Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) (Hrsg.): Tabakatlas Deutschland 2009
Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) (Hrsg.): Tabakatlas Deutschland 2009. Steinkopff Verlag (Heidelberg) 2009. 128 Seiten. ISBN 978-3-7985-1882-7. 19,95 EUR.
Thema
Tabakrauch kann bei kleinen Kindern zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Wer den Nachwuchs bis zum Alter von etwa zehn Jahren dem Qualm aussetze, riskiere Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizite oder Störungen in der Beziehung mit Gleichaltrigen, so der Tenor einer Anfang Dezember 2009 von der Deutschen Presseagentur (dpa) verbreiteten Pressemeldung. Die Nachricht berief sich auf eine Studie, bei der Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München zusammen mit Kollegen der Ludwig-Maximilians-Universität München knapp 6.000 Kinder untersucht hatten, die von 1995 bis 1998 geboren wurden. Besonders negativ machte sich demnach der Einfluss des Tabakrauches während der Schwangerschaft bemerkbar. Kinder, die ausschließlich vor der Geburt durch Tabakrauch belastet wurden, haben ein 1,9-fach erhöhtes Risiko zu Verhaltensauffälligkeiten. Das Risiko bei Kindern, die erst nach der Geburt Tabakrauch exponiert waren, war immer noch um den Faktor 1,3 erhöht. Und Kinder, die sowohl vor als auch nach der Geburt in einer Raucherumgebung aufwuchsen, hatten ein 2-fach erhöhtes Risiko.
Die mit dem Konsum von Tabakprodukten verbundenen Probleme sind unterdessen weitaus größer und seit längerem bekannt. So sterben jedes Jahr allein in Deutschland etwa 110.000 Menschen an den Folgen des Rauchens; Raucher büßen durchschnittlich über 10 Jahre ihrer Lebenserwartung ein. Wenngleich Tabakprodukte bei bestimmungsgemäßem Gebrauch zu Abhängigkeit, Erkrankung und vorzeitigem Tod führen, raucht hierzulande immer noch fast ein Drittel der Bevölkerung.
Wer bislang gesicherte Daten zum Tabakproblem suchte, musste zumeist auf verschiedene Fachpublikationen zurückgreifen, deren Zugang in Bibliotheken mitunter zeitaufwendig war. Dies geht nun wesentlich einfacher, indem der vorliegende „Tabakatlas Deutschland“ mit Blick auf die breite Öffentlichkeit alle wichtigen Zahlen und Fakten zum Rauchen in übersichtlicher Form liefert.
Herausgeber und Autoren
Herausgegeben wird das Buch vom Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg (vgl. www.dkfz.de) in Zusammenarbeit mit Andreas Schoppa, Geschäftsstelle der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, dem Bundesministerium für Gesundheit und dem Robert Koch Institut. Im DKFZ, das Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren und zugleich die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland ist, erforschen über 2.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, davon 850 Wissenschaftler, die Mechanismen der Krebsentstehung und arbeiten an der Erfassung von Krebsrisikofaktoren. Sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der Entwicklung neuer Verfahren für die Klinik sind in den letzten Jahren am DKFZ, das zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert wird, entscheidende Fortschritte erzielt worden. Diese haben 2008 in der Verleihung des Nobelpreises für Medizin an Professor Harald zur Hausen für seinen herausragenden wissenschaftlichen Beitrag zur Erforschung von humanen Papillomviren (HPV) eine ganz besondere Anerkennung erfahren. Daneben klären die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Krebsinformationsdienstes (KID) Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf.
Verantwortlich für den „Tabakatlas Deutschland“, der nun erstmals veröffentlicht wurde, zeichnet Martina Pötschke-Langer, die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention und des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle im DKFZ. Neben ihr waren an dem Buch Ute Mons, Katrin Schaller, Svenja Stein, Sarah Kahnert, Nick K. Schneider, Urmila Nair, Susanne Schunk und Hubertus Mersmann als Autorinnen und Autoren beteiligt, während Florian Gleich, Lennart Girrbach und Jessica Schütz bei der Manuskriptgestaltung mitwirkten.
Aufbau
Der „Tabakatlas Deutschland“ gliedert sich in 6 große Kapitel, die Auskünfte geben über:
- Tabakprodukte
- Tabakkonsum und gesundheitliche Folgen
- Passivrauchen und gesundheitliche Folgen
- Ökonomische Aspekte des Rauchens
- Tabakindustrie
- Tabakkontrollpolitik.
Ergänzt wird die Darstellung durch einen Anhang, der – aufbereitet zu den verschiedenen Themen – Angaben auf entsprechende Literatur und Internetseiten bietet, die für alle, die sich mit dem Thema Tabak noch eingehender beschäftigen möchten, überaus nützlich sind.
