Isabel Behr: Aspekte inklusiver Qualität in Kindertageseinrichtungen [...]
Isabel Behr: Aspekte inklusiver Qualität in Kindertageseinrichtungen aus Sicht 4- bis 6-jähriger Kinder mit und ohne besondere Bedürfnisse - eine Pilotstudie. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2009. 344 Seiten. ISBN 978-3-89574-706-9. 29,80 EUR.
Thema
Im Zuge einer immer umfassenden Diskussion von Aspekten der Qualität und der Inklusion in Kindertagesstätten widmet sich die Autorin einem bisher wenig betrachteten Thema: der Sicht der Kinder auf ausgewählte Aspekte inklusiver Qualität. Sie möchte subjektiv erlebte Dimensionen dieser Qualität bei den Kindern herausarbeiten.
Autorin
Dr. Isabel Behr ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Entstehungshintergrund
Die vorliegende Veröffentlichung basiert auf der Promotionsschrift zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie, die Isabel Behr im Herbst 2008 an der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereicht hat.
Aufbau
Das Buch ist in einen Teil A und einen Teil B gegliedert. Der Teil A, in dem der theoretische Hintergrund der Studie aufgearbeitet wird, besteht aus den Kapiteln 1 bis 4. Die Kapitel 5 bis 6 des Teils B beinhalten die Darstellung der empirischen Studie. Im Kapitel 7 wird eine Zusammenfassung gegeben, dem schließt sich ein Literaturverzeichnis und ein Anhang an.
Teil A
1. Inklusion in
Kindertageseinrichtungen. Zunächst folgen eine
Begriffsklärung des Begriffes Inklusion und ein Vergleich mit
dem Begriff der Integration. Dem schließen sich eine
Darstellung des Standes der Integrationsentwicklung im
Elementarbereich, ein Blick auf die Geschichte und
Forschungsergebnisse im Bereich der Integration und Inklusion im
Elementarbereich an.
Nach der Beschreibung der
historischen Wurzeln der Integrationsbewegung erfolgt eine
Zusammenfassung von Grundkonzeptionen integrativer Erziehung, wie dem
entwicklungsorientierten Ansatz von Feuser und dem
situationsorientierten Ansatz nach Dichans, sowie eine
Vorstellung von Forschungsergebnissen im Bereich der Inklusion im
Elementarbereich anhand verschiedener Studien.
2. Qualität in Kindertageseinrichtungen. Ein recht umfangreiches Kapitel ist dem Bereich der Qualität in Kindertageseinrichtungen gewidmet. Die Autorin setzt sich hier mit dem Begriff der Qualität, den historischen Wurzeln der Qualitätsdebatte und Verständnis von pädagogischer Qualität auseinander. Anhand der Kategorisierung von Esch et al. werden einige der derzeit vorliegenden Verfahren zur Entwicklung von Qualität in Kindertageseinrichtungen vorgestellt.
3. Qualität in inklusiven Kindertageseinrichtungen. Ausgehend von der ökologischen Entwicklungstheorie von Urie Bronfenbrenner entwickelt die Autorin mit Bezug auf Heimlich eine ökologische Theorie der Integrationsentwicklung und stellt Forschungsergebnisse aus dem Bereich Inklusion und Qualität in Kindertageseinrichtungen vor. Anschließend untersucht sie einige Instrumente zur Qualitätsentwicklung im Hinblick auf Indikatoren inklusiver Qualität. Im fünften Abschnitt dieses Kapitels folgt dann eine Definition von Qualität in inklusiven Kindertageseinrichtungen anhand des Mehrebenenmodells von Heimlich.
4. Qualität aus Kindersicht. Die Perspektive von Kindern mit besonderen Bedürfnissen spielte bisher in der Qualitätsforschung bezogen auf Kindertageseinrichtungen keine Rolle. Da die vorliegende Untersuchung eine direkte Erhebung von Aussagen von Kindern über die Erziehungsqualität zum Gegenstand hat, werden nun Methoden der Kinderbefragung, deren Besonderheiten und wissenschaftliche Zugangsweisen erläutert.
