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Heike Mónika Greschke: Daheim in www.cibervalle.de

Cover Heike Mónika Greschke: Daheim in www.cibervalle.de. Zusammenleben im medialen Alltag der Migration. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2009. 258 Seiten. ISBN 978-3-8282-0466-9. 34,00 EUR.

Reihe: Qualitative Soziologie - Band 10.

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Autorin

Heike Mónika Greschke ist Diplom-Sozialpädagogin und promovierte als Mitglied des Graduiertenkollegs "Die Herstellung und Repräsentation von Globalität" an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld mit der hier veröffentlichten Dissertation.

Thema

In der Buchreihe „Qualitative Soziologie“ des Lucius Verlags, in der auch „Daheim in cibervalle.com“ firmiert, werden Untersuchungen mit einem dezidierten Interesse an der Weiterentwicklung soziologischer Theorie veröffentlicht. Laut den Herausgebern soll die Buchreihe ein Forum für Veröffentlichungen sein, in denen „weltoffenes Forschen, methodologisches Reflektieren und analytisches Arbeiten“ zusammenkommen. Um es vorweg zu nehmen: Diesem Anspruch wird die hier rezensierte Veröffentlichung gerecht, da sie sich einer sehr komplexen Aufgabe annimmt. Die Studie nimmt die Interdependenzen zwischen transnationaler Migration und medialer Kommunikation analytisch in den Blick. Dabei setzt sich die Autorin mit der Frage auseinander, auf welche Weise Akteure gemeinsam soziale Wirklichkeit konstruieren, wenn sie nur virtuell und parasozial agieren, d.h. sich in räumlicher Distanz zueinander befinden und sich gleichzeitig in verschiedenen geografischen und soziokulturellen Umgebungen bewegen. Ihr Forschungsprogramm bezeichnet Greschke als „Multi-Sited-Ethnography" (Marcus 1996), um kulturelle und virtuelle Formationen und Artikulationen als mehrdimensionale, aus globalen Zusammenhängen stammende, abbilden zu können.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin schildert zu Beginn ihrer Studie ein anschauliches Beispiel eines Diskussionsinhaltes und der Kommunkationsprozesse auf der Online-Plattform: Ein Brand in einem Supermarkt in Ycua Bolaños (Paraguay), bei dem viele Menschen ihr Leben verloren, nimmt sie zum Anlass darzustellen und zu untersuchen,wie die Nutzer/innen der Internetplattform diesen Vorfall gemeinsam wahrnehmen und verhandeln.Durch die permante Zuschaltung zum Forum besteht für die entsprechenden Nutzer/innen die Möglichkeit einen (virtuellen) Gegenüber anzusprechen um sich über die neusten Entwicklungen sofort auszutauschen. Den Nutzer/innen dient das Forum – in kontinuierlicher, täglicher Weise – zur Verbreitung aktueller und auch weniger aktueller Nachrichten im Rahmen dieser Onlinetreffen. Entscheidend für die Nutzer/innen ist dabei, dass der Informationsfluss schneller als in anderen Medien ist und entsprechend entfernte Kommunikationsteilnehmer rascher informiert werden. Gleichzeitig hilft das Forum den Mitgliedern sich gegenseitig zu unterstützen, Hilfe bei realen Problemen zu organisieren und eine virtuelle und parasoziale Gemeinschaft zu bilden.

Insgesamt 16 Kapitel - in vier Hauptteile gegliedert – umfassen die Untersuchung des hier rezensierten, insgesamt 258 Seiten umfassenden Buches.

Der erste Teil konzeptualisiert einleitend die zentralen Begriffe der qualitativen Forschung – Medien, Alltag und Migration – und umfasst erste methodologische Ausführungen.

Der zweite Teil B ist mit dem Untertitel „Über die Kunst ethnografischer Verortung in einer globalisierten Welt“ überschrieben und konkretisiert die methodologischen Überlegungen, indem die ethnografische Forschung und die Internetforschung – die es solche nicht gibt – zusammengedacht werden. Gegenstand der Reflektion ist außerdem die methodische Herausforderung parasoziale und medial vermittelte Beziehungen zwischen Migrant/innen und Daheimgebliebenen mit qualitativen Methoden zu erfassen und abzubilden. Zudem skizziert die Autorin ihre Vorgehensweise, sich den Aussagen und Inhalten der virtuellen Gemeinschaft der Nutzer/innen mit (und ohne) Migrationshintergrund der von ihr untersuchten Onlineplattform analytisch zu nähern und diese zu systematisieren.

