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Ingrid Spicker, Gabriele Sprengseis (Hrsg.): Gesundheitsförderung stärken

Cover Ingrid Spicker, Gabriele Sprengseis (Hrsg.): Gesundheitsförderung stärken. Kritische Aspekte und Lösungsansätze. Facultas Verlag (Wien) 2008. 272 Seiten. ISBN 978-3-7089-0213-5. D: 22,30 EUR, A: 22,90 EUR, CH: 39,90 sFr.

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Entstehungshintergrund

Mit der Ottawa-Charta rückte das Thema „Gesundheitsförderung“ in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Wie einzelne Länder dem erklärten Ziel der Befähigung der Menschen zur selbstständigeren Einflussnahme auf Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit näher kommen, ist im Einzelnen in Intensität und Qualität sehr verschieden.

Beispielgebend in diesem Zusammenhang sind die Aktivitäten des Wiener Roten Kreuzes zur Gesundheitsförderung und Prävention sowie Projekte und Ergebnisse des Forschungsinstitutes des Wiener Roten Kreuzes. Die Bündelung eigener Forschungsergebnisse mit den Erfahrungen aus dem deutschsprachigen Raum zur Umsetzung von Gesundheitsförderung bilden den Hintergrund dieses Sammelbandes. Wissenschaftler aus den Bereichen Public Health, Soziologie, Philosopie, Psychologie, Medizin, Politik- und Gesundheitswissenschaften setzen sich kritisch und unter verschiedensten Aspekten mit dem Thema Gesundheitsförderung auseinander.

Aufbau und theoretische Einführung

Einleitend spannen die Autorinnen Ingrid Spicker und Gabriele Sprengseis den Bogen von der Ottawa-Charta bis zur organisatorischen, institutionellen und politischen Umsetzung des erklärten Zieles – der Gesundheitsförderung. Die Basis, die gesundheitliche Chancengleichheit, kann durch gezielte Interventionen geschaffen werden, in der alle Determinanten von Gesundheit Berücksichtigung finden. Somit rückt die Frage in den Mittelpunkt: Wie kann das Gesundheitspotential der Menschen durch strukturelle und politische Initiativen und durch persönliche Unterstützung gefördert werden.

Ausgangspunkte und Visionen der Gesundheitsförderung

Ilona Kieckbusch bietet in ihrem Beitrag Gesundheitsförderung - kein Baum, aber ein „Rhizom“ Einblicke in die Verwurzelung der Gesundheitsförderung. Sie verwendet für die Gesundheitsförderung das Gleichnis des „Rhizoms“, das sie der Wissensorganisation entnommen hat. Das Rhizom als sich unaufhörlich verbreitendes Phänomen, das sich eigene Ebenen schafft, entspricht eben genau dem postulierten Anliegen von Gesundheitsförderung: funktionieren im Alltag, wo Menschen leben, lieben, spielen und arbeiten. Und dieser Grundgedanke verwurzelt sich notwendigerweise nicht nur im Gesundheitssystem sondern auch im sozialen und politischen Leben. Schlussfolgernd belegt die Autorin, dass sich hierfür Veränderungen in den Einstellungen und Gedanken durchsetzen müssen.

Im Artikel Gesundheitsförderung als bürgerschaftliche und berufliche Kompetenz beschreibt Eberhard Göpel die wissenschaftlichen Wurzeln der Gesundheitsförderung in der Anthropologie. Das Grundideal von Gesundheit in der Aufklärungsepoche bezieht sich auf die Gesamtheit der Lebensbedingungen. Dieser Grundgedanke wurde ab dem 19. Jahrhundert Kernstück sekularer Lebenskunde und fand über die praktische Umsetzung den Weg in die Wissenschaft. Wissenschaft im Sinne des Autors reflektiert nicht nur die Praxis, sie liefert ebenso das fundierte Wissen für Prozesse des kulturellen Wandels und der gesundheitlichen (Re)Strukturierung von Organisationen und Institutionen. Gesundheitsförderung rückt somit auch in den Rahmen öffentlicher Bildung. Im Ergebnis dieser Entwicklung etablieren sich zunehmend gesundheitswissenschaftliche Kernqualifikationen und Gesundberufe.

