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Peter Alheit, Frank Schömer: Der Aufsteiger. Autobiographische Zeugnisse [...]

Cover Peter Alheit, Frank Schömer: Der Aufsteiger. Autobiographische Zeugnisse zu einem Prototypen der Moderne von 1800 bis heute. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. 458 Seiten. ISBN 978-3-593-38857-1. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 76,00 sFr.

Reihe: "Biographie- und Lebensweltforschung" des Interuniversitären Netzwerkes Biographie- und Lebensweltforschung (INBL.
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Thema

Die heute oft negativ konnotierte Leistungsgesellschaft, in der die soziale Position eines Menschen (und vielleicht sogar sein Wert) von der eigenen Leistungsfähigkeit und Performanz abhängt, ist zweifelsfrei ein Kind der Moderne. Das meritokratische Versprechen in modernen Gesellschaften ermöglicht den realistischen Traum, durch Mühe, Fleiß und Talent seinen Status zu verbessern und entsprechend die soziale Leiter aufzusteigen. Es eröffnet den Weg zu einer Sozialstruktur, die fernab von Kasten und Ständen legitimiert wird. In den gesellschaftlichen Rohbau wurden in den letzten zwei Jahrhunderten Treppe und (später auch) Fahrstuhl eingebaut. Die Autoren Peter Alheit und Frank Schömer analysieren nun anhand von autobiographischen Texten, wie Aufsteigende "aus einfachen Verhältnissen" bzw. "aus bildungsfernem Elternhaus" den Prozess der sozialen Mobilität erleben und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sich diese Aufstiegsbewegungen vollziehen. Dabei werden biographische Rekonstruktionen der letzten 200 Jahre analysiert und letztlich verglichen.

Das Datenmaterial besteht aus 23 Autobiographien (von denen 13 Fälle ausführlich dargelegt und analysiert werden). In der Analyse dieser Bildungsprozesse wird der Körperlichkeit von Bildung besondere Aufmerksamkeit geschenkt - ein Aspekt, der noch weitgehend als blinder Fleck in der Bildungsforschung bezeichnet werden kann. Entsprechend bilden die klassischen soziologischen Arbeiten von Norbert Elias und Pierre Bourdieu, die beide sowohl gesellschaftliche Veränderungen (insbesondere soziale Mobilität) und die Körperbezogenheit gesellschaftlicher Verhältnisse integrieren, den theoretischen Rahmen der Studie.

Autoren und Projekt

Die Autoren, Peter Alheit und Frank Schömer, veröffentlichen mit diesem Buch die Ergebnisse des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekts mit dem Titel "Ästhesiologische Komponenten von Bildungsmilieus - Eine Untersuchung von Wissensordnungen des Alltags um 1800, um 1900 und in der Gegenwart". Peter Alheit ist Professor für Allgemeine Pädagogik am Pädagogischen Institut der Universität Göttingen und Frank Schömer ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und in 4 Kapitel gegliedert:

