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Dario Ianes: Die besondere Normalität

Cover Dario Ianes: Die besondere Normalität. Inklusion von SchülerInnen mit Behinderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 205 Seiten. ISBN 978-3-497-02089-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 45,50 sFr.

Originaltitel: La Speciale normalità.
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Thema

Ein aktuelles Thema wird mit dieser Publikation aufgegriffen. Es geht hier um die Integration von behinderten Schülern.

Autor

Dario Ianes ist Professor für Special Education an der Universität Bozen sowie Gründer und kulturelle Seele des Centro Studi di Trento Erickson (vgl. URL: http://www.darioianes.it/). Er lehrt Integrationspädagogik und Didaktik.

Aufbau

Das Buch umfasst 9 Kapitel:

  1. Der zweifache Wert der Normalität
  2. Die Anerkennung der beiden Besonderheiten
  3. Die Dialogik der besonderen Normalitäten
  4. Anpassung der Ziele, Materialien und Aktivitäten
  5. Grundlegende Lehr- und Lernstrategien
  6. Metakognitive Strategien
  7. Durch die Mitschüler vermittelte Lehr- und Lernstrategien
  8. Strategien für die Selbstregulation des Verhaltens
  9. Psychodekuative Intervention bei schwerem Problemverhalten

Abgeschlossen wird das Buch durch ein Literaturverzeichnis und ein Sachregister.

Inhalte

Integration ist ja ein Modethema, gerade in der Behindertenpädagogik, dem Fachgebiet also, welches sich durch ihre Profession mit der Aussonderung ihres Klientels befasst. Diejenigen, die für uns Behinderte (der Verfasser dieser Rezension zählt auch zu den Behinderten) einmal Sonderinstitutionen geschaffen haben, wollen diese paternalistische Gewaltausübung der Behindertenpädagogik (vgl. Jantzen 2001) bekämpfen. – Und das Integrative bzw. Inklusive, ob es nun von den Behinderten gewollt ist (vgl. Rensinghoff 2006) oder nicht (vgl. Rensinghoff 2009), ist das was Ianes mit diesem Buch aufzeigen will.

Gleich zu Beginn führt Ianes den zweifachen Wert der Normalität vor. Normalität bedeutet einmal Wertgleichheit: „Das Bedürfnis nach Normalität ist […] die Suche nach der Bestätigung, die gleichen Rechte wie alle zu besitzen, ein Mensch mit gleichem Wert wie alle anderen zu sein, die gleichen Chancen zu haben. Und mehr noch: das Recht auf Ausgleich und Hilfe, wenn etwas die Realisierung des eigenen Potentials behindert“ (S. 10). Der zweite Wert der Normalität, den der Autor in seinem Werk anspricht, ist auf der Handlungsebene zu finden. Es ist dieses so handeln zu dürfen wie alle anderen, institutionell so verortet zu sein wie alle anderen – und hier ist dann das Stichwort Deinstitutionalisierung mit angesprochen – oder die gleichen Gewohnheiten und Rituale mit allen anderen zu teilen. Bei seiner Normalitätsdefinition zitiert Ianes den Philosophen Nicola Abbagnano, als „...das, was einer Gewohnheit oder einem Brauch, einem annähernden oder mathematischen Durchschnitt oder dem physischen Gleichgewicht entspricht. In diesem Sinne sagt man beispielsweise ‚ein normales Leben führen‘ und meint damit ein Leben, das den Bräuchen einer gewissen sozialen Gruppe entspricht; oder der Satz ‚Er hat ein normales Gewicht‘ soll aussagen, dass sein Gewicht dem durchschnittlichen Gewicht von Menschen gleichen Alters, gleicher Rasse usw. entspricht“ (S. 11). Normalität bedeutet uneingeschränkte Zugehörigkeit zu und mit anderen. Diese normale Zugehörigkeit führt dazu, dass Normalität ein Sicherheitsanker ist. Normalität hat einen instrumentellen Wert, da es ein Mittel für die soziale Entwicklung und Förderung darstellt. Sehr schön ist das in Bengt Nirjes Formulierung des Normalisierungsprinzips aus dem Jahre 1969 ablesbar. Normalität ist der Schlüssel hin zur Inbklusion.

