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Morus Markard: Einführung in die Kritische Psychologie

Cover Morus Markard: Einführung in die Kritische Psychologie. Argument Verlag (Hamburg) 2009. 319 Seiten. ISBN 978-3-88619-335-6. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Thema und Überblick

Aus der Perspektive eines Wegbegleiters von Klaus Holzkamp, dem führenden Begründer der Kritischen Psychologie, legt Morus Markard eine systematische Einführung in diese Variante subjekt-orientierter Psychologie vor. Zwar ist sie in der universitären Psychologie Deutschlands weitgehend verdrängt worden, an einigen Universitäten in Skandinavien, den USA und Kanada hat man jedoch ihr innovatives Potential erkannt.

Markards „Einführung in die Kritische Psychologie“ umfasst sowohl die Selbstreflexion ihres Entstehungszusammenhanges, die kritische Auseinandersetzung mit dem experimentell ausgerichteten Mainstream der Psychologie, erkenntnistheoretische und wissenschaftskritische Begründungszusammenhänge als auch Überlegungen zur Konstitution dieses Paradigmas in Verbindung mit dem von Holzkamp entwickelten kategorialanalytischen Verfahren (Kapitel 1 bis 7, Kapitel 10).

In theoretischer und methodologischer Hinsicht wird die Kritischen Psychologie in mehreren Schwerpunkten dargestellt, die von der gesellschaftlichen Natur des Menschen und seinen individuellen Lern- und Entwicklungsfähigkeiten handeln, die Existenz des Menschen als gesamtgesellschaftlich vermittelte begreifen, was Konsequenzen für das Verhältnis von Psychologie und Gesellschaftstheorie mit sich bringt (Kapitel 8 und 9). Die menschliche Handlungsfähigkeit wird in der Variation von restriktiver und verallgemeinerter Handlungsfähigkeit vorgestellt und der „Weg vom Säugling zum handlungsfähigen Erwachsenen“ in entwicklungs-, erziehungs- und lerntheoretischer Perspektive nachvollzogen (Kapitel 11 und 12). Das Buch schließt damit, „methodische Konsequenzen einer Psychologie vom Standpunkt des Subjekts“ aufzuzeigen (Kapitel 13).

Autor

Prof. Dr. Morus Markard, der seit den 1970er Jahren an der Ausarbeitung der Kritischen Psychologie beteiligt ist, lehrt heute am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin. Das Psychologische Institut, an dem namhafte Vertreter emanzipatorisch-psychologischer Ansätze tätig waren, ist nach zahlreichen politischen und administrativen Interventionen gegen diese Psychologierichtungen im Jahre 1995 aufgelöst worden. Das führte zu einer erheblichen Einschränkung der Lehr- und Forschungstätigkeit.

Hintergrund

Seit Beginn der Psychologie als Einzelwissenschaft haben sich die dominierenden Richtungen immer an der naturwissenschaftlichen Forschungsweise orientiert: Dies wird besonders an den extrem durchorganisierten psychologischen Experimenten deutlich, in denen Bedingungen geschaffen werden, die für die „Versuchspersonen“ weder transparent gemacht werden, noch ihnen nennenswerten Handlungsspielraum gewähren. Als Pendant dazu werden in vielen psychologischen Theorien Menschen als auf Bedingungen Reagierende - als Objekte - verstanden.

Diesem Missverständnis begegnet die Kritische Psychologie, indem sie von aktiv handelnden Menschen ausgeht. Sie agieren dabei in Bezug auf Bedingungen, die gesellschaftlich produziert sind. Je nach Lage und Position haben sie unterschiedliche Handlungsspielräume. Die Kritische Psychologie analysiert sowohl die objektiven Aspekte der Handlungsmöglichkeiten der Menschen, als auch deren subjektiven Momente, beispielsweise Bedeutungsrealisierungen oder subjektive Handlungsgründe. Sie bezieht sich hierzu auf marxistische Grundlagen sowie auf philosophische und gesellschaftstheoretische Erkenntnisse.

Die Kritische Psychologie entstand während der Zeit der Studentenbewegung. Damals kritisierten Psychologiestudenten die praktische Indienstnahme der traditionellen Psychologie (z.B. die Auslese-Diagnostik, die Marktforschung, die Werbung, die psychologische Kriegsführung, die Betriebspsychologie, die Meinungsforschung usw.). Die Tätigkeitsbereiche von Psychologen wurden ebenso einer Kritik unterzogen. Außerdem entlarvten sie bei vielen psychologischen Theorien die zugrunde liegenden impliziten Menschenbilder, die Menschen meist als reaktive Organismen sahen. Vermittels dieser Kritiken konnten wesentliche Aspekte der Herrschaftsfunktion sowie die Erkenntnisgrenzen der traditionellen Psychologie aufzeigt werden. Das führte bei einem Teil der damaligen Studenten zur Ablehnung jeglicher Psychologie, ein anderer Teil dagegen wollte eine alternative Psychologie begründen, die zur Emanzipation der Menschen mithelfen sollte. Eine Psychologie, die den Interessen der Mehrheit der Bevölkerung gerecht wird, die zur Aufklärung, zur Befreiung aus Abhängigkeit sowie zur Selbstklärung beitragen kann.

