Martien Jilesen: Soziologie für die sozialpädagogische Praxis
Martien Jilesen: Soziologie für die sozialpädagogische Praxis. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2008. 7. Auflage. 444 Seiten. ISBN 978-3-8237-0360-0. 36,95 EUR.
Entstehungshintergrund
Das Lehrbuch ist während der Unterrichtstätigkeit des Verfassers an verschiedenen Ausbildungsstätten der Sozialpädagogik und Sozialarbeit entstanden.
Aufbau und Inhalt
Das Buch umfasst neun Kapitel.
1. Grundbegriffe der Soziologie. Die Soziologie beschäftigt sich mit dem menschlichen Zusammenleben. Es werden wichtige Grundbegriffe der Soziologie vorgestellt: Interaktion, Kommunikation, Struktur, Funktion, Gesellschaft und Kultur.
2. Soziologie der Gruppe. Die Gruppe ist eine Einheit von Menschen, die sich durch Interaktion und Kommunikation auszeichnet. Die Gruppe teilt sich ein in Primär- und Sekundärgruppe, in formelle und informelle Gruppe, in eine Mitgliedsgruppe oder Bezugsgruppe. Eine Gruppe besitzt bestimmte Normen. Allport hat die J-Kurve der Konformität erfunden. Wenn die Normen gebrochen werden, gibt es Sanktionen. In der Soziologie wird in diesem Zusammenhang auch von sozialer Kontrolle gesprochen. Eine Gruppe wird auch durch ihre verschiedenen Rollen bestimmt. Unter einer Rolle versteht man ein Bündel von Erwartungen, die an den Träger einer Rolle gerichtet ist. Dabei entstehen auch Rollenkonflikte. Der Verfasser behandelt die Bewältigungsmöglichkeiten unterschiedlicher Rollenkonflikte. Die Rolle bezieht sich auf das erwartete Verhalten. Der Status bezieht sich auf die Wertschätzung, die mit dem Verhalten verbunden ist. Im Zusammenhang mit der Gruppe werden 3 Führungsstile besprochen: autoritär, demokratisch und laissez-faire. Man kann bei einer Gruppe verschiedene Kommunikationsstrukturen unterscheiden: Kreis, Kette, Stern, Gabelung. Es werden die Phasen der Gruppenentwicklung nach Hartley besprochen.
3. Methoden der Gruppenforschung. Die Nähe und der Abstand von Gruppenmitgliedern untereinander wurden zum ersten Mal von Jakob Levy Moreno aufgezeichnet. Zur Messung der Anziehungs- und Abstoßungskräfte entstand die Soziometrie. Sie spielt eine große Rolle, um Außenseiterrollen z. B. in einer Schulklasse festzustellen.
4. Sozialisation. Die Übernahme von Norm- und Wertvorstellungen ist wichtigster Inhalt der Sozialisation. Bei der Sozialisation handelt sich um eine Wechselwirkung. Auch der zu Erziehende wirkt zurück auf die Sozialisationsinstanz. Es werden 2 Sozialisationstheorien behandelt. Die Theorie der symbolischen Interaktion wird anhand von George Herbert Mead dargestellt. Um den Bedeutungsgehalt eines Symbols zu erfassen, muss sich der Mensch in andere hineinversetzen können. Diese Fähigkeit wird als Perspektivenübernahme, Rollenübernahme oder Empathie bezeichnet. Der strukturell-funktionale Ansatz der Sozialisation wird nach Talcott Parsons entwickelt. Mit Struktur wird das verhältnismäßig dauerhafte Gefüge einer Gesellschaft verstanden: Positionen, Rollen, Normen, Werte, Schichten, die miteinander in Beziehung stehen. Mit dem Begriff Funktion ist die Leistung gemeint, die die einzelnen Teile für das Ganze spielen. Parsons meint, dass die einzelnen Teile in Richtung eines Gleichgewichtszustandes streben.
