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Thomas Kron, Martin Horácek: Individualisierung

Cover Thomas Kron, Martin Horácek: Individualisierung. transcript (Bielefeld) 2009. 180 Seiten. ISBN 978-3-89942-551-2. 12,50 EUR, CH: 20,50 sFr.

Reihe: Einsichten.
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Thema

Blickt man auf den soziologischen Diskurs der jüngeren Vergangenheit zurück, so kann wahrlich nicht bestritten werden, dass die – anfangs eng mit den einflussreichen Studien Ulrich Becks verbundenen – Debatten um ‚Individualisierung‘ seit den achtziger Jahren einen überaus breiten Raum eingenommen haben. Ein wesentlicher Grund für dieses Faktum liegt zweifellos in dem sich seit einigen Dekaden vollziehenden Übergang zu einer postfordistischen Produktionsweise, welche tief greifende Veränderungen im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft mit sich bringt. Legt man eine langfristige Perspektive zugrunde, wird fernerhin schnell klar, dass diese Thematik aus soziologischer Sicht keineswegs ein völliges Novum darstellt, sondern vielmehr schon seit dem Beginn des Übergangs zur sog. ‚ersten Moderne‘ (d.h. von der vormodernen Feudalgesellschaft zur Industriegesellschaft) im Zentrum vieler Zeitdiagnosen stand.

Thomas Kron und Martin Horáček legen mit dem diesem Buch, das im Rahmen der Einführungsreihe „Einsichten – Themen der Soziologie“ des transcript Verlages erscheint, den Versuch eines „systematischen Überblicks über die zentralen Facetten des Begriffs und die wichtigsten klassischen Theorien über Individualisierung“ (zit. vom Klappentext) vor. Das Autorenduo betont derweil gleich zu Beginn, dass der Zenith des soziologische Diskurses um ‚Individualisierung‘ überschritten sei; in der Tat liegen bereits eine Reihe von einschlägigen Einführungs- bzw. Überblicksbänden zu dieser Oberthematik vor. Die Hauptintention der vorliegenden Publikation besteht nun allerdings nicht darin, in den Bahnen der bisherigen Einführungsliteratur zu verbleiben, sondern einen bis dato vernachlässigten Aspekt aufzuarbeiten – es wird zuvorderst danach gefragt, „welcher Grundprozess der Individualisierung zugrunde liegt“ (8). Dieser sei einfach zu erfassen und finde sich letztlich in sämtlichen soziologischen Argumentationsfiguren wieder: „Es ist der Prozess des Raus und Rein. Die Argumente unterscheiden sich darin, woraus die Individuen zuerst rausgesogen, worein sie dann wieder eingebunden werden – und welche Zeitabschnitte, räumliche Variationen, soziale Konfigurationen und sachliche Bedingungen damit verbunden werden“ (8). Damit ist die enorme Heterogenität der in diesem Zusammenhang relevanten Theoriemodelle keineswegs in Frage gestellt; im Gegenteil: Vor dem Hintergrund dieser Prämisse geht es den Verfassern im Folgenden gerade darum, unter Rekurs auf ein breiteres Spektrum an Ansätzen, welches den soziologischen Diskurs „insgesamt gut abbilden“ (10) soll, differierende Auffassungen und Bedeutungsgehalte von ‚Individualisierung‘ anschaulich zu machen sowie zu diskutieren. Dieses Vorhaben erstreckt sich auf neun miteinander verzahnte, jeweils unter einem konkret umrissenen thematischen Fokus stehende Subkapitel. Die Autoren orientieren sich dabei sowohl an klassischen Theorien als auch an zeitgemäßen Konzeptionen, welche – dies zeigt schon eine flüchtige Insichtnahme des Inhaltsverzeichnisses – mitnichten ausschließlich aus dem im engeren Sinne soziologischen Spektrum stammen.

