Michael Schabdach: Soziale Konstruktionen des Drogenkonsums und soziale Arbeit
Michael Schabdach: Soziale Konstruktionen des Drogenkonsums und soziale Arbeit. Historische Dimensionen und aktuelle Entwicklungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 283 Seiten. ISBN 978-3-531-16752-7. 39,90 EUR.
Reihe: Perspektiven kritischer sozialer Arbeit - Band 7.
Autor
Michael Schabdach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Forschungsprojekt „Herbartianismus und Sozialpädagogik“ an der PH Freiburg.
Thema
Bei allen Diskussionen um Drogenkonsum, -missbrauch und –abhängigkeit, einschließlich präventiver Konzepte, wird auf die sattsam bekannte „Trias der Drogenabhängigkeit“ mit ihren Variablen Droge, Person und Umwelt/Gesellschaft verwiesen, meist auch noch auf die interdependenten Zusammenhänge dieser drei Faktorenbündel.
Zu den „alten“ und „neuen“ Drogen gibt es viele Erkenntnisse aus der naturwissenschaftlichen Forschung, welche Droge auf Grund welcher chemischen Zusammensetzung wie wirkt, welche speziellen Nebeneffekte – Abhängigkeitspotential z.B. - auftreten können und welche körperlichen, psychischen und sozialen Konsequenzen bei der untersuchten Droge beim Konsum vermutet werden können. Diese Kenntnisse haben – missverstanden – in der Praxis nicht selten zur Mythenbildung beigetragen, wie z.B., dass aufgrund der Potenz von Heroin eine einzige Zufuhr zur sofortigen Abhängigkeit führt.
Neben der chemischen Komposition und Produktion, die heute zum Teil abenteuerlich sind, gerät auch – berechtigter Weise - die Person der Konsumenten ins Blickfeld theoretischer und therapeutischer Überlegungen. Hier haben die Psychologie, die Medizin/Psychiatrie – einschließlich ihrer ICD-10 – Normierungen – und die Soziale Arbeit ihren Schwerpunkt, wenn dabei zum Teil – zumindest von der Letztgenannten - auch primäre Netzwerke mit einbezogen werden. Die Bedeutung der Variablen Droge und Person zu leugnen wäre Unfug. Die Diskussion allein auf diese beiden Aspekte zu verlegen verstößt allerdings gegen die Regeln theoretischen Denkens.
Die dritte Variable der erwähnten Trias hat gesellschaftliche Strukturen und Prozesse zum Gegenstand: Werte, Normen, Soziale Kontrollmechanismen, Schichtung, Ökonomie, Ökologie, lebensweltliche Zusammenhänge mit ihrer Lebensstile prägenden Macht. Deren Bedeutung als Basis menschlichen Seins und hier auch des Drogenkonsums wird (wohl) in theoretischen Konzepten niemand bestreiten, dennoch klafft bezüglich der Sozialen Arbeit eine tiefe Kluft zwischen erkennender (soziologischer) Theorie und der Praxis der Sozialen Arbeit. In Konzeptionen der Sozialen Arbeit (lebensweltorientierte, kritisch-emanzipatorische …) wird zwar gerne das gesellschaftsverändernde Potential dieser Profession eingefordert, das „Wie?“ bleibt aber weitestgehend ungeklärt, ebenso die Frage nach differenzierten Inhalten der „Gesellschaftsveränderung“: Evolution oder Revolution? Mesosoziale oder auch makrosoziale Netzwerke?
Aufbau und ausgewählte Inhalte
Bei der dritten der genannten Variablen setzt Michael Schabdach in seiner Arbeit an, fokussiert auf die wissenssoziologische Fragestellung der „Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“ (Berger und Luckmann) und eben auch des Drogenkonsums im Rahmen unterschiedlicher historischer und sozial-kultureller Konstellationen. Dies auch mit dem Ziel, Grundlagen für eine kritisch-reflexive Soziale Arbeit zu entwickeln.
Der Autor macht es dem interessierten Leser dabei allerdings nicht leicht „bei der Stange zu bleiben“ durch eine ausgedehnte Informationsvielfalt, deren Einzelheiten noch dazu mit einem überbordenden Fülle von Zitaten und Verweisen auf anderer Autoren versehen sind. Der „Kompass“, der durch die historischen Zeiten hindurch die Richtung weist, ist allerdings eindeutig: Soziale Kontrolle, gesellschaftliche Schichtung, Konstruktivismus, Stigmatheorie, Labeling Approach und kritische Theorie. Damit führt Michael Schabdach den Leser reflektierend über 600 Jahre vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert nach dem Modell: Welche Definitionsmächtigen bestimmen in welchen gesellschaftlichen Ordnungen (auch) wie der Drogenkonsum und in Abhängigkeit davon die Drogenkonsumenten (schichtdifferenziert und subkulturell) gesehen werden (dürfen) und über welche Prozesse deren Verhalten im Sinne eben dieser Definitionen festgelegt wird. Drogenabhängigkeit – einschließlich der gesellschaftlichen Reaktionen – ist damit eine Schöpfung soziokultureller Kategorisierungprozesse, wobei dies keine unilineare Zuschreibung ist, sondern deren Reifikation im Sinne der gesellschaftlichen Konstruktion Erzeugnis menschlichen Handelns. (Etwa auch im Sinne der Interdependenz soziogenetischer und psychogenetischer Prozesse (Elias)).
