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Ulrich Janßen, Ulla Steuernagel (Hrsg.): Die Kinder-Uni. Forscher erklären die Rätsel der Welt

Cover Ulrich Janßen, Ulla Steuernagel (Hrsg.): Die Kinder-Uni. Forscher erklären die Rätsel der Welt. Deutsche Verlagsanstalt (München) 2003. 8. Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-421-05695-5. 19,90 EUR.

Mit Illustrationen von Klaus Ensikat.

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Einführung in das Thema

Die Kinder-Uni - wie bitte?

Schlägt Pisa jetzt schon so zurück, dass Kinder, die eigentlich in die Schule gehen sollten, zur Universität geschickt werden? Ist der "Child-stud." schon in Sicht? Wird bald der "Dr.ki." feierlich überreicht werden? Werden künftig alle Lehrerinnen und Lehrer Professorinnen und Professoren sein? Werden die Unterrichtsstunden "Vorlesungen" sein? Und beginnt der Unterricht um cum tempore (c.t.), anstatt um sine tempore (s.t.)?

Nein! Im Sommersemester 2002 wurde an der Eberhard Karls Universität Tübingen, in Zusammenarbeit mit dem Schwäbischen Tagblatt, eine Vorlesungsreihe "Kinder-Uni" angeboten. Acht Professoren (warum keine Professorinnen?) boten Kindern im Alter von ca. acht bis zwölf Jahren Themen aus ihrer Forschungsarbeit an. Kindgemäß waren alle Vorträge als Warum - Fragen formuliert.

Aufbau und Inhalte

  • Prof. Dr. Nicholas Conrad als Urgeschichtler und Archäologe sprach über das Thema "Warum stammt der Mensch vom Affen ab?".
  • Der Empirische Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Hermann Bausinger setzte sich mit der Frage "Warum lachen wir über Witze?" auseinander.
  • Prof. Dr. Gregor Markl ist Mineraloge und Vulkanologe. Er referierte über "Warum speien Vulkane Feuer?".
  • Der Pathologe Prof. Dr. Edwin Kaiserling wagte sich an das schwierige Thema "Warum müssen Menschen sterben?".
  • Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder als Erziehungswissenschaftler versuchte die von Schülerinnen und Schülern oft gestellte Frage zu beantworten (oder zu widerlegen?) "Warum ist Schule doof?".
  • Der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Lutz Richter-Bernburg wollte den Kindern erklären: "Warum beten Muslime auf Teppichen?".
  • Prof. Dr. Volker Mosbrugger als Paläontologe versammelte viele Kinder als Zuhörer um sich mit der Frage: "Warum sind die Dinosaurier ausgestorben?", und
  • der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Eberhard Schaich kaufte in der ganzen Stadt alle verfügbaren Schokoladen-Goldmünzen auf, um den Kindern zu erklären: "Warum gibt es Arme und Reiche?".

Resonanz bei der Zielgruppe

Das Interesse der Kinder in und um Tübingen herum war groß. Zu den einzelnen Vorlesungen fanden sich jeweils bis zu 900 Kinder ein. Um für die Kinder eine "Universitäts-Atmosphäre" zu erzeugen, erhielten sie einen "Kinder-Uni-Ausweis", der auch einen Konsumzugang zur Mensa ermöglichte.

Zwei Themen als Beispiele

Beispielhaft sollen hier zwei Vorlesungsthemen betrachtet werden:

Das Thema "Warum gibt es Arme und Reiche?" beschäftigt ja viele Institutionen, Organisationen, Entwicklungshelfer, und natürlich auch Wissenschaftler. Eberhard Schaich ist es mit dem im Buch auf 31 Seiten zusammengefassten Vortrag gelungen, die Interdisziplinarität der Thematik kindgerecht vorzustellen, auf die vielfältigen Fragebereiche zu "Armut und Reichtum" hinzuweisen und Handlungsansätze zur Überwindung des Skandalon "Hunger", in unserer Gesellschaft und weltweit, zu diskutieren. Ich vermute, dass ihm Jean Ziegler, der mit dem Büchlein "Wie kommt der Hunger in die Welt?" (2000) in den Diskurs eingegriffen hat, zustimmen würde. Schlaichs Fazit - "Sicher ist jedenfalls, dass es nicht nur einen einzigen Weg aus der Armut hin zu mehr Gerechtigkeit gibt. Die Ansichten zu Armut und Reichtum, zu Verantwortung und Eigeninteresse sind politische Weltanschauungen. Die Welt ist nämlich nicht nur in Arm und Reich, sondern auch in den Meinungen darüber geteilt, wie sich dieses Problem lösen ließe" - drückt nichts Unbestimmtes aus; sondern regt auch Kinder an, darüber nach- und weiter zu denken, wie unsere Eine Welt gerechter und humaner gestaltet werden kann, auch von Kindern im Alter von sieben bis zwölf Jahren.

