socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Wagner: Moderne als Erfahrung und Interpretation

Cover Peter Wagner: Moderne als Erfahrung und Interpretation. Eine neue Soziologie zur Moderne. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. 380 Seiten. ISBN 978-3-86764-163-0. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 58,00 sFr.

Reihe: Einzeltitel Soziologie. Englischsprachige Originalausgabe: „Modernity as Experience and Interpretation. A New Sociology of Modernity“ (2008 bei Polity Press).
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Spezifikum der Moderne ist, so hat es Jürgen Habermas formuliert, dass sie ihre orientierenden Maßstäbe nicht mehr den Vorbildern anderer Epochen entnehmen kann. Die Moderne ist auf sich selbst zurückgeworfen; sie „muss ihre Normativität aus sich selber schöpfen“ (Jürgen Habermas, Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt/M. 1985, S. 141). In die gleiche Kerbe schlägt auch der Autor des anzuzeigenden Buches, wenn er gleich zu Anfang festhält: „Die Besonderheit der Moderne liegt in ihrer Verpflichtung zur Selbstbestimmung: sich selbst das eigene Gesetz aufzuerlegen“ (15). Unklar aber bleibt dabei stets, wann denn die Moderne als Epoche eigentlich beginnt. Je nachdem, ob man einem Kunsthistoriker, einem ideengeschichtlich interessierten Politikwissenschaftler oder einem Philosophen die Frage vorlegt, wird man höchst unterschiedliche Antworten erhalten: „Mit dem 20. Jahrhundert“, wird wohl der Kunsthistoriker erwidern; „mit der Renaissance, spätestens mit Mitte des 17. Jahrhunderts“, so dürfte die Antwort des Ideengeschichtlers lauten, schließlich gilt Thomas Hobbes als der große Ahnvater einer modernen Theorie der Politik. Und so mancher Philosoph sieht die Anfänge der Moderne wohl schon im 12. Jahrhundert, weil bereits im Universalienstreit, etwa im extremen Nominalismus bei Johannes Roscelin, die erkenntnistheoretische Wende zur Moderne markiert werde.

Nun muss man ganz klar festhalten, dass es dem Autor nicht um irgendeine Festlegung historischer Zäsuren oder Epochengrenzen geht. „Überall dort, wo Menschen sich selbst als autonome Wesen begreifen, ist ‚Moderne‘“ (17). Und weil bereits die antiken griechischen Demokratien in dieser Hinsicht hochmodern waren, geht es Wagner nicht zuletzt um eine „Erweiterung des Begriffs der Moderne“ und um eine „Ausweitung der raum-zeitlichen Perspektive für die soziohistorische Untersuchung“ (17). Sein Buch versteht Wagner daher auch als ein „Neudenken“ des Begriffs „Moderne“ im Sinne einer Begriffswiedergewinnung, d.h. als Versuch, sowohl Begrenztheit wie Potenzial des Begriffs zu erfassen (21).

Autor und Entstehungshintergrund

Das Buch ist gewissermaßen schon der vierte Versuch des Autors, eine Soziologie der Moderne zu formulieren. Bereits mit „Sozialwissenschaft und Staat“ (1990), „Soziologie der Moderne“ (1995) und „Theorizing Modernity“ (2001) hat sich Peter Wagner, der nach Stationen in Warwick und Florenz seit 2007 Professor für Soziologie an der Universität Trient ist, der Thematik zugewandt. Der neuerliche Anlauf begründet sich nunmehr aus der Überzeugung, die „Erfahrungen der Moderne“ wieder stärker in den Blick zu nehmen und vor allem die bestehenden Interpretationen damit in Beziehung zu setzen (10). Denn „Erfahrungen“, so Wagner, „sind nicht selbstredend, sie verlangen nach Interpretation“ (16). Und für Wagner sind es in erster Linie Interpretationen und Deutungen, die den jeweiligen Erfahrungen kollektiv beigegeben sind, die einer spezifischen Form der Moderne ihre Gestalt verleihen.

