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Frank Greuel: Ethnozentrismus bei Aussiedlerjugendlichen

Cover Frank Greuel: Ethnozentrismus bei Aussiedlerjugendlichen. Eine explorative, qualitative Studie in Thüringen. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2009. 359 Seiten. ISBN 978-3-8300-4589-2. 98,00 EUR.

Schriftenreihe Studien zur Migrationsforschung - Band 10.
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Thema

Das Buch richtet den Blick auf eine der größten Zuwanderergruppen in Deutschland, die Aussiedler. Die Vertreter dieser Gruppe befinden sich in einer Einwanderungssituation, die mit dem schwierigen Prozess der Identitätsfindung verbunden ist. Die unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen und Lebensbedingungen im Herkunftsland sowie die geringere Identifikation mit der deutschen Nationalität erschweren die Integration in die bundesrepublikanische Gesellschaft.

Die Identitätsunsicherheit dieser Menschen rührt aus dem Gegensatz zwischen deutschem Selbstverständnis und russischen kulturellen und sprachlichen Traditionen her. Sie begreifen sich selbst als Deutsche, erleben im Alltag in Deutschland ständig, dass sie Fremde sind. Sie werden ausgegrenzt und müssen die Differenzerfahrungen zwischen ihrer Selbstdefinition und dem erlebten Fremdbild dauerhaft verarbeiten, was sie in einen emotional und sozial widersprüchlichen Prozess führen kann.

Die Unsicherheit bezüglich ethnischer Zugehörigkeiten ist – laut Greuel – mit Fragen der Akzeptanz und Ablehnung gegenüber anderen ethnischen Gruppen verbunden. Dabei bilden ethnozentrische Einstellungen eine charakteristische Form von Haltungen gegenüber anderen ethnischen Gruppen (vgl.S.69). Der Autor untersucht in seinem Buch die ethnozentrischen Einstellungen bei Aussiedlerjugendlichen.

Entstehungshintergrund und Fragestellung

Das vorliegende Buch stellt die Ergebnisse eines Dissertationsprojektes dar und beschäftigt sich mit den Migrationsfolgen und dem Umgang mit „Fremden“. Die vorliegende Arbeit ist in theoretischer Hinsicht in einem bislang kaum behandelten Forschungsfeld angesiedelt (vgl.S.161)

Die zentrale Frage der Arbeit ist, „wie sich Ethnozentrismus bei Aussiedlerjugendlichen inhaltlich ausprägt“ (S.6). Der Autor untersucht dabei „welche anderen (ethnischen) Gruppen im Rahmen ethnozentrischer Einstellungen abgewertet werden und welche Eigengruppen in diesem Zusammenhang aufgewertet werden“ (S.6). Greuel geht auch der Frage nach, inwieweit ethnozentrische Einstellungen unter jugendlichen Aussiedlern Verbreitung finden.

Autor

Frank Greuel hat Erziehungswissenschaften an der Universität Erfurt studiert. Er hat über "Ethnozentrische Einstellungen bei Aussiedlerjugendlichen in Thüringen" an der Universität Erfurt promoviert. Die Interessengebiete des Autors sind Rechtsextremismus- und Vorurteilsforschung, Migrationsforschung und qualitative empirische Sozialforschung.

Aufbau und Inhalte

Die vorliegende Studie greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung

der ethnozentrischen Einstellungen bei Aussiedlerjugendlichen von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in die folgenden Abschnitte:

  • Kapitel 1 „Einführung“
  • Kapitel 2 „Theoretischer Bezugsrahmen“;
  • Kapitel 3 „Migration der Russlanddeutschen“;
  • Kapitel 4 „Fragestellung der empirischen Studie“;
  • Kapitel 5 „Methodik der empirischen Studie“;
  • Kapitel 6 „Ergebnisse der empirischen Studie“;
  • Kapitel 7 „Zusammenfassung und Ausblick“.

Im ersten Teil der Arbeit („Einführung“) werden Zielsetzungen und Fragen der Studie detailliert und forschungstheoretisch dargestellt. Die zentrale Zielstellung der Studie wird benannt. Greuel erörtert den Ausgangspunkt der Studie. Es geht dabei um die problematische Konstellation, die sich für die Aussiedler in Deutschland in Hinblick auf ihre ethnischen Zugehörigkeiten ergibt. Die letzteren werden im Laufe des Migrationsprozesses unsicher, die Aussiedler stellen sich verstärkt die Frage, wer oder was sie in ethnischer Hinsicht eigentlich sind.

Im zweiten Teil („Theoretischer Bezugsrahmen“) wird Ethnozentrismus in theoretischer Perspektive dargestellt. Im Einzelnen stellt der Autor ausgewählte Migrationstheorien vor. Es werden Ansätze aus verschiedenen Bereichen näher betrachtet (Ethnozentrismus- und Vorurteilsforschung, theoretische Ansätze zu Ethnizität und ethnischer Identität). Ethnozentrische Einstellungen werden hier begrifflich bestimmt und ausgewählte Erklärungseinsätze werden referiert. Die Begrifflichkeiten Ethnozentrismus und Ethnizität werden diskutiert.

In diesem Kapitel wird der Forschungsstand aufgearbeitet und die Schlüssel-Literatur wird dargelegt. Daraus entwickelt der Verfasser einige Eckpunkte und verweist auf Defizite in den bisherigen Untersuchungen bezüglich Aussiedlerthematik.

