Hermann Brandenburg, Stephan Dorschner (Hrsg.): Pflegewissenschaft 1
Hermann Brandenburg, Stephan Dorschner (Hrsg.): Pflegewissenschaft 1. Lehr- und Arbeitsbuch zur Einführung in die Pflegewissenschaft. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 214 Seiten. ISBN 978-3-456-83670-6. 39,95 EUR.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-456-84161-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension.
Hintergrund und Thema des Buches
Pflegewissenschaft wird als Lehrgebiet in Deutschland seit ungefähr zehn Jahren in derzeit ca. 50 Studiengängen an Fachhochschulen und Universitäten angeboten. Pflegewissenschaft ist integraler Bestandteil aller pädagogisch oder manageriell ausgerichteten Studiengänge der Pflege. Dieser neue Wissenschaftszweig fokussiert die wissenschaftlich fundierte und theoretisch begründete Versorgungsleistung von Patienten und Bewohnern durch Pflegende. Dabei ist die Sichtweise von Pflege grundsätzlich eine andere als z.B. die der Medizin oder der Psychologie. Im Vordergrund stehen Fragen der Bewältigung von Erkrankungen und die Auswirkungen auf alltagsbezogene Verrichtungen und Bedürfnisse. Diese pflegespezifische Sichtweise wird im Rahmen der Pflegewissenschaft thematisiert, beforscht und begründet. Dabei greift die Pflegewissenschaft in der Forschung auf Methoden der empirischen Sozialforschung zurück und in der theoretischen Diskussion auf vor allem im angloamerikanischen Raum beschriebene Theorien über Pflege. Als neue und sich langsam etablierende Wissenschaft bewegt sich die Pflegewissenschaft nicht in einem luftleeren Raum. Sie integriert sich in ein bereits bestehendes Wissenschaftsgefüge. Demnach ist es unerlässlich, sich im Rahmen der Pflegewissenschaft mit theoretischen Überlegungen zur Wissenschaftsgeschichte und zu den verschiedenen Denkschulen, die sowohl die theoretischen Diskussionen als auch die methodischen Forschungsarbeiten maßgeblich beeinflusst haben, auseinander zu setzen. Bislang fehlte im Bereich der Pflegewissenschaft ein Lehr- und Arbeitsbuch, das komprimiert in die grundsätzlichen Fragestellungen von Wissenschaft und insbesondere die der Pflegewissenschaft sowie in die historische Entwicklung und den derzeitigen Stand der Pflegewissenschaft in Deutschland einführt. Mit dem vorliegenden Buch wird diese Lücke geschlossen. Es stellt den einführenden ersten Teil dar, der in aller Regel in den ersten Semestern eines pflegewissenschaftlichen Studiums gelehrt und vertieft wird. Diesem Buch folgt Ende des Jahres ein zweiter Teil, der vor allem methodische Fragestellungen aufnimmt und diskutiert.
Zu den Autoren
Stephan Dorschner ist Professor für Theorie und Praxis der Pflege an der Fachhochschule in Jena, die sich bundesweit einen guten Ruf im Bereich der Fernstudiengänge erarbeitet hat und neben einer manageriellen Ausrichtung auch als eine der wenigen Hochschulen eine Vertiefung zum klinischen Experten der Pflege anbietet. Er erarbeitete in Jena das Curriculum des Fernstudienganges, war drei Jahre lang Professor in Aarau in der Schweiz und führt nun hauptverantwortlich die Lehre im Bereich der Theorie und Praxis der Pflege in Jena. Hermann Brandenburg ist als pflegewissenschaftlicher Professor an der Katholischen Fachhochschule in Freiburg. Nach einem sozialwissenschaftlichen Studiengang und einem Aufbaustudium Gerontologie, führte ihn der Weg weiter in die Pflege und nach Freiburg. Er ist bekannter Publizist im Bereich der Pflegewissenschaft und arbeitet schwerpunktmäßig im Themenbereich der Altenpflege.
Aufbau und Inhalt des Buches
Das Buch gliedert sich in zwei Teile mit insgesamt sechs Kapiteln. Im ersten Teil werden die Begriffe Pflege und Pflegewissenschaft zentral beschrieben, im zweiten Teil werden vor allem die theoretischen Grundlagen der Pflege, die Theorieentwicklung und ausgewählte Theorien der Pflege vorgestellt.
Zunächst wird im ersten Teil des Buches in grundsätzliche wissenschaftstheoretische Begriffe eingeführt, bspw. wird die Induktion und Deduktion erläutert und auch die Entstehung des wissenschaftlichen Wissens selbst anhand der Paradigmendiskussion thematisiert. In einem weiteren Kapitel werden zentrale Fokussierungen auf die unterschiedlichen Sichtweiden des Begriffes Pflege vorgenommen. Nach der Klärung des Gegenstandsbereiches der Pflegewissenschaft werden wissenschaftstheoretische Strömungen und ihre Bedeutung für die Pflegewissenschaft beschrieben. Der empirisch analytischen Position und dem kritischen Rationalismus werden die kritische Theorie und die Phänomenologie vergleichend gegenüber gestellt und in den Grundzügen verdeutlicht.
