Jörg Alt: Globalisierung, illegale Migration, Armutsbekämpfung
Jörg Alt: Globalisierung, illegale Migration, Armutsbekämpfung. Analyse eines komplexen Phänomens. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2009. 376 Seiten. ISBN 978-3-86059-524-4. 24,90 EUR.
Thema
Das Buch behandelt die illegale Migration im Kontext einer globalisierten Weltgesellschaft unter Bezug auf verschiedene theoretische Ansätze sowie auf Ergebnisse eigener Feldforschungen in Belize und den USA. Ein besonderes Schwergewicht wird dabei auf die Verknüpfung der illegalen Migration mit Armut und sozialer Ungleichheit in der Weltgesellschaft gelegt.
Autor
Jörg Alt wurde 1961 in Saarbrücken geboren. Er ist Sozialwissenschafter (promovierter Soziologe) und Mitglied des Jesuitenordens und hat sich zwischen 2005 und 2008 längere Zeit als Kaplan und zu Forschungszwecke im zentralamerikanischen Staat Belize und in den USA aufgehalten. 2003 hat er ein preisgekröntes Buch über die illegale Migration in Deutschland mit dem Titel „Leben in der Schattenwelt“ veröffentlicht.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in sieben Hauptkapitel.
Nach einem Einleitungskapitel werden in Kapitel 2 die Begriffe „Globalisierung“ und „illegale Migration“ definiert und empirische Hinweise auf die Zunahme der illegalen Migration (insbesondere in den USA) erläutert.
Kapitel 3 stellt das
Hauptkapitel dar und beleuchtet die vielschichtigen Zusammenhänge
zwischen Globalisierung und illegaler Migration, die der Autor auf S.
158 folgendermassen zusammenfasst „Die
Prozesse im gegenwärtigen Globalisierungszeitalter
transformieren illegale Migrationsbewegungen in ein Phänomen,
das quantitativ und qualitativ ohne historisches Vorbild ist und
trotz staatlichen Eingriffsversuchen eine wachsende Autonomie und
Eigendynamik aufweist.“
In einem ersten
Abschnitt 3.1 werden dabei zunächst die grundlegenden
Voraussetzungen für die illegale Migration im Zeitalter der
Globalisierung wie beispielsweise der Infrastrukturausbau oder die
durch neue Medien ausgelöste kulturelle Globalisierung
erläutert, ehe in Abschnitt 3.2. auf den globalen
Bedeutungszuwachs der informellen Ökonomie
(„Schattenwirtschaft“) eingegangen wird.
In Abschnitt
3.3 wird unter anderem die fortschreitende Polarisierung von Arm und
Reich in der Weltgesellschaft beschrieben, welche die strukturellen
Anreize zu – legaler oder illegaler – Migration erhöht.
Abschnitt 3.4 ist den – häufig erfolglosen - Versuchen der
entwickelten Länder gewidmet, die Migration zu kontrollieren
bzw. die legale Zuwanderung zu beschränken.
Abschnitt 3.5
beschäftigt sich mit der theoretischen Einbettung einer Analyse
von Migrationsprozessen. Dabei wird in Anlehnung an das Konzept der
Netzwerkgesellschaft nach M. Castells insbesondere
betont, dass Migration wesentlich auf Netzwerkstrukturen basiert, die
sich zwischen Herkunfts- und Zielländern herausbilden, sobald es
zu ersten erfolgreichen Migrationen gekommen ist.
Zum Abschluss des
Kapitels (Abschnitt 3.7, im Anschluss an einen Ergebnisabschnitt 3.6)
analysiert der Autor die Folgen der aktuellen Finanz- und
Wirtschaftskrise und kommt dabei zum Schluss, dass die illegale
Migration zwar kurzfristig etwas zurückgehen könnte,
mittelfristig aber durch die Verstärkung der Wohlstandskluft
zwischen reichen und armen Ländern der strukturelle Druck zu
(illegalen) Migrationsbewegungen weiter ansteigen dürfte.
In Kapitel 4 wird der Zusammenhang zwischen illegaler Migration und Armut vertieft. Dabei wird systematisch zwischen der Armutssituation im Herkunftsland und im Zielland von illegal Migrierenden hingewiesen. Für das Herkunftsland werden Belege angeführt, dass Migrierende nicht zu „den Ärmsten“ in ihren Herkunftsländern gehören, dass sie das in den Zielländern aber sind und, dass mit Remissen (Geldrücküberweisungen) an die Familien ein gewisser Beitrag an die Armutsreduktion in den Herkunftsländern geleistet wird.