In jedem der 9 Kapitel des Buches – mit Ausnahme des 9., bei dem es um die Transformation in die Soziale Arbeit geht – setzt sich Michael Schabdach sehr differenziert und fast hyperinformativ mit den jeweiligen Themen auseinander, so dass im Weiteren nur stichpunktartig und damit verkürzend verfahren werden kann.
Das erste Kapitel gibt eine kurze Einführung in die theoretischen Grundlagen, nämlich Drogenkonsum und Sucht aus einer wissenssoziologischen Perspektive heraus zu reflektieren – als Kurzfassung: „Wirklichkeit“ ist das Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, sie ist eine gesellschaftliche Konstruktion. Die Identität des Menschen wird dann auch zu einer historisch konstruierten abhängigen Größe kultureller Kontexte. „Suchtkrankheit“ ist das Resultat soziokultureller Definitionsprozesse. Drogenabhängigkeit signalisiert je nach definierter Normalität u.U. einen Verstoß gegenüber gesellschaftlichen Erwartungen. Jeder Bewältigungsversuch (bestrafend, therapeutisch, sozialpädagogisch …) signalisiert eine Form der sozialen Kontrolle.
Das zweite Kapitel spannt einen weiten Bogen bezüglich Drogenkonsum und soziale Kontrolle vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Im „Mittelalter“ war aufgrund der aus heutiger Sicht geringen Trieb- und Affektkontrolle allgemein der Alkoholkonsum einschließlich des Rausches kein besonderer Anlass für eine strenge soziale Kontrolle, er war Alltag als Genuss- und auch als bedeutsames Nahrungsmittel (z.B. Biersuppe) sowie als weit verbreitetes Heilmittel. Das Trinken hatte zudem kollektiven Charakter („Gelage“…), was zugleich einem individualistischen Konsum/Missbrauch vorbeugte. Exzessives Trinken wurde aber später durch die Idee des „rechten Maßes“, das von den Klöstern ausgehend, Eingang in die weltliche Oberschicht fand, negativ bewertet. Im 15./16. Jahrhundert mit dem beginnenden „Prozess der Zivilisation“ (Elias) und dem Übergang zur Moderne wandelt sich – „Rationalisierung der Lebensführung“ (Weber), Reformation – die Sicht auf den Alkoholkonsum. Nun sind Affektkontrolle und Nüchternheit vorrangig, Verstöße führen über Stigmatisierung – Willensschwäche, Sünde - zur Ausgrenzung der „Übeltäter“. Für die gehobene Bürgerschicht wurden neue, kulturfremde Drogen (Kaffee, Tee, Tabak) nach anfänglicher Ablehnung voll akzeptiert und deren kollektiver Konsum (Kaffeehäuser …) Ort wirtschaftlichen, politischen und sozialen Austausches. Im Absolutismus wird die Idee propagiert, dass das Wohl des Einzelnen dem Wohl des Staates dient. Damit verbunden ist die Disziplinierung, notfalls in Zucht- und Arbeitshäusern (Strafe und Erziehung). Parallel dazu entwickeln sich Vorstellungen von „gesund“ und „krank“, „normal“ und „abweichend“, die dann über medizinische Definitionen zum Drogenkonsum bis heute den Diskurs bestimmen (Kapitel 3) bzw. über wohlfahrtstaatliche Unterstützung und Resozialisierung die „Normalisierung“ aller Gesellschaftsmitglieder bewirken wollen (Kap. 4).
Das dritten Kapitel beschäftigt sich mit der Konstruktion von Sucht als Krankheit im medizinisch-psychiatrischen Diskurs der Moderne. Das Konzept der Suchtkrankheit, das bis ins 21. Jahrhundert hinein die Sicht auf Drogenkonsumenten als krank und daher als behandlungsbedürftig festlegt, verfestigt sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Es wurden u.a. folgende Begriffe geboren: „Trunksucht“ im Sinne eines unwiderstehlichen Verlangens nach abhängig (körperlich und /oder psychisch) machenden Substanzen, „Kontrollverlust“, „Entzugserscheinungen“ … mit dem Therapieziel „Abstinenz“. Zudem entstand in dieser Zeitspanne die verhängnisvolle Verbindung zwischen der Entwicklung der Abstammungslehre/Darwinismus mit dem Konsum von Drogen, die kausal-genetische Begründungen – Alkohol als Keimgift … - auslöste, die es dann ermöglichten, Alkoholiker als entartet, als Psychopathen zu diffamieren. Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Krankheitsmodell „Trunksucht“ auf weitere Drogen übertragen: Morphin, Kokain… .
