Nevâl Gültekin: Bildung, Autonomie, Tradition und Migration
Nevâl Gültekin: Bildung, Autonomie, Tradition und Migration. Doppelperspektivität biographischer Prozesse junger Frauen aus der Türkei. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 232 Seiten. ISBN 978-3-8100-3460-1. 24,90 EUR.
Entstehungshintergrund
Die vorliegende Studie ist die Wiedergabe der Dissertation, welche die Autorin, selbst Migrantin türkischer Herkunft und seit vielen Jahren in der pädagogischen Arbeit mit Migrantinnen, z.B. als "Leiterin des Bildungs- und Beratungszentrums von 'Interkulturelle Frauenarbeit e.V.' in Frankfurt" (S. 17) tätig, im Jahr 2001 am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Frankfurt vorgelegt hat. Dies erfährt der Leser allerdings erst in einer Fußnote auf. S. 59; es wäre besser in einem Vorwort, das ebenfalls fehlt, plaziert gewesen. Dies schmälert allerdings nicht den großen Gewinn, den man sowohl migrationstheoretisch als auch in Bezug auf eine kritische Reflexion pädagogisch-praktischer Fragen der Migrationsarbeit durch die Studie erhalten kann bzw. erhält.
Migration als individuelles Projekt und famlienorientierter Prozess
Einleitend konfrontiert die Verfasserin ihre Leser mit Beispielen über die Folgen eines Wechsels innerhalb eines sogenannten "Kulturraumes", z.B. von Nord- nach Süddeutschland, um zu dokumentieren und dafür zu sensibilisieren, dass es "viele Kulturen innerhalb der Bevölkerung eines Landes geben kann" (S. 9), und dass es andere Phänomene als die viel zitierte "Kulturdifferenz" gibt, z.B. "soziale, politische und rechtliche Bedingungen des Lebens im Einwanderungsland" (S. 10), die ebenso relevant, wenn nicht gar erklärungskräftiger sind, um beobachtbare Probleme von Migrantinnen adäquat zu beschreiben und zu verstehen. Ihr Ziel ist, Migration, hier von Frauen aus der Türkei, sowohl als ein individuelles Projekt als auch als einen familienorientierten Prozess zu skizzieren, um die jeweilige Einmaligkeit der Migrationsbiographien zu betonen. Dies ist keine neue umwälzende Erkenntnis (Sozialisation als Individuation, Individualisierung, Ausbildung personaler Identität etc.), wird aber gerade in der Migrationsforschung zugunsten kulturalistisch-eindimensionaler Erklärungen oftmals unterschlagen. Ebenso kritisiert Gültekin die in der Wissenschaft "bis zum heutigen Tage" Anwendung findende "historisch längst überholten Begriffe 'Gastarbeiter', 'ausländische Arbeiter', 'Ausländer' und 'Arbeitsmigranten'" (S. 16). Hier wird meist eine "Einheit konstruiert", die in der Realität durch Vielfalt, Individualität und Unterschiedlichkeit charakterisiert ist.
Untersuchung am Beispiel von Frauen und Familien aus der Türkei
Um diese kritisch-theoretischen Vorüberlegungen zur Heterogenität und Individualität der Migrantinnen empirisch zu unterfüttern, entscheidet sich die Verfasserin, am Beispiel der "Untersuchungsgruppe ... Frauen bzw. Familien aus der Türkei" deren individuellen Migrationsverläufe mittels mehrfach durchgeführter Interviews tiefschürfend zu analysieren. Nicht zuletzt wird in einer Fußnote zu recht darauf hingewiesen, dass "in der Türkei lebende Menschen arabischer, armenischer, georgischer, jüdischer, kurdischer, lasischer, tscherkesischer u.v.m. Abstammung (sind)" (S. 16), dass es also "die Türken" oder gar "die türkische Kultur" nicht gibt.
In der politisch-medial-öffentlichen, aber auch wissenschaftlichen, vor allem pädagogischen, Diskussion über Folgen der Migration, insbesondere bei Frauen aus der Türkei, herrscht, so die Ausgangshypothese, überwiegend eine stereotype, eindimensionale und die Komplexität der Realität reduzierende Perspektive (der Professionellen) vor. Erkenntnisinteresse ist daher, "mit Einsatz der Biographieforschung ... differenzierte Theorien zu komplexen und sozialen Strukturen jenseits generalisierender Annahmen zu entwickeln" (S. 18).
