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Norbert Heinen, Gerd Tönnihsen (Hrsg.): Rehabilitation und Rentabilität

Norbert Heinen, Gerd Tönnihsen (Hrsg.): Rehabilitation und Rentabilität. Herausforderungen an die Werkstatt für behinderte Menschen. Gata-Verlag (Eitorf) 2002. 280 Seiten. ISBN 978-3-932174-90-2. 15,00 EUR.

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Einführung in das Thema

Rehabilitation und Rentabilität - abgesehen davon, dass die beiden Begriffe im Fremdwörter-Duden zu finden sind (nur durch vier Seiten voneinander getrennt!), möchte man denken, sie hätten sonst nichts Verbindendes. Wem Werkstätten für behinderte Menschen seit einiger Zeit vertraut sind, konnte in diesem Zusammenhang auch sicherlich diesbezügliche Botschaften vernehmen. Worum geht es? Rentabilität ist lt. Duden "das Verhältnis eines Gewinns einer Unternehmung zu dem eingesetzten Kapital in einem Rechnungszeitraum". Rehabilitation wird vom Duden mit "(Wieder-)Eingliederung eines Kranken, körperlich oder geistig Behinderten in das berufliche und gesellschaftliche Leben ... durch geeignete Maßnahmen..." beschrieben. Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) haben den gesetzlichen Auftrag der Eingliederung und Teilhabe am Arbeitsleben. Die öffentlichen Mittel dafür werden schrumpfen. Das eingesetzte Kapital wird - nicht absolut aber real - also geringer, umso mehr müssen sich WfbMs daher mit der Frage nach dem Gewinn ihrer Unternehmung fragen und diesen kritisch am Erfolg ihrer Rehabilitationsbemühungen messen. Dies ist eine der Ursachen, weshalb WfbMs sich noch weit mehr als bisher als unternehmerisch handelnde und lernende Organisation verstehen müssen. Sie werden nicht umhin kommen, alle ihr zur Verfügung stehenden Potentiale zu nutzen; und als eine der wenigen sozialen Betriebe haben WfbMs die Möglichkeit, jenseits von Vergütungssätzen durch unternehmerisches Steuern ihre Ziele zu erreichen. Rehabilitation unter den Gesichtspunkten von Rentabilität zu betrachten läßt je nach Standpunkt die Möglichkeit offen, dies als Einschränkung oder eben als Herausforderung und Chance zu begreifen und zu nutzen. Die Autoren Heinen und Tönnihsen geben mit ihrem Buch Hilfestellung, dabei eindeutige Standpunkte zu beziehen.

Entstehungshintergrund und Überblick

Das vorliegende Werk ist eine Sammlung von Diplom- und Abschlußarbeiten, die an der Heilpädagogischen Fakultät der Universität zu Köln vorgelegt wurden. Alle Arbeiten wurden in engster Kooperation mit dem Haus Freudenberg GmbH erstellt und spiegeln die dortigen Bemühungen wider, sich der Herausforderung einer Rehabilitation in rentablen Grundsätzen zu stellen. Ein Grundsatz-Aufsatz der beiden Herausgeber formuliert Thesen und Fragen zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen in der beruflichen Rehabilitation behinderter Menschen. Mögliche Antworten darauf werden dann in den Einzelbeiträgen entworfen. Die den Diplomarbeiten zugrunde liegenden Untersuchungen und Recherchen wurden in der Haus Freudenberg GmbH durchgeführt und konnten dort bereits zu weitreichenden konzeptionellen Veränderungen genutzt werden. Die einzelnen Studien sind also selbst wieder ein lebendiger Prozess innerhalb der Organisation geworden.

Den erwähnten Grundsatzthesen folgen die vier Einzelbeiträge der Diplomanten. Ein erster Beitrag widmet sich dem Fortbildungsbedarf der Werkstattgruppenleitungen. In mehreren Schritten wird hier ein Fortbildungskonzept entworfen, das flexibel und aktuell die GruppenmitarbeiterInnen dabei unterstützt, kreativ und motiviert die Zukunftsaufgaben anzugehen. Meist verläuft Fortbildung nicht gezielt und systematisch, d.h. am Bedarf des Unternehmens und seiner Mitarbeiter orientiert. Wenn WfbMs aber unternehmerisch handeln wollen, dann ist eine zielgerichtete Entwicklung des Mitarbeiterpotentials unerlässlich. Dass dies für alle - behinderte und nichtbehinderte - Mitarbeiter gleichermaßen gilt, wird in diesem Beitrag aber m.E. nicht weitgehend genug betont.

Ein weiterer Beitrag untersucht die Möglichkeiten, ältere Menschen mit Behinderung auf einen (Un)Ruhestand vorzubereiten. Lange genug fand dieses Thema im Werkstattalltag nur am Rande seinen Platz. Die "demografischen Werte" zwangen einen nicht zum unmittelbaren Handeln, da es anerkannte Werkstätten erst seit Mitte der 70-er Jahre gibt und die Beschäftigten meist noch einen langen Weg bis zur Rente hatten. Eine unternehmerisch handelnde Organisation wird sich aber auch diesem Thema stellen müssen. Der Beitrag vermittelt soziologisch-strukturalistische, entwicklungspsychologische und systemische Sichtweisen des Alterns und der daraus zu treffenden Konsequenzen in einer WfbM. Demnach hat jeder behinderte Mitarbeiter den Anspruch auf einen individuell gestalteten und im Kontext der eigenen Möglichkeiten und der der sozialen Umwelt verankerten Übergang in den Ruhestand. Oft genug werden Beschäftigten keine Alternative zur Arbeit angeboten und sie können sich Ruhestand nicht als etwas wünschenswertes vorstellen. Andererseits wird die Sichtweise mancher Kostenträger (Rente mit 65) als zu wenig personenzentriert empfunden. Hier finden sich Modelle für einen bewusst vereinbarten und ausgehandelten Übergang in den Ruhestand. Auf lebhafte Art und Weise untersucht diese Arbeit Praxisbeispiele und ermöglicht deren fundierte Weiterentwicklung.