Inhalt
Insgesamt betrachtet gibt der Tabakatlas Deutschland Auskunft über Tabakprodukte und ihre Eigenschaften, Trends des Rauchens sowie die regionalen Unterschiede des Tabakkonsums in Deutschland und die daraus resultierenden regional unterschiedlich hohen Zahlen tabakbedingter Todesfälle, die Inhaltsstoffe der angebotenen Tabakprodukte und deren Wirkung, die Belastungen und Folgen des Passivrauchens, die Kosten des Rauchens sowie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten des Tabakkonsums und Umsätze der Tabakindustrie. Zusätzlich zeigt er wirksame Maßnahmen zur Verringerung des Tabakkonsums auf, wie sie etwa im WHO-Tabakrahmenabkommen vereinbart wurden, ebenso wie die Möglichkeiten und Hilfsangebote zum Rauchstopp in Deutschland.
Zu dem vom DKFZ herausgegebenen Buch haben mehrere Personen ein Vorwort beigesteuert. Otmar D. Wiestler, Vorstandsvorsitzender des DKZ, schreibt dabei zur Entstehung der Schrift: „Wegen des breiten gesellschaftlichen Interesses an der Thematik hat sich das Deutsche Krebsforschungszentrum entschlossen, einen ‚Tabakatlas Deutschland’ herauszugeben, der die aktuellen Fakten enthält. Vorbild war der internationale Tabakatlas, der von Prof. Judith Longstaff Mackay entwickelt wurde und dessen Grundkonzept für diesen ersten deutschen Tabakatlas weitgehend übernommen wurde.“
In ihrem Vorwort hält Sabine Bätzing, MdB und Drogenbeauftragte der Bundesregierung (vgl. www.drogenbeauftragte.de) unter anderem fest: „Für die Tabakprävention ist der vorliegende Tabakatlas ein wertvoller Bericht. Er zeigt auf, welche präventiven und gesetzlichen Maßnahmen zur Reduzierung des Tabakkonsums in Deutschland auf den Weg gebracht wurden und welche Anforderungen und Empfehlungen aus der internationalen Tabakrahmenkonvention der Weltgesundheitsorganisation für die Tabakpolitik bestehen.“
In ihrem Vorwort betont Judith Longstaff Mackay, Mitherausgeberin der internationalen Tabakatlas-Reihe, dass Atlanten der Gesundheitsreihen Handlungsinstrumente für die Advocacy-Arbeit seien. Wörtlich führt sie hierzu aus: „Nicht ansteckende Krankheiten waren lange Zeit ein wenig beachtetes Spezialgebiet, während Finanzmittel, viel Regierungsarbeit und große mediale Aufmerksamkeit für ansteckende Krankheiten, wie HIV/AIDS, Malaria, Tuberkulose und sogar SARS aufgewendet wurden, die alle weit weniger Menschen töten als Tabak.“
Diskussion
Mit zahlreichen aussagekräftigen Grafiken und Karten sowie kurzen, prägnanten Texten bietet der Tabakatlas einen schnellen und aufschlussreichen Überblick zu aktuellen Daten sowie den mit dem Rauchen verbundenen großen Gefahren und gesundheitlichen Folgen des Tabakkonsums.
Das didaktisch hervorragend aufbereitete Buch, dessen Text im Internet komplett als pdf-Datei kostenfrei unter http://www.tabakkontrolle.de abrufbar ist, eignet sich ideal zum Einsatz im Unterricht. Für politische Entscheidungsträger und Verantwortliche in den Institutionen des Bundes und der Länder sowie die Angehörigen aller Gesundheitsberufe sollte es zur Pflichtlektüre gehören.
Damit die vielfältigen Probleme, die der Tabakkonsum mit sich bringt, in weiten Bevölkerungskreisen wahrgenommen wird, mag es unterdessen nützlich sein, dass Journalisten den Tabakatlas kostenfrei bei der Pressestelle des DKFZ (presse@dkfz.de) bestellen können.
Fazit
Der „Tabakatlas Deutschland“ ist ein sehr informatives und praktisches Handbuch, das anschaulich und prägnant über wissenschaftlich abgesicherten Daten informiert.
Rezensent
Dr. Hubert Kolling
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 14.12.2009 zu: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) (Hrsg.): Tabakatlas Deutschland 2009. Steinkopff Verlag (Heidelberg) 2009. 128 Seiten. ISBN 978-3-7985-1882-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8745.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Sigmund Gastiger, Hans Joachim Abstein (Hrsg.): Methoden der Sozialarbeit in [...] der Suchthilfe
Barbara Bojack, Elke Brecht u.a.: Alter, Sucht und Case Management
Stellenangebote
Sozialarbeiter/-pädagoge (w/m) für Wohnheim Intensiv Betreutes Wohnen, Bremen
Pflegepädagoge (w/m) für Fachschule für Sozialberufe, Rheinfelden
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
