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Tilman Becker: Glücksspielsucht in Deutschland

Cover Tilman Becker: Glücksspielsucht in Deutschland. Prävalenz bei verschiedenen Glücksspielformen. Peter Lang Verlag (Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien) 2009. 76 Seiten. ISBN 978-3-631-59043-0. 24,80 EUR.

Schriftenreihe zur Glücksspielforschung - Band 4.

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Autor

Prof. Dr. Tilman Becker ist Leiter der 2004 an der Universität Hohenheim eingerichteten Forschungsstelle Glücksspiel. Die Forschungsstelle Glücksspiel hat sich zum Ziel gesetzt, das Phänomen Glücksspiel aus unterschiedlichen Blickrichtungen, rechtlichen, ökonomischen, mathematischen, sozialen, medizinischen und psychologischen, wissenschaftlich zu untersuchen.

Ziel und Zielgruppe

Hauptzielrichtung des vorliegenden Bandes ist es, das Gefährdungspotential, das von unterschiedlichen Formen des Glücksspiels ausgeht, möglichst exakt zu bestimmen. Die Gefährdung der Bevölkerung durch Glücksspiele stellt die rechtliche Legitimation für staatliche Eingriffe und Regulierungen, wie sie im Glücksspielstaatsvertrag festgelegt sind, dar. Die Eruierung des Gefährdungspotentials einzelner Glücksspielformen ist somit ein wesentlicher Beitrag zur Bestimmung der Legitimität sowie der Art und des Umfanges von Beschränkungen und Regulierungen des Glücksspielmarktes. Das Buch ist von Interesse für alle, die sich aus rechtlicher und gesellschaftspolitischer Sicht oder aus medizinischer und psychologischer Sicht mit den Phänomenen Glücksspiel und Glücksspielsucht befassen. Es gibt einen kompakten Überblick über den aktuellen Wissensstand zu dem Themenfeld.

Aufbau und Inhalt

Im einleitenden Kapitel weist der Autor darauf hin, dass nach der geltenden Gesetzeslage die Glücksspiele, die im Rahmen des Glücksspielstaatvertrages reguliert werden, also Spiele in Spielbanken, Sportwetten, Lotterien und das Glücksspielangebot im Internet als prinzipiell unerwünscht und daher regulierungsbedürftig gelten. Geldspielautomaten in Spielhallen und Gaststätten hingegen unterliegen dem Gewerberecht und gelten damit als prinzipiell erwünscht. Da das übergeordnete Ziel und die Legitimationsgrundlage staatlicher Eingriffe in den Glücksspielmarkt die Bekämpfung und Vermeidung von Glücksspielsucht darstellt, ist die Klärung des Gefährdungspotentials, was von einzelnen Glücksspielarten ausgeht, von zentraler Bedeutung.