5. Soziale Ungleichheit. Eine Rangordnung der Menschen nach Höher und Tiefer wird in der Soziologie als gesellschaftliche Ungleichheit bezeichnet. Es geht um das Ausmaß der Chancengleichheit bei einer bestimmten Ausgangslage. Bisher hat sich die Soziologie bezüglich der Ungleichheit auf folgende Hauptmerkmale beschränkt: Bildung, Beruf, Einkommen. Wenn jemand in verschiedenen Rangordnungen auf unterschiedlichen Stufen sich befindet, dann spricht man von Statusinkonsistenz. Es werden 2 Theorien gesellschaftlicher Ungleichheit behandelt: Einmal der marxistische Ansatz. In der Industriegesellschaft bilden sich 2 Klassen: Die Eigentümer an den Produktionsmitteln und die Nichteigentümer an den Produktionsmitteln. Die Eigentümer an den Produktionsmitteln eignen sich den Mehrwert der Arbeit an und vermehren dadurch ihr Kapital. Der Unternehmer erhält für sein Produkt mehr Geld als er an Lohn für den Arbeiter auszahlt. Das führt zur Ausbeutung und Verelendung der Arbeitenden. Die funktionalistische Ansatz von Parsons führt Folgendes aus: In der Industriegesellschaft wird Leistung im Beruf bewertet. Das führt zu mehr Geld und Ansehen. Die wichtigste Kritik an diesem Ansatz wird von Bolte ausgeführt. 1. Die Annahme, dass für wichtige Berufspositionen nur wenige qualifizierte Bewerber zur Verfügung stehen, ist schlicht falsch. Wir besitzen eine „Begabungsreserve“. 2. Die Annahme, dass gesellschaftliche Positionen im freien Wettbewerb errungen werden, wird durch unterschiedliche Bildungschancen widersprochen.
6. Familie als Sozialisationsinstanz. Die Familie spielt eine wichtige Rolle im Lebenslauf eines Menschen. Die frühesten Erinnerungen des Menschen reichen höchstens bis zum dritten Lebensjahr. Bezüglich der Ehescheidung kann sich die normative Kraft des Faktischen bemerkbar machen. Die zunehmende Häufigkeit der Ehescheidung wird von vielen Menschen als Konfliktlösung wahrgenommen. Die Zahl, die sich für eine dauerhafte nichteheliche Lebensgemeinschaft entscheiden, nimmt zu. Es wird erwartet, dass die Erwerbstätigkeit der Frau in Zukunft weiter zunehmen wird. In den mittleren und höheren Schichten herrscht die Auffassung vor, dass die Gleichberechtigung der Ehepartner das Richtige sei. Die Grundlage für alle späteren Sozialisationsleistungen wird in den ersten Lebensjahren gelegt. Diese erste Erziehung ist daher am dringlichsten eine Aufgabe der Familie. Unter der Bildungsperspektive erfahren Kinder, denen in ihrer Freizeit ausgedehnte Förderung zuteil wird, wesentliche Vorteile: Sie eignen sich konkrete Fertigkeiten und Kenntnisse an (Sport, Sprachen, Kunst). Andererseits auch Selbstkompetenzfähigkeiten, wie ein erhöhtes Selbstwertgefühl und das Gefühl des Empowerments (z. B. das Gefühl, gegenüber Institutionen und Organisationen auch Macht zu besitzen).
7. Außerfamiliale Sozialisationsinstanzen. In diesem Abschnitt werden die wichtigsten Bezugspersonen behandelt, wie die Erzieherin, die Lehrer, die Gleichaltrigengruppe. Dann werden der Kindergarten, die Schule und die Massenmedien als Sozialisationsinstanz erläutert.
