Hier müssten familienpolitische Maßnahmen ansetzen, diese Alternative aufzubrechen. Der Ausbau von Betreuungseinrichtungen ziele in diese Richtung, ebenso das Elterngeld, das eine partnerschaftliche Aufteilung der Elternarbeit bewirken solle und es der Mutter ermöglichen solle frühzeitig wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern. Die Autorin kritisiert in Anlehnung an den Bielefelder Demographen Herwig Birg, dass in Deutschland die demographische Problematik in der gesellschaftlichen Diskussion „spät, wenn nicht zu spät“ (S.17) bekannt geworden sei. Ihre Hauptkritik richtet sich aus der Perspektive einer christlichen Sozialethik darauf, dass „Familienpolitik insgesamt nicht pronatalistisch verzweckt werden darf“ (S.18). Hier sieht sie eine Belastung, die aus dem Nationalsozialismus heraus die Bevölkerungspolitik stigmatisiere. Familienpolitische Maßnahmen dürften sich nicht an einem staatspolitischen Zweck ausrichten, sie müssten vielmehr „Familien Freiräume zur Entscheidung“ eröffenen (S.18).

2. Der ökonomische Ansatz der Familienpolitik. Seitens der Wirtschaft bestehe das Interesse uneingeschränkt das Humankapital für den Arbeitsprozess zur Verfügung zu haben. Diese ziele im Kontext des demographischen Wandels besonders auch auf hoch qualifizierte Frauen. Dadurch werde die Familie in ihrer Substanz bedroht, einer Mittel/Zweckrelation unterworfen und ihrer fundamentalen Aufgabe der „Humanisierung der Gesellschaft“ als Gegenbild gegen die Verwertungslogik unterhöhlt.

3. Der emanzipatorische Ansatz der Familienpolitik. Die Autorin skizziert die Entstehung der bürgerlichen Familienideals, die Rollenteilung zwischen den Geschlechtern und deren Veränderung in den letzten Jahrzehnten. Das Heraustreten der Frauen aus dem Hause sieht sie zwar einerseits als Ansatz zur Gleichberechtigung, der gewachsenen Chancen auf Bildung und Berufsbeteiligung von Frauen, doch stellt sie eine „kritische Nachfrage“: Es „bleibt die Frage zu stellen, ob tatsächlich „diese Freisetzung der Geschlechter aus bestimmten tradierten Rollenzuweisungen familienpolitisch in eine echte Befreiung umgesetzt wird“ ( Hier zitiert sie Anzensbacher) oder ob diese egalitäre Rollenfixierung „nicht möglicherweise ebenso repressiv“ sein könnte (S.23f.).

4. Der etatistische Ansatz der Familienpolitik. Es werde ein Funktionsverlust der Familie beklagt und deshalb werde eine konsequente Entfamilialisierung betrieben. Der Staat würde in dieser Variante der Familienpolitik zum primären Akteur hinsichtlich der Erziehung von Kindern. Zwar haben Kinderbetreuungseinrichtungen einen erzieherischen und pädagogischen Wert, der über das Betreuen hinausrage und nicht nur bei Migrantenkindern bestehe ein hoher Sprachförderungsbedarf, dennoch dürfe der Staat nicht den Vorrang haben.

Konsequenterweise entwirft sie im folgen Text den „Ansatz einer personalistischen, subsidiären Familienpolitik“. Familien haben das Recht und die Pflicht Aufgaben wahrzunehmen und die personale Entfaltung des Kindes zu ermöglichen. Familienpolitik muss die Aufgabe haben, „eigenständiges Handeln der Familie zu ermöglichen“ (28).

