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Larissa Wolkenstein: [...] Einstellung gegenüber psychisch erkrankten Menschen

Cover Larissa Wolkenstein: Interventionen zur Verbesserung der Einstellung gegenüber psychisch erkrankten Menschen. Evaluation am Beispiel von Menschen mit Bipolaren Störungen. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2009. 256 Seiten. ISBN 978-3-8300-4448-2. 78,00 EUR.

Studienreihe psychologische Forschungsergebnisse - Band 142.
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Entstehungshintergrund und Autorin

Bei diesem Buch handelt es sich um eine veröffentlichte Dissertation an der Universität Tübingen. Die Autorin, geb. 1980, ist derzeit wissenschaftliche Angestellte am dortigen Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie. Sie hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit Interventionen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgeführt mit dem Ziel, die Einstellungen gegenüber Menschen mit Bipolaren Störungen zu verbessern. Hierbei hat sie sowohl reine Edukationsveranstaltungen als auch Veranstaltungen durchgeführt, bei denen die Betroffenen und die Adressaten der Anti-Stigma Kampagne miteinander in Kontakt traten.

Die einleitenden Kapitel

Nach einer knappen Einführung zur Epidemiologie und zu aktuellen Entstehungsmodellen der Bipolaren Störung setzt sich die Autorin zunächst mit Einstellungen gegenüber psychisch kranken Menschen auseinander. Hierbei klärt sie zunächst den Einstellungsbegriff und erläutert dessen unterschiedliche Komponenten: Die affektive Komponente beeinflusst die gefühlsmäßige Bewertung und körperliche Reaktionen, die kognitive Komponente die geäußerten Überzeugungen und die Verhaltenskomponente umfasst sowohl die Absicht als auch das manifeste Verhalten.

In der Allgemeinbevölkerung ist die (stereotype) Überzeugung recht weit verbreitet, dass mangelnde Selbstdisziplin mit der Genese einer Depression in Zusammenhang steht und dass sich Menschen mit einer Depression „zusammenreißen“ müssen, um diese wieder loszuwerden. Hinzu kommt, dass Menschen mit Bipolaren Störungen sowohl für hilfebedürftig aus auch von nicht wenigen für gefährlich gehalten werden, obwohl sie tatsächlich nicht häufiger als die Allgemeinbevölkerung Straftaten begehen, sondern im Gegenteil häufiger Opfer von Straftaten sind. Emotional löst der Umgang mit Menschen mit Bipolaren Störungen sowohl Angst und Ärger als auch Mitleid (stärker bei rein depressiv Erkrankten) aus. Demzufolge besteht eine deutliche Tendenz zur Distanzierung in der Allgemeinbevölkerung, die besonders stark bei der Frage in Erscheinung tritt, ob man einen Menschen mit einer Bipolaren Störung als Babysitter oder als eingeheiratetes Familienmitglied akzeptieren würde.

Im weiteren Verlauf geht die Autorin auf die negativen Folgen der Stigmatisierung für die Betroffenen im beruflichen und privaten Bereich ein und zeigt auf, dass durch die Reaktionen der Umwelt eine erhebliche Entmutigung auftritt, welche u.a das Selbstwertgefühl, die Wiederaufnahme einer Arbeit und den Krankheitsprozess selber beeinflussen. Dies leitet zu der Frage über, wie stigmatiserende Einstellungen in der Bevölkerung verändert werden können: Thematisiert werden hier Protest, Edukation und Kontakt zu Betroffenen.

Die Studie selbst

Von S. 41 bis S. 194 wird detailliert die eigene Studie dargestellt: Das Studiendesign besteht aus 2 Interventionsgruppen und einer Kontrollgruppe: In beiden Interventionsgruppen werden den Teilnehmern Informationen dargeboten, die stigmatisierenden Einstellungen entgegenwirken. In der zweiten Gruppe erzählen zusätzlich Betroffene von ihren Erfahrungen und kommen mit den Teilnehmern ins Gespräch. Der Kontrollgruppe wurde lediglich der Spielfilm Mr. Jones mit Richard Gere gezeigt.

An der Studie nahmen 423 Berufsschüler und Schüler von Wirtschafts- bzw. Technischen Gymnasien teil, die durchschnittlich 18,63 Jahr alt und in der Regel ledig waren, 60 % waren weiblich. Bis zum Ende der Untersuchung blieben 317 Probanden übrig. Die Stichprobe wird im Methodenkapitel ausgiebig dargestellt und reflektiert.

Die eine Hälfte der Probanden wurde im Rahmen begleitenden Tests zu einer Selbstbeurteilung aufgefordert, d.h. sie sollten für sich angeben, wie sie auf die beschriebene Person mit einer Bipolaren Störung reagieren würden; die andere Hälfte wurde gebeten, dies für die meisten Leute in Deutschland anzugeben (Fremdbeurteilung). Die Selbstbeurteilung unterliegt in der Regel stärker einer Tendenz, im Sinne sozialer Erwünschtheit zu antworten. Die Tests im Einzelnen sind im Anhang des Buchs abgedruckt. Im Hauptteil des Buches finden sich nun Reflexionen des Testinstruments, deren Verständnis Kenntnisse in der Faktorenanalyse voraussetzt. Zur Erfassung des Stereotyps gegenüber den im Test beschriebenen Menschen können aus den verwendeten Fragebögen 3 Faktoren herauskristallisiert werden: Intelligentes Genie; Gefährlichkeit und Hilfebedürftigkeit. Bei den emotionalen Reaktionen arbeitet die Autorin im Weiteren mit den Faktoren: Ärger, Mitleid und Angst. Die Tests wurden vor der Intervention, nach der Intervention und 12 Wochen später durchgeführt.