Aufbau und Inhalt

Den Einstieg (15-26) bildet eine Auseinandersetzung mit der den akzentuierten Prozess des ‚Raus und Rein‘ verdeutlichenden und von den Autoren geteilten These des „immer schon sozialen Individuums“ (15), wie sie sich bei Peter Sloterdijk und George Herbert Mead findet. Sloterdijks Entwurf einer ‚negativen Gynäkologie‘ wird an dieser Stelle deshalb zunächst thematisiert, weil dieser tiefer ansetzt als der symbolische Interaktionismus Meads: Dem Menschen werde bereits während der pränatalen Phase eine soziale Basisgestimmtheit mitgegeben, die ihn „per se zur Gemeinschaftlichkeit befähigt“ (21). Spätere Mutter-Kind-Interaktionen, mit denen die individuelle Menschwerdung erst anhebt, sind nach Sloterdijk also nicht voraussetzungslos, sondern speisen sich aus dieser vor der Geburt entwickelten Empfindung eines ‚Mit-Mir‘ (18). Zugleich füllen jene die mit der Geburt entstehende Leerstelle, ja sie müssen diese ausfüllen; aufgrund der basalen Konstitution des Menschen sei eine Ausbildung des Selbst jenseits von sozialen Vernetzungen nämlich schlichtweg nicht möglich. Meads Reflexionen zur unauflösbaren Verzahnung von Individuierung und Vergemeinschaftung knüpfen unterdessen direkt an diese fundamentalen Überlegungen an: Dessen Kernthese, wonach der Prozess der Individualisierung seinen Ausgang in einem von Anfang an sozialen Individuum hat und sich entlang der Dynamik von Bruch und Neueinbettung vollzieht, trifft mit Sloterdijks Annahmen insofern überein, als für beide das Soziale den unhintergehbaren „Startpunkt“ (25) für jede Individualisierung abgibt.

Von dieser Basis aus konzentriert sich das Interesse in einem zweiten Schritt (26-38) auf die sozialisationstheoretischen Prämissen von Sigmund Freud und Talcott Parsons. Parsons, der sich in vielerlei Hinsicht auf die Freudsche Persönlichkeitstheorie stützt, wird attestiert, die Notwendigkeit des sozialen Eingebundenseins noch einmal zu unterstreichen: Allein dadurch, dass „das Kind lernt, eine Rolle in einem Kollektiv zu spielen, die mit anderen Rollen komplementär ist und mit dem generellen Wertmuster (des epochalen Gesellschaftssystems, S.K.) übereinstimmt“ (34), könne sich überhaupt ein ‚Ich‘ generieren. Kennzeichnend für Parsons ist hierbei freilich die konformistische Zielvorstellung einer durch Werte stabilisierten sozialen Ordnung; gewissermaßen im Gegenzug wird Georg Simmels Vergesellschaftungstheorem, welches alternative Einschätzungen mit Bezug auf das von Parsons recht einseitig aufgefasste Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in sich birgt, sowie dessen Modell der Kreuzung sozialer Kreise in den Mittelpunkt gerückt (38-53).

Dieser postuliert – in Analogie zu anderen soziologischen ‚Klassikern‘ der Ära um 1900 –eine „individualisierende Entwicklung der Gesellschaft“ (41), d.h. eine allgemeine Zunahme an sozialen Differenzierungen und die Entstehung von neuen Vergemeinschaftungsweisen, die sich von den traditionalen grundlegend unterscheiden. Diese Steigerung von Differenzierung und Komplexität führt nach Simmel zwangsläufig zu einer „spezifischeren, individuelleren Bestimmung des Individuums“ (41) in quantitativer Hinsicht, da dieses vermehrt in einem „Schnittpunkt verschiedener sozialer Kreise“ (40), welche sich im Verlauf des Modernisierungsprozesses ebenfalls ausdehnen, steht. Simmel differenziert darüber hinaus zwischen jener quantitativen und einer qualitativen Individualisierung – im Kontext der Bestimmung dieser Form der Individualisierung gelangen indes lebensphilosophische Maximen zum Vorschein: Betont werden die ‚Authentizität‘ und der „Besonderheits-Individualismus“ (45) ebenso wie der exklusive Charakter dieser Existenzweise. Zwar kann nach Simmel aus dem quantitativen Zuwachs an (Wahl-)Freiheitsspielräumen durchaus ein qualitativer Individualismus entstehen; zwangsläufige Verbindungslinien bestehen jedoch nicht. Die höhere Gestalt der Individualität bildet sich schließlich nur dann heraus, wenn das Subjekt Kulturobjekte aktiv zur Förderung seiner Persönlichkeit nutzt – fallen objektive und subjektive Kultur dagegen auseinander, setzen Verdinglichungsprozesse ein, die diesen (hegelianisch anmutenden) „Grundprozess des Raus und Rein“ (51) erschweren. In den Augen der Autoren wirft diese Kulturtheorie unweigerlich die Frage nach dem „energetischen Moment“ (ebd.) der Individualisierung auf; das sich anschließende Kapitel widmet sich just dieser von Simmel nicht erschöpfend behandelten Problematik.

