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Jürgen Budde, Ingelore Mammes (Hrsg.): Jungenforschung empirisch

Cover Jürgen Budde, Ingelore Mammes (Hrsg.): Jungenforschung empirisch. Zwischen Schule, männlichem Habitus und Peerkultur. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 248 Seiten. ISBN 978-3-531-16683-4. 29,90 EUR.
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Thema

Die Herausgeberin und der Herausgeber des vorliegenden Bandes stellen eine Verschiebung des Fokus im geschlechtsbezogenen Benachteiligungsdiskurs fest: Von weiblichen Jugendlichen wechselt die Aufmerksamkeit auf männliche Jugendliche, von Kindern aus ländlichen Gegenden und Arbeiterkindern auf Kinder mit finanziell schwachem und/oder Migrationshintergrund: Jungen, insbes. solche mit Migrationshintergrund, gelten im aktuellen Diskurs über Benachteiligungen im und durch das Bildungssystem als Verlierer. Sind Jungen also die neue ´Risikogruppe´?

Auf allgemeiner Ebene lässt sich das Buch in die Bereiche Bildungs- bzw. Schulforschung und Jungenforschung einordnen.

Herausgeberin und Herausgeber

Die Herausgeberin und der Herausgeber des Bandes arbeiten beide im Bereich der Schul- und Bildungsforschung: Prof. Dr. Ingelore Mammes war am Lehrstuhl Schulpädagogik der Universität Bamberg beschäftigt. Sie hat im September 2009 einen Ruf an die Universität Paderborn, Professur für Allgemeine Didaktik und Schulforschung mit dem Schwerpunkt Unterrichtsforschung angenommen. Dr. Jürgen Budde arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für Schul- und Bildungsforschung der Universität Halle.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band versucht, verschiedene Leer- oder zumindest Mangelstellen aufzufüllen bzw. auszubessern: Es geht der Herausgeberin/dem Herausgeber um die (allerdings – wie noch zeigen sein wird – recht knapp gehaltene) theoretische Fundierung von Jungenforschung. Ziel ist ausserdem – in Abgrenzung zu dominierenden vor- und nebenwissenschaftlichen Diskursen – eine wissenschaftlich-empirisch-fundierte Betrachtung des Themas Männlichkeit und Bildung. Desweiteren wurde der Band mit der Zielsetzung herausgegeben, einen systematischen Bezug der Jungenforschung auf die institutionelle Rahmung durch die Schule vorzugeben. Als Ergebnis wird in dem vorliegenden Band auf das Habitus-Konzept nach Bourdieu eingegangen, welches in verschiedenen Aufsätzen durch Bezugnahme auf Forschungsergebnisse und theoretische Konzepte der australischen Soziologin Raewyn Connell ergänzt wird. Durch nahezu alle Artikel hindurch zieht sich die Prämisse, die Ergebnisse der Jungen-, Schul- und Peerforschung empirisch gesättigt vorzustellen.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung, in der Ingelore Mammes und Jürgen Budde einen kurzen Überblick über die Entstehungshintergründe des Bandes geben und in der sie die Inhalte der folgenden Beiträge kurz beschreiben, beginnt der erste Teil „Theoretische Grundlinien“.

Zu diesem ersten Teil gehören drei Artikel, verfaßt von Jürgen Budde/Ingelore Mammes, Maria-Anna Kreienbaum und erneut von Ingelore Mammes.

Im ersten Beitrag stellen die Autorin/der Autor ihre These vor, „dass einerseits noch gesellschaftliche Strukturen an Bedeutung gewonnen haben, die männlich geprägt sind, diese sich aber andererseits von Geschlechterzuschreibungen tendenziell entkoppeln“ (S. 19). Während Begriffe wie ´Konkurrenz´ oder ´Autonomie´ eindeutig männliche Konnotationen enthalten und feste Bestandteile der männlich geprägten Strukturen sind, werden diese Strukturen von konkreten Geschlechtszuschreibungen tendenziell abgelöst. Sie gelten damit für alle, die es in dieser Gesellschaft „zu etwas bringen“ wollen.

Im folgenden Beitrag findet Maria-Anna Kreienbaum, im September/Oktober 2008 von einer Reise nach Indien zurückgekehrt, im indischen Schulsystem viele Ähnlichkeiten zu dem deutschen Schulsystem der 1960´er Jahre mit seiner allgegegenwärtigen (räumlichen) Trennung der Geschlechter.