Die konkreten Interventionen in den beiden Untersuchungsgruppen bestanden im Informationsteil aus einem Vortrag (mit Powerpoint -Visualisierung) über Symptome, Prävalenz, Verlauf, Ursachen, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten Bipolarer Störungen und einer ausdrücklichen Bezugnahme auf die Stereotype Gefährlichkeit und Kreativität der Betroffenen. In der ersten Interventionsgruppe wurden zusätzlich Fallbeispiele von Schülern vorgelesen. Es gab Gelegenheit zur Diskussion. Die zweite Untersuchungsgruppe lernte nach dem Theorievortrag statt der Fallbeispiele 2 Betroffene ähnlichen Alters kennen, die über ihre Situation sprachen und mit den Schülern diskutierten.

Um die Ergebnisdarstellung in allen Einzelheiten zu verstehen, sind wieder statistische Vorkenntnisse (Faktorenanalyse, Varianzanalyse und Regressionsanalyse) erforderlich. Erwartungsgemäß wurden die bereits im Theorieteil beschriebenen Stereotype auch bei dieser Untersuchung zu Beginn deutlich. Allerdings interpretieren viele Versuchsteilnehmer die Fallvignette so, dass sie glauben, die Person hätte ein Drogenproblem. Die Vorbehalte gegenüber Drogenabhängigen sind tendenziell in der Bevölkerung stärker als die gegenüber psychisch Kranken. Die Versuchspersonen, die dem Menschen in der Fallvignette Drogenprobleme zuschrieben, glaubten, er sei gefährlicher und hilfsbedürftiger, zugleich weniger genial. Vermehrt mit Ärger reagierten Versuchspersonen, die an eine ungünstige Prognose der Erkrankung glaubten, selber keine psychotherapeutische Erfahrung hatten und den Betroffenen für gefährlich hielten. Weniger stark distanzieren sich – etwas vereinfachend zusammengefasst - die Versuchspersonen, wenn sie bereits privaten Kontakt zu psychisch Kranken haben und den Betroffenen eher als intelligentes Genie und weniger gefährlich wahrnehmen, zugleich emotional eher mit Mitleid als mit Ärger reagierten.

Die Ergebnisse der Hauptuntersuchung werden mittels dreifaktorieller Varianzanalysen mit Messwiederholung sehr detailreich analysiert. Hierbei können nicht alle eingangs formulierten Hypothese bestätigt werden. An dieser Stellen seien ausgewählte Ergebnisse dargestellt: Hinsichtlich der kognitiven Einstellung ließ sich keine Veränderung der Auffassung, Betroffene seien gefährlich, aufzeigen. Fremdbeurteiler geben bei den emotionalen Reaktionen durchweg weniger Ärger, mehr Mitleid und weniger Angst an. Bei der Interventionsgruppe mit persönlichem Kontakt nahmen Ärger und Angst nachhaltig ab. Auch bei der Verhaltenskomponente ließ sich recht deutlich zeigen, dass bei der Intervention mit Kontakt zu den Betroffenen eine erhebliche Abnahme der sozialen Distanzierung erfolgt, während die reine Edukation vergleichsweise wenige Effekte aufwies. Bei Aspekten, die mit dem Wissen um die Erkrankung, deren Behandlung und Kontrollierbarkeit zu tun haben, zeigten sich uneinheitliche Ergebnisse; allerdings schrieben in den Folgebefragungen weniger Probanden der Person in der Fallvignette ein Drogenproblem zu.

Fazit

In diesem Buch wird eine methodisch gut fundierte Untersuchung zur Beeinflussbarkeit der Einstellungen gegenüber Menschen mit Bipolaren Störungen dargestellt. Die Darstellung ist im Hauptteil sehr stark von der statistischen Analyse geprägt, was für den wissenschaftlich interessierten Leser sehr interessant, aber für Praktiker schwerer lesbar ist. Die Ergebnisse zeigen die Bedeutung und die Chancen von Interventionen mit persönlichem Kontakt zu Betroffenen insbesondere für die emotionalen Reaktionen und die Kontaktbereitschaft auf und relativieren zugleich die Erwartungen, kognitive Einstellungen durch einmalige Wissensvermittlung beeinflussen zu können. Zudem weisen die Ergebnisse darauf hin, dass vermutlich Fremdbeurteilungsskalen besser als Selbstbeurteilungen geeignet sind, das Ausmaß der Stigmatisierung psychisch kranker Menschen darzustellen.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialmedizin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus - Senftenberg, Campus Cottbus Sachsendorf
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 16.12.2009 zu: Larissa Wolkenstein: Interventionen zur Verbesserung der Einstellung gegenüber psychisch erkrankten Menschen. Evaluation am Beispiel von Menschen mit Bipolaren Störungen. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-8300-4448-2. Studienreihe psychologische Forschungsergebnisse - Band 142. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8501.php, Datum des Zugriffs 28.03.2017.


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