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Forschung in der Frühpädagogik II

Cover Forschung in der Frühpädagogik II. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2009. 255 Seiten. ISBN 978-3-932650-32-1. 18,00 EUR.

Reihe: Materialien zur Frühpädagogik Band 3.
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Entstehungshintergrund und Themen

Der dritte Sammelband in dieser Schriftenreihe enthält acht empirische Studien zu aktuellen Fragen der Frühpädagogik. Das Themenspektrum ist recht breit. Es reicht von der Analyse der Betreuungsinfrastruktur (betrieblich unterstützte Kitas) über die Professionsforschung (Arbeitsbedingungen in Kindertageseinrichtungen; bereichs- und themenspezifische Orientierungen, Kompetenzen und Praktiken von Erzieherinnen) bis hin zu sozialpädagogischen (kompensatorische Familienbildung), entwicklungspsychologischen (Entwicklung der ‚theory of mind‘ im Vorschul- und Grundschulalter) und forschungsmethodischen Fragestellungen (dialoggestützte Interviews mit Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter) und spiegelt damit die dynamische Entwicklung dieser jungen Wissenschaft.

Herausgeberin/Herausgeber und Autorinnen

Die Herausgeberin und der Herausgeber, Klaus Fröhlich-Gildhoff und Iris Nentwig-Gesemann, lehren und forschen beide an Fachhochschulen und leiten frühpädagogische Studiengänge. Bei den Mitwirkenden an diesem Sammelband handelt es sich mit einer Ausnahme durchweg um Frauen, womit die Geschlechterverteilung im Praxisfeld hier einmal hervorragend wiederholt wird. Sie vertreten eine ganze Reihe von Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Universitäten mit frühpädagogischen Studienangeboten.

Aufbau und Inhalt

Nicole Böhmer und Alessa Näpel untersuchen Arbeitsbedingungen und Gesundheitsstatus der Beschäftigten in 19 Kindertageseinrichtungen eines kirchlichen Trägers in Niedersachsen und wählen hierzu einen mehrstufigen Forschungsprozess, der die Felderkundung durch Hospitation in einer Einrichtung, Experteninterviews mit zehn pädagogischen Fachkräften sowie eine Fragebogenstudie (N=139 Befragte) umfasst. Aus den deskriptiven Daten der schriftlichen Befragung zu so unterschiedlichen Aspekten wie allgemeinem Gesundheitszustand, Arbeitszufriedenheit, Stresserleben, Erholungsmöglichkeiten, erlebter Anerkennung, Zusammenarbeit im Team bzw. mit den Eltern, gesundheitsförderlichem Verhalten sowie Raumausstattung und Ergonomie leiten die Autorinnen vielfältige Anregungen für Präventionsmaßnahmen ab.

Marlene Isenmann-Emser unternimmt eine Bestandsaufnahme der betrieblich unterstützten Kindertagesbetreuung in der rheinland-pfälzischen Stadt Kaiserslautern. Die stark explorative Studie nutzt die Methoden des halbstandardisierten Fragebogens und des Leitfadeninterviews. An der Fragebogenerhebung nahmen überwiegend die Unternehmensführungen bzw. Geschäftsleitungen und leitenden Angestellten der befragten Unternehmen teil (631 kontaktierte Unternehmen; n=91 Befragte). Deskriptive Daten zur Kenntnis und Nutzung von betrieblich unterstützter Kindertagesbetreuung in ihren unterschiedlichen Formen, zum aktuellen Planungsstand sowie zur Haltung gegenüber diesen Instrumenten liefern ein differenziertes Bild. Die Angaben der Befragten zu den Motiven der Unternehmen, die entsprechende Angebote vorhalten, und zum wahrgenommenen unternehmerischen Nutzen bleiben mehrdeutig, da sowohl solche Unternehmen, die dies tun, als auch andere Unternehmen, die sich nicht entsprechend engagieren, in die Betrachtung aufgenommen wurden. Gleiches gilt für die Auskünfte zu Vorbehalten und Hemmnissen, die diesen Maßnahmen entgegenstehen. Die Autorin schließt ihren Beitrag mit einigen Handlungsempfehlungen für Unternehmen und kommunale Akteure.

