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Klaus Haberkern: Pflege in Europa

Cover Klaus Haberkern: Pflege in Europa. Familie und Wohlfahrtsstaat. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 172 Seiten. ISBN 978-3-531-16646-9. 29,90 EUR.

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Thema

Pflegebedürftigkeit und die Versorgung von hilfebedürftigen Menschen ist eine der zentralen Herausforderungen der Gegenwart und vor allem der Zukunft. In Deutschland waren laut Pflegestatistik 2009 im Jahr 2007 rund 2,25 Millionen Menschen als pflegebedürftig im Sinne der Definition des SGB XI eingestuft. Ältere Studien rechnen darüber hinaus mit mindestens 3 Millionen weiterer Personen, die Hilfebedürftig sind, aber keine Pflegestufe haben oder diese nicht beantragt haben. Mehr als zwei Drittel der eingestuften Pflegebedürftigen wird zuhause versorgt. Diese Versorgung wird teilweise alleine durch die Familie oder in Zusammenarbeit mit professionellen Pflegeanbietern gewährleistet. In der Gesamtheit betrachtet ist für Deutschland festzuhalten, dass die Familie der größte Pflegedienst der Bundesrepublik ist.

Die Problematik einer zunehmenden Versorgung älterer Menschen ist nicht nur demografiebedingt eine Herausforderung; sie stellt auch die Finanzierungsmodelle unterschiedlicher wohlfahrtsstaatlicher Konzepte vor gewaltige Herausforderungen. Vor allem aber ist Pflegebedürftigkeit nicht länderspezifisch oder regional zu betrachten. Sie ist ein europäisches Problem, so wie die geringer werdende Kapazität professionell Pflegender ein europäisches Problem ist. Mit Blick auf Europa spielen aber noch andere Unterschiede eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, Pflegebedürftigkeit und ihre Beantwortung umfassend zu diskutieren. Hier sind unterschiedliche Versorgungsstrukturen und –ausprägungen ebenso zu nennen, wie kulturelle Unterschiede, was die Übernahme der Verantwortung von Sorge um Pflegebedürftige betrifft. Vor dem Hintergrund der hier diskutierten Probleme und der komplexen Diskussionen, greift Haberkern ein zentrales gesellschaftliches und gesundheitliches Thema auf.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt eine verkürzte und aufbereitete Version der Dissertationsschrift dar.

Autor

Klaus Haberkern begann mit einem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Universität in Jena. Seine Vita führte ihn über den Diplomabschluss in Berlin zu einer wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle an der Universität in Zürich. Hier promovierte er mit dem vorliegenden Studienbericht am Soziologischen Institut. Er ist dort als Mitarbeiter in Forschung und Lehre tätig und publizierte zahlreiche Beiträge in Fachbüchern und in renommierten soziologischen Zeitschriften.

Aufbau und Inhalt

In sieben inhaltlichen Kapiteln gibt Haberkern einen guten und nachvollziehbaren Einblick in die Gesamtthematik. Mit ca. 150 inhaltlichen Seiten und zahlreichen Abbildungen ist diesen Buch in Hinblick auf die Gesamtkomplexität des Themas angenehm kurz gehalten. Das macht es vor allem für die interessant, die keine Zeit haben, sich über umfassende Literatur von Einzelstudien und deren Analyse einen eigenen Überblick zu verschaffen. Hier legt Haberkern eine komprimierte, strukturierte sowie kompetente Darstellung vor.

In den ersten vier Kapitel werden von Haberkern die zentralen Begriffe geklärt. Darüber hinaus führt er literaturgestützt in den Diskussionstand zu den Versorgungssystemen und den Hilfestrukturen ein. Im Anschluss stellt er kurz und prägnant die wesentlichen Unterschiede der in seinem Vergleich fokussierten Länder (Dänemark, Deutschland, Schweiz, Italien) vor. Die methodischen Ansätze seines Ländervergleichs, die von ihm verwendete europäisch geförderte Datenbasis (Share), die er sekundäranalytisch ausgewertet hat und seine Operationalisierung werden in einem vierten Kapitel beschrieben.

Im fünften Kapitel stehen die Analysen und Ergebnisse der teilweise deskriptiven und teilweise inferenzstatistischen Analysen im Mittelpunkt. Hier greift Haberkern jedoch nicht nur auf die von ihm im Einführungsteil vorgestellten exemplarischen vier Länder zurück, sondern nutzt die im Projekt verwendeten 11 Länder zum Vergleich.