Im Rahmen der vierten ‚Etappe‘ (53-81) wird demgemäß auf Individualisierungsfiguren fokussiert, „in denen das Individuum zum einen eine aktive und zum anderen eine passive Stellung einnimmt“ (53). Als Vertreter des Postulats eines sich – innerhalb von Grenzen – selbst inszenierenden Subjekts führen Kron/Horáček zunächst Erving Goffmann auf. Dieser versteht unter Individualisierung den Prozess des Herausgerissenwerdens aus der Sphäre des als ‚normal‘ Definierten sowie des Eintretens in „jene Gruppe von Akteuren, die mittels Stigma-Management um ihre situativ passende Individualisierungsinszenierung ringen“ (57). In dieser Dynamik erstreben die Subjekte binnen von – zur Bewahrung der eigenen Identität unverzichtbaren – Interaktionsverhältnissen permanent eine Korrektur von Stigmatisierungen; die spannungsgeladene Auseinandersetzung zwischen den (potentiell stigmatisierenden und einschränkenden) Interaktionsstrukturen und den (nicht jenseits der Realität zu verwirklichenden) normativen Selbstansprüchen bleibt bei Goffmann letztlich eine unabschließbare Bewegung.

Ergänzt werden diese Ausführungen sodann durch Michael Foucaults und Zygmunt Baumans Theorien zur Identitätsproduktion, die den Akzent eher auf die Produktion des Individuums durch Macht- und Herrschaftsmechanismen legen. Foucault geht im (undialektischen) Widerspruch zum Freiheitspathos der Aufklärung davon aus, dass „das Individuum geschaffen wird, um einen höheren Grad gesellschaftlicher Kontrolle zu erreichen“ (63). Erst die macht- und herrschaftsbasierte Kreierung eines berechenbaren und effektiven Individuums ermöglicht seiner Überzeugung entsprechend das für moderne Gesellschaften typische, ein hohes Maß an Selbstregierung voraussetzende Disziplinarsystem. Neu an diesem Kontrollregime ist eigens ein auf Selbstzwang bzw. scheinbarer ‚Autonomie‘ beruhendes Disziplinarmuster und die hiermit verknüpfte Invisibilisierung von Herrschaft; die Subalternen partizipieren in diesem Zusammenhang (häufig unbewusst) an der Erzeugung von Herrschaftsstrukturen. Foucaults kritischer Gegenentwurf zu diesen Entwicklungstendenzen trägt mithin nietzscheanische Züge; die Autoren ziehen an diesem Punkt außerdem Parallelen zu Goffman: Ein sich ständig neu erfindendendes Individuum sei zuvorderst dazu in der Lage, den omnipräsenten Disziplinierungsanrufungen und -logiken ein Stück weit zu entkommen. Wie schwierig sich ein solcher Protest insbesondere in den Zeiten des Übergangs zum Postfordismus darstellt, wird anhand von Baumans Diagnose der ‚Postmoderne‘ aufzuzeigen versucht. Entgegen des ersten Eindrucks führt diese nach Bauman keinen Bruch mit dem Konnex von Kultur und Herrschaft herbei; was sich ändert, ist lediglich die Form dieser Relation und die Art der Herrschaftstechnologien. So dürfen die diversen Bestrebungen um eine Verabschiedung des alten panoptischen Überwachungsmodells, dessen Dysfunktionalität seit den siebziger Jahren mehr und mehr offensichtlich wird, zugunsten einer vermeintlichen Ermächtigung der Subjekte mitnichten als ein Plädoyer für eine tatsächliche individuelle Befreiung missverstanden werden. Genau dieser verbreitete Fehlschluss repräsentiert nun laut Bauman eines der zentralen Dilemmata unserer Epoche, verschleiert doch der „gesellschaftlich erzwungene Individualismus, dass mit der vorgeblich zunehmenden Freiheit des Einzelnen der Einfluss auf die Welt immer geringer wird (…)“ (75). Eingriffe in die (vorgegebenen) Spielregeln des Marktes und Konsums werden durch diese Freisetzungsdynamik massiv erschwert; umgekehrt repräsentiert die passförmige Gestalt eines ‚autonomen Individuums‘ gewissermaßen eine nachtayloristische Variante des Heideggerianischen ‚Man‘: „Man muss zur Ware werden, wenn man Subjekt sein will, denn die Ware ist es, die dem Menschen zu einem individuellen Selbstbild, einer Identität verhilft“ (76). Ware und Subjekt verschmelzen geradezu miteinander – auf diesem Wege regrediert nach Bauman die angepriesene und geforderte ‚Individualität‘ vollends zum Fetisch. Eine Option, zumindest partiell aus diesen von Bauman umrissenen Abhängigkeiten auszuscheren, erkennen die Autoren derweil in den etwaigen Praktiken der „Ausgestaltung“ (80), wie z.B. Zynismus oder ironische Selbstdistanz, welche ihnen zufolge Räume für die Inszenierung eröffnen.

