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Helmut Lambers: Systemtheoretische Grundlagen Sozialer Arbeit

Cover Helmut Lambers: Systemtheoretische Grundlagen Sozialer Arbeit. Eine Einführung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 216 Seiten. ISBN 978-3-8252-3302-0. D: 16,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: UTB M (Medium-Format).
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Thema

Wenn eine theoretische Position in der Sozialen Arbeit, und zwar gleichermaßen in der wissenschaftlichen Reflexion und in der praktisch-methodischen Orientierung, als etabliert gelten kann, dann ist es die systemtheoretisch-konstruktivistische. In den letzten zwei Jahrzehnten sind zahlreiche Publikationen zu diesem wissenschaftlichen Paradigma erschienen; und unter Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern wird der Besuch von systemisch-konstruktivistischen Fortbildungen zur methodischen Professionalisierung ihrer Handlungspraxis nach wie vor als äußerst bereichernd angesehen. Auch aus der hochschulischen Ausbildung zur Sozialen Arbeit ist der systemtheoretische Ansatz nicht mehr wegzudenken, er gehört zum Pflichtprogramm unterschiedlicher fach- und bezugswissenschaftlicher Module.

Daher ist es sehr begrüßenswert, dass immer wieder erfolgreiche Versuche unternommen werden, Studienbücher zu den systemtheoretischen Grundlagen Sozialer Arbeit zu veröffentlichen. Ein ganz besonders empfehlenswertes Buch zu diesem Thema hat Helmut Lambers publiziert. Es ist ein Lehrbuch, das sich ausschließlich auf die Systemtheorie von Niklas Luhmann bezieht und die gesamte für die Soziale Arbeit relevante Breite dieses hoch anspruchsvollen theoretischen Projektes präsentiert.

Autor

Leider lässt das Buch eine Autoreninformation vermissen. Bei der Google-Recherche ergab sich, dass Helmut Lambers (Dr. phil., Dipl.-Sozialpädagoge und Dipl.-Pädagoge mit Zusatzausbildung in Sozialmanagement) seit 1999 Professor für Fachwissenschaft der Sozialen Arbeit am Fachbereich Sozialwesen der Katholischen Fachhochschule Nordrheinwestfalen, Abteilung Münster ist. Zuvor war er langjährig in unterschiedlichen Arbeitsfeldern (etwa Freizeit- und Erlebnispädagogik, soziale Gruppenarbeit, Elternarbeit, Sozialberatung, Schuldnerberatung, Hilfen zur Erziehung) in verschiedenen Funktionen (sowohl als Fachkraft an der Basis wie auch als Leiter) tätig. An der Fachhochschule vertritt Lambers neben den Bereichen Geschichte und Theorien Sozialer Arbeit zahlreiche Arbeitsfelder, insbesondere hinsichtlich dort relevanter Handlungskonzepte.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist als Lehrbuch konzipiert und auch so – sehr übersichtlich und schlüssig – in sieben Kapitel, einem Glossar („Kleines Luhmann-Lexikon) und abschließenden Vertiefungskommentaren zu besonders relevanten, mit der Systemtheorie verwandten Themen gegliedert:

Noch vor der Einleitung erfolgt eine knappe biographische Skizze zur Frage Wer war Niklas Luhmann?

Nach der Einleitung geht es im ersten Kapitel unter der Überschrift Kontakt mit der Systemtheorie um die Rezeption des Ansatzes in der Praxis und der Theorieentwicklung.

Die Herkunft der Systemtheorie wird im zweiten Kapitel anhand der Themen Konstruktivismus, radikaler und operativer Konstruktivismus sowie unterschiedlicher Versionen der Systemtheorie veranschaulicht.

Das Wissenschaftsverständnis Luhmanns wird im dritten Kapitel aufgezeigt, und zwar als gesellschafstheoretische Verortung solcher Konzepte wie Realität und Wirklichkeit, Erkenntnis, Wahrheit und wissenschaftliches Wissen.

Das umfangreichste vierte Kapitel beschäftigt sich mit Gesellschaft, Mensch und System und kann als eine Zusammenfassung der grundlegenden Axiome der Luhmannschen Sozialtheorie gelesen werden. Hier erläutert der Autor die Zentralbegriffe Sinn, Kommunikation, Komplexität, System etc., ordnet diese in ihre Kontexte ein und bestimmt sie in ihrer Wechselseitigkeit.

