Matthias Irle: Älterwerden für Anfänger
Matthias Irle: Älterwerden für Anfänger. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2009. 285 Seiten. ISBN 978-3-498-03231-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,90 sFr.
Autor
Mathias Irle, Jahrgang 1976, studierte Psychologie in Münster und Barcelona und besuchte die Axel Springer Journalistenschule. Er arbeitete als fester Autor für das Wirtschaftsmagazin brand eins und begann eine Ausbildung zum Psychotherapeuten. In dieser Zeit arbeitete über ein Jahr in der geriatrischen Abteilung einer psychiatrischen Klinik. Für seine Texte im SPIEGEL; DIE ZEIT, SZ-Magazin, NEON oder WELT am SONNTAG wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Thema
- Was ist das, altern?
- Was genau passiert in Körper und Psyche bei diesem Prozess?
- Welche Defizite stellen sich ein und wie können wir damit fertig werden?
- Wie steht es mit dem sozialen Umfeld?
- Muss das Alter ein Feind sein, der zu fürchten ist, weil er uns Leistungsfähigkeit und Gesundheit raubt?
- Und wie ist es mit unausweichlichen Ende?
Der Autor unternimmt es, die biologischen, psychologischen und sozialen Aspekte des Alterns zu beleuchten. Dabei versucht er, auch Hinweise für das eigene Altern zu sehen. Zahlreiche Interviews mit Fachleuten werden zum Thema Älterwerden herangezogen.
Aufbau und Inhalt
Insgesamt gliedert sich das Buch in neun Abschnitte, um sich den Fragestellungen auf populärwissenschaftliche, fast ist man versucht journalistische Weise zu nähern. Es beginnt mit
Die gute Anpassung Oder: Wie wir alt werden. Der Autor gibt schon zu Beginn zu erkennen, dass die Wissenschaft bis heute weit davon entfernt ist, das Wesen des Alterns zu entschlüsseln. Allerdings gibt es nach seiner Recherche und Befragungen eine ganze Reihe von Erkenntnissen, warum wir altern und warum das bei den Menschen körperlich und psychisch sehr unterschiedlich abläuft. Das wird in einzelnen kurzen Unterkapiteln ausgeführt, zum Beispiel, dass er Hauptgrund für den körperlichen Alterungsprozess in den etwa hundert Millionen menschlichen Zellen zu suchen ist, aus denen der Körper eines erwachsenen Menschen besteht. Die Funktionsfähigkeit der Zellen ist begrenzt. Eine ganze Industrie hat sich mittlerweile gegründet, wie Irle darlegt, die sich mit Ratschlägen, Empfehlungen, Methoden – Stichworte Anti-Aging, richtiger Sport, Schönheitschirurgie u.v.a. – um Altersprävention kümmert und damit viele Millionen macht. Welche entscheidende Rolle die richtige Zielsetzung im Alterungsprozess spielt und überhaupt im Leben spielt, darauf geht Irle ausführlich ein. Es gilt auf jeden Fall, sich auf die richtigen Aufgaben und Ziele zu konzentrieren. So ließen sich, wie auch aus entsprechenden Studien hervorgeht, die zu Rate gezogen werden, körperliche und psychische Defizite im Alter besser kompensieren. Dass erfolgreiches Altern auch Anpassung bedeutet, versteht sich, denn eine Harley zu fahren oder mit dem Gleitfallschirm in den Alpen zu fliegen ist vermutlich nur noch ganz wenigen ab einer bestimmten Altersgrenze möglich.
Um Zielsetzung im Alter und die Frage, was man in dieser Lebensphase noch dazugewinnen kann kreist das Buch mehrfach. In einem weiteren Kapitel betitelt Die zielbewusste Persönlichkeit Oder: Wie wir uns im Alter verändern wird anhand von Fallbeispielen und Studien untersucht, ob Charaktereigenschaften im Alter deutlicher hervortreten; ob wir uns noch einmal verändern, ob wir womöglich klüger, störrischer, zorniger oder entspannter werden oder immer der oder die Alte bleiben. So wird zum Beispiel der bekannte SPIEGEL-Journalist Hermann Schreiber (Jahrgang 1929) zitiert, der sich in eindrucksvoller Weise äußert: “Ich werde mit dem Alter nicht milder, sondern zorniger. Obwohl ich nicht streitsüchtig bin, sage ich heute häufiger, wenn ich etwas schlecht finde.“ Den Grund für diese Veränderung sieht Schreiber darin, dass er nicht mehr soviel Rücksicht nehmen muss wie noch in jungen Jahren. „Ich fühle mich heute unabhängiger und freier.“
Die Fülle von Expertenbefragungen und Fallbeispielen setzt sich auch in den folgenden Kapiteln fort: Erinnern und Erinnerung Oder: Wie das autobiographische Gedächtnis funktioniert.Hier steht die Feststellung im Mittelpunkt, dass wir im Alter beginnen, uns intensiver und häufiger zu erinnern. Was ist Erinnerung, was Erfindung? Diese Fragen werden wieder anhand von Beispielfällen und Studien behandelt. Denn klar ist, dass das autobiographische Gedächtnis eines der kompliziertesten, wenn nicht sogar die komplizierteste Struktur im Gehirn ist, bei der etliche System zusammenspielen müssen. Die Erinnerungsprozesse – jeder kennt das – sind von zahlreichen emotionalen Faktoren beeinflusst. Eine Objektivität lässt sich nicht leicht herstellen. Im Alter verändert sich das Erinnern immer mehr und die Gründe, warum sich alte Menschen vermehrt mit ihrer Vergangenheit beschäftigen, sind vielfältig. Nicht zuletzt auch deswegen, weil es eine Möglichkeit bietet, Interesse an der eigenen Person zu bieten, nicht völlig aus sozialen Kontakten auszusteigen und Gemeinsamkeiten mit anderen zu entdecken und zu pflegen. Und natürlich – das ist der eher tragische Aspekt – wird die Lebensspanne immer kürzer. Es bleibt keine Zeit mehr und meist auch keine Möglichkeit, grundlegend neue Erfahrungen zu machen, neue Projekte in Angriff zu nehmen. So bleibt immerhin die Erinnerung an das Vergangene und das bedeutet im besten Falle Trost und erneutes Durchleben positiver Phasen.
