Maribel Soto Sobrino: Erziehung kontra Aggression

Cover Maribel Soto Sobrino: Erziehung kontra Aggression. Gewaltprävention an Schulen. Tectum-Verlag (Marburg) 2009. 101 Seiten. ISBN 978-3-8288-9955-1. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.

Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag - Reihe Rechtswissenschaften - Band 28.

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Thema

Die Autorin setzt sich intensiv mit der körperlichen und verbalen Gewalt an Schulen und den Möglichkeiten der Prävention auseinander. Hierbei fokussiert sie insbesondere einzelne Präventionsprogramme und deren Umsetzung in die Praxis.

Autorin

Maribel Soto Sobrino ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Thilo Marauhn (Professur für Öffentliches Recht, Völkerrecht und Europarecht) an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch fußt neben einer intensiven Literaturrecherche auf einer eigenen Untersuchung in Form von Lehrer- und Schülerbefragungen an einer Schule, nämlich einer Grund-, Haupt- und Realschule in Hessen.

Aufbau

Das Buch ist in fünf große Bereiche untergliedert:

  1. Ausgangslage. Hier definiert die Autorin den Gewaltbegriff mit den unterschiedlichen Gewaltformen und beschreibt Täter- und Opfermerkmale sowie Erklärungsmodelle
  2. Untersuchung. In diesem Buchteil beschreibt Maribel Soto Sobrino den konkreten Untersuchungsaufbau und die äußeren Rahmenbedingungen. Dabei stellt sie verschiedene Thesen zur Gewalt an Schulen auf.
  3. Ausgewählte Programme zur Gewaltprävention. In diesem Abschnitt werden die drei Präventionsprogramm „PiT (Prävention im Team, Hessen“, „Faustlos“ und da Interventionsprogramm nach Dan Olweus verglichen und kritisch eingeschätzt.
  4. Umgang mit Gewalt und konkrete Modelle der Gewaltprävention in Gießen. Dieser Teil des Buches befasst sich intensiv damit, wie an den Schulen mit Gewalt umgegangen wird. Dazu fließen persönliche Eindrücke und die Konzepte in die Bewertung ein.
  5. Vorschläge der Autorin zur Gewaltprävention an Schulen. Die gewonnenen Erkenntnisse aus der Untersuchung und aus den persönlichen Einschätzungen der Autorin werden zusammenfassend in konkreten Umsetzungsvorschlägen für die Schulen dargelegt.

Inhalte

Im theoriebezogenen ersten Teil dieses Buches setzt sich die Autorin gemessen an dem schmalen Band relativ intensiv mit der Gewaltthematik an sich auseinander. Sie verdeutlicht, dass die statistische Einschätzung der Gewaltdimension an Schulen verzerrt in der Öffentlichkeit wahrgenommen werde. Es lägen nicht ausreichend genug Untersuchungen für eine genaue Verlaufsanalyse hinsichtlich der Gewaltentwicklung an Schulen über einen längeren Zeitraum vor. Der Gewaltbegriff sei nicht einheitlich und auch die Meldestruktur von Gewalt geschehe oftmals unter subjektiven Kriterien. Als Gewaltbegriff für diese Arbeit legt sie zugrunde: „Gewalt ist, wenn sich Aggressivität derart manifestiert, dass Menschen physisch oder psychisch beeinträchtigt oder geschädigt werden bzw. sich selbst schaden, oder wenn Sachen wahllos beschädigt oder zerstört werden.“ (S. 16) Zur groben Einschätzung beschreibt die Autorin dann Tendenzen in der Gewaltentwicklung hinsichtlich der Formen und des Ausmaßes. Demnach sei eine Verschiebung zu erkennen, und zwar von körperlicher hin zu psychischer und verbaler Gewalt. Sie zieht einzelne Untersuchungen zurate, mit denen sie einzelne Aspekte heraushebt, wie beispielsweise, dass die Gewaltspitze bei den 13-15jährigen anzusiedeln ist und dass 3-5% der Schülerschaft extrem gewaltbereit und aggressiv sei; ohne sich in wissenschaftlichen Detailfragen zu verlieren. Die verschiedenen psychologischen und soziologischen Theorien zur Entstehung von Gewalt und Aggressionen werden übersichtlich und prägnant beschrieben und hierbei auf folgende Theorien explizit eingegangen: Trieb- und Instinkttheorie, Emotionstheorien, Lerntheorien, Konflikt- und Spannungstheorien, Etikettierungs- und Definition-Theorien und Soziale Kontrolltheorie.