Eine solche positive emanzipatorische Psychologie wurde hauptsächlich von der Forschergruppe um Klaus Holzkamp am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin als Kritische Psychologie etabliert. Schon in den 1950er und 1960er Jahren sah sich Holzkamp bei seinen experimental-psychologischen Forschungen immer wieder mit erkenntnistheoretischen Problemen konfrontiert, welche mit Ansätzen der naturwissenschaftlich orientierten Psychologie nicht zu lösen waren.

Inhalt

Oft beginnen Einführungen in die Psychologie mit verschiedenen Begriffsaufzählungen, die nebeneinander gestellt werden. Markard hingegen zeichnet mit seiner „Einführung“ die Entstehung der Kritischen Psychologie nach, wobei er gleichzeitig wissenschaftstheoretische und erkenntniskritische Probleme aufklärt. Er stellt die Kritische Psychologie auf eine Weise dar, dass der Leser die Entwicklung der Grundbegriffe (Kategorien), die Fragestellungen sowie die Analysemethoden nachvollziehen und dabei fortlaufend – hinsichtlich ihrer Dignität - überprüfen kann.

Der Autor erläutert die zentralen kategorial-methodologischen Gegenstandsbestimmungen so, dass der Leser die originäre paradigmatische Ausrichtung der Kritischen Psychologie gegenüber anderen Psychologierichtungen beurteilen kann: Die Bestimmung des Psychischen, als zentraler Grundbegriff bzw. Kategorie der Psychologie, wurde von Holzkamp und Mitarbeitern nicht einfach per Definition vorgenommen. Anhand empirischer Befunde der Evolutionsforschung, der Paläontologie etc. rekonstruierte man die Naturgeschichte des Psychischen bzw. die Psychophylogenese. Funktional-historisch wurden zunächst die allgemeinen Qualitäten des Psychischen von Organismen im Unterschied zu den Lebensformen, deren Reaktionen auf sie umgebende Bedingungen als noch nicht psychisch gelten, bestimmt. Sodann wurde die Entwicklung des Psychischen bzw. dessen Ausdifferenzierung in psychische Funktionen – wie z.B. Emotionen, Kognitionen - u.a. bei Säugetieren, Primaten bis hin zum Menschen rekonstruiert. Auf diese Weise entdeckte man das artspezifische psychische Niveau der Menschen und hatte die Charakteristika der menschlichen Natur erschlossen, die eine gesellschaftliche Natur ist. Dementsprechend sind Menschen befähigt, ihre Lebenserhaltung in Gesellschaften zu organisieren. Die menschliche Spezifik des Psychischen liegt in einer gesamtgesellschaftlich vermittelten Existenz begründet. Der qualitative Wechsel, der sich hier vollzogen hat, lässt evolutionäre Gesetzmäßigkeiten, die zwar immer noch wirksam sind, gegenüber gesellschaftlichen Prozessen in den Hintergrund treten. Somit muss zur adäquaten Erfassung der menschlichen Besonderheiten des Psychischen die naturgeschichtliche Analyse um eine gesellschaftsgeschichtliche erweitert werden.

Allgemein besteht bei gesellschaftlich vermittelter Existenzsicherung für die einzelnen Individuen kein unmittelbarer Zwang an der Lebenserhaltung mitzuwirken. Allerdings müssen sie in der „Gesamtheit“ Beiträge erbringen, soll die Gesellschaft und das erreichte Existenzniveau aufrecht erhalten werden.

Der Welt-Mensch-Zusammenhang ist infolgedessen qualitativ als Möglichlichkeitsbeziehung zu charakterisieren. Mit dieser Bestimmung überwindet die Kritische Psychologie die in der Psychologie immer noch kolportierte Fassung von „Umweltvariablen und isoliertem Organismus“ bzw. das Reiz-Reaktions Konzept. Mit Möglichkeitsbeziehung ist gemeint, dass sich für Personen Handlungsmöglichkeiten eröffnen, die je nach Gesellschaftsformation, nach Klassenstruktur oder der Lage und Position des jeweiligen Individuums unterschiedlich sein können.

In kapitalistisch formierten Gesellschaften beispielsweise, lebt die Mehrheit der Menschen unter nachteiligen Bedingungen. Perspektivisch können diese zwar ihre Lebens- und Handlungsmöglichkeiten bewusst und mit progressiver Zielrichtung abstimmen, doch in kapitalistischen Verhältnissen stehen solchen Intentionen unsoziale Interessen und Kräfte entgegen.

