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Reiner Frank (Hrsg.): Kinder zwischen den Kulturen

Cover Reiner Frank (Hrsg.): Kinder zwischen den Kulturen. Migration, Integration und seelische Gesundheit. Marseille Verlag (München) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-88616-132-4.

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Herausgeber und Autor/innen

Reiner Frank, Professor an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychatrie am LMU Klinikum in München, versammelt in seinem Herausgeberband zum Themenkomplex der seelischen Gesundheit unter Migrant/innen insgesamt 19 weitere Autor/innen, die sich in interdiziplinärer und interkultureller Ausrichtung dieser bisher relativ wenig erforschten Thematik annehmen. Die Autor/innen sind Sozialarbeiter/innen, Mediziner/innen, Psycholog/innen und Ethnolog/innen.

Thema und Entstehungshintergrund

Das Thema der vorliegenden Publikation ist die psychische Verfasstheit von Menschen mit Migrationshintergrund in unterschiedlichen Kulturkreisen. Die meisten Beiträge wurden für ein Symposium unter dem Titel: „Kultur, Migration und seelische Gesundheit“ im Jahr 2006 in München erarbeitet. Das besondere Augenmerk der Beiträge gilt dabei den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund. Dabei beschränken sich die Beiträge nicht ausschließlich auf gesundheitsrelevante Phänomene von nach Deutschland eingewanderten Personenkreisen, sondern sie betrachten die Thematik in einem globalen Kontext.

Dass Migrationserfahrungen seelische Belastungen nach sich ziehen, die aufgrund einer Vielzahl von Stressoren entstehen können, ist ein Allgemeinplatz. Eine stabile psychische Verfasstheit, oder anders ausgedrückt: seelische Gesundheit, ist eine Voraussetzung für einen gelingenden Integrationsverlauf. Migrationserfahrungen können sich über viele Jahre und Jahrzehnte erstrecken und die durch sie entstehenden seelischen Belastungen können die Integration von Personen mit Migrationshintergrund blockieren. Wie diese Belastungs-Risiken verarbeitet werden, welche Auswirkungen und Konsequenzen sie für einen individuellen Integrationsverlauf oder aber auch für ganze Gruppen von Migrant/innen nach sich ziehen, sind nur zwei Aspekte (neben zahlreichen weiteren) dieses bisher in der Migrationsforschung noch vernachlässigten Themenbereiches. Der vorliegende Band schließt hier eine Lücke.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in insgesamt fünf Kapitel eingeteilt.

Im ersten Abschnitt „Grundlagen“ berichtet u.a. Maria Gavranidou von der Stabsstelle für interkulturelle Kommunikation der Stadt München über die gesundheitliche Situation verschiedenster Gruppen von Kindern mit Migrationshintergrund. Thomas Hegemann in seiner Funktion als Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und psychotherapeutische Medizin beschreibt ein Konzept, wie interkulturelle Kompetenz erworben werden kann. Dem schließt sich Ulrich Lünemann an, der ein amerikanisches Curriculum für Ärzte und Medizinstudent/innen skizziert, das es ermöglicht, den eigenen diesbezüglichen Kompetenz- und Wissenserwerb zu überprüfen.

Im zweiten Kapitel „Kultur und Gesundheit“ kommen drei Kinderärzt/innen und eine Psychologin zu Wort: Die Ärztin Ursula Kuhnle-Krahl schildert ihre in Malaysia gemachten Erfahrungen bei der Betreuung von Menschen mit Störungen in der Geschlechtsentwicklung. Claudia Lang nimmt sich aus ethnologischer Perspektive dem Thema Intersexualität an und zeigt, dass Übergänge und Wechsel zwischen Geschlechterrollen im Gegensätz zu als „westlich-demokratisch“ bezeichneten Kulturkreisen durchaus üblich sind.

