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Susanne Dungs, Uwe Gerber u.a. (Hrsg.): Biotechnologie in Kontexten der Sozial- und Gesundheitsberufe

Cover Susanne Dungs, Uwe Gerber, Eric Mührel (Hrsg.): Biotechnologie in Kontexten der Sozial- und Gesundheitsberufe. Professionelle Praxen - disziplinäre Nachbarschaften - gesellschaftliche Leitbilder. Peter Lang Verlag (Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien) 2009. 413 Seiten. ISBN 978-3-631-57779-0. 29,50 EUR.

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Herausgeberin, Herausgeber und Thema

Den aktuellen Hintergrund dieses Buches zeigt eine alltägliche Begebenheit: Eine deutsche Krankengymnastin erzählt dieser Tage von ihrer Schwester, die verheiratet mit einem Chinesen ist, in Hongkong lebt und nach einer Fehlgeburt eine Genanalyse durchführen lässt, ob ihr eigenes und das Erbgut ihres Mannes zum Zweck der Zeugung sozusagen zusammenpassen. Das Beispiel veranschaulicht die Prämisse des Sammelbandes, dass biomedizinische Fragen inzwischen im Alltag breiter Bevölkerungsschichten auftreten. In den 22 Beiträgen nun geht es darum, welche neuen Sichtweisen mit - wirklichen oder vermeintlichen - biomedizinischen Entwicklungen und Fragen aufkommen und inwiefern insbesondere Begriffen wie Gen, Leben oder Mensch neue Bedeutungen zugeschrieben werden. Durchgängig ist dabei die humangenetisch ausgerichtete Biomedizin der wichtigste Bezugspunkt, stellenweise sind auch Fragen der Neurowissenschaft thematisch.

Die Herausgeberin Susanne Dungs von der FH Kärnten ist von Hause aus Professorin der Sozialarbeit mit Schwerpunkt Ethik, die Herausgeber Uwe Gerber von der Universität Basel bzw. Eric Mührel von der Hochschule Ostfriesland sind Professor für Theologie bzw. Professor für Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaft mit Schwerpunkt Ethik und Sozialphilosophie.

Die Autoren der Beiträge sind mit drei Ausnahmen an Hochschulen oder wissenschaftsnahen Einrichtungen tätig. Ein Autor ist im Bereich der Gesundheitsberufe tätig. Von den insgesamt 26 Autoren haben vier Autoren einen mit der Biomedizin verwandten eigenen wissenschaftlichen Hintergrund (Humanmedizin, Biologie). Der disziplinäre Hintergrund der anderen ist breit gefächert: von der (Sozial-)Pädagogik, Politikwissenschaft über Philosophie und Recht bis hin zu Sozialarbeit, Soziologie und Theologie. Entsprechend breit gefächert sind auch die inhaltlichen und methodischen Zugänge zur Frage nach den Deutungs-Eckpunkten von Biomedizin im gegenwärtigen Alltag.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach zwei Vorworten der Herausgeber bzw. der Herausgeberin in vier Teile:

  1. Problemhorizont (Beitrag von Susanne Dungs)
  2. Professionelle Praxen (sieben Beiträge)
  3. Disziplinäre Nachbarschaften (sieben Beiträge)
  4. Gesellschaftliche Leitbilder (sieben Beiträge)