Dieses Widerspruchsverhältnis, das Menschen unter antagonistischen Klassenverhältnissen erfahren, ist nach Klaus Holzkamp auf subjektwissenschaftlicher Ebene allgemein hinsichtlich zweier Modi von Handlungsmöglichkeiten zu analysieren. Die beiden Varianten hat er in Form von Forschungsleitlinien konzipiert, welche die Analyse von konkreten Lebensbedingungen und Handlungen von Betroffenen unterstützen sollen:

  1. Die restriktive Handlungsweise, d.h. Individuen bleiben in ihrem Handeln innerhalb der Grenzen des Handlungsraums, den man ihnen gewährt;
  2. Die erweiterte Handlungsfähigkeit, d.h. Individuen suchen einschränkende Lebensbedingungen zu überwinden, unter Umständen im Bündnis mit anderen und gegen Widersacher. Das ist risikohaft, teils mit Ängsten verbunden und kann unter Umständen misslingen.

Diese Konzeptualisierungen sind dazu gedacht, eine Grundlage für die aktual-empirische Forschung bereitzustellen: D. h., möchten Personen, die benachteiligt sind oder unter einschränkenden Bedingungen leiden, diese Zustände überwinden, dann werden sie, wenn sie sich an Kritische Psychologen wenden, als „Mitforscher“ an der Klärung ihrer Lebenslage und Handlungsmöglichkeiten teilhaben. Forscher und Mitforscher analysieren gemeinsam

  • konkrete gesellschaftliche Konstellationen,
  • welche Möglichkeiten und Behinderungen gegeben waren (sind),
  • welche Bedeutungen man diesen zugeschrieben hat und
  • welche Anforderungen realisiert wurden, wie gehandelt wurde und
  • welche Gründe ausschlaggebend waren und gegebenenfalls
  • welche alternativen Handlungen (in Zukunft) möglich sind.

Es geht um die Klärung subjektiver Handlungsmöglichkeiten in situational gegebenen Machtverhältnissen unter Gesichtspunkten der Erweiterung von Möglichkeiten (teils im Zusammenschluss mit anderen) bei gleichzeitiger Reduktion von (unbewusstem) selbstschädigendem Handeln. Hierin, in der Aufklärung eigenen Handelns in gesellschaftlichen Anforderungssituationen, liegt die emanzipative Ausrichtung der Kritischen Psychologie. Ihr geht es eben nicht, wie das ubiquitär in der Psychologie üblich ist, um Personenetikettierung und Anpassung von Personen an die gegebenen Lebensumstände.

Im Weiteren zeigt Markard, wie die kritisch-psychologische „Entwicklungspsychologie“ konzipiert ist: Weder mittels Phasenkonstruktionen, noch mit dem psychoanalytischen Sozialisationskonzept der Modellierung einer als triebhaft aufgefassten Natur des Menschen, ist die Entwicklung des Neugeborenen zum handlungsfähigen Erwachsenen zu begreifen. Ausgehend von der gesellschaftlichen Natur des Menschen, die durch eine lebenslange Lern- und Entwicklungsfähigkeit gekennzeichnet ist, werden die Voraussetzungen bestimmt, die logischerweise gegeben sein müssen, um die Entwicklung des „abhängigen Neugeborenen“ hin zum Handeln von erwachsenen Menschen in dynamischen gesellschaftlichen Anforderungskonstellationen zu erklären.

In einem Schlusskapitel erläutert der Autor explizit die methodischen Konsequenzen für eine Psychologie vom Subjektstandpunkt: Allemal irreführend ist es, Menschen als Versuchspersonen restriktiven experimentellen Bedingungen zu unterwerfen, damit gewissermaßen ihrer Subjektivität zu berauben. Psychologische Methoden müssen so konzipiert sein, dass die menschliche Qualität des Psychischen, die Subjektivität auch angemessen erfasst werden kann. Dies wird beispielsweise mittels des kritisch-psychologischen „Mitforscher-Konzepts“ realisiert. Dabei soll der degradierende Umgang mit Menschen in der gängigen psychologischen Forschung in Richtung einer intersubjektiven Beziehung zwischen Forscher und Betroffenen (Mitforscher) überwunden werden.

Zielgruppen

Psychologen, Studierende der Psychologie im Haupt- und Nebenfach, an Psychologie interessierte Laien, Sozialwissenschaftler, Pädagogen, Sozialarbeiter.

Fazit

Der Leser profitiert sehr von den Lehr-/Lernerfahrungen des Autors. Morus Markard hat eine spannende, gut lesbare „Einführung in die Kritische Psychologie“ vorgelegt, die Interesse an dieser Art von Psychologie weckt. Eine Psychologie, die viel zur Aufklärung, aber auch zur Analyse des eigenen Eingebundenseins in Machtverhältnissen bzw. deren Überwindung beitragen kann.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Peter Michels
Dipl.-Psychol.
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Michels. Rezension vom 26.01.2010 zu: Morus Markard: Einführung in die Kritische Psychologie. Argument Verlag (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-88619-335-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8121.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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