Aufbau und Inhalt

Diese Überzeugung ist Programm. In den folgenden Kapiteln breitet Wagner ein Panorama der Moderne-Interpretation aus, das nicht weniger als eine Auseinandersetzug mit den großen Strömungen des soziologischen, politischen, ökonomischen und philosophischen Denkens ist.

Angesichts der verwirrenden Vielfalt an Formen, in denen gerade auch im Sinne des Autors Moderne aufzufinden ist, verfügt das Buch über einen erstaunlich klar strukturierten Aufbau. Die Untersuchung wird zunächst von drei Grundfragen konstituiert, denen sich jede menschliche Gesellschaft zu stellen habe: der Frage nach den Regeln für das gemeinsame Leben, der Frage nach der Befriedigung materieller Bedürfnisse und der Frage nach gültigem Wissen. Demzufolge widmet sich Wagner in den ersten drei der fünf Teile zunächst der Moderne in ihrer politischen, ökonomischen sowie philosophischen Interpretation. Während im ersten Teil (35-111) die großen politischen Erzählungen von Freiheit, Staatlichkeit, Revolution und Demokratie diskutiert werden, wendet er sich in Teil II den Lösungen materieller Bedürfnisbefriedigung, ihren Lesarten und Kritiken zu (113-204). Analog verfährt Wagner in Teil III, der sich ausgehend von der „wissenschaftlichen Revolution“ zwischen dem späten 16. und dem 18. Jahrhundert um die epistemischen Interpretationen der Moderne kümmert (205-264).

Mit der strikten und keineswegs selbstverständlichen Scheidung in politische, ökonomische und philosophische Interpretationen korrespondiert ein zentrales Anliegen des Buches, nämlich „einer Verschmelzung dieser drei Problematiken, wie es ein allzu verbreitetes Phänomen in der Geschichte des sozialen und politischen Denkens ist, vorzubeugen“ (31). Vor allem, dass Wagner die Interpretation der politischen von der philosophischen trennt, bricht seiner Ansicht nach mit einer traditionellen Überzeugung. Denn beide Dimensionen seien seit Langem in enger Beziehung zueinander betrachtet worden. „Versteht man unter Moderne, dass Menschen den Problematiken ihre eigene Lösung geben müssen, dass sie sich also selbst ihr eigenes Gesetz geben (Autonomie), dann fällt der Beginn der Philosophie als das Befragen des Seins mit dem Beginn der Politik als das Sichgeben von Gesetzen für das Zusammenleben zusammen – und dies historisch im antiken Griechenland“ (28). Die Verschmelzung der Dimensionen beinhaltet darüber hinaus, so Wagner weiter, „dass entweder die politische Form der Moderne von gültigem Wissen über die Welt abgeleitet werden kann oder dass es nur eine begrenzte Menge moderner politischer Formen gäbe, die mit der ‚wirtschaftlichen Moderne‘ als ‚Marktgesellschaft‘ oder ‚Kapitalismus‘ kompatibel seien“ (31). Das freilich bestreitet Wagner nachdrücklich. Durch den gewählten Aufbau, sprich die getrennte Untersuchung von politischer, ökonomischer und epistemischer Moderne-Interpretation soll erreicht werden, die Aufmerksamkeit (wieder) auf die Vielfalt der Erfahrungen, Interpretationen und ihre Beziehungen zueinander zu richten.

Wenngleich in den Teilen I bis III immer wieder europäische Beispiele im Mittelpunkt stehen, so konzentriert sich Wagner in Teil IV schließlich explizit und exemplarisch auf Europa (265-317). Mit den diskutierten Erfahrungen aus den Religionskriegen, der Entwicklung von Wohlfahrtstaaten, dem Kolonialismus, den beiden Weltkriegen und dem Totalitarismus ist zugleich eine Relativierung des Verständnisses von Europa als Avantgarde der Moderne verbunden. Davon ausgehend unternimmt Wagner schließlich den Vergleich mit den Erfahrungen und Interpretationen der Moderne in den USA. Der abschließende fünfte Teil (319-364) ist dann Wagners Plädoyer für die „Notwendigkeit einer neuen Soziologie“ der Moderne gewidmet.