Nach den vorgestellten Theorien stellt Maribel Soto Sobrino das Erklärungsmodell der Risikofaktoren vor, bei dem sie auf Familie, Schule, Medien und Peer-Groups genaueren Bezug nimmt. Ausgehend von den Erklärungsmodellen macht die Autorin in ihren weiteren Ausführungen deutlich, dass diverse Kulturen, Persönlichkeiten und soziale Milieus in der Schule aufeinandertreffen. Daher bedürfe es einer Gesamtbetrachtung der zusammenspielenden Ansätze; so strömten auch im Kontext Schule eine Vielzahl von Rollenerwartungen auf die Kinder und Jugendlichen ein, so dass es meist keine klare Trennung von Opfer- und Täterrollen gäbe. Sie stellt trotzdem einzelne typische Merkmale von Tätern und Opfern auf und kommt dabei zum Resümee, dass „nur Prävention und Intervention zugleich erreichen können, dass das Ausmaß und die Schwere von Gewalthandlungen sinken.“ (S. 31)

Die Untersuchung der Autorin in Form von Lehrer- und Schülerbefragungen an einer Schule, nämlich einer Grund-, Haupt- und Realschule in Hessen ist Thema im praktischen Teil des Buches. Hier beschreibt sie die Schulen in ihrem Umfeld und stellt kurz die einzelnen Untersuchungsgruppen vor; nämlich 1. eine neunte Realschulklasse mit 33 Schülern/-innen, 2. eine neunte Hauptschulklasse mit 14 Schülern/-innen, 3. 14 im Durchschnitt 45 Jahre alte Lehrer/-innen, 4. Zwölf Grundschulkinder einer 2. Klasse. Mit der Beantwortung von fünf offen gestellten Fragen zum Gewaltbegriff, Erscheinungsformen von Gewalt an der Schule, den Risikofaktoren von Gewalt, Tätern und Opfermerkmalen und zur Gewaltprävention sollten die Untersuchungsteilnehmer/-innen mittels eines Fragebogens persönlich Stellung beziehen. Lediglich bei den Grundschülern/-innen wurden gemalte Bilder zum Thema Gewalt für die Untersuchung herangezogen.

Hieran anschließend stellt die Autorin die Untersuchungsergebnisse vor, wobei sie aufgrund von Verständnisschwierigkeiten der Teilnehmenden die Frage nach der Gewaltprävention und den Möglichkeiten der Schulen nicht in ihre Ergebnisfindung einbeziehen konnte. Aus den einzelnen Ergebnissen entwickelte Maribel Soto Sobrino entsprechende Thesen zum Gewaltbegriff, zu schulischen Erscheinungsformen von Gewalt, Risikofaktoren und zur Täter-/Opfertypologie, um hieran anknüpfend Konsequenzen für die Präventionsarbeit aufzuzeigen. Im folgenden Kapitel stellt die Autorin sogleich drei ausgewählte Präventionsprogramme vor und beurteilt sie hinsichtlich ihrer gewaltpräventiven Wirkung. Das Projekt „Prävention im Team“ aus Hessen vergleicht sie mit dem Gewaltpräventionsprogramm „Faustlos“ und dem in Norwegen entwickelten Interventionsprogramm von Dan Olweus. Schließlich schafft Frau Sobrino einen guten Überblick mittels einer Tabelle, die die Programme vergleicht hinsichtlich Zielgruppe, Dauer, Zielrichtung, Umfang und Maßnahmen, Voraussetzungen für die Umsetzung sowie Vorteile und Schwächen des jeweiligen Programms.