8. Randgruppen und Minderheiten. In einer Gesellschaft gibt es Minderheiten, die in Verhalten, Werten und Normen von den anderen Gesellschaftmitgliedern abweichen und die mehr oder weniger negativ beurteilt und behandelt werden. Randgruppen werden häufig stigmatisiert. Man bewertet die Eigengruppe vorteilhafter als die Fremdgruppe. Es gibt Unterschiede in der Sprachentwicklung zwischen Mittelschicht und Unterschicht. Basil Bernstein spricht von einem ausgearbeiteten (elaboriert) Sprachstil und einem eingeengtem (restringiert) Sprachstil.
9. Soziologie der Jugend. Das Sozialisationsziel hat in unserer Gesellschaft ein verhältnismäßig hohes Niveau. Es wird ein großes Wissen verlangt. Viele Fertigkeiten müssen erlernt werden. Die Halbwertszeit der Literatur beträgt 5 Jahre. Immer wird die Frage gestellt, ob die Jugend von heute anders ist als die Jugend von gestern. Es hat Versuche gegeben, die Jugend mit einem Schlagwort zu kennzeichnen: Die skeptische Jugend (Helmut Schelsky), die Generation der 1968er, die Selbstverwirklichungsgeneration. Diese Gruppen spiegeln auf der einen Seite den Wertewandel wider, auf der anderen Seite befördern sie auch ein Schubladendenken. Ganz grob kann man die Ursachen abweichendes Verhalten von Jugendlichen in zwei Ebenen einteilen: 1. die Persönlichkeit des Abweichenden, und 2. die Mängel der Sozialisationsinstanzen. Einige Soziologen versuchen sich die Jugendkriminalität durch den Etikettierungsansatz zu erklären.
Diskussion
Man kann Soziologie nicht ohne Gesellschaft machen. Wir können Gesellschaft nach Armin Nassehi nur in der Einzahl benutzen. Kanonisch gesprochen bildet die Gesellschaft die Gesamtheit der Beziehungen ab. Die erwartbaren Grundselbstverständlichkeiten bezeichnet man heute als Gesellschaft. Z. B. es ist vorgegeben, dass man links überholt. Wir müssen die Menschen gar nicht kennen. Das ist Gesellschaft. Interaktionen können Sie sehen. In einem Netzwerk sind Sie dabei. Bei der Organisation gibt es eine Anschrift. Gesellschaft kann man nicht sehen. Sie sehen nur die Benutzeroberfläche. In der Gesellschaft geschieht sehr vieles im Hintergrund. Gesellschaft besteht nicht nur aus unterschiedlichen Milieus, sondern auch aus unterschiedlichen Logiken: die Logik des Marktes, die Logik der Wirtschaft, die Logik der Politik, die Logik der Bildung, die Logik der Medien, die Logik der Religion. Beim Begriff Gesellschaft geht es um das Unsichtbare, um das Abwesende.
Beim Abschnitt „soziale Ungleichheit“ wäre die Auseinandersetzung mit der Agenda 2010 sinnvoll. Durch die Einführung des SGB II gibt es seit dem 01.01.2005 bei Arbeitslosigkeit keinen Berufsschutz mehr (§ 10 SGB II). Dies führt zu Zerstörung von Berufsidentitäten. Das entwertet mühsam erworbene Qualifikationen. Eine hohe Berufsausbildung hat bei Arbeitslosigkeit keinen Wert mehr. Diese Veränderung müsste eigentlich einem Soziologen auffallen. Es müsste weiter auffallen, dass es in der Gesellschaft genug Arbeit gibt, aber die Arbeit nicht bezahlbar ist. Es gäbe genug Arbeitsplätze, aber keine Einkommensplätze. Deshalb wird das ehrenamtliche Engagement ausgeweitet. Die Einkommensschere wird größer. Die Aufspaltung der Gesellschaft in Arm und Reich wird größer. Eine stärkere Entsolidarisierung ist feststellbar. Die Mittelschicht gerät immer mehr unter Druck. Die Mittelschicht hat die BRD stabil gehalten. Es gibt mehr Abstiegsentwicklungen als Aufstiegsentwicklungen. Das ist für die BRD eine unglückliche Situation, da Innovationen und Kreativität gebremst werden. Die Gesellschaft muss mehr Enttäuschungen aushalten und aufarbeiten. Das kostet Kräfte, die in nützlicheren Dingen eingesetzt werden könnte.
