Pamela Oberhuemer, Inge Schreyer u.a. (Hrsg.): Kita-Fachpersonal in Europa
Pamela Oberhuemer, Inge Schreyer, Michelle Neuman (Hrsg.): Kita-Fachpersonal in Europa. Ausbildungen und Professionsprofile. Verlag Barbara Budrich (Opladen; Farmington Hills, MI) 2010. 450 Seiten. ISBN 978-3-86649-248-6. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 67,00 sFr.
Thema
Die Ausbildung von ErzieherInnen, ein Dauerthema in Deutschland, wird hier anhand einer umfassenden Studie für alle 27 EU-Länder dargestellt. Übergreifende Analysen runden die einzelnen Länderdarstellungen ab.
Autorinnen
Pamela Oberhuemer ist wissenschaftliche Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) München. Dr.Inge Schreyer arbeitet ebenfalls als wissenschaftliche Referentin am IFP.
Entstehungshintergrund
Das Buch enthält die Ergebnisse des Forschungsprojekt SEEPRO (Systeme der Elementarerziehung und Professionalisierung in Europa), das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde und eine Bestandsaufnahme in den neueren EU-Staaten vorsah, Ferner wurden die Ergebnisse einer früheren, ebenfalls vom BMFSFJ geförderten Studie zu den E-15-Ländern aktualisiert
Aufbau
Nach einleitenden Abschnitten zur Entstehung und zum Anliegen des Buches werden alle 27 Länder der EU mit ihren Angeboten für die frühkindliche Bildung und Erziehung, ihren spezifischen Ausbildungsbedingungen und dem Qualifikationsprofil der Fachkräfte vorgestellt. In einem weiteren Teil wird eine länderübergreifende Perspektive eingenommen im Hinblick auf Aus-, Fort- und Weiterbildung und unterschiedliche professionsbezogene Aspekte.
Teil I. „Kita-Systeme und Professionalisierungskonzepte – 27 Länderprofile“
Teil I enthält „Kita-Systeme und Professionalisierungskonzepte – 27 Länderprofile“. Für alle Länder werden folgende Aspekte beleuchtet:
Das Kita-System im Kontext
- Geschichte der Einrichtungsentwicklung
- Demographische Trends mit Implikationen für die Kindertagesbetreuung
- Erwerbstätigkeit von Frauen mit Kindern
- Erziehungszeit und familienunterstützende Leistungen
- Zuständigkeiten im Kita-System
- Aktuelle Fragen und Herausforderungen
Kita-Profile und weitere Angebotsformen
- Versorgungslage – Besuchsquoten
- Angebotsprofile: Kinderkarten, Kinderkrippe, Tagespflege, schulergänzende Bildungs- und Betreuungsangebote
- Bldungsprogramm, Inklusive Bildung/Erziehung; Elternbeteiligung; Übergäng in die Grundschule; Entwicklungsdokumentation; Qualitätsmanagement.
Fachpersonal: Ausbildungen und Arbeitsfelder
- Professionsprofile im Überblick (Übersichten)
- Ausbildung der Kita-Fachkräfte
- Fort- und Weiterbildung
- Aktuelle Personalfragen.
Diese Aufzählung zeigt, wie unglaublich vielfältig die Informationen dieses Buches sind. Es liegt auf der Hand, dass eine Gesamtdarstellung des über 500 Seiten umfassenden Werkes an dieser Stelle nicht möglich ist. Um aber wenigstens einen Eindruck zu vermitteln, wie die Länderporträts aussehen, werden im Folgenden einige Länder, und dies auch wiederum nur im Hinblick auf ausgewählte Ergebnisse dargestellt. Bei den Ländern habe ich an Deutschland angrenzende Staaten im Osten (Polen), im Süden (Italien), im Westen (Frankreich) sowie im Norden (Dänemark) ausgewählt. Die Aspekte, die ich im Folgenden darstelle, beziehen sich auf Fragen, die gerade auch in Deutschland heiß diskutiert werden:
- Betreuungsquote für die unter Dreijährigen
- Ausbildungsniveau
- Ministerielle Zuordnung von Krippe und Kindergarten
- Gemeinsame oder getrennte Ausbildung von Vorschul- und GrundschulpädagogInnen
- Anteil der Männer in der frühpädagogischen Bildung und Erziehung.
Der folgende Vergleich weniger Parameter erschließt sich nicht automatisch aus den Einzeldarstellungen. Vielmehr müssen die jeweiligen Parameter von der Leserin – in diesem Falle der Rezensentin – selbst zusammengestellt werden.