Inhalt

Um einen Eindruck von dem Buch zu vermitteln, seien im Folgenden einige Beiträge herausgegriffen. Den Problemhorizont erkennt Susanne Dungs im Beitrag „Soziale Arbeit zwischen aktivierender Sozialpolitik und determinierender Biopolitik“ darin, dass die zwei allgemeinen Entwicklungen einer Aktivierung der Einzelnen und einer Biologisierung des Menschen ineinander greifen und eine Gesamttendenz bilden. Aktivierung adressiert das Individuum als vorrangigen Verantwortungsträger in der Gesellschaft, während zeitgleich die Verhältnisse aufgrund der rasanten (bio-)technologischen Entwicklungen immer noch komplexer und unbestimmbarer werden. Der aktivierte Einzelne ist immer mehr verunsichert und überfordert. Aber er fühlt sich entlastet, indem genetische und neurologische Determinierungen seines Körpers und seines Verhaltens ein genetisch bestimmtes Naturgeschehen an die Stelle seiner persönlichen Verantwortlichkeit rücken. Dungs behauptet einen „epochalen Umbruch“, der sich mit dem Reduktionismus biomedizinischer Erklärung des Menschen und mit der damit einhergehenden Renaturalisierung sozialer Phänomene vollzieht und der darauf hinausläuft, dass der abhängige und nicht-optimierbare Mensch negiert wird. Wie sie am Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperkinese-Syndrom zeigt, droht in der Sozialarbeit an die Stelle des Wissens um die Bedeutung sozialer und ökologischer Bedingungen die medizinische Diagnose und Medikalisierung von Klienten und Angehörigen zu treten. Dungs verweist demgegenüber auf einen unheilbaren Bruch zwischen Natur und Kultur, Leiblichkeit und Ratio des Menschen, den es im Namen der unvordenklichen Andersheit des Menschen anzuerkennen gelte.

Im zweiten Teil des Buches widmet sich Dieter Schäfer aus seiner Sicht des klinischen Oberarztes und Medizinethikers der „Genetische(n) Beratung bei erblichem Brust- und Eierstockkrebs“. Es geht um Herausforderungen der Beratung bei klinischen genetischen Untersuchungen durch prädiktive Diagnostik. Vor dem Hintergrund der Bandbreite möglicher Mutationen der betreffenden zwei Gene für Brustkrebs zeigt Schäfer z.B. auf, wie fraglich es ist, ob die zeit- und finanzaufwendigen Diagnosemöglichkeiten mit Routineversorgung vereinbar sind. Angesichts der komplexen Informations- und Entscheidungssituationen empfiehlt Schäfer über die fachliche ärztliche Beratung hinaus Einrichtungen, die Diagnostik anbieten, die Etablierung einer umfassenden interdisziplinären Beratung. Diese zielt letztlich auf - wissenschaftlich fundierte - „Lebensberatung“, mithin auf das ganze Umfeld, das ganze Leben der Patientinnen.

Andrea zur Nieden („Die Verkörperung des genetischen Risikos“) legt im Rückgriff auf qualitative Befragungen im Zusammenhang mit Risikotests bzgl. Brust- oder Eierstockkrebs dar, inwiefern im Zusammenhang eines Tests erst Probleme an teilnehmende Frauen herangetragen werden. Sie verdeutlicht, inwiefern ein im Vorhinein biomedizinisch definierter Analyse- und Entscheidungsrahmen vermittelt, was es heißt, Risikoperson zu sein. Zur Nieden unterscheidet den Typus „Risikomanagerin“ von einem zweiten Typ Patientin, die dem Rat eines vertrauenswürdigen Professionellen folgen möchte. Beide Typen verstricken sich freilich in der „unendlichen Logik“ genetischen Wissens: Ein Mehr an Informationen erbringt kein Mehr an Klarheit über Handlungsoptionen (hätte man weiter geraucht, hätte man ggf. auch Krebs bekommen) - sondern eine noch tiefere Verstrickung in die Reflexion des eigenen Risikos.

Alexander Bogner („Wem hilft genetische Beratung?“) argumentiert, dass sich im Bereich pränataler Diagnostik - etwa beim Down-Syndrom - die Entscheidung nicht auf spezifisch medizinische Werte und Regeln bezieht und dass von daher heutzutage die Laienperspektive im Arzt-Patienten-Verhältnis aufgewertet wird.

Rouven Proz und Jackie Leach Scully („Entfremdung und Absurdität?“) nehmen eine Fallgeschichte einer Patientin, die nach prädiktiver Gendiagnostik mit einer Krebserkrankung konfrontiert war, zusammen mit Camus’ Roman „Der Fremde“ über einen Algerier, der für einen Mord lebenslänglich inhaftiert ist. Ein analytisch tragfähiges tertium comparationis für die beiden verglichenen Geschichten gibt es nicht. Bzgl. der Krankheitssituation stellen die Autorin und der Autor einige Arten von Problemen vor, die sie aus Interviews abstrahiert haben, z.B. das Problem der „Soziale Entfremdung“.