Mit der Frage "Warum ist die Schule doof?" beginnt Hans-Ulrich Grunder mit seiner "Schulgeschichte" und seiner "Schulkritik". Er versteht es ausgezeichnet, den Kindern den Sinn, aber auch den Unsinn schulischen Lernens und schulischer Traditionen vor Augen zu führen. Beispiele wie "Hassfach Mathe", "Hausaufgaben", "Sitzenbleiben", "Zensuren" tragen dazu bei, dass Kinder die Vor- und Nachteile der Schule erkennen, aber auch Visionen und Wünsche entwickeln können, wie Schule anders, besser sein könnte: Summerhill als ein Schulexperiment, die Ganztagsschule als "neue Grausamkeit" oder als Chance für das Lernen? Sein "Schul-Wunschzettel", den der Dozent an rund 500 Kinder verteilte, und auf dem sie ihre Wünsche zur Schule ankreuzen konnten, wird dem Erziehungswissenschaftler sicherlich ein wertvoller Baustein für seine Forschungen zur Schultheorie und -praxis sein.

Weitere Beiträge des Buchs

Im Teil "Beruf Wissenschaftler" werden die Forscher und ihr Forschungsgebiet vorgestellt. Am Beispiel des jeweiligen schulischen und universitären Werdegangs erhalten die Kinder Einblicke in ganz konkrete Lebensläufe; und es entstehen vielleicht so eigene Zukunftsperspektiven für die jungen Leserinnen und Leser.

Im Glossar werden die wichtigsten Begriffe der "Universitätssprache", wie "Doktor", "Professor", "Handapparat", "Fakultät", "Semester", "Referat", "Zitat", usw. erklärt.

Diskussion

Das Konzept der Vorlesungen, Tatsachen über das Thema zu bringen, sie kindgerecht zu vermitteln, den Zugang dazu für die jungen Zuhörer anschaulich zu ermöglichen, und den Gegenwarts- und Zukunftsbezug herzustellen, ist didaktisch und methodisch gut durchdacht.

Das Buch ist keine Vorlesungsmitschrift. Das Autorenteam Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel als Redakteure des Schwäbischen Tagblatts, schrieben die Vorlesungen mit und fassten die Ergebnisse, in Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern, auf jeweils 20 bis 30 Seiten zusammen, illustriert von den ansprechenden Zeichnungen von Klaus Ensikat. Zur Veröffentlichung hätte man sich, als erwachsener Leser, der durchaus auch einen Gewinn aus der Lektüre ziehen kann, gewünscht, dass es noch ein paar Informationen gegeben hätte, zu Fragen wie: Welche Kinder wurden angesprochen und erreicht? Wurden Lehrkräfte in die Vor- und möglicherweise Nachbereitung der Vorlesungen einbezogen? Ist eine Auswertung über das Experiment erfolgt? Warum wurden die Vorlesungen nur von Professoren und nicht auch von Professorinnen gehalten? Auch solche gibt es doch, auch an den Universitäten! Eine Rückmeldung von Ulla Steuernagel: "Den Professorinnenmangel - über den wir auch nicht glücklich waren, der aber die Realität der Uni widerspiegelt - haben wir dieses Jahr `behoben` mit zwei Professorinnen, darunter auch eine veritable Nobelpreisträgerin". Gewünscht hätte man sich, dass zu den jeweiligen Themenbeispielen empfehlend weiterführende, altersgemäße Literatur und audio-visuelle Medien genannt worden wären. Damit die möglichen Impulse und Motivation weiter wirken können. Aber das sind Fragen und Wünsche von Erwachsenen, vielleicht sogar mit dem "pädagogischen Zeigefinger" formuliert. Die Kinder-Uni wandte sich an Kinder. Den Wissenschaftlern gelang es offensichtlich, das Interesse der Kinder zu erreichen. Soeben hat im Sommersemester 03 der zweite achtteilige Anlauf begonnen, und, so die Auskunft der Initiatoren, "soll es auch in den kommenden Sommersemestern sein".

Fazit

Aus dem Experiment Kinderuniversität könnte sich ja ein neuer Anstoß zu einer intensiveren Kooperation zwischen Schule und Hochschule, zwischen Theorie und Praxis ergeben; nicht nur in Tübingen, sondern auch an anderen Hochschulstandorten und in den Regionen.

Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zum Nachfolgeband des hier besprochenen Buchs.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.04.2003 zu: Ulrich Janßen, Ulla Steuernagel (Hrsg.): Die Kinder-Uni. Forscher erklären die Rätsel der Welt. Deutsche Verlagsanstalt (München) 2003. 8. Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-421-05695-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/872.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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