Wolfgang Dür schildert in Visionen für die Gesundheitsförderung in Österreich seine Perspektiven anhand konkreter Aufgaben. Mit der Prävention und Gesundheitsförderung positioniert Österreich in seinem Regierungsprogramm für die Jahre von 2007-2010 die 4. Säule des Gesundheitssystems. Diese Visionen wenden sich endgültig ab von der Jahrhunderte alten Mischung aus Wohlfahrtsstaat und kurative Medizin. Nicht allein Gesundheitsforschung und zusätzliche Geldmittel sowie der Zuwachs an personellen Kapazitäten bilden den Garant zur Realisierung des Regierungsprogrammes. Hauptaugenmerk liegt in der Verantwortlichkeit für die 4. Säule des Gesundheitssystems durch alle Fachdisziplinen und in allen Politikbereichen.

Allgemeine Problemstellung in der Gesundheitsförderung

Thomas Enkeles warnt in seinem Beitrag Evidenzbasierung und Evaluation in der Gesundheitsförderung vor dem inflationären Gebrauch des Begriffes „evidenzbasiert“. Die Vermischung von Methoden und Begriffen aus Fachbereichen wie Technik und Medizin wirken in der Gesundheitsförderung eher kontraproduktiv. Enkeles plädiert für eine spezifische Evaluation in der Gesundheitsförderung und sieht dabei die Wissenschaftler in der Pflicht.

Das vorgestellte Konzept der Best Practice in der Gesundheitsförderung und Prävention-Konzept und Leitlinien für Entscheidfindung und praktisches Handeln richtet sich an alle Professionellen. Ursel Broesskamp-Stone stellt mit Best Practice einen klar definierten Standard vor, der dem Praktiker Hilfen bei der Entscheidungsfindung zur Verfügung stellt.

Mit der Frage „Stärkt Ethik die Gesundheitsförderung?“ beleuchtet Doris Pfabigan das Verständnis von Gesundheit und Krankheit auch unter moralischen Aspekten. Die Frage der Effizienz vor dem Hintergrund der Ethik werden ebenso betrachtet wie Fragen nach Chancengleicheit und Gerechtigkeit. Integration als Ziel der „reichen“ Ethik lenken die Gedanken des Lesers auf Ansätze der Inklusion und die gesetzlich geregelte Chancengleichheit schwerbehinderter Menschen. Auch die veränderte Sprache diskreditiert Menschen. Am Beispiel der Migranten wird dem Leser Chancen(un)gerechtigkeit erklärt. Um so bedeutsamer sind die Schlussfolgerungen der Autorin für das moralische Vorhaben „Gesundheitsförderung“.

Anton Amann setzt sich mit der Gesundheitsförderung-„heilfroh“? kritisch auseinander. Gesundheitsförderung verstanden als Methode, einen ganzen Industriezweig zu entwickeln, Geld damit zu verdienen, möglichst lange der Wirtschaft als Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen und auch um dem Tod zu entrinnen – geht an der individuellen Auseinandersetzung mit der Gesundheit vorbei. Dem Leser zeigt sich eher das Bild des modernen Kapitalismus, der dieser fordert und fördert: aktiv sein um jeden Preis (koste es, was es wolle). Wie Amman zeigt, ein zu hoher Preis, denn die Menschenwürde bleibt dabei unbeachtet.

Settings und Zielgruppen in der Gesundheitsförderung

Soziallagenorientierte Gesundheitsförderung ist ein vielversprechender Ansatz, vor allem für schwer erreichbare Zielgruppen. Raimund Geene nutzt die Erfahrungen der Krankenkassen mit dem Setting-Ansatz für die Adaption in der Stadtteilarbeit. Weiterführend in dieser Entwicklung könnte das Präventionsgesetz stehen.

Beate Wimmer-Puchinger beschreibt die Arbeit mit der Zielgruppe Frauen. Frauengesundheit: Von der Programmatik zur Umsetzung ist ein Artikel, der vor allem den Blickwinkel auf die politische Reaktion auf die Frauengesundheitsbewegung darstellt. Mit der Funktion der Frauenbeauftragten in Wien und einem Frauengesundheitsbeirat kann eine höhere Qualität der Frauengesundheit auf mehreren Ebenen gesichert werden.