1. Betreuungsquote für die unter Dreijährigen. Die EU hat einen Richtwert von 33 % der unter Dreijährigen angegeben, für die ein Platz in der Kindertagesbetreuung zur Verfügung stehen sollte (S. 9). Hintergrund ist der Wunsch, Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. In Deutschland betrug 2007 der Anteil der unter Dreijährigen, die in ein Angebot der Kindertagesbetreuung wahrnahmen, 15,3 % (S. 73). Er variiert stark zwischen ost- und westdeutschen Ländern. In Dänemark besuchten 2008 66 % der unter 3-Jährigen eine frühpädagogische Einrichtung. Mehr als die Hälfte der ein- bis 2-jährigen Kinder befanden sich 2007 in Kindertagespflege (S. 55). Für Frankreich werden unterschiedliche Zahlen angegeben, die ein wenig zu Verwirrung führen. Bei den zuerst im entsprechenden Kapitel genannten Zahlen waren es 2007 18 % der unter Dreijährigen, die von Tagesmüttern betreut wurden, 10 % befanden sich in einer Krippe, hinzu kommen (aus einer anderen Studie übernommen) 7,7 %, die in der üblichen vorschulischen Institution école maternelle betreut werden (S. 129 f.)\. Bei der Tagespflege werden die Tagesmütter direkt von den Eltern angestellt, so dass von einer institutionellen Betreuung nur bei knapp 18 % die Rede sein kann. In Italien werden nur 10 % der unter Dreijährigen in einer Kinderkrippe betreut, hinzu kommen 1,9 %, die in Teilzeiteinrichtungen untergebracht sind. Ein organisiertes Tagespflegesystem gibt es in Italien nicht (182/3). Für Polen liegen wenige statistische Angaben für die außerhäusliche Unterbringung von unter 3-Jährigen vor. Die öffentliche Meinung befürwortet die häusliche Versorgung in der Familie.(294).
2. Ausbildungsniveau. Dass in Deutschland Studiengänge für ErzieherInnen durchgesetzt werden konnten, war auch vom Vergleich mit anderen EU-Ländern beeinflusst, in denen die Hochschulausbildung die Regel für pädagogische Kernfachkräfte (also nicht Aushilfs- oder Zweitkräfte) ist. Allerdings ist beim Personal für die unter Dreijährigen die Hochschulausbildung keineswegs die Regel. In Dänemark ist das Ausbildungsniveau sehr hoch, da insgesamt 60 % aller pädgogischen Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen einen Hochschulabschluss haben. Aus der Studie geht nicht hervor, wie hoch der Prozentsatz in Krippen ist. Die Kindertagespflege jedenfalls erfordert wie in Deutschland bei weitem nicht die Qualifikation wie Kindertageseinrichtungen. In Frankreich berechtigt die Ausbildung zur ErzieherIn auch zur Arbeit mit Kindern von 0-11 Jahren. Daneben gibt es für die Krippe die Qualifikationen der Kinderkrankenschwester und der Assistenz-Kinderkrankenschwester mit Ausbildung an Fachschulen. Diese beiden Berufsgruppen stellen wohl den Großteil der Fachkräfte in Krippen (S. 139 ff.). In Italien sind die Ausbildungsniveaus für Fachkräfte in Kindergärten und Krippen deutlich getrennt: Für die Kinderkrippe reicht eine fünfjährige Sekundarausbildung oder eine Ausbildung an einem Ausbildungsinstitut für GemeindeassistentInnen (190 f.). In Polen hat der größere Teil der Fachkräfte in Krippen eine zweijährige Ausbildung im Sozial- und Gesundheitswesen, ist also nicht auf sehr junge Kinder spezialisiert. Auch eine einjährige Ausbildung an einer berufsqualifizierenden Hochschule ist möglich.
3. Ministerielle Zuordnung von Krippe und Kindergarten. Traditionell wurden in der DDR die Krippen dem Gesundheitswesen, der Kindergarten dem Bildungswesen zugeordnet. In der Bundesrepublik war und ist die Zuordnung noch komplizierter: In einigen Ländern gehörte der gesamte Krippen- und Kindergartenbereich zum Sozialministerium, in anderen die Krippe zum Sozialministerium, der Kindergarten jedoch zum Jugend- bzw. Bildungsministerium. Heute sind alle Bundesländer bemüht, die gesamte frühkindliche Bildung im Bildungsbereich unterzubringen, der Prozess ist aber noch nicht abgeschlossen. In Dänemark gibt es keine institutionelle Trennung zwischen den beiden Betreuungsformen, beide werden vom gleichen Ministerium verwaltet. Während in Frankreich die école maternelle die offizielle Bildungseinrichtung für die 3-6jährigen ist, gibt es für die Angebote für die unter Dreijährigen keine eindeutige Zuordnung. In Italien, wo die Versorgungsquoten für die unter Dreijährigen ohnehin sehr niedrig sind, sind auch die Strukturen der Zuordnung unklar (182). In Polen ist das Gesundheitsministerium für die Krippen, das Bildungsministerium für die Kindergärten zuständig (293).