Im Anschluss an diese Darlegungen vertiefen jene in zwei weiteren Schritten (81-93; 93-113) die formulierte These, dass „die gesellschaftliche Inszenierung des Individuums und die Selbstinszenierung des Individuums komplementäre Perspektiven sind“ (80) – zunächst unter Rekurs auf die Zivilisationstheorie von Norbert Elias und Hans-Peter Duerrs Einwände wider diesen Ansatz. Diskutiert wird, vor dem Hintergrund der Anmerkungen zu Elias, die allerdings kaum weiterführende Erkenntnisse zu Tage befördern, eigens der Duerrsche Befund einer „Individualisierung durch Barbarisierung“ (85). Als ein prägnantes Beispiel fungieren in diesem Kontext deviante Inszenierungsstrategien zur Erzeugung von Individualität im medialen Bereich.

Das sechste Subkapitel beinhaltet indessen eine Diskussion der Systemtheorie Niklas Luhmanns und – vor allem – Uwe Schimanks Akteurtheorie. Mit Bezug auf Luhmanns Theorem der funktionalen Differenzierung bemühen sich die Verfasser (in dichten, z.T. verschachtelten Sätzen) darum, transparent zu machen, dass die Akteure gegenwärtig in ein qualitativ neues Korrespondenzverhältnis versetzt werden: Das Funktionieren der komplexen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaft könne nämlich allein dadurch gewährleistet werden, „dass die Funktionssysteme mit individuellen Adressen rechnen können. (…) Die Systeme adressieren und konstituieren (…) Individualitätstypen, müssen dieses Konstituieren aber unsichtbar halten, damit die Individuen sich ihre Individualität selbst zurechnen können“ (96). Dieser Vorgang der Adressbildung erschöpft sich letztlich in einer Zuschreibung von Individualität von Seiten der sozialen Systeme. In den nachstehenden Passagen verschiebt sich die analytische Perspektive „von der Prägekraft der Systeme hin zur Handlungsfähigkeit der Akteure“ (98); mit Schimank fragen die Verfasser danach, wie Individuen „unter diesen Bedingungen (…) noch selbstbestimmt so etwas wie eine kohärente Vorstellung von möglichst einmaliger Ganzheit erzeugen (können)“ (ebd.). Damit wird zugleich die Frage nach einer (zeitgemäßen) Ich-Identität aufgeworfen. Mit Schimank teilen Kron/Horáček die These, dass es keinen Weg zurück hinter die dem Stand der funktionalen Differenzierung korrespondierende Daseinsform eines ‚reflexiven Subjektivismus‘ gibt; die Ebene einer nicht-kontingenten Stabilität könne daher heute nicht mehr erreicht werden. Angemessen für die gegenwärtigen Akteure sei die Handlungsweise des „biographischen Inkrementalismus“ (106): „Dieser besagt, dass man sich ohne klar definierte (oder diffuse bzw. widersprechende) Ziele durch die eigene Lebensgeschichte wurstelt“ (ebd.). Im Hinblick auf den skizzierten Zustand der permanenten Kontingenz, welcher die Subjekte im „Nebel“ stochern lässt (107), wird in der Folge die Haltung eines „situativen Opportunismus“ (109) – welcher sich von rationalen Handlungs- und Entscheidungsmustern abkoppelt – als kompatibel ausgegeben.