Es geht um ein „Ermöglichung einer Kultur des Lebens“. Deshalb ist die Verpflichtung des Staates im Sinne des Subsidiaritätsprinzips nur gegeben, „wenn die primär Verantwortlichen grundsätzlich oder vorübergehend nicht in der Lage sind, dieser Verantwortung nachzukommen“ (S.29). Familienpolitik müsse die Voraussetzung für eine Vielzahl von Optionen schaffen, so dass die Familien wie von Allensbach herausgefunden, die ersten Lebensjahre ihres Kindes vollständig begleiten könnten, da dies dem überwiegenden Wunsch der befragten Frauen entspräche, nämlich „78%“ (S.31). Dazu müssten grundlegende Optionen einer subsidiären Familienpolitik geschaffen werden:

  • Ausbau der Kleinkinderbetreuungseinrichtungen,
  • Anerkennung der Familienarbeit,
  • Transferzahlungen,
  • familiengerechte Weiterentwicklung des Rentensystems,
  • Fortbildungsmaßnahmen auch während der Phase der Nichterwerbstätigkeit.

Die Gesellschaft stehe in der Verantwortung, nicht nur der Staat, sonder auch die Wohlfahrts- und Familienverbände genauso wie die Unternehmen. Gerade die betriebliche Familienpolitik gelte es auszubauen.

2. Ressourcen und Bildungsorientierung in Zuwandererfamilien

„Ressourcen und Bildungsorientierung in Zuwandererfamilien – Möglichkeiten für einen innovativen Praxisansatz in der Region“ ist ein informativer Artikel von Angelika Schmidt-Koddenberg. In ihrem Beitrag setzt sich die Autorin für eine „differenzierte Analyse der Bildungsorientierung in Zuwandererfamilien ein. Anstelle eines einseitigen Blickes auf die ethnische Herkunft gilt es, die sozioökonomischen und kulturellen Ressourcen der Zuwanderer zu erfassen, um vorhandene Bildungsaspirationen der Töchter und Söhne angemessen einschätzen zu können“ (S.91).

Schmidt-Koddenberg, durch Christina Schlich in einem Abschnitt ihres Artikels unterstützt, arbeitet zunächst heraus, welche Faktoren die Lebenslage von Migranten und den Integrationsprozess beeinflussen. Die Schlüsselrolle von Bildung wird dargestellt, geschlechts- und schichtenspezifische Unterschiede der Bildungschancen in Ost und West werden verdeutlicht. Sie geht auch auf den Kontext zu unterschiedlichen Ethnien ein.

Interessant der Hinweis auf die signifikanten Unterschiede der Bildungschancen in den alten und neuen Bundesländern. Der Übergang von der Schule in den Beruf und von der Ausbildung in die Erwerbstätigkeit ist jedoch insgesamt für Migrantenjugendliche signifikant problematischer als für Angehörige der Mehrheitsethnie.

Im Rahmen einer eigenen empirischen Untersuchung hat die Autorin Expertengespräche mit Vertretern der Wirtschaft, der Schulen und der Berufsberatung sowie mit Studentinnen aus Zuwandererfamilien geführt. Deutlich werde die insgesamt ausgeprägte Bildungsmotivation in den Zuwandererfamilien, dem ständen „jedoch ein Mangel an Wissen über die Möglichkeiten und Anforderungen des deutschen (Aus-)Bildungssystems entgegen, Unsicherheiten und Vorbehalte in den Personalabteilungen der Betriebe und eine tendenzielle Unterbewertung der eigenen Kompetenzen“ (S.101). Daraus entwickelt die Verfasserin die Notwendigkeit einer Ressourcenorientierung, man müsse von deutlichen Unterschieden der Ressourcenverteilung ausgehen.

In ihrem Entwicklungsprojekt „Kulturelle Vielfalt als Impuls für Entwicklung und Wachstum – Wertschöpfung durch Wertschätzung“ greift Schmidt-Koddenberg eine ressourcenorientierte Handlungsperspektive auf und strebt damit an, eine Betrag zu Verbesserung der beruflichen Integration und gesellschaftlichen Teilhabe zu leisten. Der Kern des Projekts sind jeweils eine Lern- und Arbeitsgruppe in Köln und Dresden, in denen unterschiedliche Handlungsbereiche, Schulen und Beratungsinstitutionen, Wirtschaft, Verbände und kommunale Verwaltung und Migranten- und Frauenselbstorganisationen zum gemeinsamen Gespräch zusammengeführt werden. Die Autorin referiert erste Ergebnisse des Projektes zur Entwicklung eines Fahrplans für die Berufsorientierung und Berufswahlvorbereitung insbesondere auch an Gymnasien in der Sekundarstufe II, einen Bereich, den man bisher kaum beachtet hat.