Das vierte Kapitel ist der „Erfindung des Sozialen“ gewidmet. Die Folgen der Industrialisierung („Pauperismus“ …) führten zu erheblichen sozialen Missständen, die die „Soziale Frage“ nach sich zog. Nöte einzelner Menschen wurden als soziale Probleme gedeutet und führten dazu, dass Sicherungssysteme entwickelt wurden: Genossenschaftswesen, beginnend Gewerkschaften, Sozialgesetzgebung (Krankenversicherung, Unfallversicherung …). Das Ziel war, im Sinne einer Normalisierung die Behandlung und Resozialisierung gefährdeter/leidender und gefährdender (!) Gruppen zu bewältigen: Hilfe und Kontrolle (mit der Folge, dass die Unterdrückten für ihre Unterdrückung noch dankbar sind („Mystifizierung“ Marx)). Sozialintegration in diesem Sinne ist jedoch veränderungsresistent, der Status quo bleibt erhalten. Hinter alldem steht auch der Fortschrittsglaube (Aufklärung, Naturwissenschaft …), dass auch gesellschaftliche Risiken durch gezielte Maßnahmen (Risikobewältigung) oder zumindest sozial verträglich gemildert werden können (Risikomanagement der Versicherungen).
Drogenkonsum und soziale Kontrolle im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts sind die Themen des fünften Kapitels. Eine Risikobewältigung, mit dem globalen Ziel einer drogenfreien Gesellschaft setzt eine Typologie des Drogenkonsums und der Drogenkonsumenten, sowie Erkenntnisse zum Drogenmissbrauch/-abhängigkeit und zu Verfahren der Rückführung zu einem normgerechten Verhalten (Prinzip der Normalisierung in Richtung der vorherrschenden Lebensstile) voraus. Drogenkonsum wird zum abweichenden Verhalten, das irgendwo zwischen Kriminalität und Krankheit liegt. Drogenkonsumenten werden so die Rolle und der Status eines Menschen mit den Adjektiven deviant, abartig, krankhaft, abnorm, pathologisch, gefährlich … zugeordnet. Verfahren der Normalisierungsversuche orientieren sich dementsprechend an Therapie, Rehabilitation und der vollen gesellschaftlichen Teilhabe. Den Hintergrund für diese Entwicklung (s. auch Kap.3) bilden Erklärungsmodelle, die entweder über ihre (gefährliche) chemische Zusammensetzung zwangsläufig – Virusvorstellung - eine Suchterkrankung auslösen oder als Gegenmodell werden psychische Dispositionen angenommen, die für einen Drogenkonsum determinierend sind („Suchtpersönlichkeit“), dies ergänzt durch determinierende Faktoren aus dem sozialen Umfeld (soziale Genese). Die Auswirkung dieser Modelle ist immer die gleiche: Eine Diskriminierung der Gruppe der Drogenkonsumenten - mit den eben genannt Zuschreibungen - von der der „Normalen“. Dieser Gruppenbezug weist auch darauf hin, dass individuelle Probleme von Sozialen Problemen zu unterscheiden sind, um deren sozialen Konstruktionen (Problemgenese) auf die Spur zu kommen: gesellschaftliche Definitionen, kollektive Akteure, Interessengruppen, öffentliche Problematisierung/Massenmedien, „moralische Unternehmer“ (H. Becker) … .
Über strafrechtlich Definitionen wurde im 20. Jahrhundert über juristische – nicht pharmakologische - Aspekte die Unterscheidung zwischen legalen („Genussmittel“) und illegalen („Rauschgift“) Drogen eingeführt, wobei der Konsum der letztgenannten zwangsläufig als „Missbrauch“ gekennzeichnet wurde. Die Folge war eine Kriminalisierung der Konsumenten illegaler Drogen. Eine repressive Drogenpolitik setzte sich 1971 mit der Einführung des Betäubungsmittelgesetzes durch. Dies auch als Folge eines zunehmenden Substanzgebrauchs und vor allem durch das Aufscheinen eines widerständigen, Anstoß erregenden „neuen Konsumententyps“- Jugendliche im Kontext der Studenten- und Hippiebewegung. Im Gefolge davon und in Verbindung mit wissenschaftlichen und massenmedialen Unternehmungen kam es dann zu einem forcierten Ausbau des Drogenhilfesystems, die dem Paradigma der Drogenabstinenz verpflichtet war.
Das 6. Kapitel kennzeichnet den „Niedergang des Rehabilitationsideals“ seit den 1970er Jahren. Das Ideal der Wiedereingliederung in die gesellschaftliche Normalität wird seit den 1970er Jahren zunehmend hinterfragt und kritisiert. Es wird angezweifelt, inwiefern die bisherigen Behandlungsmodelle effektiv und effizient sind, ebenso wird die Frage nach der wissenschaftlichen Bewährtheit theoretischer Konzepte zum abweichenden Verhalten gestellt und ein Paradigmenwechsel angedacht. Soziokulturelle und ökonomisch Veränderungen verstärken diesen Prozess. Es wird dabei die Vorstellung infrage gestellt, dass soziale Probleme durch staatliche Interventionsstrategien global beseitigt werden können.