Den dritten Teil eröffnet der Beitrag „Molekulargenetische Wahrheitssuche“ der Journalistin Erika Feyerabend. Er skizziert die Bandbreite kommerzieller Anbieter der „Bio-Ökonomik“ und umreißt Strategien der Bedarfserzeugung, angefangen von Internetfirmen, die Genanalysen mit Hinweis auf einen verbesserten gesellschaftlichen Status bewerben, bis hin zu Staaten, die ihre Institutionen systematisch mit privaten Unternehmen verbinden, um genetische Informationen zu gewinnen, zu vernetzen und und kommerziell in public private partnership verwerten zu lassen. Neben der problematischen Rechtslage (Datenschutz, Patentrecht) erweist sich als eines der größten Probleme die Entwicklung einer Public-Health-Genetik. Diese könnte in einer mehr oder weniger präventiv verbrämten Bevölkerungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik dafür eingesetzt werden, dass die Einzelnen in neuer Weise erzogen werden und dass der Umfang ihrer Pflichten gegenüber der Gemeinschaft deutlich erweitert wird.

Gerhard Gamms Beitrag „Der unbestimmte Mensch“ unterscheidet im vierten Teil des Buches zwei historisch entstandene und gegenwärtig immer noch anerkannte, aber miteinander unvereinbare Selbstdeutungen des Menschen: zum einen die Dritte-Person-Perspektive, in der der Mensch sich naturwissenschaftlich-objektiv betrachtet und z.B. einen defizitären Gesundheitszustand auf natürliche Ursachen zurückführt, zum anderen die Perspektive, in der der Mensch ein gesellschaftlich existierendes Wesen ist, das dank Intelligenz und Intentionalität eine nicht-natürliche Ursachenordnung repräsentiert und je und je selbst bestimmen muss, wie ein menschliches Leben - verantwortlich gegenüber Natur, Kultur und sich selbst - zu führen ist. Gamm analysiert bedeutende Beispiele dafür, inwiefern gegenwärtig die nicht-naturale menschliche Ordnung infrage gestellt wird, objektivistischen Vereinnahmungsversuchen ausgesetzt ist und wie dabei mit der menschlichen Natur wie mit einer ethisch neutralen, je nach Bedarf normativ neu besetzbaren Leerstelle verfahren wird. Der Autor wirbt mit Plessner für die Unbestimmbarkeit der Menschen, die sich geschichtlich denjenigen Rahmen je selbst erarbeiten müssen, den sie zur „Selbststabilisierung auf Zeit“ benötigen. Gamm zeigt abschließend im Umriss, wie der Begriff der Menschenwürde - ebenso wie etwa auch die Begriffe des Verstehens oder der Gerechtigkeit - in eine „Grammatik“ eingebettet ist, die zwar nicht endgültig ergründet werden kann, die aber einheitlich-umfassend ist.

Christina Aus der Au („Ein neues Menschenbild der Neurowissenschaften?“) zielt auf eine Diagnose, worin für die Theologie die Herausforderung der Neurowissenschaften liegt. An Ergebnissen Newbergs und Aquilis über religiöse Erfahrungen zeigt Aus der Au, dass Neurowissenschaft zu Unrecht normative Ansprüche erhebt. Die Negation der menschlichen Willensfreiheit im Anschluss an die Experimente Libets bzw. die neurowissenschaftliche Begründung des menschlichen Selbst als eines Effektes laufen ihrer Meinung nach darauf hinaus, dass ein „jemand“ in seiner Einmaligkeit neurowissenschaftlich objektiv beschreibbar und damit „zum niemand und damit zum etwas“ gemacht wird - also in seiner Einmaligkeit letztlich geleugnet wird. Aus der Au rekonstruiert solche Positionen als Selbstauffassungen des sündigen, gegen Gott verschlossenen Menschen, der seine eigene Einheit permanent aus sich selbst hervorbringen muss. Der Theologie bedarf er dabei nicht. Die Theologie muss sich daher von sich aus den zeitgenössischen Erkenntnissen stellen und sich öffentlich Rechenschaft geben, inwiefern ein anderes Verständnis des Menschen möglich ist - in der Hoffnung auf eine „gegenseitige Perspektivübernahme“.

