Wolfgang Brezinka: Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel
Wolfgang Brezinka: Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2003. 208 Seiten. ISBN 978-3-497-01628-0. 33,00 EUR.
Gesammelte Schriften, Band 6.
Entstehungshintergrund
Wolfgang Brezinka, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Konstanz, legt mit diesem Buch eine überarbeitete Neuauflage seines 1986 erschienenen Werkes "Erziehung in einer wertunsicheren Gesellschaft" vor. In seinem Vorwort verweist er ferner auf sein 1992 publiziertes Buch "Glaube, Moral und Erziehung", in dem die normativen erziehungsphilosophischen Grundlagen seines Buches zu finden seien.
Erziehung und Tradition
Zunächst beschreibt Brezinka den Menschen als "Traditionswesen", das heute in einer "überreichen Mischkultur" lebe und mit einem Zeitgeist konfrontiert wird, der "individualistisch und rationalistisch, hedonistisch, nivellierend und moralisch nachgiebig" (S. 12) sei. Deshalb müsse der Erzieher der Werte-Erziehung eine große Bedeutung beimessen - die er aber nur leisten könne, wenn er sich selbst "auf eine lebendige Tradition gemeinsamer Ideale und guter Lebensformen stützen" (S. 13) kann. Das setzt voraus, dass die "normativen Orientierungsgüter" - insbesondere religiöser Natur - von unserer Gesellschaft gepflegt werden.
"Werte-Erziehung" in einer wertunsicheren Gesellschaft
Brezinka beschreibt die Ursachen für die heutige Wertungskrise, der nur durch Werte-Erziehung begegnet werden könnte. Diese sei zugleich Gesinnungs-, Charakter- und Gemütsbildung - ein Gegenprogramm zu einer emanzipatorischen oder einseitig wissenschaftsorientierten Erziehung. Werte-Erziehung sei Aufgabe von Familie und Schule; sie soll überwiegend indirekt erfolgen, aber auch Belohnung und Bestrafung, Belehrung und Gewöhnung einschließen. Wichtig seien auch das eigene Vorbild und eine liebevolle Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen, damit nicht aus der Ablehnung der Person des Erwachsenen auch die Zurückweisung der von ihm vertretenen Orientierungsgüter resultiere.
Ferner stellt sich Brezinka die Frage, was die große Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft bedingt und wie ihr begegnet werden könnte: Beispielsweise müssten Familie und Schule mehr die Selbstkontrolle bei Kindern fördern - und schneller mit der direkten Verhaltenskontrolle sein. Großer Wert sei ferner auf die religiöse Erziehung zu legen, aber auch die Erziehung zu einem aufgeklärten Patriotismus zwecks ideeller Beheimatung des Kindes bzw. Jugendlichen. "Mut zu guter Erziehung" sei dringend notwendig.
Erziehungsziele und -mittel
Wichtige Persönlichkeitsideale, die laut Brezinka in der Erziehung anzustreben seien, sind u.a. Lebenstüchtigkeit, Selbstdisziplin und Gemeinschaftsfähigkeit. Neben diesen eher formalen Erziehungszielen sind materiale gleichermaßen zu beachten: "bestimmte Inhalte des Wissens und Könnens, des religiösen Glaubens, der moralischen Überzeugungen, der politischen Einstellungen, der ästhetischen Vorlieben usw." (S. 68). Die meisten dieser Ziele seien heute genauso wertvoll wie früher - dieses Verständnis müsse aber noch bei vielen Menschen durch Aufklärung und Kritik geweckt werden.
Wichtige erzieherische Handlungen sind laut Brezinka - und seit Aristoteles - frühe Gewöhnung und "Gesetze", d.h. eine relativ einheitliche Lebensordnung, in der Werte und Normen auch durchgesetzt werden. In diesem Kontext sei ferner die Außenstützung durch Gleichgesinnte wichtig.
Bildung
Da "Bildung" ein mehrdeutiger Begriff ist, beschäftigt sich Brezinka zunächst mit dessen Geschichte und Definition. Für ihn ist Allgemeinbildung - verstanden als Grund-Wissen, Grund-Können und Grund-Tugenden - ein anzustrebendes Ideal. Dazu müssten berufs- und glaubensspezifische Sonderideale sowie individuelle Persönlichkeitsideale treten. Ferner geht Brezinka auf die Frage ein, welche Bedeutung für Bildung die Geisteswissenschaften haben.
Pädagogik
In den letzten Kapiteln seines Buches befasst sich Brezinka mit der Erziehungswissenschaft, ihrem Aufstieg (z.B. rasche Zunahme der Lehrstühle) und ihrer Krise (z.B. Lebensfremdheit, rascher Wechsel pädagogischer Moden, "inhaltliches Chaos", "aufgeblähte" Fachsprache, fehlende Identität, politische Parteinahme). Letzteres habe nicht nur Auswirkungen auf den wissenschaftlichen Nachwuchs, dessen Qualität immer schlechter werde, sondern auch auf die (zukünftigen) Praktiker/innen, die immer weniger "nützliche Erziehungslehre" vorfänden. Letztere klärt Brezinka auf: "erwarte von der Wissenschaftlichen Pädagogik keine Praktische Pädagogik!" (S. 150). Und so fordert er eine Rehabilitierung der Praktischen Pädagogik, die "Umkehr zu klaren, verständlichen, brauchbaren Erziehungstheorien" (S. 166).
Fazit
Brezinka kritisiert vehement - und mit größter Berechtigung - die mangelnde Praxisrelevanz der Erziehungswissenschaften. Inwieweit sein eigener normativer, religiös fundierter Ansatz in einer säkularisierten, durch Wertepluralismus geprägten Welt eine Alternative bietet, wird die Zukunft zeigen. Das für ein wissenschaftliches Werk gut lesbare Buch ist allen Pädagogikstudent/innen zu empfehlen.
Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 12.08.2003 zu: Wolfgang Brezinka: Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2003. 208 Seiten. ISBN 978-3-497-01628-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/875.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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