Den „Wohlfahrtsprofessionen“ (Experten aus Medizin, Psychiatrie, Psychologie, Soziale Arbeit) wird aufgrund z.B. der geringen Nachhaltigkeitseffekte, wie sie Rückfallstatistiken belegen, eine geringe Wirksamkeit bestätigt bzw. deren Behandlungsmodelle auf der Grundlage einer Abstinenzorientierung kritisiert. Der Labeling Approach und die Stigmatheorie der kritischen Kriminologie ziehen eine Veränderung der Sichtweise auch auf den Drogenkonsum nach sich. Normen und Werte werden als Produkt des Interessehandelns durchsetzungsfähiger gesellschaftlicher Gruppen erkannt, u.a. mit den Folgen, dass eine Andersartigkeit von „Abweichenden“ von „Normalen“ behauptet wird. Nach der „neuen“ Sicht ist abweichendes Verhalten zumindest in bestimmten Grenzen normal, das eigentliche Problem sind die offiziellen Reaktionen und formelle und informelle Kontrollmechanismen, die die Abweichung erst hervorrufen. Das müsste dann auch eine Forderung nach einer neuen Drogenpolitik auslösen, die die Bedeutungszuschreibungen und sozialen Lernprozesse in soziokulturellen Konstellationen in den Vordergrund stellen. Die „alte“ - aber noch gültige – Drogenpolitik unterliegt einem Modell des Circulus vitiosus, indem Klienten und Experten der Drogenhilfe sich wechselseitig in dem medizinisch und psychologisch ausgerichteten Modell und dem Bild von Drogenkonsumenten (abweichend, krank, verelendet …) der traditionellen Drogenforschung und Drogentherapie bestätigen. Der Status quo bleibt daher unangetastet.
Soziokulturelle und ökonomische Transformationsprozesse (individualistische Ethik, Pluralisierung der Lebensformen und –stile, Prekarität …) machen das, was als Normalität bezeichnet werden könnte, unsicher. Die Berechtigung einer nur auf Inklusion zielenden Sozialpolitik wird dadurch in weiten Bereichen aber unangemessen. Für die Soziale Arbeit hat dies Konsequenzen, sie könnte einerseits – z.B. durch fehlende Arbeitsplätze – von der Idee der Inklusionsvermittlung ausschließlich zur Verwaltung von Exklusion ausarten oder aber in der positiveren Variante ihren Arbeitsauftrag erweiten in Richtung einer alle gesellschaftlichen Gruppierungen umfassenden Angebote (z.B. Prävention). Damit mildert sie gleichzeitig den Vorwurf, ein nur reaktives System mit ausgeprägter Kontrollfunktion zu sein.
Die „Restrukturierung des Sozialen“ durch neoliberale Rationalitäten ist Gegenstand der Diskussion im 7. Kapitel. Wenn die im 6. Kapitel beschriebenen Prozesse stattfinden, dann stellt sich die Frage, durch welche weiteren Kontrollmechanismen sie ergänzt wurden bzw. welche gesellschaftlichen Erwartungen und Ansprüche und Forderungen an die Gesellschaftsmitglieder gestellt werden. Die Antwort: die fortschreitende Ökonomisierung führt vom vorsorgenden Wohlfahrtsstaat zum „aktivierenden Staat“ mit seinen Anforderungen an die Selbsthilfepotentiale der Bürger. Es wird ein „neues“ egozentrisches Menschenbild (flexibel, selbstbestimmt, initiativ, eigenverantwortlich …) entworfen mit dem Fokus „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das Lösen sozialer Risiken wird von der Hilfe durch den Wohlfahrtstaat in die private Verantwortung Einzelner oder hauptsächlich auch mikrosozialer Netzwerke übertragen. Das heißt, Menschen, die diese Aufgaben nicht erfüllen wollen oder nicht erfüllen können, fallen aus der gesellschaftlichen Ordnung heraus im Sinne eines „Entweder-oder“. Aus „Opfern sozialer Verhältnisse“ werden Täter, die an ihrer Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheit als Inaktive selbst Schuld sind. Sie sind die neuen Abweichenden in einem aktivierenden Staat, der unterstellt, dass alle Gesellschaftsmitglieder die gleichen Fähigkeiten und Chancen für ihr Fortkommen haben (Egalitarismus). Die Selbstorganisation bezüglich der Erwerbsarbeit und der Daseinsvorsorge wird zum neuen normativen Leitbild.