Im dritten Kapitel „Traumatisierung“ kommen Kinderpsychiater und Sozialarbeiter/innen zu Wort, die sich mit den traumatischen Erlebnissen von Kindern im Krieg aus dem Irak und dem Kongo beschäftigen.

Im vierten Abschnitt „Migration“ werden die Folgen zweier osteuropäischer Migrationsphänome aus jugendpsychiatrischer Perspektive behandelt: Die Rückwanderbewegungen in der Ukraine, die durch wirtschaftliche Not, Krieg und Angst zu zahlreichen Belastungen der seelischen Gesundheit von Kindern führten, schildern Liliya Butenko und Igor Martsenkovsky. Ihr Kollege Vitalij Kazin zeigt auf der Datenbasis des Bezirkskrankenhaus in Kaufbeuren welch überproportionale Ausprägungen die Opiatabhängigkeit unter Aussiedler/innen angenommen hat.

Im letzten Abschnitt „Perspektiven“ kommen Psycholog/innen, Sozialpsycholog/innen und ein Historiker zu Wort. So betrachtet Lale Akgün in makropolitischer Perspektive die Rolle der Politik, Ziele und Mittel für die Verwirklichung von Chancengleichheit vorzugeben. Heiner Keupp skizziert die Ergebnisse einer sozialpsychologischen Studie, die auf einer repräsentativen Datenbasis von N=5800 beruht: Er kann zeigen, dass die gesundheitliche Situation von Berufsschüler/innen mit Migrationshintergrund besser zu sein scheint als die der deutschen Altersgenoss/innen. Ein weiteres Resultat der Erhebung ist es aber, dass die Migrant/innen deutlich höhrere Demoralisierungswerte und niedrigere Kohärenzwerte besitzen. Vor dem Hintergrund identitätstheoretischer Annahmen ist somit zu interpretieren, dass es für Heranwachsende mit Migrationshintergrund schwerer ist, eine psychische und soziale Heimat in Deutschland zu finden.

Diskussion

Dass psychosoziale Einrichtungen von Migrant/innen weitaus weniger in Anspruch genommen werden als von der einheimischen Bevölkerung, wurde bereits in mehreren Studien bestätigt. Die Gründe für die Barrieren diese Einrichtungen nicht in Anspruch zu nehmen, lassen sich einerseits als materiell und strukturell bedingt bezeichnen. Darüber hinaus exisitieren andererseits psychosoziale und soziokulturelle Barrieren (vgl. Wolf/Haider 2004), die sich unter Migrant/innen insbesondere als sprachliche und kulturelle Defizite fassen lassen.

Fehlendes Wissen um kulturelle Unterschiede, Unsicherheit im Umgang mit Patienten aus „fremden“ Kulturkreisen und zeitlicher Druck auf Seiten der Mitarbeiter/innen in den Versorgungsinstitutionen erschweren – quasi auf der anderen Seite – häufig eine angemessene Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund. Hier fehlt es zudem und in vielen Fällen an zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen um sich mit Interesse Fragen der Interkultureller Orientierung oder gar einer Interkulturellen Öffnung zu nähern. Einen systematischen Schritt in die Richtung einer solchen institutionellen Interkulturellen Öffnung, der versucht in top-down Perspektive das gesamte Gesundheitssystem zu umfassen, ist in den letzten Jahren bspw. in Schottland unternommen worden (vgl. Scottish Government 2008).

Zielgruppe

Der Band richtet sich vorwiegend an Praktiker/innen aus dem Gesundheitsbereich, die entweder in Berührung mit Personen „fremder Kulturkreise“ kommen und darüber hinaus an weitere Interessierte an den Zusammenhängen zwischen Migrationsphänomenen und (seelischer) Gesundheit: In den Worten des Herausgebers: „Die Beiträge zeigen vielfältige Möglichkeiten auf, wie Ärzte in Klinik und Praxis in ihrem Alltag Kindern und Familien aus unterschiedlichen Kulturen begegnen können“ (11). Gleichzeitig eröffnen sie dem medizinischen Laien interessante Einblicke in das Themenfeld der seelischen Gesundheit unter Migrant/innen, die letztlich immer als Voraussetzung einer gelingenden und gelungenen Integration mit zu denken ist.

