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Christian Zippel, Sibylle Kraus (Hrsg.): Soziale Arbeit mit alten Menschen

Cover Christian Zippel, Sibylle Kraus (Hrsg.): Soziale Arbeit mit alten Menschen. Sozialarbeit in der Altenhilfe. Geriatrie und Gerontopsychiatrie. Ein Leitfaden für Sozialarbeiter und andere Berufsgruppen. Weißensee Verlag (Berlin) 2003. 304 Seiten. ISBN 978-3-934479-87-6. 19,80 EUR.
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Zielsetzung und Zielgruppen

Altenhilfe, Geriatrie und Gerontopsychiatrie sind Themen, die unter den Bedingungen des Übergangs von einer jungen zu einer zunehmend alten Gesellschaft an Bedeutung gewinnen und für sozialarbeiterische und pflegende Berufsgruppen neue Herausforderungen stellen sowie veränderte Aufgabenfelder nach sich ziehen. Christian Zippel, Professor an der MEDIAN Klinik für Geriatrie und Rehabilitation in Berlin - Buch und Sybille Kraus, Diplom - Sozialarbeiterin, Leiterin und Koordinatorin der sozialen, therapeutischen und diagnostischen Dienste in den St. Hedwigs - Kliniken Berlin sind die Herausgeber dieses Fachbuches an dem weitere 19 Autoren beteiligt sind. Sie haben sich das Ziel gestellt, alle mit alten Menschen betrauten Berufsgruppen zu motivieren, "in der Altenhilfe selbstbewusst aufzutreten" und "einen umfassenden Überblick über ein breites Spektrum der Sozialen Arbeit bei alten Menschen zu geben". Die Autoren bezeichnen sich als Praktiker und wollen für Praktiker auf Fragen eingehen, die mit dem genannten Thema des Buches in Verbindung stehen.

Aufbau und Übersicht über die zu behandelten Themen und Inhalte

Das Buch ist in 21 Kapitel untergliedert. Im ersten Kapitel von David Kramer und Christian Zippel verfasst, geht es um die demographischen Grundlagen und deren Auswirkungen auf das Gesundheits- und Sozialwesen. Es wird auf die sozialen Sicherungssysteme eingegangen und gezeigt, dass infolge der älter werdenden Bevölkerung Gegenstrategien entwickelt werden müssen, um tragbar und finanzierbar zu sein.

Das zweite Kapitel von Sybille Kraus widmet sich der Rolle und dem Selbstverständnis von Sozialarbeit in der Altenhilfe. Es scheint teilweise etwas zu kurz zu greifen, wenn beispielsweise betont wird, dass die "Finanzierung von Sozialarbeit in der AltenhilfeÉ in der Regel über zusätzliche Subventionen in Form von Personalkostenzuschüssen auf Bundes- und Landesebene" erfolgt, aber nicht darauf eingegangen wird, was aus den immer knapper werdenden Ressourcen für Einschränkungen des Berufsfeldes resultieren kann.

Das dritte Kapitel zu Fragen der Begriffsklärung von Gerontologie, Geriatrie und Geriatrischer Rehabilitation wurde vom Herausgeber Christian Zippel geschrieben. Die in der Praxis oft unterschiedlich gebrauchten Begrifflichkeiten werden gut verständlich heraus gearbeitet. Des Weiteren wird auf physische, psychische und soziale Alternsveränderungen eingegangen, allerdings fehlt eine Klärung der differenzierten Altersbegriffe in kalendarisches oder chronologisches, biologisches, psychisches sowie soziales Alter an denen die Veränderungen hätten besser verdeutlicht werden können.

Das von Sybille Kraus erarbeitete vierte Kapitel stellt Praxisfelder in der Geriatrie vor. Positiv ist hier die ganzheitliche Sicht auf den alten Menschen, die wegführt von nur körperlicher Symptomatik hin zur Einheit von körperlichem, seelischem und sozialem Wohlbefinden.

Kapitel fünf zur Gerontopsychiatrie von Hans Gutzmann und Ricarda Praetorius verschafft einen sehr guten und leicht verständlichen Überblick über gerontopsychiatrische Krankheiten, wobei besonderes Gewicht auf die medikamentöse Behandlung gelegt wurde und nicht, wie für die Berufsgruppe der Sozialarbeiter angedacht, auf den spezifischen Umgang mit dem Klientel.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema der Sozial- und Angehörigenarbeit in der Gerontopsychiatrie. Klaus Mathuse verdeutlicht an einem Fallbeispiel sehr deutlich die Komplexität, die an Sozialarbeiter in ihrer beruflichen Praxis gestellt werden.