Vier Großtheorien zur Interpretation der Moderne macht Wagner dabei aus, die letztlich auch den Weg zu seiner „neuen Soziologie der Moderne“ vorzeichnen.

  1. Die erste Theorie sei die Sichtweise der „Moderne als Ära und Set von Institutionen“. Demnach seien die gegenwärtigen Gesellschaften des Westens historisch durch einen tiefgreifenden Bruch entstanden, der zu einer überlegenen Form sozialer Organisation geführt habe und zur Ausbreitung neigte, um globale Bedeutung zu erlangen. Wenngleich der Bruch sich über lange Zeiträume erstreckt habe, so habe er doch zu einem neuen Set an Institutionen geführt (demokratisches Gemeinwesen, industrielle Marktwirtschaft, rationale Verwaltung, unabhängige Institutionen der Wissensproduktion). Dieser Blick auf die Geschichte Europas, später des Westens, gilt Wagner freilich als eine affirmative, ja weitgehend selbstgefällige Konzeptualisierung der Moderne, weil die neuen soziopolitischen Strukturen, dieser Lesart zufolge, bereits alles beinhalten würden, was zu einer erfolgreichen Anpassung an sich verändernden Situationen notwendig sei.
  2. An zweiter Stelle steht, was Wagner als „die großen Kritiken der Moderne“ bezeichnet. Sie hätten ab Mitte des 19. Jahrhundert (bis in die 1930er Jahre), die grundlegenden Probleme moderner Gesellschaften zu identifizieren versucht, ohne dabei allerdings von einem grundsätzlichen Bekenntnis zur Moderne abzurücken. Als solche Großkritiken gelten Wagner z.B. die „Kritik der politischen Ökonomie“ bei Karl Marx, die „Kritik von Organisation und Bürokratie“ durch Robert Michels und Max Weber und schließlich die „Kritik moderner Philosophie und Wissenschaft“, die vor allem eine Kritik von Rationalitätskonzeptionen sei (Max Weber, Max Horkheimer). Gemeinsam sei allen Ansätzen die Auffassung, dass der Autonomiezuwachs und die Rationalitätssteigerung zugleich das Fundament und damit die Verwirklichungschancen der Moderne als historisches Projekt untergraben. Nicht infrage gestellt werde aber auch dort, dass es eine einzige Form der Moderne gibt, die in Europa entstanden sei und dazu neige, Raum und Zeit zu transzendieren.
  3. Die dritte Sichtweise habe versucht, den Akzent von den Institutionen zu den Interpretationen zu verschieben (z.B. Cornelius Castoriades). Verbunden ist damit, dass nicht mehr eine bestimmte institutionelle Struktur als interpretative Leitlinie dient, etwa die historische Form des europäischen Nationalstaates, sondern dass je nach soziopolitischer Situation das Spannungsfeld von Autonomie und Herrschaft mit einer Vielfalt institutioneller Formen ausgefüllt werden konnte und kann.
  4. Die vierte Sichtweise habe schließlich die Autonomie noch stärker in den Mittelpunkt zu rücken versucht. Vor allem Michel Foucault habe sein Konzept der Moderne als Ethos und als Erfahrung jener Sichtweise entgegengestellt, die die Moderne als eine Epoche und als institutionelle Ordnung betrachtet habe. Vor dieser interpretativen Folie argumentiert nun auch Wagner.