Literaturrecherchen zum Thema Gesundheitsförderung für Ältere in Europa: zwar vorhanden aber lückenhaft zeichnen ein umfangreiches Bild über das wissenschaftliche Interesse an der Gesundheitsförderung dieser Zielgruppe. Gert Lang und Katharina Resch begründen die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gesundheitsförderung im Alter, um auch den alternden Menschen mit all seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen, in seiner Ganzheitlichkeit zu betrachten und zu fördern. Bisher bilden die Themen Sexualität, Stress sowie ehrenamtliche Tätigkeit weiße Flecken auf der wissenschaftliche Landkarte. Hier besteht dringender Nachholbedarf.

Die Gesundheitsförderung Arbeit suchender Menschen erweist sich in der Praxis schwierig. Birgit Pilcher belegt anhand deutschlandweiter Statistiken die Gesundheitsgefährdung durch (Langzeit)Arbeitslosigkeit. Selektive Angebote im Bereich Qualifikation greifen in dieser Zielgruppe kaum. Die notwendige Gesundheitsförderung im arbeitsmarktpolitischen Setting greift kaum. Pilcher begründet aus den Forschungsergebnissen heraus die Notwendigkeit der Kopplung von gesundheitspolitischen und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen.

Herausforderungen in der betrieblichen Gesundheitsförderung

Helmut Hirtenlehner umreißt in seinem Artikel Betriebliche Gesundheitsanalyse: eine Validierung der SALSA-Fragebogens für Österreich zunächst die Betriebliche Gesundheitsförderung als Organisationsentwicklung. Mit den SALSA-Fragebogen stellt Hirtenlehner ein standardisiertes Instrument der Sozialforschung und deren Nutzbarkeit anhand von Beispielen vor.

Der Beitrag von Bernhard Badura stellt eine wunderbare Ergänzungen der Artikel zur Allgemeinen Problemstellung der Gesundheitsförderung dar. Mit der Messung des Sozialkapitals und seine Auswirkungen auf Gesundheit und Betriebsergebnis setzt er sich mit dem „Sozialkapital“ seiner (materiellen) Messbarkeit auseinander. Anhand bisheriger Untersuchungen wird der Versuch unternommen, den Umfang des Sozialkapitals zu beschreiben. Tendenzen der Enthumanisierung der modernen Wirtschaft auf der einen Seite werden ebenso aufgezeigt wie die Rolle des Menschen als Quelle der Vermögensbildung. Fazit des Artikels: der Mensch ist bis ins Mark sozial, auch unter ökonomischen Bedingungen!

Mit dem Thema Ökonomische Nutzen “weicher“ Kennzahlen in der betrieblichen Gesundheitsförderung befasst sich Sigrun Fritz. Messbaren Effekten der betrieblichen Gesundheitsförderung können in einen Return on Investment übersetzt werden. Dies ermöglicht wiederum die Schätzung des Geldnutzens bei Veränderungen eben dieser weichen Kennzahlen. Dieses Vorgehen wird an verschiedenen Projekten illustriert und zeigt damit messbare Effekte der Gesundheitsförderung - auch auf der betriebswirtschaftlichen Ebene.

Eine kritische Reflexion bisheriger Betrieblicher Gesundheitsförderung in Österreich erfolgt durch Beate Atzler. Kritische Aspekte in der Praxis der betrieblichen Gesundheitsförderung richten sich gegen die mangelnde Beständigkeit der jeweiligen Maßnahmen. Insbesondere die kontraproduktive Haltung der Manager stellt im Beitrag von Atzler einen wesentlichen Kritikpunkt dar.

Das Engagement des Roten Kreuzes in der Gesundheitsförderung

Claudia Gröschel und Monika Wild zeigen in Ihrem Artikel Perspektiven der Gesundheitsförderung im Österreichischen Roten Kreuz. Traditionell liegen die Handlungsfelder des Roten Kreuzes im Bereich der Humandienstleistungen. Erhöhte Anforderungen an das Rote Kreuz verlangen der Erweiterung der Dienstleistungsangebotes und des Handlungsspektrums der Mitarbeiter des Roten Kreuzes. Die Autoreinen beschreiben, welche Rolle die betriebliche Gesundheitsförderung in diesem Prozess trägt und wie das Rote Kreuz in seiner Arbeit auf die Gesundheit der Bevölkerung wirkt.

