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Jörg Dinkelaker, Matthias Herrle: Erziehungswissenschaftliche Videographie

Cover Jörg Dinkelaker, Matthias Herrle: Erziehungswissenschaftliche Videographie. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 134 Seiten. ISBN 978-3-531-16863-0. 12,90 EUR.

Reihe: Qualitative Sozialforschung.
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Thema

Erziehungswissenschaftliche Videographie untersucht Interaktionen des Lehrens und Lernens, wobei sie Bild- und Wortanteile des Videos gleichermaßen analysiert. So lautet das Grundverständnis der Autoren. Prozesse und Muster der Interaktion sollen in ihrer sinnhaften Vielschichtigkeit rekonstruiert werden. Dazu stellt das Buch qualitative empirische Zugänge vor. Ziel solcher Forschung ist es, neue theoretische Konzepte zu erzeugen.

Autoren

Beide Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Frankfurt a.M.

Entstehungshintergrund

Die Autoren gehen davon aus, dass sich mit Videos Fragen in Bezug auf Lehr-Lerninteraktionen klären lassen, die man mit anderen Daten nicht beantworten kann. Das betrifft vor allem körperliche und räumliche Dimensionen der Interaktion.

Entstanden ist das Buch im Kontext eines Projekts, das Kurse und Interaktionen in der Erwachsenenbildung untersucht. Hinzu kommen Erfahrungen aus Universitätsseminaren zu dieser Form der Videographie.

Aufbau

Der Haupttext gliedert sich in fünf Kapitel, von denen das über Analyseverfahren bei Weitem am umfangreichsten ist: Es umfasst 73 Seiten, während sich die anderen Kapitel zusammen auf 42 Seiten summieren.

Vor den Analyseverfahren (Kap. 4) geht es eingangs um Grundsätzliches einer erziehungswissenschaftlichen Forschung mit Videos (Kap. 1). Dann folgt der Aufbau dem Forschungsprozess: Datenerhebung (Kap. 2) sowie Datenzugriff und -aufbereitung (Kap. 3). Der Haupttext endet mit technischen Hinweisen zur Aufnahme, Wiedergabe und Darstellung der Ergebnisse (Kap. 5).

Das Buch schließt mit einem für den schmalen Band eher umfangreichen Literaturverzeichnis (8 S.), gefolgt von Verzeichnissen der 43 (!) Abbildungen und 9 Tabellen.

Inhalt

Wie es dem Entstehungshintergrund entspricht, konzentriert sich der Band auf Lehr-Lerninteraktionen in der Erwachsenenbildung. Übertragbarkeit auf andere Felder wird jedoch angestrebt. Es stehen vier Analyseverfahren im Zentrum, die sich nach dem Baukastenprinzip kombinieren lassen. In ihrer Kombination sollen sie alle denkbaren Anforderungen erfüllen können. Im Prinzip lassen sich in einem Projekt alle vier Verfahren verknüpfen: Die Auswahl hängt davon ab, ob man einen ordnenden Überblick gewinnen und/oder eher einzelne Elemente erkennen will; ob man Aufeinanderfolgendes und/oder Gleichzeitiges betrachtet.

  1. Segmentierungsanalyse: Sie ermittelt einen Überblick über den Fortlauf der Interaktion, indem sie ihn in verschiedene Phasen gliedert. Anhaltspunkte können Veränderungen sein in den Bezügen zwischen Raum und Körper, in Mustern des SprecherInnenwechsels oder im Wechsel der Themen. Grenzen und Übergänge werden bestimmt.
  2. Konfigurationsanalyse: Sie verschafft einen Überblick über die Bedingungen, die im Raum zu einem gegebenen Zeitpunkt herrschen. Gefragt wird nach der Ordnung, die durch die Objekte im Raum und durch die anwesenden Personen erzeugt wird. Es wird eine Skizze erstellt, die Bewegungs- und Wahrnehmungsbarrieren zu erkennen gibt. Auch soll sie zeigen, wohin die Beteiligten ihre Aufmerksamkeit richten können.
  3. Sequenzanalyse: Sie konzentriert sich auf den Nachvollzug sinnhafter Muster im Verlauf der Interaktion, und zwar Schritt für Schritt. Dazu legen Dinkelaker und Herrle ein Transkript zugrunde, das ein Verbaltranskript mit fortlaufenden Screenshots (Stills) aus dem Video verschränkt. Beispielhaft stellen die Autoren ein Vorgehen dar, das sich an der objektiven Hermeneutik orientiert. Es geht darum, wie der zu analysierende Ausschnitt aus dem Interaktionsverlauf ausgewählt wird, wie sich Sinngehalte rekonstruieren lassen, wie daraus eine Strukturhypothese entwickelt werden kann und wie sie sich weiter verfolgen lässt. Die Analyse gleicht im Grundsatz der eines Verbaltranskripts.
  4. Konstellationsanalyse: Es geht um die visuelle Bedeutung einzelner Bildelemente (z.B. die Armhaltung einer Person), ferner um deren Bezug zu anderen Bildelementen. Anhand eines Stills wird danach gefragt, was das daraus optisch isolierte Bildelement in vorstellbaren Kontexten bedeuten kann. Diese Deutungen werden danach Schritt für Schritt mit den tatsächlich benachbarten Bildelementen konfrontiert. So wird nach und nach das ursprüngliche Element zum Gesamt des Raumes in Beziehung gesetzt. Die Autoren entwickeln daraus – wie bei der Sequenzanalyse – eine Strukturhypothese. Als technisches Hilfsmittel verwenden sie gängige Fotobearbeitungssoftware.