Grundthese des Buches ist deshalb, dass eben nicht eine bestimmte Konfiguration von Institutionen moderne Gesellschaft definiere und dass ihre funktionale Differenzierung Überlegenheit begründe, sondern dass die Moderne in vielerlei Formen vorkomme, dass diese Formen instabil sein können und dass auch einst erfolgreiche Gesellschaftsmodelle angesichts neuer Herausforderungen zu scheitern drohen. Nicht die Tatsache, dass moderne Gesellschaften nach Regeln für das gemeinsame Leben, nach gesichertem Wissen und nach Befriedigung materieller Bedürfnisse suchen, sei spezifisch für die Moderne, denn sie betreffe alle menschlichen Gesellschaften. Vielmehr sei es die Überzeugung, dass nach Lösungen gesucht werden muss, weil diese Lösungen nicht schlechthin gegeben sind (28). So zeichnen sich moderne Gesellschaften zwar gemeinhin durch einen liberal-demokratischen Staat, durch eine marktwirtschaftlich organisierte Ökonomie und durch freie wissenschaftliche Institutionen aus. Dieser etablierten Einschätzung, dass also die Moderne sich insbesondere in Gestalt von drei großen Revolutionen vollzogen habe – der wissenschaftlichen, der industriellen sowie der demokratischen –, will Wagner auch gar nicht widersprechen. Gleichwohl hegt er tiefe Zweifel, dass die Brüche jeweils ein für alle mal stattgefunden haben und sich das evolutionäre Programm der Moderne ab diesen Momenten nur noch ungehindert entfalten musste. Die Erfahrungen in modernen Gesellschaften, so Wagner, variierten zwischen den Gesellschaften in hohem Maße, ihre Deutungen waren von Beginn an umstritten und sie blieben im Lichte weiterer Erfahrungen und Konsequenzen stets der Revision ausgesetzt. So trägt ein Anfang zwar immer eine Ahnung des Endes in sich. „Aber wie man weiter schreiten sollte, ist nicht endlos durch den Anfang vorherbestimmt“ (17). Wagners Plädoyer für eine „neuartige Interpretation“ der Moderne gründet daher letztlich in der Überzeugung, dass die Moderne gerade „in den letzten Jahrzehnten eine grundlegende Transformation“ erfahren hat (321).

Diskussion

Dem Autor gelingt es zweifellos, einen interpretatorischen Mehrwert für die Analyse von Moderne und Modernität zu liefern, nicht zuletzt weil er mit starren Konzeptualisierungen bricht und diese durch ein flexibles und offenes Modell ersetzt. Die Untersuchung ist dabei ebenso souverän in der Sache wie elegant im Stil, international wie interdisziplinär ausgerichtet und meist von einer sehr metaperspektivischen Betrachtung geleitet. Wagners Buch aber ist gewiss keine einfache Lektüre. Der Autor setzt manches an Vorkenntnis voraus und leider verliert sich auch die Anschaulichkeit, mit der Wagner noch sein Buch beginnen lässt, zunehmend im Dickicht der Theorien und ihrer gerafften Rekonstruktion. Präzise Beispiele bleiben eher seltene Ausnahmen und oft entfaltet die dichte Analyse ihren Gewinn erst im noch- oder gar mehrmaligen Lesen.

Fazit

Wer die Mühen nicht scheut, kann sich dem Ertrag nicht verschließen. Als leichte Hinführung zur Moderne-Diskussion scheint das Buch zwar kaum geeignet; doch als hochaggregierter Kommentar zu den besonderen Erfahrungen, Lesarten und (Miss-)Interpretationen der Moderne ist das Buch zweifellos eine nur schwer zu übertreffende Gesamtschau.


Rezensent
Dr. rer. pol. Thomas Schölderle
E-Mail Mailformular


Alle 14 Rezensionen von Thomas Schölderle anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Thomas Schölderle. Rezension vom 02.12.2009 zu: Peter Wagner: Moderne als Erfahrung und Interpretation. Eine neue Soziologie zur Moderne. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. ISBN 978-3-86764-163-0. Reihe: Einzeltitel Soziologie. Englischsprachige Originalausgabe: „Modernity as Experience and Interpretation. A New Sociology of Modernity“ (2008 bei Polity Press). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8657.php, Datum des Zugriffs 01.09.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!