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Angelika Diezinger, Verena Mayr-Kleffel: Soziale Ungleichheit

Cover Angelika Diezinger, Verena Mayr-Kleffel: Soziale Ungleichheit. Eine Einführung für soziale Berufe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2009. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 285 Seiten. ISBN 978-3-7841-1819-2. 20,00 EUR.

Reihe: Studienbuch soziale Arbeit.
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Thema

Die Autorinnen greifen mit dem Lehrbuch ein zentrales Thema der Soziologie auf und richten sich damit an Studierende insbesondere der Sozialen Arbeit. Die Thematik sozialer Ungleichheit, deren Ursachen (Erklärungsansätze) und die sich wandelnden Erscheinungsformen, ist ein Kernbestandteil professionellen Wissens (Ausbildung) und unumgänglich bedeutsam für die Berufspraxis sozialer Berufe. Der Vielzahl einführender Bücher zur sozialen Ungleichheit wird mit dem Buch von Diezinger/Mayr-Kleffel nicht bloß ein weiteres hinzugefügt, sondern es ist mit Bezug auf bündelnde Fallbeispiele bemüht, den Gehalt des jeweils Erörterten in seiner Bedeutung für die Soziale Arbeit praxiswirksam auszuloten.

Die Autorinnen, die selbst in der Lehre tätig sind, legen mit dem Lehrbuch die 2. Auflage vor. Diese inhaltlich erweiterte und aktualisierte Neuauflage folgt der ersten nach genau 10 Jahren. Der Aufbau und die didaktische Konzeption, die sich bewährt hat, wurden beibehalten. Leider wird nur auf dem Klapptext des Buches deutlich gemacht, dass es sich um die 2. Auflage handelt.

Aufbau und Inhalt

Der gesellschaftliche Strukturwandel in Deutschland wird in die Darstellung der Theorien sozialer Ungleichheit einbezogen und in diesem Kontext werden die zentralen Begriffe, Annahmen, Ursachenerklärungen und Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit erörtert. Die Aspekte der jeweiligen Theorien werden daraufhin in einer so genannten sozialen Landkarte zusammengefasst, die das gesellschaftliche Ungleichheitsgefüge zum Ausdruck bringt. Die Darstellungen enden zumeist mit „passenden“ Fallbeispielen, an die sich Lernfragen anschließen, mittels derer Reichweite, Grenzen sowie die Bedeutung des Ungleichheitskonzepts für die Soziale Arbeit nachvollzogen werden können bzw. zur Diskusionen gestellt werden.

Das Buch widmet sich der Thematik in 6 Kapiteln:

  • Im ersten Kapitel werden die „klassischen“ Klassen-Theorien erörtert: die Konzeptionen von Karl Marx und von Max Weber, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgestellt. In der 1. Auflage wird zudem noch die Schichtungstheorie von Theodor Geiger explizit vorgestellt. Diese findet sich in der 2. Auflage, wenn auch weniger ausführlich, im zweiten Kapitel.
  • Das 2. Kapitel verlässt die klassentheoretische Perspektive und bezieht sich vor dem Hintergrund des Wandels der Sozialstruktur in Deutschland auf die Bedeutung des Schichtbegriffs, die Individualisierung sozialer Ungleichheit und die Bedeutung sozialer Lagen. Die Autorinnen referieren primär die Ungleichheitsansätze von Theodor Geiger, Karl Martin Bolte, Rainer Geißler und Ulrich Beck. Insbesondere Geißlers Modell einer dynamisch pluralisierten Schichtstruktur nimmt einen breiten Raum ein; macht es doch bei aller Pluralisierung auf die „Beharrlichkeit ‚alter‘ Ungleichheitsformen“ (S. 57) aufmerksam: die Bedeutung von Beruf und Bildung für unterschiedliche Statuspositionen im bundesdeutschen Schichtgefüge. Nimmt noch in der 1. Auflage das Konzept der sozialen Lage von Stefan Hradil einen eigenen Abschnitt ein, wird diesem Konzept nun keine Aufmerksamkeit mehr zuteil. Vergleichsweise knapp werden lediglich die sozialen Lagen und subjektiven Einschätzungen erörtert, die in der Lebensqualitätsforschung von Roland Habich Anwendung finden.
  • Weitgehend unverändert zur 1. Auflage ist das dritte Kapitel. Hier geht es um Milieu- und Lebensstilkonzepte zur Erklärung/Beschreibung sozialer Ungleichheit. Vorgestellt und diskutiert werden vor allem: die Ansätze von Gerhard Schulze („Die Erlebnisgesellschaft“), von Pierre Bourdieu („Die feinen Unterschiede“) und von Michael Vester u.a. („Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel“). Nicht zuletzt in Anlehnung an die Studien von Vester u.a. heben die Autorinnen resümierend hervor, dass die Vielfalt der sozialen Milieus für die Soziale Arbeit bedeutet, „dass sie in vielen Arbeitsfeldern mit sehr heterogenen Adressaten rechnen und sich darauf in unterschiedlichen Zugangsstrategien und Methoden einstellen muss“ (S. 25).
  • Soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern“ lautet das 4. Kapitel des Lehrbuchs. Im Vergleich zur 1. Auflage wird der Ansatz der im Jahre 2008 verstorbenen Helga Krüger in die Neuauflage aufgenommen; dieser zufolge ist das Geschlechterverhältnis auf die androgene Verfassung gesellschaftlicher Institutionen zurückzuführen. Betont werden im vierten Kapitel die Kritik an der „Geschlechtsblindheit von Klassen- und Schichttheorien“ (S. 130) und die Eigenständigkeit der Geschlechtszugehörigkeit als Strukturmerkmal sozialer Ungleichheit. Erörtert werden das schon angesprochene Konzept von Helga Krüger, das Konzept des weiblichen Arbeitsvermögens (Ilona Ostner/Elisabeth Beck-Gernsheim), das der doppelten Vergesellschaftung (Becker-Schmidt), das Konzept der sozialen Schließung (Cyba) sowie das der kontrollierten Individualisierung (Diezinger). Das Kapitel schließt mit der (offenen) Frage nach dem Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnie. „Bedeutet es in der Arbeiterklasse etwas anderes, Mann oder Frau zu sein als in der Klassenlage der gehobenen Angestellten?“ (S. 180). Und: müsste man nicht im Hinblick auf Migrantinnen von einer „dreifachen Vergesellschaftung“ (Lenz) sprechen?
  • Im fünften Kapitel geht es um ethnische Aspekte sozialer Ungleichheit. Einem kurzen Abriss über die Zuwanderungsgeschichte folgen die Erörterung von Ursachen, Wirkungen und Erscheinungsformen migrationsbedingter sozialer Ungleichheit. Vorgestellt wird insbesondere das Modell der Etablierten-Außenseiter-Figuration von Norbert Elias/John L. Scotson zur Erklärung ethnischer Ungleichheit. Einen Blick auf die differenzierten Zuwanderer-Milieus in Deutschland werfen die Autorinnen durch Rückgriff auf die aktuelle Sinus-Studie („Migrantenmilieus in Deutschland“), um die auch die 2. Auflage gegenüber der ersten erweitert wurde.
  • Armut und Exklusion“ ist schließlich das vorletzte Kapitel; dem ein kurzes abschließendes Kapitel („Ausblick“) folgt. Dieses Thema wurde in die 2. Auflage neu hineingenommen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil inmitten der (deutschen) Wohlstandsgesellschaft „Phänomene der Armut und des gesellschaftlichen Ausschlusses„ einsickern und sich die „Schere zwischen einem wachsenden Anteil von reichen und einem wachsenden Anteil von armen Gruppen weiter geöffnet hat“ (S. 223). Armutskonzepte, Äußerungsformen und Armutsfolgen bilden den einen, die Debatte über Exklusion bzw. „Spaltung der Gesellschaft in einen Teil, der an allen Bereichen der Gesellschaft partizipiert, und in einen anderen, der an allen wesentlichen Teilhabemöglichkeiten und Anerkennungszusammenhängen ausgeschlossen ist“ (S. 242), bildet den anderen Schwerpunkt dieses Kapitels. Ressourcenarmut, genauer: Einkommensarmut, Lebenslage bezogene Armut sowie Armut als Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungschancen (Capability-Ansatz) werden vorgestellt und deren Bedeutung für die Soziale Arbeit diskutiert. „Wenn Armut sich verfestigt und zu einer dauerhaften Erfahrung von Kindern und Familien wird, sind soziale Ausgrenzungen und Selbstausgrenzungen von Betroffenen zu erwarten; hier sind neben materiellen Hilfen der unterschiedlichsten Art auch Unterstützung notwendig, die das Selbstvertrauen, die Kontakt, Bindungs- und Bildungsfähigkeit stärkt“ (S. 241). Hinsichtlich des Exklusion-Themas wird hervorgehoben, dass es in der Ungleichheitssoziologie nicht nur um ein „Oben und Unten“ geht, sondern auch um ein „gesellschaftliches ‚Drinnen und Draußen‘“ (S. 243). Relativ ausführlich kommt hierzu die von Robert Castel („Die Metamorphose der sozialen Frage“) vorgetragene Problematik und Systematik zu Wort. Mit Bezug auf die Soziale Arbeit schließen die Autorinnen dieses Kapitel mit einer offenen, diskussionswürdigen Frage: „Die zentrale Frage, die die Analysen von Entkopplungsprozessen stellen, ist eine politische: Wird die Idee der sozialen Teilhabe aller aufgegeben? Wenn nein, wie müssen die wohlfahrtsstaatlichen Angebote für diese neuen Soziallagen aussehen?“ (S. 255).