  1. Nach dem Vorwort und der Einführung, wo überblicksartig das Thema, der Aufbau, das Datenmaterial und der theoretische Hintergrund der Arbeit vorgestellt werden, wird in Kapitel 1 der soziale Aufstieg um 1800 behandelt. Hier wird insgesamt sehr markant deutlich, dass in den Bildungsbiographien aus der Zeit der Ständegesellschaft Hilfestellungen (soziale Paten) weitgehend fehlen. Daher ist der gesamte Aufstiegsprozess von Rückschlägen und psychischen Belastungen geprägt. Im gesamten Prozess sind die Protagonisten auf sich allein gestellt, erleben entsprechend die Barrieren als individuelles Schicksal. Insbesondere die Ambivalenzen zwischen Intellektualität und Handwerklichkeit führen zu einem Doppelleben bzw. zu einer "Zwitterexistenz" und machen die Dichotomie von Leiblichkeit und Geistigkeit in den Biographien der Aufsteigenden greifbar.
  2. Im nächsten Kapitel Sozialer Aufstieg um 1900 wird deutlich, dass - anders als noch 100 Jahre zuvor - die Aufsteiger in ihren autobiographischen Erzählungen bereits eine politisch-emanzipatorische Perspektive einnehmen. Angetrieben durch die Arbeiterbewegung (insbesondere die Sozialdemokratie) wird die individuelle Lebensproblematik durch die Protagonisten selbst kollektiviert. Die Aufstiegsgeschichten werden mehr oder weniger als Angriff auf die gesellschaftlichen Verhältnisse positioniert. Die individuellen Problemlagen sind zwar grundsätzlich noch vorhanden, allerdings werden diese nun in der Erzählung der Autobiographen gewissermaßen soziologisiert. Ebenso wird vereinzelt eine stärkere Durchlässigkeit im Bildungssystem beschrieben. Interessant ist auch hier der Zusammenhang zwischen Körper und Geist, allerdings auf eine andere Weise als im Jahrhundert zuvor: In mehreren Biographien haben erst physische Leiden, die das Arbeitsleben deutlich eingeschränkt haben, dazu geführt, dass ein höherer Bildungsweg und damit der soziale Aufstieg anvisiert wurden.
  3. Mit Sozialer Aufstieg am Ende des 20. Jahrhunderts wird Kapitel 3 betitelt. Hier wird an drei Fällen die Aufstiegsproblematik um 2000 dargelegt. In diesem Zeitabschnitt wird zwar eine stärkere Durchlässigkeit erkennbar, allerdings haben auch die Aufsteigenden im Nachkriegs-Deutschland mit Barrieren zu "kämpfen". Durch den "aufpolierten" Marxismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt, basieren die autobiographischen Texte hier häufig auf einer expliziten Form von Systemkritik (von sexueller Befreiung bis hin zu terroristischen Ideologien). Leider beschränken sich diese Lebensgeschichten überwiegend auf Angehörige der ersten Nachkriegsgeneration.
  4. Die Entwicklungslinien über drei Epochenabschnitte zeigen im letzten Kapitel die Entwicklungen, Veränderungen und Gemeinsamkeiten beim Aufstiegsprozess in den betrachteten 200 Jahren. Dieses Kapitel bildet das Herzstück der vorliegenden Arbeit. Hier werden die Ergebnisse über die drei untersuchten Zeiträume hinweg in Form von Themenkomplexen verdichtet. Dazu gehören Differenzierungsmuster wie "Innen-Außen" oder "Formalität-Informalität" aber auch die Entwicklung der "Chancenstrukturen", das "Sprechen über die Leibdimension" bis hin zu "Aufstiegsmechanismen" sowie "Kreativität und Habitusmodifikationen". In den jeweiligen Abschnitten werden Verknüpfungen hergestellt, Parallelen aufgezeigt und Schlüsse gezogen.

Ergebnisse

Insgesamt werden die Ergebnisse aus der Interpretation der Autobiographien in den Kontext der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse gestellt und mit soziologischem Wissen vernetzt. Die soziologische Ungleichheits- und Bildungsforschung wird breit diskutiert. Der hier gewählte Forschungszugang, der zunächst exotisch erscheint, ermöglicht es den Autoren, fundierte Einblicke in das Innenleben der Protagonisten zu geben und dabei die gesellschaftlichen Zustände der jeweiligen Zeit zu rekonstruieren. Das Resümee der Analyse lässt sich kaum in wenigen Worten abbilden, allerdings werden interessante Bemerkungen in Bezug auf den "soziologischen Mainstream" gegeben:

"Paradigmen des soziologischen Mainstream wie der Glaube an eine umfassende Individualisierung, die gleichsam jeden Einzelnen dazu befähigt, sein Leben autonom zu gestalten, haben dazu geführt, dass ein Scheitern letztlich nur dem Individuum selbst angelastet wird (auch die Individuen selbst übernehmen gemeinhin diese Sicht und empfinden ihr Scheitern als selbstverschuldet). […] Was von Soziologen in Modellvorstellungen zu analytischen Zwecken an Orientierungsleistungen angeboten wird, erscheint im Hinblick auf den Einzelfall gelegentlich ungewöhnlich realitätsfern" (S. 410 f.).