Dörte Weltzien stellt einen innovativen Ansatz der Kindheitsforschung vor, das dialoggestützte Interview mit Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter. Hierbei werden zwei gleichaltrige Kinder (‚Peers‘) in einer Befragungssituation, die Dialoge zwischen den beiden Kindern zulässt, von der erwachsenen Forschungsleiterin interviewt. Vorteile und Grenzen dieser Erhebungsmethode werden ausgelotet und typische Verläufe skizziert. Vorteile liegen in einer stärkeren Annäherung an die Perspektiven der Kinder und ihre Sprache und in einer (partiellen) Auflösung der Asymmetrie zwischen erwachsener Interviewerin und interviewtem Kind, wie sie in Einzelinterviews inszeniert wird.

Gerald Blaschke und Iris Nentwig-Gesemann werfen in ihrem Beitrag einen Blick auf die Orientierungen und Handlungen von Erzieherinnen und Grundschullehrkräften, die an einem Projekt zur institutionenübergreifenden Kooperation bei der Gestaltung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule teilnahmen (Projekt „ponte“). Zur Evaluation dieses Projekts werden Gruppendiskussionen in Auszügen vorgestellt und ausgewertet sowie Videomitschnitte dreier „Schnupperstunden“ von Kindergartenkindern in der Grundschule analysiert. Hintergrundinformationen zu diesem Kooperationsprojekt sowie zu den genutzten und durchaus innovativen Forschungsmethoden bereiten die qualitative Ergebnisdarstellung und Interpretation vor. Die unterschiedlichen Systemlogiken von Kindergarten und Grundschule und die oftmals mühsamen Versuche einer partnerschaftlichen Kooperation werden eindrucksvoll illustriert.

Claudia Hildenbrand vergleicht die subjektiven Entwicklungsnormen von Erzieherinnen für den Bereich der mathematischen Bildung mit fachlich begründeten Standards. Die Stichprobe bestand aus insgesamt 17 pädagogischen Fachkräften. Die subjektiven Entwicklungsnormen dieser Interviewpartner für spezifische mathematische Kompetenzen 4-jähriger und 6-jähriger Kinder (Mengenbildung; Eins-zu-Eins-Zuordnung der Elemente zweier Mengen; Vergleich quantitativer Merkmale von Objekten; Ordnen von Objekten im Sinne einer Rangreihe ufs.) wurden in problemzentrierten Interviews evoziert und anschließend einer skalierend-strukturierender Inhaltsanalyse unterzogen. Die so rekonstruierten subjektiven Entwicklungsnormen der untersuchten Fachkräfte zeigen im Abgleich mit einer fachlich begründeten Taxonomie dieser Kompetenzen, „dass teilweise unklare bzw. undifferenzierte Vorstellungen in Bezug auf den Bildungsbereich Mathematik“ vorherrschen (S. 161).

Marion Manske erkundet die Sprachförderkompetenzen von Erzieherinnen, indem sie die soziale Interaktion zweier Erzieherinnen aus dem Alltag eines Dortmunder Kindergartens sowie in genuinen Sprachfördersituationen – diese Einrichtung nutzte das Gruppenprogramm ‚Zweitspracherwerb in Kindergarten‘ von Loos (2005) – videografiert und mithilfe einer Vorform der ‚Dortmunder Ratingskala zur Erfassung sprachförderrelevanter Interaktion‘ (DO-RESI) von Fried und Briedrigkeit (2008) sowie anhand weiterer Parameter der Sprachproduktion analysiert. Die Analyse der sprachlichen Interaktionsmuster belegt, dass die Erzieherinnen in hohem Maße die Aufmerksamkeit der Kinder erhalten und dass der strukturierte Ablauf des Förderprogramms die Kinder gut einbindet. Während die jüngeren Kindergartenkinder durch das Sprachförderprogramm zur komplexeren Sprachproduktion angeregt werden, bietet das Programm fünf- bis sechsjährigen Kindergartenkindern offenbar nicht die geeigneten Kommunikationsbedingungen, um die grammatikalische Komplexität ihrer Äußerungen deutlich weiter zu entwickeln.