Im dritten Teil skizziert und analysiert die Autorin die geografischen, sozialen und virtuellen Bezüge der globalen Online Community; der Unterrsuchungseinheit www.cibervalle.com (als Pseudonym der untersuchten Internetplattform). Diese dient den Migrant/innnen in aller Welt als Online-Forum, das eine bedeutende gemeinschaftsstiftende Funktion für sie besitzt. Diese wird insbesondere über Solidaritätsbekundungen, Anteilnahme, Diskussionen und die Organisation von Unterstützungsleistungen generiert.

Im vierten Teil – betitelt „Die kommunikative Architektur Cibervalles“ – wird in kommunikationswissenschaftlicher Perspektive u.a. geschildert, wie sich das Internetforum aufbaut, wie es strukturiert ist, welche Kommunikationsregeln dort herrschen und welche Strukturen einer globalen Lebenswelt sich identifizieren lassen. Die Analyse der Kommunikation erstreckt sich auf die Kommunikation im Chat und die im Forum. Lobenswerter Weise strukturiert die Autorin hier die Beiträge sehr stringent und verliert sich nicht bei der Analyse in linguistischen Auseinandersetzungen.

Diskussion

Das Erkenntnisinteresse der Untersuchung richtet sich – in den Worten der Autorin formuliert – auf die „Praktiken der Herstellung von Globalität, die durch alltägliche Internetnutzung im Kontext transnationaler Migration entstehen. Dabei steht die Frage im Vordergrund welche Eigenlogik Globalisierungsprozesse auf einer mikrostrukturellen Ebene entfalten und umgekehrt, wie durch die Struktureigenheiten von computervermittelter Kommunikation Globalität hergestellt wird“ (19). Dabei geht die Autorin in Anlehnung an die frühen Klassiker der Migrationsforschung Park (1922) und Thomas/Znaniecki (1918-1920) davon aus, das sich sowohl Migration als auch Mediennutzung als Phänomäne der Globalisierung begreifen lassen, die sich in der Interaktion der Akteure spiegeln. Zudem ist Greschke zu Recht der Auffassung, dass die Mediennutzung unter emigrierten Personen die Relevanz von Globalität verstärkt.

Die Herausforderung Kommunikationsprozesse innerhalb eines virtuellen Raumes zu analysieren, also die Aushandlungsprozesse der beteiligten Akteure, die in transnationaler und translokaler Perspektive vonstatten gehen, mitsamt seinen Dynamiken und Paradoxien zu verorten und als gemeinsame zu beschreiben, meistert Greschke in lobenswerter Weise. Sie unternimmt den erfolgreichen Versuch, die verschiedenen sozialen Räume der beteiligten Akteure des Internet-Portals und deren (virtuelle) Beziehungen zueinander in Beziehung zu setzen und zu analysieren. Hervorzuheben ist weiterhin, dass – wenn auch m.E. nicht explizit genug – herausgearbeitet wird, welch zentrale Bedeutung informelle Netzwerke (wie bspw. Telefonkartenshops oder Internetcafés) für Migrant/innen besitzen und auf welche Weise sich diese im virtuellen, globalen Raum fortsetzten.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die vorliegende Publikation eröffnet einem Fachpublikum in vielerlei Hinsicht neue Aufschlüsse, Hinweise und Perspektiven: Aus methodologischer Perspektive ist hervorzuheben, dass die Untersuchung verdeutlicht, wie Konversationen auf Internetplattformen inhaltsanalytisch und kommunikationswissenschaftlich untersucht werden können. Zudem wird herausgearbeitet, welche wichtigen Funktionen diese Internetplattformen für migrantische Nutzer/innen haben. Schließlich weist die Veröffentlichung darauf hin,wie sich in migrantischen Internetforen Globalität widerspiegelt und quasi potenziert wird.

Literatur:

  • Marcus, George E (1996): Ethnography In/Of the World System: The Emergence of Multi-Sited Ethnography. In: Annual Review of Anthropology, Vol. 24, S. 95-117
  • Park, Robert E. (1922): The Immigrant Press and its Control. New York
  • Thomas, William I./Znaniecki, Florian (1918-1920/1923): The Polish Peasant in Europe and America. Monograph of an Immigrant Group, 5 Bände, Boston.

Rezensent
Dr. phil. Eckart Müller-Bachmann
M.A., Soziologe
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Zitiervorschlag
Eckart Müller-Bachmann. Rezension vom 12.04.2010 zu: Heike Mónika Greschke: Daheim in www.cibervalle.de. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2009. 258 Seiten. ISBN 978-3-8282-0466-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8274.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.


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