Ein für Individualisierungsprozesse im Allgemeinen relevanter Aspekt, der nach dem Urteil der Verfasser sowohl von der System- als auch der Akteurtheorie marginalisiert bzw. abgeblockt wird, liegt in der Dimension der Werte: Muss das Individuum nicht auch „als solches gewollt werden“, damit es de facto die „Chance hat, sich als Individuum zu erzeugen“ (113)? Diesem Gesichtspunkt wird im siebtem Kapitel (113-130) nachgegangen; an dessen Beginn ist eine Diskussion des Individualitätstopos Friedrich Nietzsches und seiner Figur des Übermenschen platziert. Benannt werden die Grundpfeiler seines normativen Individualismus – die Ausführungen verdeutlichen, dass Nietzsche mit dem Ideal des sich aus eigener Kraft entwerfenden und immer wieder überwindenden Menschen den Existentialismus bereits in weiten Teilen vorwegnimmt. Als eine wesentliche Leerstelle entpuppt sich derweil aus Sicht der Autoren Nietzsches unsoziologisches Vorgehen: Seine Reflexionen übergehen, so heißt es, „die Frage nach der Möglichkeit sozialer Ordnung“ (121). Mehr in Ergänzung als im Gegenzug zu Nietzsche wird simultan die Moraltheorie Émile Durkheims und dessen Vorstellung eines „einsichtigen Individuums“, das dem „Zwang zur Durchsetzung der Moral“ (ebd.) zustimmt, ins Feld geführt. Bei Durkheim nehme just dieses Individuum in einer säkularisierten Welt den Platz Gottes ein; es avanciere zum „Objekt religiöser Erfahrung in einer nicht-religiösen Welt“ (ebd.). Ekstatische Erfahrungen sammelt dieses einsichtige, vom Kollektiv(un)bewusstsein getragene Individuum z.B. innerhalb der Sphäre des Konsums, welcher den „Kult des Individuums“ (124) anfeuert und im selben Moment soziale Disziplinierung verlangt. Überhaupt gilt der – auffällig oft thematisierte – Konsum nach dem Dafürhalten der Autoren „als Schmiermittel zwischen Freiheit und Notwendigkeit“ (123). Ob der Konsumismus jedoch in irgendeiner Weise mit der „vornehmen Herren-Moral“ (124) Nietzsches, über deren antidemokratische Stoßrichtung zudem kein Wort verloren wird, harmonieren kann, darf indes – ruft man sich allein die von seinen geistigen Erben geprägten Begriffe der ‚Uneigentlichkeit‘ und ‚Vermassung‘ ins Gedächtnis – mehr als bezweifelt werden. Verstörend wirkt ferner die auf den folgenden Seiten (128f.) betriebene Feier des Konsumismus und des kapitalistischen Marktsystems: Wenn diesen Systemen tatsächlich eine „Hervorbringung des Immer-Neuen“ und „eine strukturelle Ideologiefreiheit“ (129) zugeschrieben wird, dann sagt dies endgültig Einiges über das von den Verfassern gehegte Verständnis von „soziologischer Aufklärung“ (155) und die generellen Mängel des Bandes (s.u.) aus.

Die Schlussbetrachtungen (142-156) bieten in dieser Hinsicht noch eine Steigerung – vorgeschaltet ist diesen mithin eine knappe Darlegung der Modernisierungs- und Individualisierungstheorie von Ulrich Beck (130-142). Primär werden binnen dieses Abschnitts die Differenzierung zwischen erster und zweiter Moderne sowie der von Beck in jüngeren Publikationen beschriebene Übergang von der Risiko- zur Weltrisikogesellschaft behandelt. Bemerkenswert ist aber in erster Linie – und dies keineswegs nur an jenem Ort, sondern bspw. auch mit Bezug auf die Ausführungen zu Bauman (Affinitäten zur Kritischen Theorie?) oder Foucault (Studien zur neoliberalen Gouvernementalität?) –, dass kritische Perspektiven, etwa die von Beck konstatierten Phänomene einer Individualisierung sozialer Ungleichheiten und der „ökonomischen Durchdringung der Lebenswelt“ (139), zwar angedeutet, aber nicht hinreichend vertieft werden.