Diskussion

Der Sammelband enthält Artikel zu unterschiedlichen Bereichen der familialen Lebenswelt heute. Einer kirchlichen Hochschule sind sicherlich die Beiträge zu Ehe und Familie – Keimzelle von Kirche und Gesellschaft „Zur Berufung der Eheleute im Schöpfungs- und Erlösungsplan Gottes“ (Dominik Schwaderlapp) geschuldet oder auch der Beitrag von Karl Heinz Schmidt, „Christen sind Glaubensverwandte – nicht Blutsverwandte. Ein Beitrag zur Theologie der Familie.“ Eine Verortung der weiteren Entwicklung von Familien in ihrer gesamten Differenziertheit der Strukturen und sich wandelnder Funktionen erfolgt kaum. Wohin entwickeln sich jenseits religiöser, kirchlicher Leitbilder die Lebensweisen in der Postmoderne? Welche Modelle des Zusammenlebens treten neben die klassische Klein- bzw. Kernfamilie? Ersetzen „neue“ Familienformen bisherige familiale Konstellationen? Bei M.Castells lassen sich dazu interessante Hinweise lesen über das Verhältnis der Geschlechter zueinander und die weitere möglichen Entwicklungen unterschiedlicher Lebensformen.

Bisweilen wird hier – so in dem einleitenden, hier ausführlich referierten Artikel – ein Leitbild beschworen, das mit der Lebensrealität wenig zu tun hat. An die Stelle präziser Analyse tritt die Apologie einer subsidiären Gemeinschaft, die doch häufig zerbricht.

Dies gilt jedoch nicht für den informativen Artikel zur Bildungsorientierung. Insgesamt wird in verschiedenen Beiträgen die Notwendigkeit zur ressourcenorientierten Sozialen Arbeit herausgearbeitet. So auch im Beitrag von Johann Michael Gleich zur Armut in Familien, ein Thema, dessen Relevanz sich im Kontext der gerade erschienen OECD – Studie belegt.

Fazit

Insgesamt gibt der Band Einblick in die Vermittlung familiensoziologischer, religionspädagogischer, sakramentaler Auffassungen und Wertungen, Hinweise auf die Sicht von Ehe und Familie.

Ob für angehende Sozialarbeiter/innen jedoch analytisch ausreichend ist, folgendes zu formulieren, dies sei dahingestellt: „Obwohl medial gerne und ausführlich über Skandale in Familien berichtet wird, wird mehrheitlich nach wie vor die Familie als ebenso stilles wie dauerhaftes Erfolgsmodell geschätzt“ (S.85) - so Hugo Maier in seinem Artikel.

Ein Buch, das als Kontrast zu anderen Überblickswerken zur Situation von Familien heute herangezogen werden kann, jedoch nicht als alleinige Orientierung und Lerninhalt für Studierende. Gerade der erste, grundlegende Beitrag ist aus meiner Sicht apologetisch angelegt und beschwört implizit das Bild der zuhause das Kind „vollständig begleitenden“ Frauen [sic!] als Wunschbild, wie von Allensbach herausgefunden. Dann wird eben auch beklagt, dass „man derzeit allzu schnell bei der Hand ist mit Erwägungen, ein „Recht“ auf staatliche Kinderbetreuungsangebote (Kinderkrippen- oder Kindergartenplätze) als einklagbaren Rechtsanspruch einzuführen“ (S.29).


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 06.11.2009 zu: Johann Michael Gleich (Hrsg.): Keimzelle Familie. Verlag Barbara Budrich (Opladen; Farmington Hills, MI) 2009. 220 Seiten. ISBN 978-3-938094-82-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8079.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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