Marianne Krüll: Die Geburt ist nicht der Anfang

Cover Marianne Krüll: Die Geburt ist nicht der Anfang. Die ersten Kapitel unseres Lebens - neu erzählt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 394 Seiten. ISBN 978-3-608-94556-0. 24,90 EUR, CH: 42,80 sFr.

Unter Mitarb. von Flora Frank.

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Thema

Thema des Buches sind die ersten Lebensphasen des Menschen, gegliedert in die Abschnitte vorgeburtliche Entwicklung, der Geburtsprozess und seine Bedeutung sowie die erste Lebenszeit nach der Geburt. Die Autorin beschreibt diese sehr detailliert aus unterschiedlichen Perspektiven, die einen jeweils anderen Fokus auf den Abschnitt ontogenetischer Entwicklung setzen und neben einem sehr komplexen Wissen zum Thema auch eine ethisch-moralische Auseinandersetzung mit der Verantwortung Erwachsener für diese wichtige Zeit im Leben eines Kindes und aktuellen medizinischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anbieten.

Autorin

Dr. Marianne Krüll, geb. 1936 in Berlin beschreibt sich selbst zuerst als Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und engagierte Feministin. Erst danach sieht sie sich als Schriftstellerin und Soziologin. Schwerpunkte ihrer wissenschaftlichen Arbeiten fokussiert die Autorin in den Grenzgebieten zwischen Psychologie und Soziologie.

Entstehungshintergrund

Frau Krüll hat dieses Buch als Überarbeitung ihres in den 80ziger Jahren veröffentlichten und mehrfach aufgelegten Buches auf Anfrage des Verlages Clett-Kotta geschrieben. Es enthält neben einer umfassenden Aktualisierung des wissenschaftlichen Forschungsstandes auch ihre persönliche Wertung gegenwärtiger medizinischer Praxis und gesellschaftlichem Konsens als gesellschaftskritische Auseinandersetzung.

Aufbau und Inhalt

Neben einer Einleitung und Dank am Anfang sowie Anmerkungen, einem Glossar, dem Nachweis der Abbildungen und dem Literaturverzeichnis am Ende des Buches gliedert dieses sich in sechs Kapitel. Jedes Kapitel ist inhaltlich in drei Abschnitte geordnet, welche das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen.

Es beginnt immer mit einer sehr detaillierten Darstellung des aktuellen Kenntnisstandes der Forschung und empirisch erhobener biologischer Befunde und sozialer Daten. Die umfangreichen Literaturrecherchen enthalten in den Anmerkungen zu jedem Kapitel weiterführende Informationen für interessierte LerserInnen. Dieser Teil erklärt stringent Begrifflichkeiten, zusammenhängende physiologische und neurologische Prozesse, Einflussfaktoren dieser Entwicklungen sowie deren Auswirkungen auf die weitere ontogenetische Entwicklung. Die Fakten sind jeweils sehr anschaulich mit grafischen Darstellungen, Ultraschallbildern und Fotos illustriert, die es auch ungeschulten LeserInnen erleichtern diese komplexen Zusammenhänge zu verstehen.

Der zweite Abschnitt jedes Kapitels, bezeichnet als Schlussfolgerungen, bildet immer eine Rückschau eigenen Erlebens der Autorin zum behandelten Lebensabschnitt in der ICH- oder WIR-Perspektive. Hier wird der jeweilige Entwicklungsstand anschaulich durch die Darstellung der sensomotorischen Fähigkeiten und körperlichen Fertigkeiten als emotionalem Erlebnishorizont beschrieben und dadurch noch einmal die integrierte Speicherung dieser Erlebnisse als neuronale Erfahrungsmuster, auf deren Basis sich die nächsten Entwicklungen vollziehen dargestellt.

Den Kapitelabschluss bilden jeweils Dialoge, in denen die Autorin mit fiktiven Gesprächspartnern zum Thema in sozialpolitische oder ethische Diskurse tritt, wobei hier manchmal der erhobene Zeigefinger sehr deutlich hervortritt und die Betrachtung der balinesischen Kultur zwar interessant ist aber ein Vergleich mit der westlichen weit hergeholt erscheint. Vielleicht wäre hier eine differenziertere Betrachtung der unterschiedlichen sozialen Situationen und Haltungen zur Mutterschaft innerhalb Deutschlands im vergangenen Jahrhundert lebensnaher und würde auch die Frauen der neuen Bundesländer und ihre Geschichte(n) einbeziehen.

