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Werner Vogd: Rekonstruktive Organisationsforschung

Cover Werner Vogd: Rekonstruktive Organisationsforschung. Qualitative Methodologie und theoretische Integration - eine Einführung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 130 Seiten. ISBN 978-3-86649-275-2. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Organisationsforschung wird im öffentlichen Bewusstsein wenig wahrgenommen. Sie ist zwar ein zentrales Gebiet angewandter Soziologie, sie spielt in der Betriebswirtschaftslehre eine Rolle, sie ist Teil der Arbeits- und Organisationspsychologie – trotzdem, Breitenwirkung erzielt sie nicht. Praktiker erwarten schnell umsetzbare Lösungen für Fragestellungen und Probleme vor Ort, also keine langwierigen Analysen. Change Management, der Wandel, nicht der aktuelle Bestand von Organisationen ist entsprechend in aller Munde. Zur Analyse muss jedoch erst einmal rekonstruiert werden, was vorhanden ist. Dieser Forschungsansatz hat dank der Anwendung neuer soziologischer Perspektiven (Systemtheorie, Mikropolitik u.a.) und dank der Öffnung zu mehr qualitativer Forschung in den letzten Jahren die Diskussion zunehmend befruchtet.

Autor

Werner Vogd, geb. 1963, war als Privatdozent für Soziologie an der FU Berlin tätig, habilitierte sich mit dem Thema „Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität“, bevor er den Lehrstuhl für Soziologie an der Fakultät für Kulturreflexion der Privaten Universität Witten/Herdecke übernahm.

Grundverständnis

Der phänomenologisch orientierte soziologische Organisationsforscher will im Sinne von Weick (1998) oder Schütz (2004) den „sinnhaften Aufbau der sozialen Welt“ verstehen. Er erforscht seinen Gegenstand, indem er sich gleichsam von innen her annähert, die Organisation in ihrer Eigenlogik beobachtet und rekonstruiert. Vogd spricht von einer „Haltung der Bescheidenheit“, mit der man nicht davon ausgehen könne, von vornherein zu wissen, worin der Zweck der Organisation besteht. Im Sinne der Grounded Theory sind also die Theorien des Gegenstands aus den empirischen Verhältnissen zu rekonstruieren. Vogd will sinnvolle methodische Zugänge anschaulich vorstellen, metatheoretische Sensibilität erzeugen und Anschlüsse zu wichtigen organisationssoziologischen Forschungstraditionen herstellen.

Aufbau und Inhalte

Während Organisationsberater aus dem organisationspsychologischen oder betriebswirtschaftlichen Umfeld i.d.R. „handfest“ objektivistisch vorgehen und ihr Instrumentarium einsetzen, nähert sich Vogd dem Gegenstand mehr tastend. Sein Text umfasst 130 Seiten, die in vier Kapitel unterteilt sind. Zunächst arbeitet er im ersten Kapitel die besonderen Anforderungen an die Sinnrekonstruktion in Organisationen heraus. Behandelt werden unter anderen Themen wie „Organisationskultur“ „Sensemaking in kollektiven Prozessen“, „Rahmen und Rahmungsprozesse“ sowie die „Mittlerfunktion von Technik“.

Im zweiten Kapitel werden gängige qualitative Erhebungsverfahren vorgestellt, insbesondere die teilnehmende Beobachtung, das Gruppendiskussionsverfahren sowie das Experteninterview. Mit der dokumentarischen Methode, wie sie von Ralf Bohnsack und seiner Arbeitsgruppe weiterentwickelt wurde, wird schließlich eine methodologische Engführung der vorangehend aufgeworfenen Fragen aufgezeigt.

Wie eine forschungspraktische Umsetzung der benannten Anforderungen aussehen kann, wird im dritten Kapitel anhand von Untersuchungen zum ärztlichen Entscheidungsverhalten in einem Akutkrankenhaus illustriert. Neben der Frage des Forschungsdesigns wird dabei insbesondere auch auf die einzelnen Schritte der Interpretation des Datenmaterials ausführlicher eingegangen. Quintessenz der Analyse ist, dass „die eigentliche Leistung des Krankenhauses als Organisation (.) darin besteht, mehrdeutige Inputs zu verarbeiten, indem sie diese im Prozess des Organisierens einer eindeutigen Bearbeitung zuführt“ (S. 85, Hervorhebungen im Original).

Das abschließende Kapitel baut eine Brücke zwischen der rekonstruktiven Organisationsforschung und den derzeit dominanten organisationssoziologischen Ansätzen. Es werden Anschlüsse bzw. Abgrenzungen gesucht zum Modell des „Rational Choice“ zum „mikropolitischen Ansatz,“ zum „Neo-Institutionalismus“ und nicht zuletzt zur Luhmannschen Systemtheorie.

Diskussion

Vogd liefert dem Leser keine angewandte Forschung in dem Sinn, dass er nahe am Alltagsverständnis bleibt, um dieses dann wissenschaftlich-empirisch zu fundieren. Die rekonstruktive Organisationsforschung entfernt sich bewusst vom normativ geprägten Vorverständnis, um den phänomenologischen Blick wirklich unvoreingenommen auf organisationale Muster (Routinen, Skripte, Bezugsprobleme etc.) werfen zu können. Die Interpretation der Beobachtungen soll so möglichst lange offen gehalten werden, denn die Sinnbildung in jeder Organisation ist komplex und multiperspektivisch. Der Leser schlüpft mit dem soziologischen Vorgehen von Vogd in das Innenleben der Organisation – jedenfalls soweit dies trotz Beobachterparadoxon geht. Ob daraus Interventionen und Maßnahmen erfolgen, spielt erst einmal keine Rolle.

Was die inhaltliche Durchdringung anbelangt, so handelt es sich bei der Publikation um Einstiegsliteratur, die jedoch eine gewisse Vertrautheit mit dem Gegenstand, vor allem auch mit soziologischer Terminologie voraussetzt. Der Text ist zwar im Vergleich etwa zu einem Luhmanntext gut lesbar, doch werden z. B. die Begriffe „Interdependenz“ und „emergente Ordnungsmuster“ nicht explizit erläutert. Ein Glossar hätte wohl den Rahmen gesprengt; Vogd selbst empfiehlt bei fehlendem Basiswissen Ralf Bohnsacks Grundlagenwerk „Rekonstruktive Sozialforschung“ (2007) (vgl. die Rezension).

Fazit

Der Common Sense traditioneller Organisationslehre verwendet einen gegenstands­theoretischen Organisationsbegriff, der als Selbstbeschreibung durchaus taugt. Wir meinen zu wissen, was wir vor uns haben, wenn wir ein Organigramm sehen oder Begriffe wie „Unternehmen“, „Schule“ oder „Krankenhaus“ benutzen. Vogd lehrt uns, dass wir uns nicht festlegen sollten, „wie sich Organisation im Einzelnen manifestiert“ (S. 118). Gerade durch seine Beispiele aus der Krankenhausforschung erfährt der Leser, dass der Prozess des Organisierens hochkomplex und variantenreich vollzogen wird. Ein Organisationsberater, der hier mit simplen Vorstellungen ökonomischer Effizienzsteigerung antreten würde, könnte nur scheitern. Ihm und allen quantitativ orientierten Sozialwissenschaftlern sei ein Blick in Vogds Buch besonders empfohlen.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Hochschule Wismar, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Homepage www.antonhahne.de


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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 11.08.2010 zu: Werner Vogd: Rekonstruktive Organisationsforschung. Qualitative Methodologie und theoretische Integration - eine Einführung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-275-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8088.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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