Ibrahim Rüschoff, Malika Laabdallaoui: Basiswissen: Umgang mit muslimischen Patienten
Ibrahim Rüschoff, Malika Laabdallaoui: Basiswissen: Umgang mit muslimischen Patienten. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2010. 140 Seiten. ISBN 978-3-88414-484-8. 14,95 EUR.
Thema
Das Buch beschreibt die spezifischen Herausforderungen, die sich beim Umgang mit muslimischen Patienten in der ambulanten und in der stationären (Psycho-)Therapie ergeben.
Autoren
Malika Laabdallaoui arbeitet als Diplom-Psychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin in einer eigenen Praxis. Ibrahim Rüschoff ist Psychiater und Psychotherapeut und nach langjähriger Kliniktätigkeit heute als niedergelassener Ärztlicher Psychotherapeut tätig.
Aufbau
Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert, die von einer von den Autoren verfassten Vorbemerkung eingeleitet werden. Die Titel der einzelnen Kapitel lauten:
- Was Helfende über den Islam und die Muslime wissen sollten
- Muslime in Psychiatrie und Psychotherapie
- Die innere Haltung der Helfenden
- Religion und Tradition in Ehe und Familie
- Traditionelle (islamische) Heilmethoden und die Psychiatrie.
Im Anschluss an den Text folgen Zusammenstellungen themenrelevanter Literatur und Webseiten in Ausgewählte Literatur und Internet.
In den Klappentexten werden Merksätze aus dem Text des Buches wiedergegeben, die Empfehlungen für die Zusammenarbeit mit muslimischen Patienten beinhalten.
Inhalt
Das erste Kapitel „Was
Helfende über den Islam und die Muslime wissen sollten“
beschreibt das Selbstverständnis des Islam und die islamischen
Quellen, den Koran und die Sunna, sowie die Bedeutung Gottes und des
Menschen im Islam.
Nach Aussage der Autoren findet sich in
den islamischen Quellen keine Grundlage für ein
Krankheitsverständnis als Strafe für eine bestimmte
Handlung. Im Krankheitsfall sei das Gleichgewicht von Gott –
Mensch – Welt gestört, das wiederhergestellt werden müsse.
Im Fall einer Erkrankung müsse der betroffene Mensch alles tun,
um seine Gesundheit zurückzugewinnen.
Weitere
Aussagen des ersten Kapitels beziehen sich auf Daten und Fakten zur
muslimischen Bevölkerung in Deutschland, auf deren ethnische und
religiöse Vielfalt (Sunniten, Schiiten, Aleviten, Ahmadiyya)
sowie auf die Besonderheiten der (unzureichenden) psychosozialen
Versorgung der Muslime.
Für die Zusammenarbeit mit
muslimischen Patienten und für die Reflexion des eigenen
beruflichen Handelns empfehlen Laabdallaoui und Rüschoff
den therapeutisch Tätigen Selbstreflexionen zur Frage der
eigenen Religiosität und zu den eigenen Vorurteilen gegenüber
dem Islam, da der Islam und die Muslime in Deutschland als
Projektionsfläche für vielfältige gesellschaftliche
und persönliche Ängste dienen.
Im zweiten Kapitel „Muslime in
Psychiatrie und Psychotherapie“ beschäftigen sich die
Autoren mit der Frage, ob die Religion ein Hemmnis oder eine
Ressource, wie beispielsweise bei der Strukturierung des
Tagesablaufes durch die Gebetszeiten, in der Behandlung von Muslimen
sein kann Die Einhaltung bestimmter religiöser Etikette, die
für einen praktizierenden Muslim die Regeln einer guten
islamischen Erziehung seien, erleichtere den Aufbau einer
vertrauensvollen Beziehung zwischen Patient und Therapeut.
Viele Muslime befürchten, dass sie seitens der Therapeuten
oder Ärzte nicht verstanden werden, dass sie den von den
Therapeuten ausgesprochenen Empfehlungen aus religiösen Gründen
nicht folgen können oder, dass ihre Religion für ihre
Probleme verantwortlich gemacht werde.
Ein Schwerpunkt
dieses Kapitels ist der Alltag auf der Station, wobei die Autoren
sich mit den Besonderheiten der Bezugspflege, der Stationsbelegung,
der Bekleidung, dem Krankenbesuch, der Rituellen Waschung, den
täglichen Gebeten, den Speiseregeln und mit dem Fasten
beschäftigen. So fehle beispielsweise der vom Christentum
bekannte Bußcharakter des Fastens im Islam völlig. Weitere
Besonderheiten innerhalb der Diagnostik und der Therapie, wie die
Schweigepflicht, die Anamnese und die Differenzierung diagnostischer
Ebenen (Religiöse Ebene, Migrationsebene, Soziale Ebene,
Kulturelle Ebene, Medizinisch-Psychologische Ebene) werden von den
Autoren erläutert, ebenso wie die besondere Bedeutung
spezifischer psychiatrischer Krankheitsbilder wie Depressionen,
schizophrene Psychosen, Zwangserkrankungen, Sucht und Demenz. Die
therapeutischen Angebote wie Gruppentherapie, Musiktherapie, Sport-
und Entspannungstherapie und Beschäftigungstherapie werden aus
der Sicht des Islam beurteilt.
