Barbara Bräutigam: Die Heilungskräfte des starken Wanja
Barbara Bräutigam: Die Heilungskräfte des starken Wanja. Kinder- und Jugendliteratur in der Beratung und Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Vandenhoeck und Ruprecht (Göttingen) 2009. 186 Seiten. ISBN 978-3-525-40202-3. 19,90 EUR.
Autorin
- 1969 in Berlin geboren.
- 1989-94: Studium der Psychologie und Philosophie in Berlin.
- 1995: Diplom. Fünfmonatiges Gesangsstudium am Konservatorium in Moskau.
- 1996-2000: Familientherapieausbildung für Systematische Therapie in Heidelberg.
- 1999: Approbation als psychologische Psychotherapeutin.
- 2000: Promotion zur therapeutischen Behandlung von Kindern verfolgter Eltern an der FU Berlin.
- 2000-2003: Ausbildung zur integrativen Kinder- und Jugendpsychotherapeutin.
- 2003: Tätigkeit als Psychotherapeutin / Dozentin in der Charité Berlin.
- 2005-2006: Lehrtätigkeit an der FH Frankfurt a. M. und an der FU Berlin.
- Seit 2007: Professorin für Psychologie und Jugendarbeit an der Hochschule Neubrandenburg.
- 2008: Habilitation zum Thema Kinder- und Jugendliteratur als Medium in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen an der FU Berlin.
Barbara Bräutigam ist verheiratet und hat zwei Töchter (geboren 2003 und 2007).
Lieferbarer Titel
Barbara Bräutigam: Der ungelöste Schmerz. Perspektiven und Schwierigkeiten in der therapeutischen Arbeit mit Kindern verfolgter Menschen. Gießen: Psychosozial Verlag 2000.
Bibliotherapie, Kinder- und Jugendliteratur in der therapeutischen Arbeit
Das vorliegende Buch ist die „im Wesentlichen gekürzte und an einigen Stellen erweiterte Version“ einer Habilitationsschrift, die sich mit der Frage der Bibliotherapie bei Kindern und Jugendlichen – in den USA und in Skandinavien bereits gezielt eingesetzt, in Deutschland noch kaum verbreitet – beschäftigt. Eine Auswahl von zehn aus hundert guten Kinder- und Jugendbüchern wurde getroffen und 16 PsychotherapeutInnen gebeten, mit diesen Titeln bei ihren jungen KlientInnen zu experimentieren. Ausgehend von der Hypothese, dass eine nicht zu therapeutischen Zwecken verfasste Kinder- und Jugendliteratur im beraterisch-therapeutischen Kontext ein bisher brachliegendes Potenzial ist, soll hier nachgewiesen werden, dass durch Erzählen, Vorlesen und/oder Selberlesen die kindliche Phantasie, Empathiefähigkeit und Kreativität angeregt wird und die Dynamisierung emotionaler Prozesse zur Entwicklungsförderung und damit zum Heilungsprozess beitragen kann. Die Thematisierung elementarer Gefühle und Konflikte in der Kinder- und Jugendliteratur fördert den in der Psychotherapie angestrebten Prozess der Selbsterkenntnis durch die Widerspiegelung eigener Emotionen und Lebenskonflikte in denen der Roman-Protagonisten. Aktuelle Forschungsergebnisse beweisen, dass Bibliotherapie im klinischen Kontext bei unterschiedlichen Patientengruppen als sorgfältig eingebettete Teilstrategie im Gesamtbehandlungsplan bereits eingesetzt wird und auf indirekte Weise den Krankheitsverlauf durchaus günstig beeinflussen kann. Bibliotherapie bei Kindern und Jugendlichen, ebenfalls als Baustein in der Gesamtbehandlung, kann vor allem eine Brücke zu den Lebenswelten jugendlicher KlientInnen sein und ist darüber hinaus auch für die betroffenen Eltern eine Möglichkeit, sich in die Welt ihres Kindes einzufühlen, sich auseinanderzusetzen mit der kindlich-jugendlichen Sicht auf das Leben.
Nur am Rande wird hier das seit der PISA-Studie oft zitierte Problem der Lesekompetenz gestreift, wird erwähnt, dass die Lesesozialisationsforschung immer wieder die enge Verflechtung zwischen vor allem vorschulischer Lese(Vorlese)-Erfahrung im Elternhaus mit der späteren Lust am eigenen Leseerlebnis und der Entwicklung von Lesekompetenz betont.