Im zweiten Kapitel trägt der Autor den aktuellen Wissensstand zum Thema pathologisches Glücksspiel zusammen. Zunächst wird ein Überblick über Erklärungsansätze zur Entstehung von pathologischen Glücksspielen gegeben. Skizziert werden genetische, neurobiologische, lerntheoretische und Sozialisationsfaktoren. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Zusammenwirken dieser Faktoren noch weitgehend ungeklärt ist.
Das nächste Unterkapitel beschäftigt sich mit der „Dynamik“ des pathologischen Spielverhaltens. Nachgegangen wird vor allem der Frage, welcher Zeitraum zwischen dem erstmaligen Kontakt mit einem bestimmten Glücksspiel und der Entstehung eines problematischen oder pathologischen Glücksspielverhaltens vergeht. Es kann festgehalten werden, dass das Risiko ein pathologisches Glücksspielverhalten zu entwickeln, umso höher ist, je früher der Einstieg stattfindet. Außerdem konnte in verschiedenen Studien gefunden werden, dass beim Spiel an Geldspielautomaten die Zeit bis zur Entwicklung eines pathologischen Spielverhaltens am kürzesten ist.
Weiter geht es im nächsten Unterkapitel mit der Frage der diagnostischen Einordnung und Komorbidität von pathologischem Glücksspiel. Hinsichtlich der diagnostischen Einordnung gelingt es dem Autor leider nicht, die Einordnung in die Diagnosesysteme und die unterschiedlichen Positionen zur nosologischen Einordnung zutreffend wiederzugeben. Einen gut strukturierten kompakten Überblick gibt der Autor jedoch über Komorbidität bei pathologischem Glücksspielen. Es wird hervorgehoben, dass vor allem komorbide substanzbezogene Störungen, affektive Störungen und Angststörungen eine hohe Prävalenz aufweisen. Auch der aktuelle Forschungsstand zu der Frage der zeitlichen Reihenfolge des Auftretens der Störungen und damit einer möglichen Kausalität wird diskutiert.
Unterschiedliche methodische Herangehensweisen und Stichprobenauswahl bei den einzelnen Untersuchungen werden nicht diskutiert. Bezüglich der negativen Folgen des pathologischen Glücksspielens werden vor allem die Befunde zur Schuldensituation, zur Delinquenz und zur Suizidalität dargestellt.
T. Becker widmet sich im nächsten Unterkapitel der für das Buch zentralen Frage des Suchtpotientials verschiedener Formen des Glücksspiels. Er stellt verschiedene Merkmale heraus, die immer wieder in der Literatur genannt werden und untermauert dies mit den Ergebnissen einer Delphibefragung, die vom wissenschaftlichen Forum Glücksspiel (2008) durchgeführt wurde. Die Experten wurden dabei gebeten, auch eine Gewichtung der verschiedenen Merkmale vorzunehmen. Ziel ist es, auf diese Weise ein Messinstrument zur Beurteilung des Gefährdungspotentials verschiedener Glücksspielarten zu entwickeln. Als Merkmale, die die Suchtgefährdung steigern, werden hervorgehoben: Eine hohe Ereignisfrequenz, eine schnelle Gewinnausschüttung, Grad der Interaktivität, der die persönliche Beteiligung fördert, Förderung von Kontrollillusion, Verfügbarkeit, Zahlungsmodalitäten und die sensorische Produktgestaltung. Die Frage, wieweit ein Jackpot lediglich die Attraktivität eines Spiels erhöht, beispielsweise eben auch für nichtpathologische Spieler, oder aber auch das Suchtpotential erhöht, wird zur Diskussion gestellt und darauf hingewiesen, dass hierzu keine Untersuchungen vorliegen.

Im dritten Kapitel geht es um vorliegende Studien zur Prävalenz pathologischen Glücksspielverhaltens in der Bevölkerung. T. Becker stellt sowohl die Befunde zu Prävalenzschätzungen aufgrund der Therapienachfrage als auch aufgrund epidemiologischer Studien dar. Die mit beiden methodischen Herangehensweisen gewonnenen Befunde kommen zu Prävalenzschätzungen in einem ähnlichen Bereich. Sie liegen zwischen 0,17 und 0,56 % der Bevölkerung. Becker erwähnt zu Recht, dass die Streubreite vor dem Hintergrund der relativ geringen Prävalenz des untersuchten Merkmals der Gesamtbevölkerung nicht verwunderlich ist. Er konstatiert, dass die tatsächliche Prävalenz eher im unteren Bereich des benannten Spektrums liegt. Diese Feststellung wird nicht weiter begründet. Auf die methodischen Begrenzungen der vorliegenden Studien wird nicht eingegangen.