Einige weitere Kapitel bei diesem „Blick auf die Gitterstäbe im Seniorenpark“, wie die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ihre Rezension über Irles Buch ironisch überschreibt, widmen sich unter anderem der Frage, was aus den sozialen Beziehungen im Alter wird (Das große Zusammenrücken), warum wir alle krank werden (Die gefühlte Gesundheit) oder warum wir die eigenen Defizite nicht sehen (Fremde Hilfe).
Das gelebte Sterben oder: Was uns am Ende bewegt.Wir alle müssen zu irgendeinem Zeitpunkt sterben. Eine banale Feststellung, die in diesem Abschnitt getroffen wird. Wie sterben wir aber? Sollten wir über unseren Tod nachdenken? Und falls ja: warum? Das sind die Fragen, die hier in einem relativ unbekümmerten lockeren Ton aufgeworfen werden. Es geht um die unterschiedlichen Abläufe des Sterbeprozesses und was die Menschen am Ende ihres Lebens bewegt. Dass sich Menschen im Angesicht des Todes plötzlich radikal ändern, Vergangenes bereuen, wie manchmal beschrieben wird oder Dinge aus ihrem Leben beichten, gar religiös werden, das sei ein Mythos, meint der Autor. Diese Legende funktioniere in Literatur und in Filmen, in der Realität treffe es eher selten zu. Grundsätzlich gelte die Regel: So, wie Menschen gelebt haben, so sterben sie auch. Und das bedeutet nach Irle nicht nur, dass Konflikte, die Menschen schon seit Jahren verfolgen, sich in den letzten Wochen ihres Lebens in aller Regel nicht plötzlich klären. „Wer im Leben immer ruhig war, der wird auch ruhig sterben. Wer polterig war, der poltert auch beim Sterben“ wird Barbara Hoffmann, die Leiterin in einem Düsseldorfer Hospiz zitiert.
Fazit: Unbekümmerte distanzierte Darstellung
Es werden in diesem Buch viele Erkenntnisse der Altersforschung ausgebreitet, teils in Erlebnis- und Erfahrungsberichten, teils nach wissenschaftlichen Studien zusammengefasst und referiert. Der Journalist Irle war zweifellos fleißig, lässt kaum einen Bereich des Älterwerdens in den zahlreichen kurzen Unterabschnitten aus. Viele Aspekte sind bekannt und man fragt sich, ob es wirklich notwendig ist, etwa noch einmal auf den körperlichen Verfall im Alter, auf die faltiger werdende Haut und das schrumpfende Gehirn einzugehen und immer wieder Experten aus dem großen, in diesem Buch bemühten Pool zu diesem Prozess herbei zu zitieren.
Insgesamt lässt einen dieses Buch recht unbeteiligt beim Lesen. Es ist, wie es schon im Titel „Alterwerden für Anfänger“ impliziert wird, auch ein Ratgeber. Nur einer, der unbekümmert daherkommt, oft in viel zu kurze Häppchen zerhackt und kaum die Probleme richtig durchleuchtend. Eine lang geratende journalistische Fleißarbeit vielleicht, der Blick eines 33Jährigen Autors auf das, was ihm in etlichen Jahren beim Älterwerden selber geschehen könnte. So will es Irle verstanden wissen, das war ein Hauptmotiv beim Schreiben. Allerdings bleibt die ganze Darstellung recht distanziert. Der Autor ist auch Psychotherapeut, war in einer geriatrischen Abteilung beschäftigt. Als solcher hätte er sich um eine weniger unbeteiligte Darstellung bemühen können. Es gehen dem Leser die vielen Dutzend Aufforderungen und Ratschläge, wie man sich im Alter verhalten müsse, was man loslassen kann, woran man sich anpassen und denken muss, wie neue Beziehungen aufzubauen sind usw. usw., schlicht und einfach auf die Nerven, weil sie nur hingeschrieben, zitiert, zusammengefasst und wie auch immer ins Buch geraten sind und nicht die Spur von Anteilnehmen verraten. Daran ändern auch die zahlreichen Erlebnisberichte wenig. Aber vielleicht sind wir zu streng, denn möglicherweise soll sich das Buch ohnehin nur an junge Leser wenden, die auf diese flapsige Art unterhalten werden sollen und mit dem Autor zusammen einen Blick in den Alterszoo werfen dürfen.
Rezensent
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor
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Zitiervorschlag
Gerd Schneider. Rezension vom 23.01.2010 zu: Matthias Irle: Älterwerden für Anfänger. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2009. 285 Seiten. ISBN 978-3-498-03231-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8355.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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