Die Reihenfolge der Kapitel behandelt chronologisch die menschliche Entwicklung ab dem Zeitpunkt ihrer Konzeption und deren Bedingungen aus der vorangegangenen Generation. Kapitel 1 und 2 beinhalten die vorgeburtlichen Abschnitte der Embryonal- und Fötalentwicklung, das dritte Kapitel den Geburtsprozess und Kapitel 4 und 5 die erste nachgeburtliche Lebenszeit mit Schwerpunkt auf der vorsprachlichen und der sprachlichen Entwicklung. Das Kapitel 6 enthält keinen entwicklungspsychologischen und persönlichen Erlebnisteil. Hier verbindet die Autorin das dargestellte Wissen, Ihre Erlebnisse und Einstellungen zu einem neuen Menschenbild als theoretischem Konstrukt mit Einfluss auf das soziale Handeln von Menschen, welches sie auch im abschließenden Dialog gegenüber ihrem Alter Ego vertritt.

Kapitel 1: Vom Anfang bis zum Embryo - die ersten acht Lebenswochen

  • Schlussfolgerungen: Die Welt des Embryo
  • Dialog I: Die Gentechnologie und wir

Kapitel 2: Mensch-Sein als Fötus - von der achten Woche bis zur Geburt

  • Schlussfolgerungen: Die Welt des Fötus
  • Dialog II: Was ist "Vererbung"?
  • Dialog III: Zur Abtreibung

Kapitel 3: Die Geburt

  • Schlussfolgerungen: Die neue Welt nach der Geburt
  • Dialog IV: Ein Brief an meine Kinder 

Kapitel 4: Mensch-Sein vor der Sprache

  • Schlussfolgerungen: Sozialisation in der vorsprachlichen Zeit und ihre Bedeutung für das Individuum und die Gesellschaft
  • DialogV: Über den Triebbegriff 

Kapitel 5: Mensch-Sein in der Sprache

  • Schlussfolgerungen: Sozialisation durch Sprache und ihre Bedeutung für das Individuum und die Gesellschaft
  • Dialog VI: Von Müttermythen und Männermacht

Kapitel 6: Schluss: Ein neues Menschenbild

  • Dialog VII: Gibt es Hoffnung?

Diskussion

Frau Dr. Krüll unterstützt durch Ihr Buch eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit diesem Thema. Menschliche Entwicklung aus entwicklungspsychologischer Sicht konsequent als Kulturprodukt zu begreifen ist in der Wissenschaft noch ein junger Standpunkt und steht auch heute noch dem (übermächtigen?) Lager der Vererbungstheorie gegenüber. Dieser permanente theoretische Streit bildet die ethische Grundlage für unseren Umgang mit diesem Abschnitt im Leben jedes Menschen. Unsere Einstellung und Haltung, beeinflusst durch dieses Menschenbild, hat Auswirkungen auf die Gestaltung dieser Zeit. Sie lenkt Schwangere und ihre soziale Umwelt, entscheidet wo und wie die Geburt verläuft, in welche Abhängigkeiten sich Gebärende dabei begeben oder nicht und bestimmt das Sozialverhalten der Bezugspersonen kleiner Kinder. Sie beeinflusst später die Art der frühkindlichen Betreuung und der Schulform, den Weg des Hineinwachsens eines Menschen in unsere kulturelle Gemeinschaft. Wer versteht, dass in diesem sozialen Prozess jedem Kind die gleichen Chancen seiner individuellen Entwicklung zustehen, wird einen kritischen Blick auf die derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen der Sozialisation unserer Kinder werfen.

Fazit

Marianne Krülls Buch stellt eine faszinierende Kombination aus entwicklungspsychologischer Fachliteratur, feministischer Streitschrift und einem spannenden Abenteuerroman unserer Ontogenese dar und ist ein echtes Lesevergnügen.

Der fachliche Teil ist hochaktuell, wissenschaftlich fundiert und verständlich abgefasst. Ein anderer Fokus wird über Streitgespräche, dem Vergleich von unterschiedlichen Geburtskulturen und den Auswirkungen von sozialen Bedingungen auf Schwangerschaft, Geburt und frühkindlicher Entwicklung angeboten. Der letzte Blickwinkel erinnert leise an eine Reise ins ICH.

Dieses Buch ist viel mehr als eine reine Fachliteratur. Es ist ebenso eine Aufklärungsschrift für einen bewussten Umgang mit Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft und sollte darum nicht nur in den Bibliotheken der einschlägigen Fachrichtungen sondern auch in Elternschulen, Schwangerenberatungszentren und bei interessierten jungen Eltern und ihren Familien ankommen. Es bietet neben der soliden Wissensvermittlung eine kritische Auseinandersetzung mit eigenen Haltungen und vorhandenen medizinischen und sozialgesellschaftlichen Strukturen.


Rezensentin
Prof. Christina Jasmund
Hochschule Niederrhein Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Christina Jasmund. Rezension vom 15.01.2010 zu: Marianne Krüll: Die Geburt ist nicht der Anfang. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 394 Seiten. ISBN 978-3-608-94556-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8639.php, Datum des Zugriffs 20.10.2014.


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