Dieses Interesse und die Tatsache, dass es sich bei der Studie um eine Dissertation handelt, machen es notwendig, dass zuerst die "wissenschaftliche Literatur zu den Themen Migration, Familie und Frauen" aufgearbeitet und systematisiert wird (Kapitel 1) - vollständig kann dies heute angesichts der Publikationsflut nicht gelingen. Sodann (Kapitel 2) werden die "theoretischen Grundlagen des methodischen Vorgehens" ("Grounded Theory und Biographieforschung") dargelegt und methodologisch begründet. Dies alles gelingt überzeugend und nachvollziehbar.
Kapitel 3 und 4 dokumentieren die empirischen Befunde aus fünf Interviews (beginnend mit einem sog. "Ankerfall" zu Zwecken der Kategorien- und Theoriebildung, die dann auf die weiteren Biographien und deren Interpretation übertragen wird), indem hart am Text bleibend vor allem die Kategorien "Bildung, Autonomie und Tradition (Religion)" (vgl. den Untertitel) sowie die "Doppelperspektivität", der "Dualismus", in der Betrachtung und Analyse einer Biographie herausgearbeitet werden. Der Volksmund würde sagen: "Jedes Ding hat seine zwei Seiten"! Abschließend werden weiterführende Thesen sowie Fragen aus der Studie zusammengefasst.
Diskussion
Der Literaturüberblick (Kapitel 1) ist zwar recht informativ, kritisch und dekonstruktivistisch in seiner Intention, allerdings monoperspektivisch (!) in der Auswahl der Literatur und ihrer Interpretation. Viele angeschnittenen und kritisierten Bereiche (z.B. der angeblich fehlende Blick der Migrationsforschung auf "Benachteiligung, Ausgrenzung und Stigmatisierung", S. 27) könnte man auch anders sehen (ich habe z.B. bereits 1974 über "Stigma. Zur Analyse der Alltagssituation ausländischer Arbeiter" publiziert), aus einer anderen Perspektive oder gar mehrperspektivisch! Die von der Autorin zu Recht postulierte und treffend herausgearbeitete und intendierte "Doppelsperspektivität" (besser noch: Multiperspektivität) in der Betrachtung von Migrationsbiographien gilt m.E. auch für die Betrachtung der Migrationsliteratur. Die Eindimensionalität in der Kritik der Konstrukte der Migrationsforschung ist nicht haltbar - so sympathisch sie mir auch persönlich ist. Die Migrationsforschung ist mittlerweile äußerst vielfältig, ausdifferenziert und in sich unterschiedlich. Die Kritik trifft m.E. eher auf die pädagogisch-politisch-medialen Konstruktionen und Interpretationen zu.
Wichtig, sowohl theoretisch wie vor allem pädagogisch-praktisch, ist der Hinweis auf die "diskursive Falle" in bezug auf den Kulturbegriff, indem betont wird, dass "ein semantischer Wechsel von 'Rasse' zu 'Kultur'" vollzogen wurde und 'Kultur' dadurch zur "wesentlichen Interpretationsressource" in den Sozial- und Erziehungswissenschaften avancierte. In anderen Worten: Der "'Rassenkonflikt' macht nun dem 'Kulturkonflikt' Platz. Kultur und Fremdheit etablieren sich als Interpretationsfolie"(S. 32f). Der Theorieteil endet in der begründeten "Forderung nach Perspektivenwechsel" (S. 39), um auch die "Sicht der Betroffenen" bzw. die "Innenperspektive" (per Interviews) zur Sprache kommen zu lassen.