Das 8. Kapitel markiert die Wege des Drogenkonsums und der sozialen Kontrolle im 21. Jahrhundert. Durch die gesellschaftlichen Veränderungen (in der Spätmoderne) haben sich auch diverse neue Kontrollformen entwickelt: eine, die auf gesellschaftlich Integrierte mit ihren privaten Ressourcen zielt und die nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip handeln (wenn es mir etwas bringt, bin ich auch einwenig kriminell) und eine, die exkludierend marginalisierte Gruppen im Blick hat. Ein Sicherheitsproblem für die erste Gruppe kann sich dadurch ergeben, dass die Normalität als Vorstufe zur Kriminalität wird und dadurch werden im Grunde alle Bevölkerungsgruppen verdächtig. Proaktive Initiativen ergänzen dann reaktive Maßnahmen, was heißt, den Fokus auf die Täterrolle zu verlassen und auf mögliche zukünftige Opfer zu verlegen. Das heißt auch – siehe 6. -, privat vorbeugend das Opferrisiko zu minimieren (Versicherungen, Alarmanlagen …). Wer dies nicht leisten kann ist selbst Schuld. Andererseits heißt dies auch, als gefährlich erscheinende „Tätergruppen“ zu eruieren und als Sicherheitsrisiko abzusondern (Gefängnisse, Psychiatrie, Abschiebung …). Rehabilitation und Integration – das „alte“ Modell – sind passé, Gefahrenabwehr und Kontrolle sind up-to-date. Übertragen auf den Drogenbereich, sollen Individuen durch Suchtpräventionsmaßnahmen befähigt werden, mögliche Risiken des Drogenkonsums initiativ und selbstbestimmt zu regulieren. Gleichzeitig entstanden Einrichtungen der akzeptierenden Drogenarbeit – als Gegenmodell zur abstinenzorientierten Drogenarbeit – für marginalisierte Konsumenten.
Den Anstoß für ein Umdenken, das im Endeffekt zu einem Ergebnis führte, das mit Begriffen wie Saver Use, Niedrigschwelligkeit, Substitutionsbehandlung, risikoärmerer Konsum bis hin zu Akzeptanz des Drogenkonsum als Teil eines Lebensstils (bei Alkohol ja normal) sowie Modellversuche der Heroin- und Cannabisvergabe umschrieben wird. Zu diesen Veränderungen haben u.a. das Thema „Ais und Drogen“ und das Aufkommen von „Ectasy“ und diverser „Designerdrogen“ beigetragen. HIV-Infektionen in den Drogenszenen haben die Angst vor einer sich ausbreitenden allgemeinen Gefährdung geschürt und gleichzeitig deutlich gemacht, dass eine Prohibitionspolitik alleine ganz offensichtlich keinen Schutz bietet. Die „neuen“ Konsumenten leistungssteigender Drogen entsprachen so gar nicht mehr dem Bild der „alten“ Konsumenten (abgestumpft, ständig betäubt, willenlos abhängig, krank …). Dieser neue – jugendliche - Konsumententyp war offenbar fähig zu einem kontrollierten und sozial integrierten Konsum (Wochenend- und Feiertagskonsum, Partykultur …), der bezüglich der Selbstdarstellung einen hohen Wert besitzt. So kann dieser Konsum auch als ein zeitlich und örtlich begrenztes jugendspezifisches Übergangsphänomen („interlinking-sphere“ (Eisenstadt)) gedeutet werden und eine gewisse Normalität der Persönlichkeitsentwicklung darstellen, wenn auch nicht bei allen Jugendlichen eine positive (“Problemkonsumenten“). Um u.a. eine negative Entwicklung möglichst zu vermeiden, nehmen suchtpräventive Maßnahmen in der Drogenpolitik einen hohen Stellenwert ein. „Drogenmündigkeit“ und „Risikokompetenz“ sind dann auch erstrebenswerte Ziele der Erziehung, um Jugendliche zu befähigen, selbst zu entscheiden, wann, wo und mit wem sie wie welche Drogen konsumieren wollen, bzw. darauf zu verzichten. Bei einem kritischen, auf Kontrolle fokussierten Blick, zeigt sich aber doch, dass auch im Rahmen der Präventionsbemühungen eine neue Form der Kontrolle sichtbar wird. Die Verantwortung für ein Scheitern wird den einzelnen Individuen aufgebürdet, weil sie den normativen Präventionszielen (Autonomie …) nicht gerecht wurden. Bei den Präventionskonzepten geht es darum, eine vorab definierte Normalität für die Zukunft zu bewirken, indem in der Gegenwart versucht wird, vermutete spätere problematische Verläufe zu verhindern. So bleiben diese Modelle im Grunde defizitorientiert, vor allem dann, wenn „Riskofaktoren“ als unilinear ursächlich für zukünftiges Geschehen (abweichendes Verhalten) gesammelt werden, die dann die Grundlage für Präventionsbemühungen bilden sollen. Präventives Handeln ist (wie immer im menschlichen Leben) nur über probabilistische Thesenbildungen sinnvoll, bei denen Risikofaktoren und protektive Faktoren mit einbezogen werden, dies immer in der Gewissheit der Kontingenz – es könnte auch anders sein.