Obwohl die Soziale Arbeit bereits in allen vorigen Kapiteln als Referenz für Beispiele zur Erläuterung der Plausibilität der Systemtheorie angesprochen wird, erfolgt die explizite Vertiefung sozialarbeitsrelevanter Fragen zur systemtheoretischen Verortung dieser Praxis erst ab dem fünften Kapitel. Hier wird Soziale Arbeit aus systemtheoretischer Sicht verständlich gemacht. Dabei geht es insbesondere um den vermeintlichen Gegenstand der Sozialen Arbeit, um Codes, Programme, symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sowie um strukturelle Koppelungen mit anderen Systemen. Außerdem wird eine professionstheoretische Verortung der Sozialen Arbeit vorgenommen.

Das äußerst wichtige und oft von vielen Missverständnissen durchzogene Thema Soziale Arbeit und die Steuerung sozialer Systeme präsentiert Lambers in einem separaten, und zwar dem sechsten Kapitel. Hier werden die Möglichkeiten und Grenzen sozialarbeiterischer Kommunikationen auf der Interaktions-, der Organisations- und der Ebene der Funktionssysteme erläutert.

Schließlich erfolgt im siebten Kapitel eine Beschäftigung mit der Nutzenfrage der Systemtheorie für die Theorie- und Praxisentwicklung der Sozialen Arbeit.

Jedes Kapitel wird von übersichtlichen, vom übrigen Text abgehobenen knappen Zusammenfassungen abgeschlossen.

Diskussion

Lambers Buch überzeugt mich. Denn es ist hinsichtlich seiner Referenzen klar auf die beiden in diesem Kontext relevanten Diskursstränge ausgerichtet: Es bezieht sich zum einen auf die soziologischen Referenzen, die für eine systemtheoretische Reflexion der Sozialen Arbeit erforderlich erscheinen. Und zum anderen beachtet es ebenfalls den inzwischen rege laufenden sozialarbeitswissenschaftlichen Diskurs zum Thema. Damit sind die Ausführungen auf der Höhe der Zeit und führen eine Debatte der Sozialarbeitswissenschaft weiter, in welcher es darum geht herauszufinden, in welcher Weise unterschiedliche systemtheoretische Positionen für die Profession und Disziplin gewinnbringend genutzt werden können.[1]

Somit eignen sich die Ausführungen auch vorzüglich für zwei unterschiedliche Modulbereiche im sozialarbeiterischen Studium: Sie können sowohl für fachwissenschaftliche Vertiefungen zur Systemtheorie der Sozialen Arbeit als auch für die bezugswissenschaftliche Beschäftigung mit der systemtheoretischen Soziologie der Sozialen Arbeit genutzt werden. Diesbezüglich referiert das Buch nicht lediglich, was an anderen Stellen bereits ausgeführt wurde, sondern führt den systemtheoretischen Diskurs der Sozialarbeitswissenschaft und der Soziologie der Sozialen Arbeit fort, indem interessante, auch neue Akzente gesetzt werden.

Beispielsweise wird der Vorschlag gemacht, Soziale Arbeit als einen „Joker“ in der modernen Gesellschaft zu verstehen. Mit dem Begriff „Joker“ führt Lambers eine Bezeichnung ein (S. 172/186), die das etwas anders und vielleicht weniger provozierend auszudrücken vermag, was von Theodor M. Bardmann als die „parasitäre Funktion der Sozialen Arbeit“ bezeichnet wurde: „SozialarbeiterInnen sind Parasiten. Sie sind Parasiten an der Gesellschaft, denn sie leben von den ‚System-Abfällen‘. Sie schmarotzen an einem System, das permanent damit beschäftigt ist, die ‚Überflüssigen‘ und ‚Unbrauchbaren‘ von den ‚Wertvollen‘ und ‚Nützlichen‘ zu trennen und erstere auszusondern, auszugrenzen, ‚ab-fallen‘ zu lassen. Der Sozialarbeit fällt die Aufgabe zu, sich um den ‚Rand‘ dieses Systems zu kümmern, an den sich die Verlierer, die Armen und Schwachen, die Kranken und Gebrechlichen, die Hilflosen und Ohnmächtigen, die Noch-nicht- und die Nicht-mehr-Mitspieler dieses Systems, kurz: die Opfer des Sortierverhaltens, abgeschoben finden.“[2]

Bardmann wurde für die Einführung des von dem französischen Philosophen Michel Serres[3] entlehnten (hier nicht biologisch, sondern kommunikationstheoretisch gemeinten) Begriffs „Parasit“ in die Theorie der Sozialen Arbeit häufig missverstanden. Genau besehen heißt „parasitär“ für die Soziale Arbeit allerdings nichts anderes, als dass sie von den Problemen „lebt“, die die Gesellschaft permanent produziert, aber die in ihren geläufigen Funktionssystemen Wirtschaft, Politik und Recht nicht befriedigend gelöst werden können. Soziale Arbeit kann mit Lambers nun als der Joker der Gesellschaft bezeichnet werden, weil sie sich letztlich darauf bezieht, dass „[k]ein System […] rund [läuft], irgendwo ‚rauscht‘ es immer. Aus dieser Irritation bezieht das System [der Sozialen Arbeit, H.K.] Anlass für weitere Selbstorganisation und Ordnung.“ (S. 186).