Im zweiten Teil des Buches wird die Theorieentwicklung in der Pflege und der derzeitige Stand der Theorieentwicklung beschrieben. Wichtige sozialwissenschaftliche Theorien, wie Persönlichkeits- und Entwicklungstheorien, Interaktionstheorien und die Systemtheorie werden in kompakter Weise dargestellt und erläutert. Dabei nehmen die Autoren stets Bezug auf pflegerische Fragestellungen und pflegewissenschaftliche Studien. In einem letzten Kapitel werden Hauptvertreter von in Deutschland viel beachteter und diskutierter Pflegetheorien vorgestellt, ihre theoretischen Grundlagen beschrieben und es erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit den Werken.
Jedem Kapitel sind definierte Lernziele vorangestellt, die nach Bearbeitung kontrolliert werden können. Die Autoren beschreiben dezidiert gut nachvollziehbare Studienaufgaben und geben wertvolle Lesetipps zur weiterführenden Vertiefung der in den einzelnen Kapiteln beschriebenen Inhalte. Wichtige Zusammenfassungen oder zentrale Übersichten sind farbig in Kästen abgesetzt und ermöglichen so ein ermüdungsfreies Lesen.
Zielgruppen
Das Werk richtet sich an Pflegende, Pflegelehrende, Studierende und Pflegewissenschaftler in Hochschullehre gleichermaßen. Schüler können hier einen Einblick in die Pflegewissenschaft bekommen, Lehrende werden viele vertiefende Auseinandersetzungen entdecken und für Studierende ist dieses Buch hauptsächlich geschrieben worden. Ihnen wird eine gute Einführung in das Feld gegeben und durch die Aufgaben können eigenständige weiterführende und vertiefende Beschäftigungen erfolgen. Darüber hinaus kann dieses Buch verstanden werden als das, was in den ersten Semestern gelehrt werden könnte. Vor allem der wissenschaftstheoretische und wissenschaftskritische Bezug sowie die Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen Theorien neben den pflegegenuinen Theorien, machen dieses Buch zu einem echten Lehr- und Arbeitsbuch für Lehrende. Das Buch hat somit orientierenden Charakter, denn so heterogen das Feld der Pflege noch ist, so heterogen sind auch die Lehrinhalte an den verschiedenen Studienstandorten.
Fazit
Dorschner und Brandenburg leisten mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag zur Sicherstellung einer theoretisch fundierten und wissenschaftlichen Bildung an Hochschulen im Bereich der Pflege. Studierende sollten dieses Buch als absolute Pflichtlektüre betrachten und den hervorragend ausgewählten Lesetipps folgen. Den Autoren gelingt es sich zu reduzieren und so einen Überblick zu geben, ohne sich in Details zu verlieren. Bislang waren vor allem sozialwissenschaftliche und wissenschaftstheoretische Auseinandersetzungen nur unzureichend in pflegewissenschaftlichen Büchern abgebildet, bzw. mussten mühevoll zusammen getragen werden. Dorschner und Brandenburg gelingt es, einfach und komprimiert wesentliche Aspekte hervorzuheben und in der Sprache verständlich zu bleiben ohne banal zu werden. Hervorzuheben ist, dass sie sich in Beispielen und in weiterführenden Erläuterungen immer an Fragestellungen der Pflege und der Pflegewissenschaft orientieren und so die Bedeutung unterschiedlicher Strömungen auch für die Pflege darlegen. Die Erkenntnisse und die Einschätzungen spiegeln den derzeit aktuellen Stand der pflegewissenschaftlichen Diskussion wieder.
Ein rundherum gelungenes Buch. Ein Buch, das Lust auf eine Beschäftigung und inhaltliche Vertiefung macht und nicht Angst vor Unverständlichkeit und Überforderung schürt. Sollte auch der zweite Band das halten, was der erste verspricht, dann liegt Ende des Jahres tatsächlich ein umfassendes Lehr- und Arbeitsbuch für die Einführung in die Pflegewissenschaft vor.
Rezensent
Prof. Dr. Michael Isfort
Dipl. Pflegewiss.
Katholische Hochschule (KatHO) NRW, Köln
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Kommentare
Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zu Band 2.
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Zitiervorschlag
Michael Isfort. Rezension vom 26.08.2003 zu: Hermann Brandenburg, Stephan Dorschner (Hrsg.): Pflegewissenschaft 1. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 214 Seiten. ISBN 978-3-456-83670-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/808.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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