Der alltagsbezogene Abschnitt zum Umgang mit der Gewaltproblematik und konkreten Präventionsmodellen in Gießen verdeutlicht an einzelnen Schulen, wie Programme umgesetzt werden und macht so die praktische Umsetzung sehr anschaulich. Die eigenen Vorschläge zur Gewaltprävention an Schulen setzen an unterschiedlichen Bereiche an und beziehen sich mal mehr auf den institutionellen Schulrahmen und den Sozialraum, dann wieder eher auf die Kooperation von beteiligten Einrichtungen bis hin zur schulkulturellen und lehrerspezifischen Haltung.

In der abschließenden Stellungnahme von Maribel Soto Sobrino verdeutlicht sie noch einmal ihren Erkenntnisgewinn, dass Prävention nur auf unterschiedlichen Ebenen und in enger Anbindung an die jeweiligen Verhältnisse und Personen der Schule erfolgversprechend ist; und nur dann, wenn sie über einzelne Projekte hinaus geht und fortwährend stattfindet. Ein zwölfseitiges Literatur- und Internetlink-Verzeichnis sowie ein Anhang mit den verwendeten Fragebögen, den Zeichnungen der Grundschüler und einzelnen Projektmaterialien und Übersichtsgraphiken schließen das Buch ab.

Diskussion

Das Buch ist kompakt und konkret geschrieben und die Autorin versteht es, nicht auf einer übergeordneten Ebene zu verweilen, sondern den konkreten Alltagsbezug immer wieder aufzugreifen. Dabei gelingt es Maribel Soto Sobrino in ausgezeichneter Form, einzelne Theorien zur Gewalt mit konkreten Beispielen aus der Praxis zu verknüpfen. Zugleich versteht sie es, institutionelle Schwachpunkte und persönliche Schwächen aufzuzeigen. Die einbezogenen Präventionskonzepte werden kritisch dargestellt. Das Buch bietet – bei einem ausgesprochen günstigen Preis - ein breites Spektrum an, was die Befassung mit dem Thema „Gewalt an Schulen“ betrifft, so dass nicht nur verbale, sondern auch physische Gewalt und Mobbing zur Sprache kommen; wobei leider die Themen Selbstverletzung und Cyber-Mobbing ausgeklammert bleiben. Die im Schulalltagsleben so unterschiedliche Bewertung von Gewalt bei Kindern, Eltern und Lehrern/-innen wird in den Ausführungen ausreichend berücksichtigt. Im Gesamten ist das recht dünne Buch außergewöhnlich kleinteilig untergliedert und hätte vom Layout her einige größere und deutlichere Formate verdient gehabt. So sind die Darstellung der Tabellen und die Wiedergabe der Kinderzeichnungen zu klein ausgefallen, so dass das Erkennen einzelner Punkte schwer fällt. Bei der Literaturauswahl hätten mehr jüngere Titel einbezogen werden müssen. Leider fehlt eine genaue Darstellung des beruflichen und fachlichen Hintergrundes der Autorin, was für ein fundiertes wissenschaftliches Buch unerlässlich ist.

Fazit

Das Buch stellt eine gute Zusammenfassung zu berücksichtigender Aspekte beim Thema Gewalt (-prävention) an Schulen dar. Vor allem Lehrer/-innen und Sozialarbeiter/-innen an Schulen werden von dem Buch profitieren; auch wenn sich für langjährig Tätige an Schulen einige altbekannte Aussagen finden lassen werden. Die gute Lesbarkeit und die insgesamt ausgesprochen kritische Darstellung von Präventionsprojekten zeigt klar auf, dass es hier noch erheblichen Forschungs- und Handlungsbedarf gibt.


Rezensent
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut
Jugendsozialpädagoge an einer Grund- und Hauptschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 27.01.2010 zu: Maribel Soto Sobrino: Erziehung kontra Aggression. Tectum-Verlag (Marburg) 2009. 101 Seiten. ISBN 978-3-8288-9955-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8558.php, Datum des Zugriffs 02.09.2014.


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