Stattdessen sprechen sich Kron/Horáček im Rahmen ihrer abschließenden Bemerkungen dafür aus, die Schaummetaphorik Sloterdijks soziologisch nutzbar zu machen; beide sehen in dieser „neue Perspektiven für Integrationsnotwendigkeiten“ (146) angelegt, die mit dem Maß an „gesellschaftlicher Komplexität“ (151) Schritt halten. Die speziell von einem soziologischen Standpunkt aus als wundersam zu titulierende Präferenz für das jüngste Sloterdijksche Schrifttum und dessen Schaum-Metapher (berechtigte Einwände formuliert Honneth (2009)) vereint sich letzten Endes mit der entschiedenen, sozialräumlich wie klassentheoretisch blinden Parteinahme für die von Norbert Bolz propagierte „konsumistische Weltordnung“: „Hier deutet sich an, in welche Richtung der weitere Individualisierungsprozess laufen könnte: raus aus der Mangelsituation, hinein in die Akzeptanz von Verwöhnung, Erleichterung, Entlastung und Luxus“ (154).

Diskussion

Im Hinblick die Vielzahl von aktuellen soziologischen Studien zu den grassierenden Erscheinungsformen eines ‚negativen Individualismus‘ (verwiesen sei exemplarisch auf Robert Castel, Pierre Bourdieu, Klaus Dörre, Thomas Lemke, Martin Kronauer und Luc Boltanski/Eve Chiapello) – die gänzlich (!) außen vor bleiben – gibt jenes Resümee zu nachhaltigen Irritationen Anlass. Nicht allein diese markante Nichtbeachtung lässt den eigenen Anspruch einer ‚guten Abbildung‘ des soziologischen Diskurses (dem sich Sloterdijk im Übrigen gar nicht zugeordnet wissen will) als verfehlt erscheinen: Um diesem wirklich gerecht werden zu können, hätte es außerdem einer systematischen Einbeziehung von materialistischen Argumentationsfiguren im Anschluss an Marx bzw. der in Anbetracht der Oberthematik relevanten Diagnosen aus dem Spektrum der Kritischen Theorie (Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Axel Honneth etc.) bedurft. Im Verlauf der Lektüre erhärtet sich der Verdacht, dass sich der affirmative Grundtenor insbesondere aufgrund dieses schwerwiegenden Defizits bruchlos bis zum Ende durchhalten kann: Es wird insgesamt der Eindruck erweckt, als stelle die Verabschiedung der Sozialkritik und eines – angeblich zwangsläufig in die „Komplexitätsreduktionsfalle“ (150) tappenden – Vernunftbegriffs aufklärerischer Provenienz binnen des gesamten soziologischen Feldes einen mittlerweile unangefochtenen Konsens dar. Diese stillschweigende Verabsolutierung der eigenen Position trägt erheblich dazu bei, dass der vorliegende Einführungsband, dem durchaus anregenden Charakter einzelner Passagen zum Trotz, insgesamt nicht überzeugen kann.

Fazit

Der besprochene Band eignet sich zwar durchaus für einen ersten Einstieg in die Individualisierungsthematik und er bietet überdies an einigen Stellen anregende Denkanstöße für weiterführende Reflexionen, aber summa summarum empfiehlt sich für den an dieser Thematik interessierten Leser – dies gilt speziell für Studierende des Faches Soziologie, an welche sich die Publikation zuvorderst richtet – die Hinzuziehung weiterer Grundlagenliteratur, um einen ausgewogenen Einblick in den soziologischen Diskurs um ‚Individualisierung‘ zu bekommen. Eine solche Einbeziehung alternativer Standpunkte könnte zumal dazu beitragen, den analytischen Blick auf das „aktuelle Individualisierungsdrama“ (144) zu schärfen und konstruktive Perspektiven für eine soziologisch fundierte Kritik aufzuzeigen.

Literaturangabe: Axel Honneth: Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe – Zum neuesten Schrifttum des Peter Sloterdijk, In: DIE ZEIT 40/2009, S.60-61.


Rezensent
Dr. phil. Sven Kluge
Dipl.-Päd., Dipl.- Soz. Päd.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen
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Zitiervorschlag
Sven Kluge. Rezension vom 21.04.2010 zu: Thomas Kron, Martin Horácek: Individualisierung. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-89942-551-2. Reihe: Einsichten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8659.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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