Der Beitrag Aktivitäten des Wiener Roten Kreuzes in der Gesundheitsförderung von Robert P. Horacek und Ingrid Spicker skizziert die Entwicklung der Gesundheitsförderung der letzten 10 Jahre innerhalb des Wiener Roten Kreuzes. Gesundheitsförderung implementiert in verschiedensten Bereichen, die durch die Autoren beschrieben werden, erhöhen die Mitarbeiterzufriedenheit und –gesundheit. Gleichzeitig wird damit die Organisation Rotes Kreuz gestärkt und sie liefert mit ihren Projekten Standards im innerbetrieblichen Umgang.

Angegliedert an das Wiener Rote Kreuz ist das Forschungsinstitut der Organisation Rotes Kreuz. Gabriele Sprengseis und Ingrid Spicker berichten von der Gesundheitsforschung im Forschungsinstitut des Wiener Roten Kreuzes. Entsprechend der Herausforderungen des neuen Jahrtausends werden in der Forschung drei Ansätze verfolgt: der Settingansatz, Forschung im Bereich Gesundheitsförderung, Projektarbeit und Wissenstransfer. Ein Schwerpunkt bleibt auch in den nächsten Jahren der Transfer von Forschungsergebnissen in den Nonprofit-Bereich, immer vor der Zielstellung der Ottawa-Charta: Gesundheitsförderung dort, wo Menschen leben und arbeiten.

Zielgruppe

Jeder, der sich praktisch oder/ und theoretisch mit Gesundheitsförderung beschäftigt, sollte dieses Buch lesen. Der Interessent findet gut in das Thema. Dank der kompakten Einführung und Praktiken wird der Leser zum Überdenken eigenen Tuns angeregt. Und Forscher selbst können von den geschilderten praktischen Erfahrungen für die Weiterentwicklung eigener Projekte profitieren.

Diskussion

Der Sammelband liefert einen hervorragenden Überblick über verschiedene Projekte innerhalb der Gesundheitsförderung und stellt dem Leser gleichzeitig Anregungen für Veränderungen bzw. Verbesserungen zur Verfügung. Hervorzuheben ist die umfangreiche Darstellung betrieblicher Gesundheitsförderung. Dieses Setting stellt ein besonders gutes Bespiel dar für die Verflechtung von Grundlagenwissen aus der Sozialforschung, Ökonomisierung des Lebens im Allgemeinen und der Anwendung solider Forschungsmethodik. Am Beispiel betrieblicher Gesundheitsförderung werden das enorme Potential der Gesundheitsförderung für das Individuum und die Gemeinschaft sowie vorhandene Vorbehalte bzw. Hindernisse in ihrer Umsetzung sichtbar. Der Aspekt der Evaluation und Gesundheitsförderungsforschung nimmt ebenfalls einen breiten Raum ein.

Obwohl alle Beiträge thematisch geordnet sind und sich auch vom praktischen Hintergrund stark voneinander unterscheiden, durch läuft sie doch alle ein roter Faden. Dieser windet sich um Begriffe wie Ziel der Ottawa-Charta; Verantwortung der Sozialwissenschaft, Nutzen für den Einzelnen und die Gesellschaft.

Und obwohl nur ein Artikel unter vielen, ist die kritische Auseinandersetzung mit der Gesundheitsförderung und deren (gesundheits)ökonomischen Einbettung der Maßstab zur Beurteilung aller sinnvollen und mitunter „wundervollen“ Aktivitäten unter dem Begriff der Gesundheitsförderung.

Fazit

Ein absolut lesenswertes Buch. Einige Artikel erzeugten oft den sog. „Aha“ Effekt bzw. bestätigten seit langem zu beobachtende, wunderliche Phänomene bei der Umsetzung von Gesundheitsförderung. Stellenweise macht das Lesen einfach nur Freude.


Rezensentin
Barbara Wedler
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Zitiervorschlag
Barbara Wedler. Rezension vom 20.01.2010 zu: Ingrid Spicker, Gabriele Sprengseis (Hrsg.): Gesundheitsförderung stärken. Facultas Verlag (Wien) 2008. 272 Seiten. ISBN 978-3-7089-0213-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8699.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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