Kapitel sieben von Thorsten Nikolaus stellt Verfahren des geriatrischen Assessments und die Sozialanamnese vor. Die Ausführungen gehen von der für alte Menschen wichtigsten Priorität der Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Selbständigkeit aus. Es werden drei unterschiedliche Assessmentverfahren zur Abklärung der sozialen Dimension, die für jeden Sozialpädagogen gut beherrschbar sind, vorgestellt. Allerdings verwundert, warum der Autor nicht auf das von ihm erwähnte und in der Praxis bewährte Verfahren des Mini-Mental-State- Exmination oder auf den bekannten und in der Klinikpraxis gut handelbaren Uhrentest näher eingeht, die vor allem der Überprüfung der kognitiven Gesundheit vorbehalten sind.

Das achte Kapitel zum Case Management von Peter Wißmann setzt sich mit einer in der Sozialarbeit professionellen, personenbezogenen Dienstleistung auseinander, die bezogen auf eine konkrete Person die Versorgungsnetze plant, steuert, organisiert und kontrolliert. Das aus dem anglo-amerikanischen Raum "importierte" Handlungsmodell krankt schon an den Begrifflichkeiten, die nicht in die deutsche Sprache transformiert worden sind und kann zu wenig verdeutlichen, dass es für die Altenarbeit sinnvoll anwendbar ist.

Auch das folgende Kapitel zu Informations-, Beratungs- und Vermittlungsstellen für ältere Menschen ist von Peter Wißmann verfasst. Der Autor geht von der Notwendigkeit eines integrierten Systems der Versorgung bei den zumeist komplexen Problemlagen Älterer aus, wobei man in der Praxis leider nur auf ein gegliedertes System trifft, das die Zusammenführung der verschiedenen Angebote kaum realisieren kann.

Kapitel zehn zum Wohnen im Alter von Holger Gerecke ist dem Grundsatz "ambulant vor stationär" verpflichtet. Es wird auf verschiedene Wohnformen verwiesen, die aktivierend und stimulierend auf ein längeres Wohnen in der bekannten Umgebung orientieren und somit noch vorhandene Ressourcen nutzen können.

Das von Gisela Seidel erarbeitete Kapitel elf zur Freiwilligenarbeit, zum Ehrenamt und bürgerschaftlichem Engagement verweist einerseits auf die Bedeutung dieser Arbeit zur Unterstützung älterer Menschen und andererseits auf die Stimulierung der Selbsthilfekompetenz, wenn Ältere eine dieser Arbeiten selbst realisieren. Allerdings sind die Ausführungen zu breit und sind zu wenig auf die sozialarbeiterische Berufspraxis bezogen.

Das folgende recht kurze Kapitel ist von fünf Autoren/innen verfasst und widmet sich der spezifischen Sozialarbeit mit älteren Migranten. An hand von Praxisbeispielen werden Besonderheiten für diese in der nächsten Zeit zunehmenden Gruppe älterer Menschen heraus gearbeitet.

Ein interessantes und kurzes, aber informatives Kapitel von Rolf D. Hirsch setzt sich mit dem Problem der Gewalt im Alter auseinander. Eine zusammenfassende Übersicht über verschiedene Formen verdeutlicht auf welchen Ebenen alte Menschen mit Gewalt konfrontiert werden können. Wünschenswert wäre es gewesen, auf die Spezifik von Gewalt in Institutionen einzugehen.

Imme-Katrin Bertheau hat Kapitel vierzehn zur Hospizarbeit geschrieben. Es informiert über die historische Entstehung, die Formen und über Inhalte und Ziele, die ein Sterben im Hospiz als eine alternative aber menschliche Art ermöglicht.

Ein weiteres Kapitel des Herausgebers Christian Zippel beschäftigt sich mit der Pflegeversicherung und dem SGB XI. Es klärt den Begriff der Pflegebedürftigkeit, informiert über die Pflegestufen, Leistungsarten und Formen der teilstationären und stationären Pflege. Auf Probleme der Vergabe von Pflegestufen beispielsweise bei Demenzkranken oder wenn eigene finanzielle Möglichkeiten begrenzt sind, wird der Leser leider nicht aufmerksam gemacht, obgleich gerade diesbezüglich der Informationsbedarf besonders groß ist.

