Bernhard Badura, Helmut Schröder u.a. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2009
Bernhard Badura, Helmut Schröder, Joachim Klose, Katrin Macco (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2009. Arbeit und Psyche: Belastungen reduzieren - Wohlbefinden fördern. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2009. 460 Seiten. ISBN 978-3-642-01077-4. 44,95 EUR, CH: 70,00 sFr.
Reihe: Fehlzeiten-Report - 2009.
Thema
Fehlzeiten sind in erwerbs- ebenso wie in sozial- und gesundheitswirtschaftlichen Organisationen ein nicht unwesentliches ökonomisches Problem. Mit der Zahl der Fehltage steht und fällt auch in Organisationen der sozialen Arbeit und der Gesundheitswirtschaft ein wichtiger Produktivitätsfaktor; in welchem Maße dies empirisch in Erscheinung tritt, kann verdeutlicht werden mit dem Hinweis darauf, dass Einrichtungen der Pflegewirtschaft nicht selten unter krankheitsbedingten Abwesenheitsraten von 30% leiden. Unter den hauptsächlichen Ursachen für das Fehlen am Arbeitsplatz nimmt die psychische Erkrankung inzwischen eine vordere Stelle ein. Mit dem Freitod von Robert Enke hat die Problematik der psychischen Erkrankung vor einigen Monaten auch eine öffentliche Dimension erhalten.
Herausgeber und Herausgeberin
Bernhard Badura ist Emeritus der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Die für den Inhalt namentlich mitverantwortlichen Joachim Klose, Helmut Schröder und Katrin Macco sind Mitarbeiter im wissenschaftlichen Institut der AOK. Die Publikation wurde von der Universität Bielefeld zusammen mit dem wissenschaftlichen Institut der AOK herausgegeben.
Entstehungshintergrund
Der Fehlzeiten-Report informiert seit nunmehr zehn Jahren über die Entwicklung des Krankenstandes in der deutschen Wirtschaft. Dabei werden jährlich Befunde zu einzelnen Branchen vorgelegt und diesbezügliche Bewertungen vorgenommen. Zum zweiten Mal widmet sich der Report dem Thema »Arbeit und Psyche«. Die in Rede stehende Ausgabe beschäftigt sich detailliert mit dem Schwerpunkt »Belastungen reduzieren - Wohlbefinden fördern«.
Aufbau und Inhalt
Der diesjährige Fehlzeiten-Report umfasst 466 Seiten und enthält 28 Kapitel in zwei Abschnitten.
Im ersten Hauptabschnitt wird das Schwerpunktthema »Arbeit und Psyche« umfangreich und vielfältig erörtert:
- Nach dem Grundsatzartikel des wissenschaftlich Mitherausgebers B. Badura zur Bedeutung psychischen Wohlbefindens für Gesundheit und Leistungsfähigkeit referiert A. Oppolzer die Bedeutung psychischer Belastungsrisiken aus Sicht der Arbeitswissenschaften, er skizziert auch Ansätze für die Prävention. Ein für das medizinisch hergeleitete Verständnis von psychischen Belastungen sowie den Potenzialen ihrer Reduktion sehr wichtiger Beitrag wird im Anschluss von G. Hüther und E. Fischer präsentiert, die wissenschaftlich tiefgehend und anschaulich die biologischen Grundlagen des psychischen Wohlbefindens referieren. Ihre wichtigen Anmerkungen zu den Möglichkeiten und Grenzen der Herstellung von psychischem Wohlbefinden in Betrieb sind überaus lesenswert. Dies gilt aber auch für die anschließende Analyse der AOK-Arbeitsunfähigkeitsdaten des Jahres 2008 von K. Heyde und M. Macco sowie den darauf folgenden Beitrag zur psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz aus europäischer Sicht von K. Kuhn.
- In sozialpolitischer Hinsicht nachdenklich stimmen die Artikel, die im nächsten Unterabschnitt zu den Kosten und Formen psychischer Belastungen und Beeinträchtigungen zu lesen sind. Besonders erwähnenswert sind dabei der Beitrag von K. Böhm und M. Cordes zu den Kosten psychischer Erkrankungen im Vergleich zu anderen Erkrankungen, die Ausführungen von A. Ducki zu arbeitsbedingter Mobilität und Gesundheit, der Beitrag von J. Schmidt und H. Schröder zu »Präsentismus« als dem zunehmend zu beobachtenden Phänomen, dass Arbeitnehmer aus Angst vor Arbeitsplatzverlust krank zur Arbeit erscheinen, sowie die Analyse betrieblicher Gesundheitspolitik in der Kommunalverwaltung von J.M. Steinke. Pflegewissenschaftlern und Krankenhausbetriebswirte werden mit besonderem Interesse den Beitrag von O. Iseringhausen zu psychischen Belastungen und gesundheitlichem Wohlbefinden von Beschäftigten im Klinikbereich lesen.