Sehr schön zu bewerten ist, dass es hier um die Inklusion von SchülerInnen mit Behinderung geht, so wie es im Untertitel genannt ist. Die korrekte Begriffsverwendung mahnt ja schon Vernor Munoz für das deutsche Bildungssystem an: „In Deutschland wurde unter dem Motto ‚Integration‘ eine Kampagne zur Eingliederung von Menschen mit Behinderungen in die Bildungsprozesse lanciert. Der Begriff ‚Integration‘ ist problematisch und rechtlich nicht festgelegt im Gegensatz zum Begriff ‚Einbeziehung‘ (und das meint Inklusion (vgl. Rensinghoff 2007, 9-23) – CR), der mit der Annahme des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Dezember 2006 gestärkt wurde. […]

Integration kann als Prozess verstanden werden, in dem sich die Menschen verpflichten, sich einem zuvor festgelegten Modell anzupassen. Aus diesem Grund handelt es sich um einen vertikalen Prozess, der die besonderen bildungspolitischen Erfordernisse und die jedem Menschen eigenen Merkmale, auch von Schülern mit Behinderungen, außer Acht lässt. Nicht die Menschen müssen sich dem Bildungssystem anpassen, sondern das Bildungssystem muss sich dem Menschen anpassen. Die Einbeziehung hingegen geht von den Bedürfnissen und Rechten der Menschen aus und bringt den Staat dazu, Sorge dafür zu tragen, dass alle Kinder gemeinsam in demselben schulischen Umfeld lernen. Es gibt Anzeichen dafür, dass in Deutschland keine ausreichenden Fortschritte in Bezug auf die Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in Regelschulen erzielt wurden, obgleich es offenkundig hervorragende Sondereinrichtungen für diese Menschen gibt, die aber im Rahmen der medizinischen Betreuung betrieben werden“ (Munoz 2007, 23).

Diskussion

Das Buch reiht sich hervorragend in die Integrations- und Inklusionsforschung ein. Mit Professor Ianes bekommen wir hiermit auch noch eine italienische Perspektive übermittelt, die für die deutsche Forschung von großem Nutzen sein kann. Derartige Positionen aus Italien hat die deutsche Forschung ja bereits über die Schriften von Jutta Schöler (1983) rezipieren können.

Mit dem Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen 2003 ist ein Anfang gemacht worden, wie Elisabeth Wacker (2003) feststellt. „Nun muss das Konzert beginnen. Es muss bewiesen werden, wozu die Stadt sich verpflichtet hat. Es geht um mehr als den Abbau von baulichen Barrieren Es geht um den Umbau des Miteinander in der Kommune. Es geht um Bürgerrechte, um Beteiligung an Entscheidungen“ (ebd., 18). Man macht sich also in unserem Sinne – oder auch nicht (s. o.) – seine Gedanken darüber, wie wir an der Gesellschaft teilhaben können. Das ist doch bei allen Defiziten in der ausgrenzenden Sonder-, Behinderten-, Heil-, Integrations- und Inklusionspädagogik ein gutes Zeichen, auch wenn– um bei dem musikalischen Beispiel der Frau Wacker zu bleiben – der Dirigent das behinderte Orchester nicht im Griff hat und gar nicht weiß was er mit den Behinderten wirklich machen soll.

Fazit

Ernüchternd ist für uns Behinderte, dass die Integrations- und Inklusionsbemühungen scheinbar international ge- und behandelt werden – und das ist gut so. Ebenso ist es ernüchternd festzustellen dass noch keiner zum Inklusionskern hervorgedrungen ist, auch wenn wir 2003 das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen gefeiert haben.

Literatur:

Jantzen, W.: Unterdrückung in Samthandschuhen – Über paternalistische Gewaltausübung (in) der Behindertenpädagogik. In: Müller, A. (Hg.): Sonderpädagogik provokant. Luzern 2001, 57-68.

Munoz, V.: Umsetzung der Resolution 60/251 der Generalversammlung vom 15. März 2006 „Rat für Menschenrechte“ . Das Recht auf Bildung. Deutsche Arbeitsübersetzung vom 22.03.2007.

Rensinghoff, C.: Zu den psychotraumatischen Ursachen schwerer hirntraumatischer Ereignisse – eine (auto-)biographische Studie. In: Sonderpädagogik 36(2006)16-25.

Ders.: Theoretische Überlegungen zum inklusiven Unterricht in der Sekundarstufe I einschließlich des Versuchs einer Ethik. München 2007.

Ders.: Integration, Inklusion oder etwa doch Verbesonderung? In: Empirische Sonderpädagogik 1(2009)132-142.

Schöler, Jutta (Hg.): Schule ohne Aussonderung in Italien. Berlin 1983.

Wacker, Elisabbeth: Die Erklärung von Barcelona. In: Pogadl, S. (Hg.): 2003 – Europäisches Jahr der Menschen mit Behinderungen. Dokumentation der Auftakt-Veranstaltung vom 16. Mai 2003 im Rathaus der Stadt Dortmund.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 25.11.2009 zu: Dario Ianes: Die besondere Normalität. Inklusion von SchülerInnen mit Behinderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-497-02089-8. Originaltitel: La Speciale normalità. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8542.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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