Denn die vorliegende Arbeit zeigt aufschlussreich gesellschaftliche Barrieren über die Jahrhunderte hinweg auf, die maßgeblich zum Erfolg bzw. Misserfolg beitragen. "Kränkungen und Zurückweisungen" sind dabei ebenso typisch wie die notwendige Kontrolle der eigenen "habituellen Dispositionen". Es bedarf also einer über die geistig-intellektuelle Bildungserfahrung hinausgehenden Selbstzivilisierung im Sinne eines Erlernens des Verhaltensrepertoire gehobener Schichten. In allen Fällen sind Hilfestellungen ("Soziale Paten") von immenser Bedeutung. Denn es scheint die Regel zu sein, "dass die Eltern oder das nähere soziale Umfeld die Aufstrebenden vom „sozialen Fremdgehen“ zurückzuhalten, ja nicht selten sogar mit ziemlich rabiaten Mitteln dieses Ausscheren aus dem Herkömmlichen zu verhindern suchen" (S. 420).

Die Autoren schließen mit folgenden weitgreifenden Sätzen das Werk ab: "Über die autobiographischen Darstellungen dieser spezifischen sozialen Gruppierung lassen sich also nicht nur deren eigene besondere mentale Dispositionen, sondern auch die innere Verfasstheit der Gesamtgesellschaft und ihrer geschichtlichen Genese rekonstruieren. Erst das Erfassen bestimmter Kontinuitäten über politische Systemwechsel hinweg erlaubt es, sie zu überdenken und gegebenenfalls außer Kraft zu setzten. Die historische Perspektive legt frei, wie es zu aktuellen Strukturbarrieren gekommen ist, und deutet zumindest ansatzweise an, was noch gesehen müsste" (S. 441).

Diskussion

Peter Alheit und Frank Schömer gelingt mit "Der Aufsteiger" eine lesenswerte und anregende Lektüre, die soziologisch, historisch und literaturwissenschaftlich fundiert ist und darüber hinaus auch für "Einsteiger" zugänglich ist. Ganz besonders sei es jenen ans Herz gelegt, die sich in den Bereichen der Erziehung, Bildung und Sozialisation bewegen. Denn der gesellschaftliche Aufstieg wird in einer Zeit, in der nur noch von "Schulversagern", "Risikogruppen", "Erziehungsnotstand", "Bildungsmisere", "Bildungsarmut" usw. die Rede ist, von besonderer Bedeutung. Ein Verständnis davon, was es für den Einzelnen heißt, den Weg nach oben zu wagen, ist unverzichtbar, nicht nur um Aufsteigende zu unterstützen, sondern ebenso um nachvollziehen zu können, warum sich häufig erst gar kein Aufstiegswille entwickelt. Der induktive Zugang dieser Studie ermöglicht genau solche Einsichten.

Fazit

Mit dieser Studie wird erstens ein bedeutender wissenschaftlicher Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung von Chancen geleitstet und zweitens ein interdisziplinärer methodischer Zugang profiliert, der ausdrücklich zum Nachahmen empfohlen werden kann.


Rezensent
Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani
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Zitiervorschlag
Aladin El-Mafaalani. Rezension vom 18.03.2010 zu: Peter Alheit, Frank Schömer: Der Aufsteiger. Autobiographische Zeugnisse zu einem Prototypen der Moderne von 1800 bis heute. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-593-38857-1. Reihe: "Biographie- und Lebensweltforschung" des Interuniversitären Netzwerkes Biographie- und Lebensweltforschung (INBL. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8186.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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