Im vierten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der Prävalenz pathologischen Glücksspielens bei verschiedenen Formen des Glücksspiels in Deutschland. Nach Durchsicht der Literatur kommt der Autor zu dem Ergebnis, dass Geldspielautomaten in Spielhallen und Gaststätten für 80 bis 90 % der pathologischen Glücksspieler das Hauptproblem darstellen, gefolgt von Glücksspielautomaten in Spielkasinos und klassischen Kasinospielen, wie Roulett und Blackjack. Pferdewetten und andere Sportwetten und insbesondere Lotto und Lotterien werden von den Betroffenen jeweils nur im einstelligen Prozentbereich als das Hauptproblem angegeben. Anschließend werden die Befunde verglichen mit einer vom Autor im Jahre 2008 selbst durchgeführten Untersuchung. Bei dieser Studie wurden nicht die Klienten selbst befragt, sondern die jeweiligen Therapeuten bzw. Berater. Es wurden auf diese Weise insgesamt 1.724 Patienten aus ambulanten Suchthilfeeinrichtungen und Selbsthilfeorganisationen erfasst. Die Ergebnisse stimmen in der Tendenz mit denen vorhergehender Untersuchungen überein. Abweichungen zeigen sich vor allen Dingen dort, wo sich die Struktur des Glücksspielangebotes in der Zwischenzeit verändert hat. Dies betrifft vor allen Dingen die relative Zunahme von Sportwetten und Poker als genanntes Hauptproblem und die Abnahme von Glücksspielautomaten in Spielbanken und der Oddset Wette von Lotto. Nicht berichtet und möglicherweise nicht erfragt wird von verschiedenen Formen des Online-Glücksspiels.
Um zur Abschätzung der Prävalenz pathologischen Glücksspielens in der Bevölkerung, bezogen auf einzelne Formen des Glücksspiels, zu kommen, kombiniert der Autor die Befunde der epidemiologischen Studien mit denen, die an pathologischen Glücksspielern hinsichtlich des Hauptproblems gewonnen wurden. Auf diese Weise lässt sich die wahrscheinliche Zahl pathologischer Glücksspieler je Glücksspielart beziffern.

Diskussion

Das vorgestellte Buch gibt einen kompakten Überblick über den Erkenntnisstand zur Prävalenz pathologischen Glücksspielens in Deutschland. Kurz eingegangen wird auf Erklärungsmodelle, diagnostische Einordnung, Komorbidität und Folgen des Glücksspiels. Nicht an allen Stellen wird der aktuelle Diskussionsstand korrekt wiedergegeben, das scheint jedoch angesichts der Kürze der gewählten Darstellungsform verzeihlich. Wünschenswert wäre es hingegen gewesen, wenn bei der Darstellung der epidemiologischen Studien auf die methodisch bedingten Grenzen der Aussagefähigkeit eingegangen worden wäre. Alle drei genannten deutschen Studien basieren auf Telefon- oder Websurveys, was zu einer systematischen Unterschätzung der tatsächlichen Prävalenz führt. Unerwähnt bleibt an dieser Stelle leider auch, dass man auf Basis der Befunde von Buth und Stöver (2008), bei denen auch nach dem Praktizieren einzelner Glücksspielarten in der Bevölkerung gefragt wurde, zu einer deutlich höheren Zahl von Glücksspielern kommt, für die das Lottospielen ein Problem darstellt.

Fazit

Insgesamt belegt die vorliegende Arbeit jedoch eindrucksvoll, dass Geldspielautomaten, wie sie in Spielhallen und Gaststätten zu finden sind, für mehr als 2/3 der Spieler das Hauptproblem darstellen und aufgrund der Spielangebotsgestaltung ein ausgesprochen hohes Suchtpotenzial besitzen. Nach der geltenden Gesetzeslage fallen ausgerechnet diese Glücksspielautomaten nicht in den Regelungsbereich des Glücksspiel-Staatsvertrages, in dessen Geist es um eine Reglementierung und Begrenzung des Glücksspielangebotes geht, sondern gelten als prinzipiell gewünschtes Gewerbe, dem mit der Spielverordnung, gemessen an dem von ihm ausgehenden Gefährdungspotential, viel zu lockere Grenzen gesetzt sind. Hier besteht dringender gesetzgeberischer und ordnungspolitischer Regelungsbedarf. Dies aufzuzeigen und zu untermauern ist ein Verdienst des vorliegenden Buches.


Rezensent
Dr. rer. nat. Volker Premper
Leitender Psychologe, Klinik Schweriner See, Lübstorf (Meck.- Vorp.)
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Zitiervorschlag
Volker Premper. Rezension vom 17.11.2009 zu: Tilman Becker: Glücksspielsucht in Deutschland. Peter Lang Verlag (Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien) 2009. 76 Seiten. ISBN 978-3-631-59043-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8271.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.


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