Ein kurzer Abstecher in die Geschichte der moderneren Kinder- und Jugendliteratur vor allem in Deutschland zeigt uns deren Anfänge in den moralisierenden Exempelgeschichten eines Heinrich Campe am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Volks- und Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts einerseits, die Adoleszenzromane Anfang des 20. Jahrhunderts andererseits wie auch die phantastischen Geschichten (z. B. Peter Pan), Else Urys zehn Nesthäkchen-Bände und Erich Kästners Kinderromane führen uns hin zur bundesrepublikanischen Kinderliteratur und deren prominentesten Vertretern (Otfried Preußler, Michael Ende, James Krüss). Es schließen sich ab den 1970er Jahren die problemorientierten, realistischen Jugendromane an (Ursula Wölfl, Peter Härtling), aber auch die komischen Familienromane einer Christine Nöstlinger, Kirsten Boje oder Anne Fine. Im Aufschwung der phantastischen Jugendliteratur Mitte der 1990er Jahre spiegelt sich erneut die vielfältige Darstellungsweise kindlicher Lebenswelten, die zunehmend höhere Ansprüche an die Rezeptionsfähigkeit, an Symbolisierungs- und Imaginationsfähigkeit ihrer jugendlichen Leser stellt. Am Beispiel der häufig auch von Psychologen vereinnahmten Harry-Potter-Romane zeigt die Autorin, wie gut sich diese Romanfigur als Projektionsfläche für kindliche Wünsche und Konflikte eignet und den unterschiedlichsten Lesern eine Vielzahl von Identifikationsmöglichkeiten bietet.
Die ausgewählten Bücher
Einerseits ist für die Autorin bei der Auswahl der Bücher das Angebot einer Vielfalt von Textarten und Identifikationsfiguren ausschlaggebend gewesen, andererseits haben aber auch ganz persönliche Vorlieben eine Rolle gespielt, da ihr der eigene emotionale Zugang wie auch der der Experten wichtig war. Einer inhaltlichen Zusammenfassung der ausgewählten Titel folgt jeweils am Ende eine für den Therapeuten als Handreichung gedachte „mögliche Lesart“.
- Otfried Preußler: Die Abenteuer des starken Wanja. Die innere Wandlung des Helden vermittelt die unaufdringliche, aber therapeutisch wichtige Botschaft, dass „die Dinge ihre Zeit brauchen“.
- Christoph Hein: Das Wildpferd unterm Kachelofen. Ein phantastischer Roman aus der DDR, der Ähnlichkeiten mit Milnes „Winnie the Pooh“ aufweist und die Geschichte von Katinka und ihrem Wildpferd handeln lässt von großen Herzenswünschen, die anders in Erfüllung gehen, als man es sich anfangs vorgestellt hatte.
- Tove Jansson: Geschichten aus dem Mumintal. Zwei Kapitel aus den Geschichten der nilpferdartigen Muminfamilie. Das erste handelt von Kindern, die sich vorübergehend aus dem Leben zurückgezogen haben, aus dem Blickfeld ihrer Umwelt am liebsten verschwinden würden. Das andere zeigt im Schnupferich ein auf seine Autonomie bedachtes und sich schnell bedroht fühlendes Wesen, das sich durch die Beziehung zu anderen unfrei und belästigt fühlt.
- Uri Orlev: Das Tier in der Nacht. Der israelische Autor, Verfasser realistischer Kinderbücher mit phantastischen Elementen, erzählt hier die Geschichte eines kleinen Jungen, der mit Hilfe der Existenz eines berechenbaren, imaginären Gefährten eine Reihe schmerzhafter Veränderungen ertragen lernt, an denen er, wäre er mit ihnen allein gelassen, zerbrechen würde.
- Christine Nöstlinger: Konrad aus der Konservenbüchse. Das Buch beschäftigt sich auf lustvoll-witzige Art mit den Zwängen kindlicher und erwachsener Rollenerwartungen und vor allem mit den unterschiedlichen Vorstellungen von falschem und richtigem Benehmen, in denen sich Kinder oft schwer zurechtfinden.
- Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter. Die Geschichte einer innigen Vater-Tochter-Beziehung erzählt vom Prozess der allmählichen Entidealisierung geliebter Elternfiguren und ist gleichzeitig ein Plädoyer für eine pazifistische Welt.
- Tamara Bach: Marsmädchen. Das Buch schildert das Lebensgefühl eines an seiner Durchschnittlichkeit leidenden 15-jährigen Mädchens, das seinen Weg sucht zwischen Individuation und Integration in die Gemeinschaft, auch wenn es dazu eines Umwegs bedarf.
- Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix. Der 5. Band der Reihe zeigt den Helden, wie er mit Selbstzweifeln und dem Misstrauen gegenüber seiner Umwelt zu kämpfen hat und sich mit äußeren und verinnerlichten Autoritäten auseinandersetzen muss. Darüber hinaus beschreibt er die für die Adoleszenz typischen, schmerzhaften Gefühle der Desillusionierung und die schwer zu bewertende Mehrdeutigkeit von Personen und Dingen. Harry wird illusionsloser, unabhängiger und realistischer in seiner Selbsteinschätzung.
- Andreas Steinhöfel: Der mechanische Prinz. Thema ist hier das Trotz- und „Egalgefühl“ eines frühpubertierenden Jungen, der sich traurig auf die Suche nach seinem verlorenen Herzen macht.
- Nick Hornby: About a Boy. Der Roman schildert die typischen Erfahrungen von Kindern psychisch beeinträchtigter Eltern, erzählt von Ängsten und Wünschen beim Eingehen emotionaler Beziehungen und von der Suche nach dem Sinn des Lebens.
Auswertung der Experteninterviews
Das bibliotherapeutische Experiment umfasst zwei offene Experteninterviews im Abstand von 13 Monaten. 16 Experten (11 Frauen und 5 Männer), Ärztinnen, PsychologInnen, PädagogInnen haben an dem Experiment teilgenommen. Der erste Komplex der Experten-Interviews hat zum Inhalt die eigenen, ganz unterschiedlichen Erinnerungen an erste Leseerlebnisse und wichtige Begegnungen mit Kinder- und Jugendliteratur. Dabei stellt sich heraus, dass einige Experten das Vorlesen von Geschichten in der Therapie bereits erfolgreich nutzten. Der zweite Interviewkomplex berichtet sowohl von positiven als auch von negativen Erfahrungen beim Einsatz von Kinder- und Jugendliteratur in der Therapie. Jedem der ausgewählten Bücher wird sodann im Folgenden ein Negativ- und ein Positivbeispiel zugeordnet.
Zusammenfassung und Ausblick
Fruchtbar ist, so die Autorin, der Einsatz von Kinder- und Jugendliteratur in der Therapie besonders im Rahmen von Einzelsettings und bei noch fragilen Beziehungen zwischen Therapeut und Patient. Doch auch hier bewegt sich die therapeutisch-beraterische Arbeit auf dem schmalen Grat zwischen Rezeption und ablehnender Haltung des Patienten. Im Gruppensetting hingegen erweist es sich als deutlich leichter und lohnenswerter, mit Hilfe des Mediums Buch sich mit problemhaften Themen auseinanderzusetzen. Wünschenswert für die weitere Forschung wäre es außerdem, die Arbeit mit Kinder- und Jugendliteratur auch im familientherapeutischen Kontext einzuführen bzw. zu erforschen. Darüber hinaus sei es sinnvoll, die Einbeziehung anderer Medien, Filme, Fernsehserien und vor allem Computerspiele, den meisten Erwachsenen – Therapeuten – eher fremd, systematisch zu untersuchen, um vor allem den Lebenswelten der jugendlichen Klienten ein echtes Interesse zu signalisieren und dabei die Wahrnehmung jugendlicher Kompetenzen, die Wertschätzung partieller Überlegenheit der jugendlichen Klienten zu betonen und zu stärken. Dennoch bleibt der Vorteil des Mediums Buch dank seiner geringeren Bildhaftigkeit unbestritten, da es gegenüber anderen, modernen Medien den Reiz besitzt, die Phantasie der jugendlichen Klienten zu fördern und zu beleben und somit eigene, innere Bilder zu entwickeln.
Fazit
Der Rezensentin bleibt unverständlich, warum in diesem Buch (immerhin bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen) der Druckfehlerteufel so ungehindert sein Unwesen treiben durfte. Die Autorin hat diese Nachlässigkeiten gewiss nicht verdient, denn sie hat ein überzeugendes und vor allem anregendes Buch vorgelegt, das nicht nur in sensibler Weise wirbt für das Lesen von Büchern, sondern darüber hinaus auch schlüssig aufzeigt, wie vielseitig hilfreich Helden und Themen der Kinder- und Jugendliteratur für den Alltag des Psychologen und Psychotherapeuten sein können. Wir, die wir die Bücher lieben, haben es ja schon immer gewusst, dass in ihnen ein weit größeres Potential verborgen liegt, als das der Steigerung von Lesekompetenz und der Anregung von Phantasie. Sie sind darüber hinaus, und das vor allem beweist Barbara Bräutigam mit ihrem einfühlsamen Buch; „ein Instrument für verschüttete Seelen“.
Rezensentin
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 13.11.2009 zu: Barbara Bräutigam: Die Heilungskräfte des starken Wanja. Vandenhoeck und Ruprecht (Göttingen) 2009. 186 Seiten. ISBN 978-3-525-40202-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8232.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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