Teil II. „Ausbildungen und Professionsprofile: Länderübergreifende Perspektiven“
Im Teil II stellen die Autorinnen selbst eine übergreifende Perspektive für mehrere Kriterien vor. Beleuchtet werden u.a.:
- Qualifikation und Qualität
- Ausbildungen als Kernfachkraft in frühpädagogischen Tageseinrichtungen, darunter auch der Punkt Gemeinsame Ausbildung von Kita-Fachkräften und Grundschullehrkräften, der mit einem Fragezeichen versehen ist
- Fort- und Weiterbildung der Kernfachkräfte
- Professionsbezogene Aspekte, darunter auch die Punkte Personal-Kind-Relation und Männer als Kita-Fachkräfte
Ich beschränke mich wiederum auf drei Aspekte, die in der deutschen Diskussion eine besondere Rolle spielen: Gemeinsame Ausbildung von ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen, die Personal-Kind-Relation und Männer als Kita-Fachkräfte.
1. Gemeinsame Ausbildung von ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen. Außer in Schweden wird die Arbeit mit unter Dreijährigen aus dem Ausbildungskonzept für pädagogische Fachkräfte ausgeklammert. Kindergartenfachkräfte und GrundschullehrerInnen werden gemeinsam ausgebildet in Bulgarien, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande und Schweden. Jedoch hat nur Schweden den Ansatz einer bereichsübergreifenden Konzeption (495/6) in den anderen Ländern scheint der Maßstab für die Elementarausbildung die Primarausbildung zu sein.
2. Personal-Kind-Relation. Die Unterschiede in der EU sind enorm. So ist in Dänemark eine Fachkraft in der Krippe für 3,2 Kinder zuständig, während es in Spanien bei den 2-3jährigen Kindern 20 sind. Das Verhältnis im Kindergartenalter ist ähnlich unterschiedlich: in Dänemark und Schweden werden etwa fünf, in Griechenland, Portugal und Spanien hingegen bis zu 25 Kindern von einer Fachkraft betreut (S. 506 f.).
3. Männer als Kita-Fachkräfte. Ein EU-Ziel ist die Erhöhung der männlichen Fachkräfte. Auch hier sind wieder große Unterschiede zu verzeichnen. Dänemark ist auch hier der Spitzenreiter mit 6 % Männern in der Krippe und 10 % in Kindergärten. Die Männer-Anteile sind höher in Freizeiteinrichtungen und im außerschulischen Bereich. Deutschland hat in Kitas einen Anteil von 3 %, die meisten Länder kommen jedoch nicht einmal auf 1 %. Die Autorinnen weisen auf den wesentlichen Grund für diesen Tatbestand hin: Die Gehälter (512 f.).
Diskussion
Die in Deutschland nicht ausgestandene Diskussion um die Akademisierung wird in diesem Buch einerseits auf eine empirische Vergleichsbasis gestellt. Auf der anderen Seite wird die spezifische Entwicklung in Deutschland, die durch die Erhöhung der Zugangsvoraussetzungen an den Fachschulen und die Bemühung einer praxisnahen Ausbildung gekennzeichnet ist, zu wenig dargestellt. Was fehlt ist die Beziehung zwischen Ausbildungskonzepten und dem Bild des Kindes. Es bleibt offen, ob das Bild vom Kind, das sich in Deutschland in der Frühpädagogik eingebürgert hat, in den Ausbildungskonzepten der EU-Länder realisiert wird. Außerdem wird die geringe Repräsentanz von Männern nur mit der Gehaltsstruktur erklärt. Dies scheint jedoch eine verkürzte Sichtweise: Das Fremd- und Selbstbild von Männern dürfte hierbei auch eine wesentliche Rolle spielen.
Fazit
Die genaue Darstellung der Ausstattung mit frühpädagogischen Plätzen und der Ausbildungsbedingungen in allen EU-Ländern ist ein großes Verdienst dieses Buches. Man muss sich zwar die Vergleiche in vielen Punkten selbst heraussuchen, dafür aber gibt es genügend Material. Die übergreifenden Perspektiven geraten leider etwas kurz, sind aber dennoch aussagekräftig und vermitteln sachgerechte Bewertungen der Autorinnen, die vor allem in Fragen münden. Ein fachlich wertvolles Buch für alle, die sich mit Ausbildungsfragen befassen. Für politische EntscheiderInnen ein absolutes Muss.
Rezensentin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und ist heute Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de. Außerdem leitet sie systemische Aufstellungen.
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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 27.07.2010 zu: Pamela Oberhuemer, Inge Schreyer, Michelle Neuman (Hrsg.): Kita-Fachpersonal in Europa. Verlag Barbara Budrich (Opladen; Farmington Hills, MI) 2010. 450 Seiten. ISBN 978-3-86649-248-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8082.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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