Dagmar Bergs-Winkels, Sylwia Koziel und Claudia Buschhorn stellen ein Familienbildungsprojekt mit bildungsfernen und sozial benachteiligten Familien vor, das Elemente des britischen ‚Sure Start‘-Projektes aufgreift. Über das Angebot einer „Baby-Spielstunde“ soll das Oberziel einer „Förderung von Säuglingen und Kleinkindern von bildungs- und wirtschaftlich armen Müttern über die Stärkung der Mutter-Kind-Beziehung sowie die Stärkung der Mütter“ (S. 201) erreicht werden. Die Evaluation dieses Projekts stützt sich in einem qualitativen Teil auf leitfadengestützte Interviews mit den Projektmitarbeiterinnen und die teilnehmende Beobachtung der Mutter-Kind-Kindinteraktion sowie Beobachtungs- und Dokumentationsbögen und in einem quantitativen Teil auf standardisierte Fragebogen, die Entwicklungsnormen von Beller und Beller (2008) als diagnostischem Instrument sowie auf die Dokumentenanalyse. Projektdurchführung und Datenerhebung erfolgten an zwei Projektstandorten; die Stichprobenumfänge bleiben unbekannt. Auf eine detaillierte und nachvollziehbare Ergebnisdarstellung wird verzichtet. Veränderungen in den entwicklungsdiagnostischen Maßen werden zusammenfassend, aber widersprüchlich referiert. Der Diskussionsteil zieht ein Fazit, dass von den vorliegenden Daten nicht gestützt wird.

Katja Mackowiak und Anke Lengning geben in dem abschließenden Beitrag eine hervorragende Einführung in die Theorien und forschungsmethodischen Zugänge der ‚theory of mind‘-Forschung. In den ersten vier bis sechs Lebensjahren bauen Kinder ihre Kompetenz auf, Wahrnehmungs- und Denkprozesse anderer Personen deutlich von den eigenen zu unterscheiden sowie eigene Denk- und Erkenntnisprozesse zu reflektieren, wobei diese Entwicklungsprozesse im Grundschulalter keineswegs abgeschlossen scheinen. Die dargestellten eigenen Studien beschäftigen sich mit der Übertragbarkeit US-amerikanischer Forschungsparadigmen und mit der Verfeinerung dieser Untersuchungsmethoden.

Diskussion

Die Einzelbeiträge erweisen sich mit Blick auf Thematik, wissenschaftlichen Standard und Bezug zur Frühpädagogik als sehr heterogen. Besonders innovativ und aufschlussreich sind die qualitativen Studien und Methoden, insbesondere die Beiträge von Weltzien und von Blaschke & Nentwig-Gesemann. Die quantitativen Studien von Böhmer & Näpel und von Isenmann-Emser nutzen das Informationspotential der vorhandenen Datensätze nicht aus, da sie sich auf deskriptive Analysen beschränken, keine Unterschieds- oder Zusammenhangshypothesen generieren und prüfen und insgesamt das Bemühen vermissen lassen, generalisierbares frühpädagogisches Bedingungswissen zu erzielen. Hildenbrand und auch Manske liefern saubere empirische Studien, deren Ertrag methodenkritisch und damit angemessen diskutiert wird. Berg-Winkels und Kolleginnen beginnen ihren Beitrag mit der etwas anmaßenden Wahl des Projekttitels – eine Baby-Spielstunde wird gleichgesetzt mit dem britischen Large-Scale-Programm ‚Sure Start‘ – und enden mit falschen Ergebniszusammenfassungen (S. 217) und mit haltlosen Schlussfolgerungen („Durch die Evaluation […] konnten [Wirk-] Faktoren, die entscheidend zum Gelingen des Projektes beigetragen haben, […] identifiziert werden“; S. 218). Der Beitrag von Mackowiak & Lengning spiegelt ein hohes wissenschaftliches Niveau, wenngleich Bezüge zur Frühpädagogik allenfalls sehr indirekt hergestellt werden können.

Fazit

Gerade für Leserinnen und Leser, die sich mit den forschungsmethodischen Zugängen der Frühpädagogik auseinander setzen wollten, bietet der Sammelband interessante Aufschlüsse und Beispiele. Gleichzeitig werden die Vorteile eines Peer-Reviewing, wie es wissenschaftliche Fachzeitschriften praktizieren, augenfällig.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Kalicki
Diplom-Psychologe
Forscht am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München und lehrt an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH).
Homepage www.ifp.bayern.de


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Zitiervorschlag
Bernhard Kalicki. Rezension vom 26.07.2010 zu: Forschung in der Frühpädagogik II. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2009. ISBN 978-3-932650-32-1. Reihe: Materialien zur Frühpädagogik Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8690.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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