Gernot Barth, Anja Schlerath: Familienhilfe (Familien in multiplen Problemlagen)
Gernot Barth, Anja Schlerath: Familienhilfe. über den Umgang mit Familien in multiplen Problemlagen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 157 Seiten. ISBN 978-3-8340-0558-8. 18,00 EUR, CH: 31,60 sFr.
Reihe: Sozialpädagogik und Schulreform - Band 5.
Thema
Das Buch gibt Verlauf und Ergebnisse der Wissenschaftlichen Begleitforschung der Integrierten Familienhilfe der AWO Erfurt wider. Das Forschungsdesign beinhaltete einen Implementations- und einen Evaluationsansatz, da sowohl die Umsetzung der Hilfemaßnahme als auch deren Effizienz und Effekte Gegenstand der Untersuchung waren. Anders als der Titel des Buches zunächst suggerieren mag, geht es also nicht um Familienhilfe an sich, sondern um eine innovative Hilfe zur Erziehung, die die AWO Erfurt im Jahr 2005 umzusetzen begann.
Entstehungshintergrund
Gleichwohl es für das Konzept der Integrierten Familienhilfe Vorläufer gibt, die bis in die frühen 90iger Jahre reichen, wollte der Träger mit Unterstützung einer Wissenschaftlichen Begleitforschung „den Prozess der Etablierung, die Wirkungen und die Nachhaltigkeit der Arbeit mit Familien dokumentieren“. Unterstützt wurde das Vorhaben von der Stadt Erfurt, die in der Integrierten Familienhilfe einen wichtigen Baustein in der Entwicklung zu einer kinder- und familienfreundlichen Stadt sieht.
Aufbau und Inhalt
In den ersten drei Kapiteln des Buches werden die Integrierte Familienhilfe als ein neues sozialpädagogisches Handlungskonzept (1.), Design und Verlauf der Wissenschaftlichen Begleitung (2.) und die Konzeption und Strukturen der Integrierten Familienhilfe der AWO Erfurt beschrieben (3.). Als zentrale Zielsetzungen nahm sich die Wissenschaftliche Begleitforschung vor, die Maßnahme zu verbessern und deren Erfolge anhand von Effekten und Effizienzkriterien zu messen. Das Forschungsdesign ist dabei rein qualitativ ausgerichtet, was schon allein aufgrund der geringen Fallzahl von Familienverläufen Sinn macht. Die Integrierte Familienhilfe selbst kann als intensive Form einer Hilfe zur Erziehung beschrieben werden, die insgesamt sechs Monate dauert, wobei in einer 1. Phase Familien für drei Monate stationär betreut und danach in einer 2. Phase für weitere drei Monate ambulant begleitet werden. Adressaten der Hilfe sind Familien, bei denen ansonsten die Fremdunterbringung mindestens eines Kindes angestanden hätte.
In den nachfolgenden Kapiteln werden die wesentlichen Daten und Ergebnisse der verschiedenen Erhebungen dargelegt. Zunächst kann der Leser entlang von sechs sehr ausführlichen Falldarstellungen nachvollziehen, welche Entwicklungen die beteiligten Familien durchlaufen haben. Auf Falldarstellungen wurde seitens der Forscher zurückgegriffen, weil die Datenlage (fehlende Hilfepläne, Dokumentationen) als problematisch beschrieben wurde. An diese Falldarstellungen schließen sich die Interviews an, die mit den KlientInnen der Integrierten Familienhilfe geführt wurden. Diese Interviews umfassen sowohl Gespräche mit den Eltern als auch mit den Kindern, die jeweils aus ihrer Perspektive die Familiensituation und wahrgenommene Veränderungen zum Teil sehr plastisch beschreiben. Und schließlich kommen in einem weiteren Kapitel die beteiligten MitarbeiterInnen der Integrierten Familienhilfe ebenfalls sehr umfangreich zu Wort.
Als Ergebnis dieser Kapitel lässt sich feststellen, dass es bei der Umsetzung der Maßnahme vor allem zu Beginn noch deutliche Mängel gab. Auch die Rückmeldungen sowohl von KlientInnen als auch von MitarbeiterInnen sind zum Teil sehr kritisch. Alles in allem konnte aber zurecht konstatiert werden, dass die Hilfe in der Mehrzahl der Fälle positive Effekte zu erzeugen vermag, wenn es darum geht, in der Folge von Heimerziehung oder Vollzeitpflege eine Familienzusammenführung anzustreben oder wenn eine anstehende Fremdunterbringung abgewendet werden soll.
Diskussion
Wenn nachfolgend noch einige Punkte kommentiert werden sollen, so beziehen sich diese einmal natürlich auf die vorliegende Publikation, zwangsläufig aber auch auf das Forschungsdesign und die Integrierte Familienhilfe selbst. Ungewöhnlich erscheint, dass in einem solchen Modellprojekt die Datenlage als problematisch beschrieben wurde. Wieso liegen z.B. keine vernünftigen Hilfepläne vor, wenn man doch weiß, dass man im Focus einer wissenschaftlichen Begleitforschung steht? Unklar bleibt auch, warum die MitarbeiterInnen des Jugendamts Erfurt nicht in das Projekt einbezogen wurden. So stehen die Forscher vor dem Rätsel, warum die Integrierte Familienhilfe, gleichwohl die Stadt damit große Erwartungen verknüpft, relativ gering in Anspruch genommen wurde. Der Vorschlag, das Angebot auch anderen Bundesländern schmackhaft zu machen, kann nicht ganz überzeugen, da doch die Integrierte Familienhilfe laut Konzept gerade wohnortnah installiert werden soll, um förderliche Lebensweltbezüge der Familien unterstützen und erhalten zu können. Und schließlich, und das ist aus Rezensentensicht der wesentlichste Kritikpunkt, fällt eine zentrale Zielsetzung der Wissenschaftlichen Begleitforschung, nämlich die Effizienz der Hilfe messen zu wollen, im Verlauf des Buches klammheimlich unter den Tisch. Dies verwundert angesichts der ungenügenden Datenlage nicht, hätte aber von den Autoren nicht verschwiegen werden dürfen.
Fazit
Auch angesichts der oben benannten Kritikpunkte ist es zweifelsfrei ein Verdienst des Buches, auf eine innovative Hilfe zur Erziehung aufmerksam gemacht zu haben. Sehr deutlich wurde auch, mit welchen Restriktionen Träger bei der Umsetzung der Integrierten Familienhilfe zu rechnen haben. Und wenn die LeserInnen mitnehmen, wie wichtig gerade bei einer solch gleichermaßen kurzen wie intensiven Hilfe die Zusammenarbeit mit Jugendamt ist, dann stiftet das Buch einen hohen Nutzen.
Rezensent
Prof. Dr. Jürgen Burmeister
Homepage www.dhbw-heidenheim.de
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Zitiervorschlag
Jürgen Burmeister. Rezension vom 01.12.2009 zu: Gernot Barth, Anja Schlerath: Familienhilfe (Familien in multiplen Problemlagen). Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 157 Seiten. ISBN 978-3-8340-0558-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8154.php, Datum des Zugriffs 06.09.2010.
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