Der Druck der Mittelschicht wird weitergegeben an die Unterschicht. Für die Unterschicht ist es noch schwieriger aus dem Teufelskreis der Armut herauszukommen. Warum? Das hätte noch stärker beleuchtet werden können. Kinder werden in arme Familien hineingeboren mit einer zu hohen Kinderzahl. Das ist nicht das Verschulden der Kinder. In diesen Familien gibt es zu wenig Bildungsanreize. Das führt dazu, dass diese Kinder keine Lehrstelle finden oder nicht die Möglichkeit besitzen, eine weiter führende Schule zu besuchen. Schule ist von der Mittelschicht geprägt (elaborierter Sprachstil). Schulgutachten fallen für die Mittelschicht besser aus. Auf Grund einer geringeren Qualifizierung erhält die Unterschicht nur Jobs im Niedriglohnbereich. Arbeitslosigkeiten verfestigen sich dauerhafter. Das führt zu geringeren Rentenansprüchen. Die Betreffenden bleiben in der Altersarmut hängen.
Demgegenüber hat der Verfasser eine sehr zuversichtliche Einstellung, wenn er schreibt „insgesamt gesehen sind die Menschen in Deutschland immer reicher geworden“. Man fragt sich, ob eine Gesellschaft, die auf Freiheit und Gleichheit setzt, sich auf Dauer diesen Ausschluss von der Arbeitswelt leisten kann.
Im Abschnitt „Soziologie der Jugend“ wird auf die einzelnen Generationen eingegangen. Man hätte auch auf die jetzige Generation verweisen können. Ulrich Beck spricht von einer „Generation Prekarität“, von einer Generation „Praktikum“. D. h. der Berufseinstieg gelingt sehr häufig nur auf Grund eines gering bezahlten oder eines unbezahlten Praktikums. Die Vorstellung sicherer Beschäftigungen wird immer mehr zum Ausnahmefall. Unsichere Beschäftigungen werden zum Normalfall. Die Abschlüsse sind zwar notwendig, aber sie gewährleisten nichts mehr. Es muss noch etwas anderes dazu kommen. Die Hauptschule ist weitgehend zu einer Einbahnstraße ins berufliche Nichts geworden.
Es erscheinen Umrisse eines neuen Verteilungskampfes. Der außereuropäische Teil der „Generation global“ ist dazu übergegangen, die Chancen der Migration zu suchen. Die Verschiedenheiten der Welten prallen aufeinander. Abstiegsängste und Aufstiegshoffnungen treffen aufeinander.
Bei der Sozialisationsinstanz Schule hätte ich mir die soziologische Schultheorie von Helmut Fend gewünscht: Aufgaben der Schule: Qualifikation, Sozialisation, Selektion [Auslese und Zuweisung gesellschaftlicher Positionen mit Berechtigungsnachweisen]. Auf die Erkenntnisse von Peter R. Hofstätter hätte ich verzichten können. Hofstätter war im Dritten Reich Wehrpsychologe und Vertreter der nationalsozialistischen Rassenlehre.
Fazit
Dem Leser werden in dem über 400 Seiten starken Lehrbuch ein umfangreiches soziologisches Wissen vermittelt und ein wertvolles Werkzeug zum Verstehen der sozialpädagogischen Praxis in die Hand gegeben.
Rezensent
Dipl.-Soz. Roland Wallner
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Zitiervorschlag
Roland Wallner. Rezension vom 10.03.2010 zu: Martien Jilesen: Soziologie für die sozialpädagogische Praxis. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2008. 7. Auflage. 444 Seiten. ISBN 978-3-8237-0360-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8281.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.
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