Die dritte Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten in einer WfbM. Die Erforschung der Kundenzufriedenheit ist für alle Dienstleistungsunternehmen - und Rehabilitation ist eine Dienstleistung - eine der wichtigsten Kennzahlen, um den Erfolg des Unternehmens zu bewerten und die Ziele danach zu steuern. Dieser Arbeit gelingt es mit den einschlägigen Methoden der Sozialforschung Modelle zur Durchführung und Diskussion solcher Befragungen anschaulich darzustellen. Diverse statistische Methoden werden zur Auswertung solcher Befragungen vorgestellt. Der Leser wird aber auch daran erinnert, dass er vor der Entscheidung für eine solche Methode seine Ziele und Erwartungen an eine solche Befragung genau kennen muss, um dann auch die entsprechenden Konsequenzen und Maßnahmen daraus abzuleiten.

Die abschließende Arbeit stellt das Konzept eines Orientierungsbereiches für WfbMs vor. Gemäß dem lösungsorientierten Handeln wird hier für eine Rehabilitationskonzept der Arbeitswelt ein Begriff gewählt, der die Handlungsmöglichkeiten und nicht die Defizite betont. Beschäftigte können sich in diesem personenzentrierten Reha-Konzept orientieren, ob und wie die weiteren Schritte ihrer weiteren beruflichen Zukunft aussehen können. Die Potentiale der Rehabilitanten werden gesucht und für die Person nutzbar gemacht, auch wenn das bisher für die Person selbst oder auch die WfbM so nicht erkennbar war. Ziele, Einbindung in die WfbM, Finanzen und Personalfragen werden für dieses neue Konzept sachkundig vorgetragen und begründet.

Diskussion

Die ausgewählten Themen der Diplomarbeiten beleuchten eingehend aktuelle Fragestellungen in WfbMs. Sie können Orientierung sein, um diese Unternehmungen auf den Weg zu lernenden Organisationen zu bringen. Die Umsetzung und Verwirklichung einer gelebten Mitwirkung behinderter Menschen, ein weiteres aktuelles Thema der Werkstätten, konnte in diesem Buch leider nicht berücksichtigt werden. Dabei wäre gerade die Untersuchung der darin noch zu entdeckenden Potentiale, um die Zukunftsaufgaben einer erfolgreichen Rehabilitation zu bewältigen, sicher sehr aufschlussreich gewesen. Alle Arbeiten, die in der vorliegenden Veröffentlichung vorgestellt werden, verfolgen mit einem lösungsorientierten Ansatz die Suche nach Möglichkeiten, um den scheinbaren Widerspruch zwischen Rehabilitation und Rentabilität nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu erleben und zu nutzen. Sie vermitteln ein sehr kenntnisreich recherchiertes und - wo notwendig - auch vertieftes Wissen des Werkstattalltages und beschreiben und bewerten Praxisbeispiele, die teilweise in den Untersuchungen selbst erst entwickelt wurden. Mutige und lohnende Schritte, auch wenn die Ideen dazu nicht unbedingt neu sind, doch sie werden so konsequent in einer so ansteckenden Sichtweise präsentiert, dass sich Handlungsspielräume wie von selbst ergeben. Mit ebenso übersichtlichem wie gezielt präsentiertem Datenmaterial wird der Leser an den Auswertungen entlanggeführt und in die Lage versetzt, selbst einen Teil der Daten zu interpretieren. Ein Glossar wäre sicherlich noch zusätzlich hilfreich gewesen, aber auch so ist eine gute Orientierung im Buch möglich. Die Literaturverzeichnisse am Ende eines jeden Kapitels geben einen raschen Überblick zum jeweiligen Themenkreis.

Fazit

Diese Schrift sei allen Fachleuten empfohlen, die mit dem Thema Teilhabe am Arbeitsleben befasst sind, ganz gleich ob in Wissenschaft, Politik oder in Behörden. Vor allem aber wird sie die Verantwortlichen in den WfbMs ermutigen, den täglich erlebten Widerspruch zu überwinden. Dies mag auch das Motto belegen, das die Autoren ihrem Buch vorangestellt haben: "Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt." (Dante Alighieri)


Rezensent
Thomas Illigmann
Pädagogischer Leiter der Remstal Werkstätten für behinderte Menschen
Homepage www.remstal-werkstaetten.de
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Zitiervorschlag
Thomas Illigmann. Rezension vom 24.06.2003 zu: Norbert Heinen, Gerd Tönnihsen (Hrsg.): Rehabilitation und Rentabilität. Gata-Verlag (Eitorf) 2002. 280 Seiten. ISBN 978-3-932174-90-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/856.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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