Parallel zur Institutionalisierung von Präventionsbemühungen zeigt sich eine Entwicklung, als gefährlich erlebte Bevölkerungsgruppen zu kontrollieren und gleichzeitig aus dem Gesichtfeld der „Normalen“ verschwinden zu lassen. Neben dem Gefängnis betrifft diese Exklusion auch die akzeptierende Drogenarbeit. Das Unsichtbarmachen von Erscheinungen wie Drogenszenen oder störenden Verhaltensweisen wie Betteln wird durch räumliche Ausgrenzung ermöglicht. Es geht primär eigentlich gar nicht mehr um die Kontrolle einzelner Personen sondern um die grenzziehende Überwachung bestimmter zugewiesener überschaubarer Räume. Das mag positiv schützend für Villenviertel zutreffen, ausschließend für Armutsviertel. Die Einrichtungen für eine akzeptierende Drogenarbeit finden so auch vielfach in den Außenbezirken einer Stadt ihren Ort. Drogenpolitik erhält mit der Zustimmung zur akzeptierenden Drogenarbeit den Anstrich des Liberalen, ein Schritt aus den (geschützten) Räumen hat jedoch die sofortige Konsequenz einer relativ harten Bestrafung für die Konsumenten („Null Toleranz“).
Das 9. Kapitel beinhaltet als kurze Schlussbetrachtung eine Aufforderung an die Soziale Arbeit, die Erkenntnisse, die in diesem Buch erarbeitet und vorgestellt wurden, reflektierend mit einzubeziehen.
Diskussion
Michael Schabdach hat eine sehr engagierte Arbeit mit einer gewaltigen Fülle von Material vorgelegt, ein Buch, das nicht so nebenher gelesen werden kann, sondern in weiten Bereichen studiert werden muss. Es ist zu vermuten, dass es sich bei dieser Arbeit um eine Dissertationsveröffentlichung – nur ja nichts übersehen! - handelt(?). Das wissenssoziologische Credo, dass Wirklichkeit ein Konstrukt gesellschaftlicher normierender Definitionen ist - auch bezüglich Drogenkonsum -, ist nicht neu, wird hier aber - historisch bezogen - vehement vertreten. Der Autor hält sich zwar überzeugend, manchmal auch fast fixiert, an sein Thema, verzichtet mit dem Blick durch die Brille „Soziale Kontrolle“ aber leider darauf, Gegenpositionen nicht nur mit einem Satz zu erwähnen, sondern angemessen zu reflektieren. Wissenschaften als soziale Konstruktionen neigen gerne durch ihre Protagonisten dazu, andere Wissenschaften oder Theoriesysteme kontrollierend auszugrenzen.
Es ist im Endeffekt eine ärgerliche Arbeit, weil sie – störend - den Leser auffordert, die eigenen eingefahrenen Denkweisen zu überprüfen und einen Blick hinter die Kulissen zu wagen, was manchmal recht lästig sein kann, wenn die „eigenen Wahrheiten“ infrage gestellt werden. Das ist ein ganz großer Vorteil dieser Arbeit.
Es ist aber auch eine ärgerliche Arbeit, die zu lesen durch die Überfülle und Aneinanderreihung von Informationen und einer fast „manisch“ anmutenden Zahl von Zitaten den Leser – vielleicht aber auch nur den Rezensenten – nahezu „depressiv“ werden lässt. Hier wäre eine „straffere“ Argumentation hilfreich gewesen, die die eigenständige Meinung des Autors – ohne die vielen Belege – besser zum Vorschein gebracht hätte. Eine leserfreundlichere Gliederung wäre ebenfalls sehr hilfreich, damit würden sich auch die vielen Wiederholungen vermeiden lassen.