Die vier Analyseverfahren werden durch ein fortlaufendes Fallbeispiel veranschaulicht. Bei diesem handelt es sich um das Video aus einer für die Teilnehmenden einmalig stattfindende Veranstaltung der Erwachsenenbildung. Die Untersuchungsfrage ist, wer die Interaktion steuert oder strukturiert und wie das geschieht.

Der Darstellung der Analyseverfahren schicken die Autoren eine methodologische Diskussion voran, bei der sie die Besonderheit videographischer Forschung im Vergleich zu anderen Forschungszugängen erörtern. Dabei geht es auch um die Leistungen und Grenzen einer erziehungswissenschaftlichen Videographie. Eine Herausforderung ist die Überkomplexität der videographierten Daten. Dem hat man sich im Forschungsprozess immer wieder zu stellen.

Die Autoren beantworten in den Kapiteln zur Datenerhebung, -zugriff und -aufbereitung unter anderem praktische Fragen: z.B. nach der Anzahl der einzusetzenden Kameras, nach Kameraführung oder nach der Abspielweise des Videos (Echtzeit, Zeitlupe, Zeitraffer) und der Transkription. Im letzten Kapitel finden sich Orientierungen für Auswahl und Beschaffung der Geräte sowie der nötigen Software.

Diskussion

Vorbildlich ist, wie Dinkelaker und Herrle durch den Text führen. Jedes Kapitel und die größeren Abschnitte beginnen mit einer gut strukturierten Vorschau. Es gibt klare Querverweise, und die Tabellen am jeweiligen Ende fassen sehr übersichtlich das Dargestellte sowie die verschiedenen Entscheidungswege zusammen. Eine wesentliche Hilfe sind auch die zahlreichen farbigen Abbildungen. Einziger Kritikpunkt: Leider sind viele Stills zu klein abgedruckt, um Genaueres erkennen zu lassen.

Ein Plus ist auch, dass die Autoren konkret auf bestimmte Softwarelösungen eingehen. Sie beziehen sich dabei nicht nur auf professionelle Aufnahme-, Wiedergabe- und Transkriptionssysteme, sondern besonders auf entsprechende Freeware und günstige Consumersoftware. Diese ist heute so hoch entwickelt, dass sie vielen wissenschaftlichen Anwendungen genügt.

Den Anspruch, eine Einführung zu geben, löst das Buch überzeugend ein. Das umfangreiche Literaturverzeichnis hilft auch relativen EinsteigerInnen der qualitativen Sozialforschung, sich weiteres Grundlagenwissen zu erschließen. Dass ExpertInnen der interpretativen Videoanalyse das eine oder andere etwas zu gekürzt erscheinen mag, ist in diesem Rahmen zu vertreten: So würde eine Weiterführung auch den Abdruck komplexerer Transkriptionssysteme und längerer ausschnitte nahelegen. Und auch Fragen der Transkription des Nonverbalen wie Gestik und Mimik sollten dann ausführlicher erörtert werden.

Eine im ersten Kapitel getroffene Unterscheidung ist jedoch zu grob geschnitten. Diese trennt nach drei Formen, wie Videos in der Erziehungswissenschaft genutzt werden. Hier hat sich das Forschungsfeld – was erfreulich ist – doch stärker differenziert.

Fazit

ErziehungswissenschaftlerInnen, die in qualitative Forschung mit Videos einsteigen, sind mit diesem Buch derzeit am besten beraten. Auch versierten ForscherInnen vermag es noch Anregung zu geben. Die gelungene Auswahl der Aspekte, der Durchgang durch den gesamten Forschungsprozess, die Transparenz der Darstellung und die Kompetenz der Autoren machen diese Einführung zu einem stimmigen Text.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 25.11.2009 zu: Jörg Dinkelaker, Matthias Herrle: Erziehungswissenschaftliche Videographie. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16863-0. Reihe: Qualitative Sozialforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8352.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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