Im dritten Teil („Migration der Russlanddeutschen“) wird der gesamte Kontext dargestellt, der zum Verständnis der Migrationsprozesse der Russlanddeutschen von Interesse ist. Dabei wird die Geschichte der Russlanddeutschen in den vergangenen 250 Jahren skizzenhaft dargestellt. Der Autor liefert einen Einblick in die Geschichte der Russlanddeutschen – von der Ansiedlung der Deutschen im Russischen Zarenreich bis zur Einreise in die Bundesrepublik. Greuel informiert über die Gründe des Exodus der russlanddeutschen Ethnie und über die Anfänge russlanddeutscher Migration in die Bundesrepublik. Es wird dabei auf die rechtlichen Grundlagen der Einreise in die Bundesrepublik eingegangen. Die aussiedlerrelevanten Bevölkerungsdaten und –statistiken werden dargestellt. Die Migration von Russlanddeutschen wird eingebettet in generelle Fragen der Aussiedlerpolitik der Bundesrepublik Deutschland und der Integration der Aussiedler in Deutschland. Es werden hier Informationen zur sozialen, einwanderungsrechtlichen und politischen Situation der Aussiedler aus GUS-Staaten präsentiert.

Im vierten Teil („Fragestellung der empirischen Studie“) wird die Fragestellung entwickelt. Zu Beginn des Kapitels bezieht sich der Autor auf den erörterten Forschungsstand, der zeigt, dass im Themenbereich „Ethnozentrismus bei Aussiedlern“ erhebliche Forschungsdefizite festzustellen sind (vgl.S.159).

Im fünften Teil der Arbeit („Methodik der empirischen Studie“) wird das Forschungsdesign dargestellt. Hier werden zwei zentralen Aufgaben der empirischen Arbeit aufgeführt. Es soll zum einen geklärt werden, wie sich Ethnozentrismus bei den Befragten inhaltlich ausprägt. Und zum anderen sollen Bedingungskonstellationen und Sinnzusammenhänge von Ethnozentrismus ausgewiesen werden (vgl.S.161). Der Autor wendet qualitative Forschungsmethodik an. Den qualitativen Forschungsansatz begründet Greuel mit den formulierten Untersuchungszielen und mit dem explorativen Charakter der Studie.

Im sechsten Teil („Ergebnisse der empirischen Studie“) weist der Verfasser ethnozentrische Einstellungen bei russlanddeutschen Jugendlichen nach und beschreibt diese inhaltlich detailliert. Es wird gezeigt, dass sich ethnozentrische Einstellungen auf verschiedene Fremdgruppen wie Aussiedler aus anderen Herkunftsländern, Ausländer bzw. "Asylanten" oder auch einheimische Deutsche richten. Die verschiedenen Argumentationsformen, mittels derer diese Fremdgruppen abgewertet werden, werden analysiert. Die empirischen Ergebnisse werden fall- und themenbezogen ausgeleuchtet.

Der Autor stellt in diesem Teil eine Ethnozentrismus-Typologie dar, wobei er drei Typen von Ethnozentrismus bei russlanddeutschen Jugendlichen unterscheidet. Greuel beschäftigt sich auch mit der Frage, unter welchen Bedingungen die jeweiligen Formen ethnozentrischer Einstellungen ausgeprägt werden.

Im siebten Teil („Zusammenfassung und Ausblick“) werden die Ergebnisse der Studie nochmals zusammenfassend dargestellt. Es wird Bezug zu den Ergebnissen der Studie genommen und ihre Bedeutung wird im Rahmen der Vorurteils- und Migrationsforschung diskutiert.

Zielgruppe

Besonders empfehlenswert ist dieses Buch für VertreterInnen der Integrationsarbeit und diejenigen, die es werden wollen, für die sich neue, wertvolle Einblicke und Erkenntnisse bieten. Darüber hinaus kann das Werk LehrerInnen und Fachkräften der Jugendhilfe zahlreiche Anregungen für ihre praktische Arbeit finden. Es ist uneingeschränkt allen zu empfehlen, die sich umfassend, komprimiert und nachvollziehbar mit der Materie befassen möchten.

Fazit

Das Buch ist verständlich geschrieben. Es bietet dem Kenner der Materie eine Reihe von Forschungsergebnissen, die dem Leser auch die eigenen Überlegungen weitertreiben können. Es soll gewürdigt werden, dass es dem Verfasser gelingt, einen inhaltlich interessanten Beitrag zur gesellschaftskritischen Diskussion über Migration und Migrationsfolgen und zum besseren Verständnis der Aussiedlerthematik vorzulegen. Das Buch von Frank Greuel zeichnet sich nicht nur durch den aktuellen thematischen Bezug aus, sondern auch durch einen Beitrag zur Schließung bestehender Forschungslücken. Alles in allem ist es ein lesenswerter Beitrag zu Lebenslage von Migrantinnen und Migranten, der auch Hinweise auf die Notwendigkeit gibt, Migrationsverläufe und deren Auswirkungen differenzierter zu betrachten.


Rezensentin
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 22.03.2010 zu: Frank Greuel: Ethnozentrismus bei Aussiedlerjugendlichen. Eine explorative, qualitative Studie in Thüringen. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-8300-4589-2. Schriftenreihe Studien zur Migrationsforschung - Band 10. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8628.php, Datum des Zugriffs 27.05.2016.


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