Da die Sprache ein
zentrales Element für die psychiatrische Diagnostik, Therapie
und Pflege ist, werde es zur Verbesserung der Kommunikation im
therapeutischen Setting in einigen Fällen notwendig sein, einen
Dolmetscher zu verpflichten. Laabdallaoui und Rüschoff
erörtern die Grundregeln für den Einsatz eines Dolmetschers
sowie die sich daraus ergebenen Schwierigkeiten und Vorteile.
Das dritte Kapitel „Die innere
Haltung der Helfenden“ betont als hilfreiche Perspektiven
für die Zusammenarbeit mit muslimischen Patienten
interkulturelle Kompetenz, wobei interkulturelle Kompetenz als innere
Haltung und weniger als gelernte Fertigkeit verstanden wird. Wichtig
seien hierfür Ambiguitätstoleranz, Dissensbewusstsein,
Empathie, Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit,
Kulturwissen, Rollendistanz und Selbstdisziplin.
Da
muslimische Patienten häufig nur wenig Wissen über ihre
Religion haben und aus Unkenntnis viele Traditionen (familiäre
Beziehungen, Rollenvorstellungen usw.) mit dem Islam begründen,
empfehlen die Autoren den Therapeuten, Aussagen von Patienten, die
diese für die Begründung ihrer Einstellungen oder
Verhaltensweisen nutzen, auch auf ihre sachliche Richtigkeit zu
überprüfen, beispielsweise durch Literatur oder über
die Webseite des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD).
Im vierten Kapitel „Religion
und Tradition in Ehe und Familie“ bemerken Laabdallaoui
und Rüschoff, dass die Vermischung von Religion und
Tradition auf muslimischer Seite eines der Grundprobleme bei der
Integration sei.
Beim islamischen Verständnis von
Ehe und Familie unterscheiden sie zwischen der rechtlichen
Perspektive und der religiös-psychologischen Perspektive. Ein
besonderes Merkmal der islamischen Sicht auf Erotik und Sexualität
sei, dass die Sexualität dem Menschen auch zum Genuss gegeben
ist und im Islam nicht vorwiegend unter dem Aspekt der Fortpflanzung
gesehen wird. Empfängnisverhütung, die vorübergehend
ist, sei erlaubt. Andere Schwerpunkte dieses Kapitels sind Sexualität
und Geschlechterverhältnisse, Sexuelle Aufklärung,
Partnerwahl und Heirat, Gewalt in Ehe und Familie, die weibliche
Genitalverstümmelung und der Heiratspartner aus dem Ausland.
Im letzten Kapitel „Traditionelle
(islamische) Heilmethoden und die Psychiatrie“ werden
traditionelle Erklärungen für psychische Erkrankungen
vorgestellt (Besessenheit durch einen Dschinn, Manipulation durch
„Böse Magie“ oder durch den „Bösen Blick“
eines anderen Menschen). Die Verlegung der Krankheitsursache nach
außen bewahre die Betroffenen und deren Familien vor
Stigmatisierung.
Ebenfalls angesprochen werden in diesem
Kapitel der Umgang mit traditionellen Heilern, die Frage nach der
Pilgerfahrt als Therapie und die Behandlung im Ausland.
Diskussion
Dieses Basiswissen ist besonders geeignet für die in den Helferberufen Tätigen wie Ärzte, Psychotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter etc., die mit muslimischen Patienten und Klienten zusammenarbeiten. Es werden wichtige Punkte angesprochen, die die Zusammenarbeit mit der muslimischen Klientel erleichtern, da sie ein besseres Verständnis und einen besonnenen Umgang mit dieser Personengruppe erlauben. Der gut strukturierte Text sowie die eingefügten Beispiele gestalten das Buch gut und flüssig lesbar.
Fazit
Malika Laabdallaouis und Ibrahim Rüschoffs „Umgang mit muslimischen Patienten“ ist eine differenzierte Einführung in den Islam und eine Anleitung für Menschen in den so genannten Helferberufen, die häufig mit muslimischen Patienten/Klienten zusammenarbeiten. Neben den Informationen über den Islam werden auch verschiedene Besonderheiten berücksichtigt, die im Islam anders betrachtet werden als beispielsweise innerhalb des institutionalisierten Christentums.
Rezensentin
Dr. Barbara Mahmoud
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Zitiervorschlag
Barbara Mahmoud. Rezension vom 10.03.2010 zu: Ibrahim Rüschoff, Malika Laabdallaoui: Basiswissen: Umgang mit muslimischen Patienten. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2010. 140 Seiten. ISBN 978-3-88414-484-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8356.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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