Weiterhin kann der Autor überzeugend herausarbeiten, dass die „Ausdifferenzierung Sozialer Arbeit zu einem gesellschaftlichen Funktionssystem bestenfalls offen“ ist (S. 125). Auch wenn Soziale Arbeit auf ihrer Interaktions- und Organisationsebene so heterogen erscheint, dass ihre Kommunikationen nicht in der Weise vereindeutigt werden können, dass sie sich zu einem eigenständigen gesellschaftlichen Funktionssystem schließen, negiert dies nicht die Möglichkeit, ja die Realität einer sozialarbeiterischen Profession und Disziplin. Es ist jedoch ein Hinweis darauf, dass wir es hinsichtlich der Sozialen Arbeit mit einem Bereich zu tun haben, der eben nicht der modernen Differenzierungslogik folgt, sondern der eher als strukturel4 ambivalent oder gar als postmodern bewertet werden kann.[4] Auch dazu finden sich in dem Buch Hinweise und Anregungen.

Schließlich zeigt Lambers, dass die Systemtheorie Luhmannscher Herkunft ausgezeichnet dazu taugt, die aktuellen Debatten zur Wirkung der Sozialen Arbeit komplexer zu gestalten. Denn Wirkung ist in diesem Bereich nicht im technischen Sinne möglich. Sozialarbeiterische Theorien und Methoden sollten sich „bewusst technologischen Ambitionen entziehen“ (S. 173) – und genau dabei kann die Luhmannsche Theorie wertvolle Hilfestellungen geben.

Zielgruppe

Das Buch ist für all jene geeignet, die eine fundierte Einführung in die Luhmannsche Theorie im Kontext der Sozialen Arbeit suchen. Es kann gut als Studienbuch für Module zur Fachwissenschaft der Sozialen Arbeit eingesetzt werden und bietet zudem eine passende Lektüre für die Vorstellung und Diskussion der systemtheoretischen Position in der Soziologie der Sozialen Arbeit. Daher können insbesondere Studierende und Lehrende von der Publikation profitieren.

Fazit

Helmut Lambers ist es gelungen, den aktuellen Stand der systemtheoretisch-konstruktivistischen Diskussion in der Sozialen Arbeit und der auf die sozialarbeiterische Praxis bezogenen Soziologie in passender und sehr anregender Weise zu präsentieren. Wer heute im Kontext der Sozialen Arbeit einen guten Einstieg in die Systemtheorie Niklas Luhmanns sucht, dem kann ohne Einschränkungen das Buch von Lambers empfohlen werden.


[1] Siehe grundlegend dazu vor allem: Heino Hollstein-Brinkmann/Silvia Staub-Bernasconi (Hrsg.) (2005): Systemtheorien im Vergleich. Was leisten Systemtheorien für die Soziale Arbeit? Versuch eines Dialogs. Wiesbaden: VS Verlag.

[2] Vgl. Theodor M. Bardmann/Sandra Hansen (1996): Die Kybernetik der Sozialarbeit. Ein Theorieangebot. Aachen: Kersting, S. 143.

[3] Michel Serres (1980): Der Parasit. Frankfurt/M.: Suhrkamp (1987).

[4] Siehe weiterführend dazu etwa: Heiko Kleve (1999/2007): Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag; ders. (2000): Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften. Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie Sozialer Arbeit. Freiburg/Br.: Lambertus.


Rezensent
Prof. Dr. Heiko Kleve
Sozialarbeiter (Dipl. FH) und Soziologe (Dr. phil.), systemischer Berater (DGSF), Supervisor (DGSv)/Systemischer Supervisor (SG), Mediator und Case Management-Ausbilder (DGCC). Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen sowie Fachwissenschaft Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen; dort auch Initiator und Leiter des Weiterbildungsangebotes „Systemische Aufstellungen – Werkstatt für systemische Lösungen"
Homepage sozialwesen.fh-potsdam.de/heikokleve.html
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Zitiervorschlag
Heiko Kleve. Rezension vom 03.02.2010 zu: Helmut Lambers: Systemtheoretische Grundlagen Sozialer Arbeit. Eine Einführung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-8252-3302-0. Reihe: UTB M (Medium-Format). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8089.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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