Methodisch (Kapitel 2) steht die Studie in der Tradition der qualitativen (narrativen) Biographieforschung und der "Grounded Theory", obwohl eine "Ausgangshypothese" formuliert wird (S. 45, 48) und explorative Studien vorangingen, die später aber in die Auswertung mit einbezogen wurden. Dies ist methodisch nicht ganz sauber, aber erlaubt. Die Auswahl der Probandinnen ist daher schwer nachvollziehbar. Alle Interviews wurden in deutscher (!) Sprache durchgeführt, d.h. die Auswahl ist stark selektiv (2. Generation mit sehr guten Deutschkenntnissen), dauerten "zwischen 55 Minuten bis (über) drei Stunden". Bis auf eine Fall wurden "zwei Gespräche geführt" - auch aus Gründen der "Doppelperspektivität" (anderer Tag, andere Sicht?). Die Auswahl eines Interviews als "Ankerfall" ist darin begründet, dass die Autorin "den Blick der LeserInnen von einer eindimensionalen sowie ethnisch, regional und kulturell festgeschriebenen Betrachtungsweise auf Vielschichtigkeit lenken" will (S. 52), worin noch mal das Erkenntnisinteresse zum Ausdruck gebracht wird.
Mit Bezug auf die methodologischen Überlegungen zu narrativen biographischen Interviews von Fritz Schütze und zu "Rekonstruktion und Kontrastierung der erlebten und der erzählten Lebensgeschichte" nach Gabriele Rosenthal gelangt Gültekin zur generierten übergeordneten Theorie der "Doppelperspektivität biographischer Prozesse in der Migration" (S. 56), von der sie - zu Recht - eine hohe erziehungswissenschaftliche Relevanz (in bezug auf die Kategorie "Bildung als Aufbau von Lebenssinn", aber auch Autonomie, Kompetenz und Tradition), erhofft und konkrete Folgen für die Umsetzung in eine realitätsadäquate pädagogische Praxis innerhalb der Arbeit mit Migrantinnen erwartet ("Die Professionellen sollen darüber hinaus ermutigt werden, in ihrer Arbeit mit Immigrantinnen anstelle der pauschalen Gruppenorientierung und der kulturalistischen Zuordnungen den Einzelfall in das Zentrum ihrer Überlegungen zu stellen", S. 57). Dem kann hier nur zugestimmt werden. Auf die Wiedergabe und ausführliche Interpretation der Fallanalyse (Kapitel 3, S. 59-167 !!) sowie der übrigen Einzelerkenntnisse der Interviews wird hier aus Platzgründen verzichtet.
Verwundert hat mich hier und im gesamten Werk allerdings, dass die Autorin an keiner Stelle in Bezug auf ihren zentralen Terminus der "Doppelperspektivität" auf den m.E. dafür grundlegenden Aufsatz von George H. Mead aus dem Jahre 1927 (!) zurückgreift, der mit "Die objektive Realität von Perspektiven" umschrieben ist. Andererseits ist auch - zumindest in der (schul)pädagogischen Praxis - die "Mehrperspektivität" ein anerkannter methodischer Schritt zum Abbau von Vorurteilen und eindimensionalen Betrachtungen - diese theoretischen Erkenntnisse und pädagogischen Traditionen fehlen bei Gültekin - leider.
So bin ich beim Lesen auch zu der Auffassung gelangt, dass neben der "Doppelperspektivität" durchaus von einer Mehrperspektivität biographischer Prozesse in der Migration die Rede sein müsste, da die Dinge nicht nur zwei, sondern oft viele Seiten, Sichtweisen haben. Dies ist auch die Erkenntnis bei Mead (in der vorliegenden Studie m.E. auch nachvollziehbar). Oder die Autorin geht eben davon aus, dass zu jeder Perspektive eine Gegenperspektive vorliegen kann - was aber insgesamt m.E. zu mehreren (!) Perspektiven führt!
Interessant ist der Hinweis, dass "Immigration eine Handlung", aber "Biographie als Konstruktion" zu sehen ist (S. 165). Dass jeder (Binnen-)Perspektive der Immigrantinnen eine (Außen-)Perspektive der Einwanderungsgesellschaft gegenübersteht, klingt plausibel - allerdings liegt m.E. keine monoperspektivische Sicht in der (funktional ausdifferenzierten pluralistischen, multikulturellen etc. !!!) Einwanderungsgesellschaft vor. Der Dualismus in der Sicht/ Theoriekonstruktion von Gültekin überwindet zwar zu Recht die kritisierte Eindimensionalität bisheriger Forschungs- und Pädagogenpraxis, wird aber der Vielfalt (!) und Unterschiedlichkeit der möglichen Perspektiven mit Blick auf Migrationsprozesse und ihre Folgen nicht gerecht. Eine "Theorie der Mehrperspektivität", nicht nur "biographischer Prozesse in der Migration", scheint mir allgemeiner, realitätsangemessener und auch besser geeignet für eine kritisch-aufklärende und sensibel machende pädagogisch-politische Arbeit.