- Aus der Fülle der hieran anschließenden interessanten Beiträge zu Interventionsmöglichkeiten bzw. zu den Potenzialen und Ansätzen der Förderung psychischen Wohlbefindens seien die Beiträge von B. Streicher und D. Frey zu Unternehmens- und Führungskultur sowie der Artikel von C. Bursch zur Teamarbeit und Gesundheit hervorgehoben.
- Aus den sehr guten Artikeln in der Rubrik »Erfahrungen aus der Unternehmenspraxis« möchten wir den Beitrag von F. Hauser und E. Pleuger zu Arbeitsplätzen, an welchen man sich wohl fühlt, sowie den Artikel von L. Gunkel und M. Szpilok zu betrieblicher Intervention und Prävention bei Konflikten und Mobbing hervorheben.
- Für Empiriker durchaus spannend sind schließlich die Artikel zu diagnostischen Verfahren zu Lebensqualität und subjektiven Wohlbefinden von S. Kohl und B.Strauss, der Bericht von M. Nübling et al. zur Messung von Führungsqualität und Belastungen am Arbeitsplatz (Deutsche Standardversion des Copenhagen Psychosocial Questionaire) sowie der Artikel von P. Rixgens zur Messung von Sozialkapital im Betrieb durch den Bielefelder Sozialkapital-Index.
Im zweiten Abschnitt werden schließlich umfangreiche AOK-Daten und diesbezügliche Analysen zu Fehlzeiten in der deutschen Wirtschaft im Jahr 2008 präsentiert. Hierbei werden von K. Macco und J. Schmidt die krankheitsbedingten Fehlzeiten in der deutschen Wirtschaft nach Branchen dargestellt und von K. Busch die Arbeitsunfähigkeit in der Statistik der gesetzlichen Krankenversicherung erläutert.
Der Anhang des Sammelbandes enthält die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme sowie eine Übersicht zur Branchenstruktur der deutschen Wirtschaft (basierend auf der Klassifikation der Wirtschaftszweige).
Diskussion
Auch der diesjährige Fehlzeiten-Report ist ein überaus informativer Sammelband zu einem ökonomisch wie gesellschaftlich brisanten Thema, der thematische Schwerpunkt ist hochaktuell und wird von hochkarätigen Wissenschaftlern äußerst fundiert abgehandelt. Die Befunde zu Ausmaß und Ursachen psychischer Erkrankungen sowie die Analyse entsprechender Folgen für die Wirtschaft sind ebenso lesenswert wie die referierten Beiträge zu Potenzialen der Gegensteuerung. Die Beiträge zu Möglichkeiten der Erfassung psychischer Belastungen und Sozialkapital sind sehr informativ, dies gilt auch für die Präsentation und die Analyse der AOK-Daten zu krankheitsbedingten Fehlzeiten.
Fazit
Der Fehlzeiten-Report 2009 ist ein gelungenes Beispiel einer fruchtbaren Synthese medizinischer, soziologischer, psychologischer und ökonomischer Erkenntnisse. Das Buch ist ein unverzichtbarer Beitrag zu gesundheitsökonomischen Fortentwicklung der deutschen Wirtschaft wie Gesellschaft. Dieser Band ist dringend und ohne Einschränkungen allen Verantwortlichen der (Sozial-) Wirtschaft und der (Sozial-) Politik zu empfehlen. Wir empfehlen dieses Buch ausdrücklich auch Entscheidern im Bereich der sozialen Arbeit sowie der Pflegewissenschaft / des Pflegemanagement und angrenzender Gebiete. Der außergewöhnlich hochwertige Inhalt rechtfertigt den vergleichsweise hohen Preis voll und ganz.
Rezensent
Prof.Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 14.12.2009 zu: Bernhard Badura, Helmut Schröder, Joachim Klose u.a. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2009. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2009. 460 Seiten. ISBN 978-3-642-01077-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8737.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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