Diskussion

Das von Angelika Diezinger und Verena Mayr-Kleffel nun in der 2. Auflage verfasste Lehrbuch ist gelungen und insbesondere für Studierende der Sozialen Arbeit von hoher Evidenz (auch zum Selbststudium). Es gibt einen sehr guten Einblick in die Differenziertheit der theoretischen Konzeptionen zur sozialen Ungleichheit, ohne dabei den didaktischen Anspruch der einheitlichen Darstellungsweise der Ansätze und deren Fokussierung für die Bedeutung Sozialer Arbeit, Fallbeispiele inklusive, aufzugeben. Diese Darstellungsmethode, die auch in der 1. Auflage angewendet wird, hat sich bewährt und wurde damit zur Recht beibehalten. Die relativ große und informative Breite, die die „Soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern“ (Kap. 4) einnimmt, verdankt sich der Tatsache, dass hier zwei Frauenforscherinnen die androzentrische Perspektive der Schicht- und Klassenmodelle in Frage stellen, auch durch eigene Konzepte.

Nicht gut nachvollziehbar ist, wieso der Lebenslagenansatz, der z.B. in der 1. Auflage noch in Anlehnung an das von Hradil vorgetragene Konzept explizit erörtert wird („Das Konzept der „SOZIALEN LAGE“), keine eigenständige Berücksichtigung mehr findet. Dies ist insofern ein Versäumnis, als im Rahmen der sozialwissenschaftlichen/sozialpolitischen Debatten um Armut und Ausgrenzung, auf die im 6. Kapitel Bezug genommen wird, Lagekonzepte eine bedeutsame Rolle spielen. Referiert wird insbesondere der so genannte Gießener Forschungsansatz, „der eine haushaltswissenschaftliche, ressourcen- und lebenslagenorientierte Perspektive“ (S. 228) zur Beschreibung und Erklärung von Armut verfolgt (Uta Meier u.a.: Steckbriefe von Armut. Haushalte in prekären Lebenslagen).

Erwähnt werden soll abschließend noch, dass gegenwärtig auch die Transnationalisierung bzw. Europäisierung sozialer Ungleichheit ein relevantes Thema in der Soziologie und der Sozialpolitik ist. Hierauf wird in dem Lehrbuch jedoch nicht Bezug genommen/nicht hingewiesen. Diese „Lücke“ schmälert aber keineswegs das Verdienst der Autorinnen ein sehr brauchbares und nun aktualisiertes Lehrbuch vorgelegt zu haben, dem ich viele lernende LerserInnen wünsche.

Fazit

Das Lehrbuch von Angelika Diezinger und Verena Mayr-Kleffel, ist uneingeschränkt als Lektüre und Begleitbuch von Lehrveranstaltungen zur sozialen Ungleichheit in der Bundesrepublik Deutschland für Studierende sozialer Berufe zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Rüßler
FH Dortmund, FB Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.harald-ruessler.de
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Zitiervorschlag
Harald Rüßler. Rezension vom 15.01.2010 zu: Angelika Diezinger, Verena Mayr-Kleffel: Soziale Ungleichheit. Eine Einführung für soziale Berufe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2009. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7841-1819-2. Reihe: Studienbuch soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8503.php, Datum des Zugriffs 11.12.2016.


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