Teil B Empirische Studie
5. Inklusive Qualität aus Sicht 4- bis 6-jähriger Kinder – eine Pilotstudie. Ausgehend von der Problemstellung werden Fragestellung, Ziele, das methodische Vorgehen, die Erhebungs- und Auswertungsverfahren und Ergebnisse vorgestellt. Die Untersuchungsgruppe bestand aus 14 Kindern einer integrativen Kindergartengruppe in München im Alter von 4 bis 7 Jahren, die mindestens 11 Monate in dieser Gruppe sind. Von diesen Kindern sind zwei Kinder solche mit besonderen Bedürfnissen (geistige Behinderung).
6. Zusammenfassung und
Interpretation. Die Studie, die als Pilotstudie angelegt war,
kann nicht als repräsentativ gewertet werden. Nichts desto trotz
liefert sie einige Aspekte zur Einbeziehung von Kinder mit und ohne
besondere Bedürfnisse in die Qualitätsforschung.
Ein kleiner Einblick in die Ergebnisse: Im Hinblick auf die
emotionale Integration stellt die Autorin fest, dass die Kinder ihr
emotionales Wohlbefinden in der Gruppe als überwiegend positiv
beschreiben, obwohl auch einige Kinder von negativen Gefühlen
berichten. Aus kindlicher Einschätzung erhält die
Bekräftigung kindlicher Ideen und Handlungsintentionen durch die
Erzieherinnen durchschnittlich betrachtet den höchsten
Mittelwert. Trotzdem muss festgestellt werden, dass durchschnittlich
etwas weniger als ein Drittel der Kinder kaum Bekräftigung,
Unterstützung in Problemsituationen oder Trost erlebt. Die
meisten Kinder schätzen ihre soziale Integration als positiv
ein, obwohl dies nicht für alle Kinder gleichermaßen gilt.
7. Schlussbetrachtung und Ausblick. Die Arbeit schließt mit der Forderung ab, in der Forschung den Kindern mehr Raum zu geben, um umfassend Auskunft über die Qualitätsvorstellungen der Kinder zu erhalten. Nur so können die Kinder wirklich größere Einflussmöglichkeiten und Mitsprache hinsichtlich ihrer Lebensbedingungen erhalten.
Diskussion
Das Buch „Aspekte inklusiver Qualität…“ ist in mehrfacher Hinsicht ein großer Gewinn. Mit der vorliegenden Veröffentlichung wird ein weiterer Beitrag zur Profilierung der Kindheitsforschung geleistet, in dem den Kindern selbst das Wort gegeben wird. Anhand von Kinderinterviews, die durch Bildkarten unterstützt werden, kann die Sichtweise der Kinder auf ihre integrative Gruppe gut verdeutlicht werden. Wer auf der Suche nach erprobten Instrumentarien zur Einbeziehung der Kindperspektive in die frühkindliche Forschung ist, kann hier gut fündig werden. Der Hauptschwerpunkt der Arbeit gilt der Inklusion von Kindern in Tageseinrichtungen, ein Thema, das in der Fachöffentlichkeit immer mehr Raum erhält und im Hinblick auf die Realisierung der UN-Kinderrechte unbedingt stärker bekannt gemacht werden muss. Darüber hinaus werden Aspekte der Diskussion um die Inklusion von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in Kindertageseinrichtungen mit der Frage nach der Qualität von Kindertageseinrichtungen verbunden. Durch die Darstellung der Ergebnisse wird noch einmal die besondere Rolle der Erzieherinnen in der Kindergruppe hervorgehoben, damit die Integration der Kinder auf der Stufe der Inklusion im Alltag gelebt werden kann. Die aktuelle Diskussion um Inklusion ist gut nachvollziehbar in einen theoretischen Rahmen eingebettet. Darüber hinaus ist das Thema der pädagogischen Qualität in Kindertageseinrichtungen von Isabel Behr gut strukturiert dargestellt.
Fazit
Das Buch stellt eine aktuelle Aufarbeitung des Diskussions- und Forschungsstandes zum Thema Inklusion in Kindertageseinrichtungen dar. Durch die konsequente Einbeziehung der kindlichen Perspektive werden neue Aspekte herausgearbeitet.
Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Sozialwesen
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 12.07.2010 zu: Isabel Behr: Aspekte inklusiver Qualität in Kindertageseinrichtungen [...]. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2009. 344 Seiten. ISBN 978-3-89574-706-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8453.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.
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