Kapitel 5 widmet sich den Vorschlägen für „eine bessere politische Gestaltung“ und kommt dabei zu folgenden wesentlichen Erkenntnissen
- Menschenrechte (Abschnitt 5.2): Am Beispiel Deutschlands werden verschiedene politische Blockaden bei der Gewährung grundlegender Menschenrechte in den Zielländern (z.B. Zugang zu Krankenversicherung oder Schulbesuch), aber auch den Herkunftsländern (Zugang zu Rentenversicherungen) diskutiert.
- Verbrechensbekämpfung (Abschnitt 5.3): Hier wird der Bekämpfung verbrecherischer Schleusergruppen und dem Schutz der von ihnen ausgebeuteten „Illegalen“ höchste Priorität zugeschrieben.
- Reduzierung von illegaler Migration und unerlaubtem Aufenthalt (Abschnitt 5.4): Der Abschnitt zeigt, wie illegale Migration z.B. durch grosszügigere Familiennachzugsregelungen oder durch eine Erweiterung von legitimen Asylgründen in legale Kanäle gelenkt werden kann.
- Armutsbekämpfung (Abschnitt 5.5): Als wichtige Beiträge werden verbesserte Möglichkeiten und tiefere Gebühren für Migrantenremissen (Geldüberweisungen ins Heimatland) sowie eine verbesserte Kooperation der Entwicklungszusammenarbeit mit illegalen Migranten ausgeführt.
Die Schlussfolgerungen in Kapitel 6 fassen die Hauptstossrichtungen der vorangehenden Kapitel zusammen und versuchen, diese nicht nur durch Gerechtigkeitsüberlegungen, sondern auch durch eine utilitaristische Perspektive von langfristigen Eigeninteressen der reichen Länder zu begründen. Illegale Migranten stellen aus dieser Sicht nicht ein Problem dar, sondern sind lediglich ein Symptom weltweiter Probleme (S.276).
Der Haupttext des Buches (vor umfangreichen Anmerkungen, Verzeichnissen und einem Überblick über Migrationstheorien) schliesst in Kapitel 7 mit der persönlichen Empfehlung des Autors an seine Leser, sich der konkreten Herausforderung des Themas in zwei Schritten zu stellen, indem man zunächst illegalen Migranten im eigenen Land von Mensch zu Mensch begegnet und sich dann auch als Lernende in den Kontext ihrer Herkunftsländer begibt.
Diskussion
Das Buch gibt einen wertvollen Einblick in die – wie im Untertitel betont – komplexen Zusammenhänge von Globalisierung, illegaler Migration und Armutsbekämpfung. Dem Autor gelingt es, im Spannungsfeld von theoretischen Konzepten, dem Lebensalltag der Betroffenen und politischen Programmen wesentliche Erkenntnisse herauszuarbeiten. Dies wird möglich durch eine besondere – gerade in diesem Forschungsfeld nicht selbstverständliche - Mischung von unideologischer Realitätsbeschreibung und konsequenten Folgerungen und eigener Positionierung.
Insbesondere durch die Verknüpfung der eigenen Erfahrungen in Belize und die grosse Detailgenauigkeit leidet der Lesefluss, auch könnte aus meiner Sicht der der Aufbau des Buches noch optimiert werden. Trotz der Auslagerung vieler Detailinformationen in den Anmerkungsteil tritt der Argumentationsstrang zu wenig deutlich in Erscheinung. Hier spielt wahrscheinlich auch eine Rolle, dass die vielfältigen theoretischen Bezüge zu wenig reflektiert und gezielt in den Text eingebaut werden. Beim interessanten Versuch, im Anhang eine Übersicht über die wichtigsten Migrationstheorien zu geben, fällt auf, dass ökonomische Theorieansätze sehr differenziert dargestellt werden, während die „historisch-strukturelle Theorie“ und die „World-Systems-Theorie“ in einer Kategorie zusammengefasst wird.
Fazit
Wer sich mit grundlegenden sozialen Problemen in der globalisierten Welt vertieft auseinandersetzen möchte, gewinnt aus diesem Buch reichhaltige Erkenntnisse zur illegalen Migration. Sozialwissenschaftlich orientierten Leserinnen wird dabei vor allem gezeigt, wie die Theorie und die empirischen Fakten mit Lebensrealitäten und politischen Strategien verknüpft sind. Praktiker der sozialen Arbeit und der Entwicklungszusammenarbeit finden wertvolle Hinweise auf relevante theoretische Ansätze und die Notwendigkeit, sich in komplexen und häufig ungerechten Systemzusammenhänge konsequent für Menschenrechte einzusetzen.
Rezensent
Prof. Dr. Heinrich Zwicky
ZHAW Zürcher Hochschule für
Angewandte Wissenschaft. Departement Soziale Arbeit
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Heinrich Zwicky. Rezension vom 16.02.2010 zu: Jörg Alt: Globalisierung, illegale Migration, Armutsbekämpfung. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2009. 376 Seiten. ISBN 978-3-86059-524-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8746.php, Datum des Zugriffs 03.09.2010.
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