Die vielfältigen Inhalte reizen dazu, die einzelnen Punkte kritisch anregend zu hinterfragen. Aus der möglichen Vielzahl sollen im Folgenden wenigstens noch einige Punkte inhaltliche infrage gestellt werden:
Manches bleibt leider sehr undifferenziert. Die „Wohlfahrtsprofessionen“ Medizin, Psychotherapie, Soziale Arbeit … als Kontrollorgane weitgehend undifferenziert in einen Topf zu werfen und ohne die Ansätze der einzelne Professionen - die Psychotherapie und die Soziale Arbeit gibt es nicht – in ihrer Qualität bezüglich Hilfe und Kontrolle unterscheidend zu untersuchen, wird deren Bedeutung nicht gerecht. Dies gilt auch für die einfach so hingeschriebene und nicht differenziert begründete Abwertung von handlungsleitenden Konzepten wie dem „Empowerment“ (S. 255). Was ist denn „Empowerment“ überhaupt? Dadurch wird die Überzeugungskraft des eigenen Ansatzes gemindert. Dies ebenso, wenn – diesmal überdifferenziert - immer wieder und immer noch einmal auf Autoren mit langen Zitaten zurückgegriffen wird, die teilweise noch dazu keine bedeutsamen Anregungen geben. Das Zitat von Zygmunt Bauman z.B. (Seite 226) gibt lediglich eine allgemein verbreitete populistische Formulierung zu „Armut“ wieder, die weit hinter dem heutigen Stand der Diskussion zurückfällt. …
Wie anfangs der Rezension schon erwähnt, wird in Konzeptionen der Sozialen Arbeit (lebensweltorientierte, kritisch-emanzipatorische …) zwar gerne das gesellschaftsverändernde Potential dieser Profession eingefordert, das „Wie?“ bleibt aber weitestgehend ungeklärt, ebenso die Frage nach differenzierten Inhalten der „Gesellschaftsveränderung“. Wenn im Titel dieses Buches „ … und Soziale Arbeit“ angekündigt wird, dann sind die paar Seiten „Plädoyer für eine kritisch-reflexive Soziale Arbeit“ und auch die im Text kurz erwähnten Bezüge ungenügend. Wenn Soziale Arbeit ein Handlungsfeld ist (Seite 15 Anmerkung) dann fehlen wenigsten Hinweise, wie die Gedanken und Thesen zu einer kritisch–reflexiven Sozialen Arbeit umgesetzt werden könnten. Ansonsten bleibt es bei durchaus wertvollen soziologischen Überlegungen, die aber wenig hilfreich sind für die Akteure der Drogenhilfe, die ja als Kontrollorgan ausgemacht wurde. Ohne Operationalisierung der zugegebenermaßen interessanten Thesen und daraus abgeleiteten Umsetzung in methodisches Handeln bleibt es für die Praxis der Sozialen Arbeit unergiebig. Eine ganz „banale“ Frage: Was haben die Crack konsumierenden 15-jährigen Mädchen, die sich in Hamburg prostituieren, um Geld für ihre Drogen zu bekommen, davon, dass es zwar interessante theoretische Modelle gibt, die aber für eine Milderung ihres Elends wirkungslos bleiben?
Die Verengung der Diskussion auf „soziale Kontrolle“ in allen historischen Variationen („Mensch in der Gesellschaft“ (Berger)) führt in eine Einbahnstraße, wenn nicht auch die Thematik „Gesellschaft im Menschen“ (Berger) bedacht wird. Dies jedoch nicht nur in der Form, dass über Internalisierungsprozesse die gesellschaftlichen Strukturen zu Strukturen des Bewusstseins werden und bleiben, sondern eben auch in der Erkenntnis, dass Menschen auch widerständig sind und damit eine solche unilineare Vereinnahmung konterkarieren. Die in dieser Arbeit – als Kontrollinstrumente – pauschal sehr negativ bewerteten „Wohlfahrtsprofessionen“ unterstützen in mancher Ausprägung den Protest gegen normierende Anmutung ihrer Gesellschaft, fördern Selbstbestimmung und Aufstand gegen Stigmatisierungsversuche und werden dadurch zu „abweichenden“ Akteuren gesellschaftlicher Veränderung. Als Beispiel soll hier nur die Psychoanalyse genannt werden, die alles andere als den Status quo erhaltend ist, sondern gerade die menschliche Kraft betont und fördert, die es ermöglicht, selbstbestimmt je nach Situation sich zwischen den Anmutungen des „Über-Ich“ und des „Es“ zu entscheiden. Das „I“ (autonome Selbstdarstellung, Spontaneität, Kreativität, Selbstverwirklichung ) von G. H. Mead geht in die gleiche Richtung. In der Arbeit von Michael Schabdach wird dieser Aspekt ausgeblendet. Menschen erscheinen dort – überzogen – nur als Marionetten in einem gesellschaftlichen Gefängnis oder auch in die „Höhle“ Platons verbannt. Allgemein gilt doch auch (oder nicht?), dass Individuum und Gesellschaft zwei Seiten der gleichen Medaille sind, jedoch interdependent miteinander verknüpft. Darauf verweisen Max Weber im Besonderen oder auch – aus systemische Sicht – Maturana und Varela mit dem von Ciompi erweiterten Konzept einer reziproken strukturellen (sozialen) Koppelung: biologische, psychische und soziale Systeme unterliegen zwar organisatorisch ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten, beeinflussen sich aber in ihrer Struktur wechselseitig da, wo sie aufeinander wirken.