Kapitel sechzehn wurde von Klaus Kaiser bearbeitet und gibt einen detaillierten und problemorientierten Überblick über die häusliche Krankenpflege nach dem SGB XI.

Die folgenden Ausführungen von Christian Zippel und Ulrich Maltry zu Hilfsmitteln und zur Hilfsmittelversorgung, die dem Zweck dienen, bestehende Behinderungen auszugleichen oder abzumildern, die Selbständigkeit von kranken Menschen ganz oder teilweise wieder herzustellen und Folgeschäden vorzubeugen, verweisen auf die vielfältigen Möglichkeiten, die dafür bereit gehalten werden und verdeutlichen Probleme, die immer wieder insbesondere im Pflegeheim auftreten.

Das vorletzte Kapitel achtzehn von Michael Trost informiert über die Altenhilfe und die Möglichkeiten des BSHG. Nachdem auf die Grundsätze zur Sozialhilfe eingegangen wurde, werden praxisrelevante Beispiele für Leistungen nach dem BSHG heraus gearbeitet und auf häufige diesbezügliche Fragen in der Beratung verwiesen.

Den Bestimmungen des Betreuungsgesetzes, der Patienten- und Betreuungsverfügung und zur Vorsorgevollmacht ist ein weiteres Kapitel gewidmet, das von Bernhard Ortseifen erarbeitet wurde. Diese relativ neuen Möglichkeiten zur stärkeren selbst bestimmten Entscheidung im Krankheits- oder Betreuungsfall werden praxisnah verdeutlicht und geben wichtige Handreichungen zur eigenen Vorsorge.

Die beiden letzten Kapitel zwanzig und einundzwanzig von Sybille Kraus informieren über die Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen nach dem SGB XI und über allgemeine gesetzliche Bestimmungen, wenn beispielsweise über Anträge auf Leistungen innerhalb der Sozialgesetze und des Bundessozialhilfegesetzes negativ entschieden wird.

Fazit

Das vorliegende Buch ist von den Autoren als Leitfaden für Sozialarbeiter und andere Berufsgruppen konzipiert worden. Diesem Anspruch wird es gerecht, weil auf verschiedene Probleme in der Arbeit mit älteren Menschen praxisnah verwiesen wird. Es ist kein Lehrbuch, was das wesentliche Grundlagenwissen vermitteln würde, sondern eher eine Zusammenschau über durchaus interessierende Fragestellungen.

Einige kritische Anmerkungen beziehen sich auf die Form der Darstellungen. Teilweise sind die Beiträge viel zu breit angelegt und vermögen das Interesse an den einzelnen Kapiteln nicht durchgehend aufrecht zu erhalten. Ausführungen zum Case Management oder zum Ehrenamt beispielsweise langweilen eher als anzuregen. Randbemerkungen, die besondere Kernaussagen unterstützen könnten, fehlen und der Bezug zur sozialarbeiterischen Praxis ist sehr unterschiedlich heraus gearbeitet worden. Teilweise fragt sich der Leser, in welcher Beziehung einzelne Abschnitte zur Sozialarbeit mit alten Menschen stehen.

Des Weiteren verwundert, dass ein Lehrbuch mit genau identischem Titel, das bereits 2001 als Grundlagenwissen für Studium und Praxis erschienen ist, überhaupt nicht wahrgenommen wurde.

Positiv hervorzuheben ist das Bemühen, zu jedem Kapitel ein Praxisbeispiel als Grundlage der Darstellung zu wählen. Dadurch sind fast alle Ausführungen, und das bei der Breite der Autoren, gut nachvollziehbar und leicht verständlich. Weiterführende Literaturempfehlungen sind am Ende eines jeden Kapitel zu finden und ermöglichen eine spezifische Information zu noch offenen Problemstellungen. All jenen, die mit der Arbeit älterer Menschen betraut sind, wird dieser Leitfaden hilfreich und unterstützend in ihrer beruflichen Praxis sein.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 27.05.2003 zu: Christian Zippel, Sibylle Kraus (Hrsg.): Soziale Arbeit mit alten Menschen. Sozialarbeit in der Altenhilfe. Geriatrie und Gerontopsychiatrie. Ein Leitfaden für Sozialarbeiter und andere Berufsgruppen. Weißensee Verlag (Berlin) 2003. ISBN 978-3-934479-87-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/871.php, Datum des Zugriffs 27.09.2016.


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