Thomas Lemke („Der Wille zum Wissen“) hält einen Gegensatz von schicksalhafter genetischer Natur und subjektiver Freiheit für falsch. Er zeigt auf, dass im Horizont der Gendiagnostik neue soziale Unterscheidungen denkbar werden: zum einen diejenigen, die auf allgemein vorteilhafte Weise damit umgehen können, dass sie ein genetisches Risiko haben (sind), und zum anderen diejenigen, die dies nicht schaffen, die daher als eine allgemeine Gefahr definiert werden und zum Schutz aller anderen zu Ausgeschlossenen oder gar Weggeschlossenen gemacht werden. An gegenwärtigen Tendenzen in der Strafjustiz wird deutlich, dass im Horizont einer solchen neuen „sozialen Medizin“ Internierung an die Stelle der Resozialisierung tritt und dass Recht und Gesetz als Legitimationsrahmen ihre Bedeutung einzubüßen drohen.

Zielgruppen

Die Beiträge sind gut verständlich geschrieben und vermitteln jedem Leser, der etwas Übung in der Lektüre von sozialwissenschaftlich geprägten Texten hat, einen breiten Einblick in Fragen zur Bedeutung der Biomedizin in der heutigen Gesellschaft. Besonders geeignet ist das Buch für

  1. Berufstätige (Gesundheitswesen, Sozialpolitik, Verbraucherschutz, Verbände, nicht Gewinn orientierte Organisationen u.a.m.), zumal wenn sie konzeptionelle und strategische Aufgaben haben,
  2. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bzw. Studierenden, die kritische Ansätze gegenüber der Biomedizin kennen lernen oder verarbeiten wollen.

Fazit

Begriffe oder Logiken, die derzeit in theoretischen Diskussionen sowie in praktischen Zusammenhängen im Umgang mit Biomedizin am Werke sind, werden in den Beiträgen herausgearbeitet und analysiert. Berufliche Praxisbeispiele stammen fast ausschließlich aus dem Beratungsbereich. Versammelt sind geisteswissenschaftliche bzw. theologische Beiträge. Die Autoren verfolgen meistens eine kritische Absicht, teilweise führen Zuspitzungen zu Klarheit, aber auch zu einer gewissen (Über-)Dramatisierung. Alle Beiträge nehmen eine allgemeine Einordnung (der Wahrnehmung) von biomedizinischen Fragen vor - sei es im Rahmen einer Disziplin, sei es in Bezug auf die Nutzung der Biomedizin im Kontext anderer gesellschaftlicher Kraftfelder, sei es in Bezug auf tatsächliche oder denkbare politische Programmatiken. Das theoretische Niveau ist insgesamt überzeugend. Besonders gelungen ist, dass Beiträge sich nicht selten widersprechen. Es verweist darauf, dass verschiedene Sichtweisen auf Biomedizin unvermeidlich sind und dass in einer lebendigen demokratischen Kultur das Austragen von Konflikten zwischen den Sichtweisen zur Herausbildung der zukünftigen, auch biomedizinisch geprägten Bestimmung des menschlichen Lebens dazugehört. Dieser Sammelband ist ein gelungener Beitrag von GeisteswissenschaftlerInnen und TheologInnen zu den erforderlichen Auseinandersetzungen.


Rezensentin
Dr. Petra Schmidt-Wiborg
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule Lausitz (FH)
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Zitiervorschlag
Petra Schmidt-Wiborg. Rezension vom 23.11.2009 zu: Susanne Dungs, Uwe Gerber, Eric Mührel (Hrsg.): Biotechnologie in Kontexten der Sozial- und Gesundheitsberufe. Peter Lang Verlag (Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien) 2009. 413 Seiten. ISBN 978-3-631-57779-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8369.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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