Michael Schabdach erliegt der „Kunst des Misstrauens“ (Nietzsche), was positiv aufklärend wirkt, negativ aber zu einer ausgeprägte Defizitorientierung führt – eine Orientierung, die er andererseits aber den Präventionskonzepten zum Vorwurf macht (z.B. Seite 211). Dies führt u.a. dazu, probabilistische Thesen zwar zu befürworten, aber nur auf Risikofaktoren zu beziehen und den protektiven Faktoren lediglich, wenn überhaupt als Anhängsel eine ausgleichende Funktion zuzuschreiben (S. 211). Da wird der wissenschaftstheoretische Begriff einer probabilistischen Thesenbildung verkannt, bei der es immer um ein interdependentes System von die Annahmen fördernden und diese hemmenden Faktoren in einem der Kontingenz unterworfenen Suchprozess geht. So entbehrt in diesem Zusammenhang auch die Behauptung, dass die präventive Praxis lediglich Risikomanagement sei, also nicht mehr Individuen gesehen werden, sondern nur noch ein Sammelsurium von Risikofaktoren – freundlich formuliert – jeglicher Realität. Wenn z.B. in Grundschulen auf kindgerecht, spielerische Weise den Kindern die Möglichkeit geboten wird, in ihrer jetzigen Lebenswelt „Stress“ wahrzunehmen und zu lernen mit Stressituationen angemessen – weder selbst- noch fremdgefährdend – umzugehend, dann kann natürlich gleich wieder unterstellt werden, dass heimlich doch Risikofaktoren eruiert werden und damit einem solchen Vorhaben der Gesundheitsförderung – getarnt - doch eine kontrollierende Funktion anhaftet. Das heißt im Endeffekt, dass alle Präventionsvorhaben einem Generalverdacht unterworfen werden. Was tun? Präventionsfachkräfte als Büttel der Politik? Statt ständiges Misstrauen wäre hier vielleicht ein Vertrauensvorschuss hilfreich.
In diesem Zusammenhang sei auch auf die „Local-monitoring“-Studie zu Substanzkonsum und Suchtgefährdung bei Kindern und Jugendlichen von Schaunig/Klein: „Wissen, was los ist!“ hingewiesen (vgl. die Rezension vom 9.11.2009). Diese Untersuchung führt den Blick weg von mittelwertorientierten oder auch ideologieträchtigen Pauschalierungen hin zu einem Verständnis jugendlichen Suchtmittelkonsums, das sozialraumorientiert und differenziert auf die regionale Realität bezogen ist (hier Stadt Köln). Die Gestaltung präventiver Projekte ist daraus entsprechend den Bedürfnissen aller Akteure ableitbar.
Der Autor greift immer wieder mal auf kriminalpolitische Entwicklungen in den USA zurück, um dann zu schreiben, dass diese Aussagen für Deutschland „gleich Null“ sind (Privatisierung der Gefängnisse z.B.) (S. 226). Warum dann überhaupt? Interessanter wäre da schon die Erwähnung, vielleicht auch Diskussion, fast schon klassischer kulturanthropologischer und soziokultureller Untersuchungen teils schon aus den 1940er Jahren aus den USA zum Thema Gesellschaft und Alkoholkonsum gewesen, z.B. zu vorherrschende Einstellung (Bales) dem Alkoholkonsum gegenüber in unterschiedlichen Kulturtypen (Pittman). Vor allem die soziofunktionale Perspektive (Bales, Bacon, Park) erbrachte viele auch heute noch bedenkenswerte Ergebnisse, auf die hier im einzelnen nicht eingegangen werden kann, die aber vielleicht doch ausführlicher in dieser Arbeit hätten erwähnt werden können, da es dabei auch um Stigmatisierung, Sanktionen und Exklusion geht.
Fazit
Mit diesen Anregungen und Kritikpunkten soll es jetzt sein Bewenden haben. Wer sich wegen der Themenformulierung „… und soziale Arbeit“ praktische Handreichungen erwartet, wird beim Lesen wohl nicht allzu lange durchhalten oder gleich zum Kapitel 9 ausweichen … um dann das Buch unverrichteter Dinge wegzulegen. Das wäre auch wiederum schade, da der Leser zwar seinen Wunsch nicht mühelos erfüllt bekommt, ihn sich aber durch ein intensives Studium des Buches vielleicht selbst erfüllen könnte. Der spezifische Blick hinter die Kulissen einer Profession müsste ja eigentlich anregen, auch das eigene Handeln zu reflektieren und noch nicht erkannte neue Möglichkeiten zu entdecken und innovativ zumindest probehalber umzusetzen, dies aber in kritischer Auseinandersetzung mit den Inhalten der Arbeit von Michael Schabdach. Also, für theoretisch interessierte Praktiker der Drogenhilfe in ihren unterschiedlichen Facetten ist dieses Buch grundsätzlich lesenswert, ebenso – je nach Qualität der Ausbildung – für Studierende der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit allgemein und speziell der Fächer Devianzpädagogik und psychiatriebezogene Sozialpädagogik. Eine kompaktere Strukturierung – vielleicht in eine Überarbeitung? – wäre hilfreich.
Rezensent
Prof. Dr. Franz Stimmer
Leuphana Universität Lüneburg, Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften
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Zitiervorschlag
Franz Stimmer. Rezension vom 01.07.2010 zu: Michael Schabdach: Soziale Konstruktionen des Drogenkonsums und soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 283 Seiten. ISBN 978-3-531-16752-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8225.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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