Haberkern gelingt es in den nachfolgenden Kapiteln, die zentralen Ergebnisse gut verständlich herauszuarbeiten und hinsichtlich ihrer Aussagekraft offen zu diskutieren. Bedingt durch die starke Standardisierung der Grunddaten, sind nur begrenzte Zusammenhangshypothesen zu testen und Auswertungen möglich. So sind die aufgedeckten Analyseergebnisse dann auch im wesentlichen aus vorangegangenen Studien bereits bekannt oder logisch ableitbar, ohne, dass dafür eine empirische Datenbasis komplex analysiert werden müsste. Beispiele dafür sind, dass in den Ländern, in den ein gutes stationäres Versorgungssystem besteht, auch mehr Menschen früher in die stationäre Versorgung gehen oder gleitet werden als in Ländern, in denen ein Schwerpunkt auf der ambulanten Versorgung liegt. Ein anderes Beispiel ist, dass Pflege durch eigene Kinder abnimmt, wenn die Entfernung zum Wohnort der Eltern zunimmt. Im einzelnen mag dies trivial erscheinen. Dies aber auf europäischer Ebene zu untersuchen zu vergleichen und zu bestätigen, ist der Verdienst der Forschungsarbeit des Autors.

Zielgruppen

Das Werk richtet sich an alle, die sich mit Fragen der Pflege und den Strukturen zur Beantwortung von Pflege beschäftigen. Es ist insgesamt sehr verständlich geschrieben und kann somit gleichermaßen von Studierenden, Lehrenden sowie Interessierten eingesetzt werden. Sollen die statistischen Analysen im Mittelteil des Buches diskutiert und vollständig nachvollzogen werden, so sind jedoch grundliegende Kenntnisse der empirischen Sozialforschung unabdingbar, denn Mehrebenenmodelle und Regressionsanalysen werden nicht weiter erläutert oder in der Ergebnisdarstellung näher beschrieben. Dennoch kann dieses Buch vor allem als einführendes Buch genutzt werden.

Fazit

Das Buch ist in mehrfacher Hinsicht zu empfehlen. Erstens gelingt es Haberkern sehr umfassend und kompetent die Komplexität der Materie deutlich zu machen. In den ersten Kapiteln gibt er eine gute Zusammenfassung über die von ihm betrachteten Länderspezifika und den Stand der Diskussion. Zweitens ist das Besondere, dass er nicht auf einer allgemein vergleichenden Ebene stehen bleibt, sondern die von ihm geäußerten und dargelegten Unterschiede gleichsam empirisch gehaltvoll untermauert. Kritisch anzumerken ist, dass der Titel des Buches auch ergänzende Sichtweisen vermuten lassen könnte, denn in seiner Analyse geht Haberkern nicht auf die Situation und die Kapazitäten von professioneller Pflege in Europa ein. Somit gibt das Buch keinen vollständigen Überblick über die „Pflege in Europa“ wieder. Eine vollständige Darstellung der Pflege in Europa bedingt ergänzend eine Diskussion um die Ausbildungssysteme, professionellen Pflegekapazitäten und um die Migration professionell Pflegender etc. Diese Merkmale der professionellen Pflegeinfrastruktur (die Anzahl der Dienste und stationären Einrichtungen alleine reicht hier nicht aus) könnten ein weiteres analytisches Vorgehen eröffnen. Vielleicht sind viele der eher individual- und kulturtheoretischen Annahmen von Haberkern ergänzend auch dadurch zu stützen, dass diese mit der Anzahl, der Qualifikation und den Nachwuchsfragen professioneller Pflege in Zusammenhang stehen. Haberkern bezieht sich somit primär auf die Beantwortung von Pflegebedürftigkeit in Europa. Sein Verdienst liegt darin, den Blick über die Grenzen zu weiten und das Gemeinsame an der europäischen Diskussion herauszuarbeiten. Somit kann eines uneingeschränkt gesagt werden: Haberkern gelingt es, ein überzeugendes und gut verständliches Buch zur Pflegebedürftigkeit und ihrer unterschiedlichen familialen und wohlfahrtsstaatlichen Antworten in Europa vorzustellen.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Isfort
Dipl. Pflegewiss.
Katholische Hochschule (KatHO) NRW, Köln
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Zitiervorschlag
Michael Isfort. Rezension vom 20.01.2010 zu: Klaus Haberkern: Pflege in Europa. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 172 Seiten. ISBN 978-3-531-16646-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8242.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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