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Nando Belardi: Supervision. Grundlagen, Techniken, Perspektiven

Cover Nando Belardi: Supervision. Grundlagen, Techniken, Perspektiven. C.H.Beck Verlag (München) 2009. 3. Auflage. 128 Seiten. ISBN 978-3-406-44757-0. 7,90 EUR.

Beck.
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Einführung in das Thema

Belardi schildert Supervision als ein Beratungssystem, das unterschiedliche Beratungsansätze, -felder und -traditionen unter einen Oberbegriff fasst. Was in Sozialarbeit, Psychotherapie und Pädagogik schon immer "Supervision" hieß, firmiert seit einiger Zeit in Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Sport unter "Coaching". Er zieht Verbindungslinien in die Bereiche der Personalentwicklung, der Arbeits- und Organisationspsychologie sowie der Organisationsentwicklung.

Sein Ansatzpunkt ist die Feststellung, dass in der Dienstleistungsgesellschaft, die seiner Meinung nach die Industriegesellschaft abgelöst hat, Sozialkompetenzen die bisherigen Berufsqualifikationen ergänzen müssen. Unternehmen fragen immer mehr Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Problemlösungskompetenz und Belastbarkeit nach. Der Beziehungsaspekt der (gemeinsamen) Arbeit gerät stärker in den Blick. In diesen Bereichen hat sich die Supervision als hilfreiche Beratungsform und berufliche Selbstreflexion erwiesen.

Hintergründe und Autoren

Nando Belardi ist ein mit vielen Beratungswassern gewaschener Autor. Er hat Wirtschaftswissenschaften, Sozialgeschichte, Sozialwissenschaften, Pädagogik und Psychologie studiert, im Fach Soziologie promoviert und sich in Erziehungswissenschaften habilitiert. Er war Professor an der FH Köln und hat inzwischen den Lehrstuhl für Sozialpädagogik an der TU Chemnitz inne. Er war Gastprofessor für den Studiengang "Diplom-Supervisor" in Amsterdam. Er ist Psychotherapeut (HPG) sowie Lehrsupervisor der DGSv. Seine Habilitationsschrift "Supervision. Von der Praxisberatung zur Organisationsentwicklung" ist im Jahr 1992 bei Junfermann erschienen und stellt eines der Standardwerke zur Geschichte der Supervision dar.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Das einführende Kapitel habe ich oben schon skizziert, es trägt die Überschrift "Weshalb die Dienstleistungsgesellschaft Supervision benötigt". Ein zweites Kapitel ist den Entwicklungslinien der Supervision gewidmet. Wichtig ist immer wieder die Begriffsklärung, da die deutschsprachige und die angelsächsische Literatur jeweils unterschiedliche Akzente setzen: im englischen Sprachraum enthält der Begriff "Supervision" nach wie vor das Element "Aufsicht", "Anleitung", während man im deutschsprachigen Raum unter Supervision "Weiterbildungs-, Beratungs- und Reflexionsverfahren für berufliche Zusammenhänge" versteht. (S. 15)

Anfänge von Supervision sieht Belardi bereits im Sokratischen Dialog, in der Qualitätskontrolle der Zünfte und Gilden sowie in der Selbstkontrolle der selbständigen Berufe nach der Aufklärung. Die direkte Linie führt aber zu den Anfängen der Sozialarbeit und der Psychotherapie, die beide durch Beziehungsreflexion zu einem Professionalitätsgewinn kamen. (vgl. Kontrollanalyse etc.) Eine weitere Quelle heutiger Supervision ist die Gruppenarbeit des Psychoanalytikers Michael Balint. Und schließlich reichen die Wurzeln der Supervision in die Geschichte der Pädagogik.