Diskussion

Der Migrationsvorgang als Ganzes lässt sich nur als einen komplexen Prozess konzeptualisieren dessen Entstehung und Ablauf durchgehend multikausal und multifaktorial bestimmt wird: So bedingen schon im Heimatland eine Vielzahl zusammenhängender Ursachen und Zwänge kultureller, politischer, wirtschaftlicher, religiöser, demografischer, ökologischer, ethnischer und sozialer Art die Entscheidung von Individuen oder Gruppen zu emigrieren. Die Ursachen für diese Entscheidung liegen dabei sowohl auf der gesellschaftlichen als auch auf der persönlich individuellen Ebene (vgl. Ceylan 2006).

In welcher Art und Weise Migrant/innen dann mit den sie erwartenden Lebensbedingungen in der Aufnahmegesellschaft umgehen und welche Formen von Problembewältigungskompetenzen sie entwickeln, hängt von einer Vielzahl von individuell-psychologischen und zudem von mikro- und makrosozialen Faktoren ab. So nehmen – um nur einige Beispiele zu nennen – sowohl religiöse Orientierungen, weltanschauliche Einstellungen, patriachische Familienstrukturen, das Bildungsniveau (der Eltern) und individuell-psychische und physische Prädispositionen als auch externe Strukturen und Faktoren – wie bspw. der Zugang zu Sprachkursen, zu ethnischen Netzwerken, zu Arbeit oder auch die Wohnsituation – entscheidenden Einfluss auf die individuelle und kollektive Auseinandersetzung mit den neuen Bereichen der jeweiligen Lebenssituation.

Fazit

Es ist der Verdienst des vorliegenden Bandes in diesem Kontext das Augenmerk auf die bisher vernachlässigten Aspekte der physischen und psychischen Prädispositionen und insbesondere der gesundheitlichen Folgewirkungen der Migration auf deren Träger/innen zu thematisieren. Dabei werden glücklicherweise nicht nur monokausale Zusammenhänge angezeigt, sondern auch komplexe transnationale Zusammenhänge thematisiert (bspw.: Opiatabhängigkeiten unter Spätaussiedlern) oder wenig bekannte internationale Phänoneme im thematischen Kontext (bspw: Störungen in der Geschlechtsentwicklung bei Personen in Malaysia). Gleichzeitig kann die Heterogenität der versammelten Beiträge aber auch kritisch betrachtet werden; zwar sind alle Beiträge den skizzierten thematischen Clustern zugeordnet, eine verbindende Klammer resp. erklärende Übergänge zwischen den einzelnen Kapiteln hätten der Lesbarkeit der versammelten Beiträge allerdings gut getan.

Literatur:

  • Ceylan, Rauf (2006): Ethnische Kolonien. Entstehung, Funktion und Wandel am Beispiel türkischer Moscheen und Cafés, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
  • Wolf, H./Haider, H. (2004): Frauen, soziale Benachteiligung und psychische Gesundheit. In: Metha, Gerda (Hrsg.): Die Praxis der Psychologie. Springer, Wien; New York, S. 329-338
  • NHS Health Scotland (2008): Delivering Equal Services to Black and Minority Ethnic Communities in Scotland – Proposal for a Race Equality and Mental Health Programme 2008-2011. Edinburgh

Rezensent
Dr. phil. Eckart Müller-Bachmann
M.A., Soziologe
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Zitiervorschlag
Eckart Müller-Bachmann. Rezension vom 15.10.2010 zu: Reiner Frank (Hrsg.): Kinder zwischen den Kulturen. Marseille Verlag (München) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-88616-132-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8579.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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