Es gibt zumindest, das hat die Autorin stringent herausgearbeitet, eine Binnen- und Außenperspektive, eine Einwanderer- und eine Perspektive der Aufnahmegesellschaft, eine individuelle und eine familiäre Perspektive, zwei (oder drei?) Generationenperspektiven, zwei Geschlechterperspektiven usw. Aber auch diese Einzelperspektiven sind nicht eindimensional (z.B. die Familienperspektive oder vor allem die der Einwanderungsgesellschaft (dieser Begriff ist bereits eine perspektivische Konstruktion neben anderen - vgl. "In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?"). Ich gelange zu der Erkenntnis, dass besser von "mehrfacher Doppelperspektivität" oder noch besser, von "Multiperspektivität" (nicht nur biographischer Prozesse) in der soziologischen Theorie und in der daran orientierten pädagogischen Praxis geredet werden sollte.
Fazit
Die vorgetragenen Einwände schmälern nicht den theoriekritischen und pädagogisch aufklärenden Wert der Studie. Notwendig wäre m.E. eben nur ein stringentes Eingehen auf das Theorem der "objektiven Realität von Perspektiven" bei Mead und auch auf Erkenntnisse einer Theorie der Erwachsenensozialisation, was die Interpretation der empirischen Befunde in Bezug auf "Schaltstellen" in der Biographie betrifft (z.B. der Tod des Zwillingsbruder im Ankerfall, Aufnahme einer Fortbildung, Heirat oder Scheidung, Arbeitslosigkeit des Ehemanns usw.).
Die Arbeit von Gültekin ist eine Studie einer türkischstämmigen Frau über Migrantinnen aus der Türkei - "und das ist gut so". Die enge Auswahl der Probandinnen und die Anzahl der Interviews erlauben keine generalisierbaren Aussagen, erbringen aber wichtige Erkenntnisse und eine modifizierte Basis für die Migrationstheorie bzw. weitere Forschung (z.B. in Bezug auf die Perspektive(n) der Männer). Und in der "Schlussbetrachtung" spricht die Autorin dann auch von einer "Mehrfachorientierung" (!) der Interviewpartnerinnen und davon, dass diese "alle Prozesse ihres Lebens in mehreren (! H.G.) Dimensionen zu erfassen" in der Lage sind (S. 214), weil auch immer (vgl. Mead) "verschiedene Perspektiven" (S. 215) vorliegen. Dies als migrationsbedingte spezielle "Kompetenz" herauszustellen, scheint mir nicht unwichtig.
Eine Perspektivenerweiterungskompetenz, wie ich es einmal im Anschluss an Gültekin nennen will, wünsche ich allen pädagogisch in der Migrationsarbeit tätigen Akteuren. Und ich bin sicher: Wer die Studie aufmerksam liest und die Ergebnisse nachzuvollziehen in der Lage ist, wird ebenfalls durch die intensive Verarbeitung der Erkenntnisse sich dieser Kompetenz annähern können. Multiperspektivische Empathiefähigkeit und flexible Role-taking-Kompetenz könnte man auch dazu sagen.
Literatur:
Griese, Hartmut M.: Stigma - Zur Analyse der Alltagssituation ausländischer Arbeiter in der BRD. In: Erziehen heute. Duisburg 1974. Teilweise wieder abgedruckt in: Griese, Hartmut M. und Wojtasik, Gregor (Hrsg.): Konstrukte oder Realität? - Perspektiven Interkultureller Bildung. Hannover 1996.
Ders. (Hrsg.): Sozialisation von Erwachsenen. Ein Reader zur Einführung in ihre theoretischen und empirischen Grundlagen. Weinheim 1979.
Mead, George, H.: Die objektive Realität von Perspektiven (1927). In: Ders.: Philosophie der Sozialität (eingeleitet und herausgegeben von Hansfried Kellner). Frankfurt 1969.
Pongs, Armin (Hrsg.): In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? 2 Bände. München 2000.
Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 04.11.2003 zu: Nevâl Gültekin: Bildung, Autonomie, Tradition und Migration. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 232 Seiten. ISBN 978-3-8100-3460-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/810.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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