Das dritte Kapitel heißt "Varianten, Anwendungen und Funktionen der Supervision". Es bietet einen Überblick (allerdings aus sehr großer Höhe...) über unterschiedliche Formen und Arbeitsbereiche von Supervision: Monitoring, Weiterbildung, Personalentwicklung, Qualitätssicherung, Teamentwicklung, Beziehungsprobleme meistern, Moderation und Präsentation, Coaching, Counselling, mobbing, Mediation etc. - schon die Aneinanderreihung der Begriffe sollte deutlich machen, dass hier zwischen Seite 39 und 69 sehr viel verhandelt wird.

Der "Supervision als Prozess" ist das vierte Kapitel gewidmet: vom Beratungsansatz über Supervisionsanlässe, Erstgespräch, Kontrakt etc. bis hin zum Supervisionsende reicht der Bogen. Settings und "Modalitäten" behandelt das fünfte Kapitel, und das sechste schließlich ist überschrieben mit "Perspektiven". Da wird die Geschichte der zunehmenden Institutionalisierung der Supervision in der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) und im europäischen Dachverband "Association of National Oragnizations for Supervision in Europe" (ANSE) sowie den parallelen Verbänden in anderen europäischen Ländern geschildert. (Allerdings muss man hier anmerken, dass die Sicht sehr einseitig auf die DGSv-Tradition ausgerichtet ist. Ein so wichtiger Verband wie die "European Association for Supervision" (EAS) gerät gar nicht erst in den Blick - Verbandspolitik...) Die Forschungsergebnisse zur Evaluation supervisorischer Arbeit werden kurz zusammengefasst und schließlich wird die Notwendigkeit dargestellt, dass die Supervision weitere Bezugswissenschaften in ihr Denk- und Beratungssystem integriert.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit, Zielgruppen

Ich muss an meine Rezension des Buches von Doppler/Lauterburg: Change-Management denken. Die Autoren schrieben: "Wer ein Buch schreiben will, sollte sich immer drei Fragen stellen. Erstens: Was für ein Buch soll es werden? Zweitens: Zu wessen Nutz und Frommen soll es sein? Drittens: Ist es nicht schon geschrieben worden - womöglich mehrmals und viel besser?" Ich phantasiere mal Belardis Antworten. Erstens: Es sollte ein Buch werden, das ein sehr kurz gefasstes Kompendium zum Fach Supervision bietet - mehr als ein Seminarskript, aber weniger als eine umfassende Monographie. Ein Band eben, der sich in die Verlagsreihe "C.H. Beck Wissen" einfügt, in der ja auch in recht schmalen Bänden beispielsweise "Das Alte Testament", die "Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert" oder der "Nationalismus" behandelt wird. Zweitens: als Leser/innen und Nutznießer/innen stelle ich mir Menschen vor, die eine Ausbildung in Supervision absolvieren oder sich im Zusammenhang etwa mit einem Examen einen Überblick über das Fach verschaffen müssen. Und drittens (ob er das wirklich sagen würde?): Natürlich ist ein solches Buch schon geschrieben worden - aber eben ausführlicher, länger, nicht so konzentriert. Die Stärke dieses Band liegt in dem Überblick, den er ermöglicht.

Ich persönlich würde denen, die interessiert sind am Fach Supervision und wirklich etwas darüber lernen wollen, raten, sich selbst 200 Seiten mehr zuzumuten und ausführlichere Darstellungen zu lesen - z.B. Belardis o.g. Habilitationsschrift oder "Supervision" von Schreyögg oder auch das "Lehrbuch der Supervision" von Buer. Man kann natürlich auch das sehr detaillierte Literaturverzeichnis Belardis hernehmen und damit weiterarbeiten - ich persönlich habe mir manch einen Hinweis anstreichen können.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv)
(Lehr-)Coach (DGfC)
1.Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Coaching e.V.
Homepage www.resonanzraeume.de
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage aus dem Jahr 2002.


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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 03.06.2003 zu: Nando Belardi: Supervision. Grundlagen, Techniken, Perspektiven. C.H.Beck Verlag (München) 2009. 3. Auflage. 128 Seiten. ISBN 978-3-406-44757-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/839.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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