Der letzte Beitrag des ersten Teils stellt – leider etwas veraltete – nach Geschlecht differenzierte Daten des Statistischen Bundesamtes von 2005 (und aus anderen Quellen, die nicht über das Jahr 2006 hinausreichen) zum Themenbereich Bildung und Schule vor. Frau Mammes geht darüberhinaus auf verschiedene Erklärungsansätze geschlechtsspezifischer Befunde ein.

Im Sammelband folgen nun zwei weitere grosse Teile mit fünf („Empirische Befunde aus dem deutschsprachigen Raum“) bzw. acht („Internationale Perspektiven von Jungenforschung“) verschiedenen Artikeln.

An dieser Stelle soll nicht auf alle Artikel eingegangen werden. Die Herausgeberin und der Herausgeber sind sich mit ihren Verfasserinnen und Verfassern in der Bewertung des Problems relativ einig. Von daher werde ich die allgemeine Problembewertung wiedergeben und auf die einzelnen Artikel nur dann eingehen, wenn sie sich thematisch deutlich davon unterscheiden oder durch eine Besonderheit hervortun.

Diese Grundposition will ich in Anlehnung an den Artikel von Jürgen Budde „Perspektiven für Jungenforschung an Schulen“ (S. 73-89) aus dem zweiten Teil des Buches wiedergeben.

In jüngeren Diskursen gelten Jungen in Deutschland, aber auch international, als die ´neuen Bildungsverlierer´. Ob dies tatsächlich so ist, ist empirisch noch nicht geklärt. Vor allem aber ist es problematisch, wenn über ´die´ Jungen gesprochen wird. Budde diskutiert die These (und diese wird – wie gesagt – von vielen VerfasserInnen in dem Buch übernommen oder in kleineren Teilaspekten beleuchtet), „dass ein Teil der Jungen aufgrund ihrer Orientierung an tradierten und stereotypen Männlichkeiten Kapitalien zum Einsatz bringen, die im Feld Schule ungünstige Auswirkungen haben können, sich jedoch in nonformalen oder informellen Feldern durchaus als gewinnbringend erweisen können“ (S. 73).

Während Jungenverhalten im schulischen Alltag also einer negativen Bewertung unterliegen kann, lernen Jungen in der Schule durchaus auch etwas fürs Leben – dazu gehören Selbstbewusstsein, Solidarität, Humor, Durchsetzungsfähigkeit oder Konkurrenzverhalten. Diese Eigenschaften führen in vielen Fällen dazu, dass junge Männer im Übergang von der Schule in den Beruf durchaus Vorteile gegenüber jungen Frauen haben (S. 75).

Hier muss weiter differenziert werden, denn es sind vor allem die mittel- und gut qualifizierten jungen Männer, denen sich bessere Verdienst- und Karrieremöglichkeiten bieten als in den Berufswegen ähnlich qualifizierter junger Frauen (ebd.). Anders sieht die Verteilung im unteren Qualifizierungssegment aus: „Zwar herrscht auch hier bislang eine traditionelle Berufswahl vor, junge Männer gehen öfter in handwerkliche und industrielle Berufe, Mädchen verstärkt in soziale und Dienstleistungsberufe. Diese Orientierung auf Handwerk und Industrie kann sich jedoch perspektivisch als Nachteil für einen Teil dieser Jungen erweisen, da die Beschäftigungszahlen in diesen Sparten gerade für gering Qualifizierte rückläufig sind“ (ebd.).

Eine weitere Differenzierung tritt hinzu, wenn sozialer Status und Migrationshintergrund hinzugezogen werden. Jedoch: Maßgeblicher für den Bildungserfolg ist die soziale Lage – und nicht die kulturellen Hintergründe. Allerdings bestehen hier oftmals enge Überschneidungen, weil viele Jungen (und Mädchen) mit Migrationshintergrund in den unteren sozialen Schichten leben (S. 76).

Somit darf zusammengefasst werden, dass nicht die Jungen die aktuellen Bildungsverlierer sind, sondern vor allem jene Schüler mit einem gering qualifizierenden oder ohne jeden Abschluss. Gleichzeitig wird oftmals vergessen, dass es ebenfalls sehr erfolgreiche Jungen gibt, während längst nicht alle Mädchen zu den Bildungsgewinnerinnen gezählt werden können (ebd.).

Viele der 13 Artikel belegen die soeben geschilderten Sachverhalte. Dies geschieht anhand von sehr interessanten Erhebungen, Gruppendiskussionen, Aufzeichnungen von Klassenabläufen, Interaktionen zwischen SchülerInnen und LehrerInnen etc. Das erhobene und verwendete Datenmaterial ist – dem Untersuchungsthema entsprechend – überwiegend qualitativer Natur.

Der Beitrag von Andreas Krebs geht ein auf männlichkeitsbezogene Verunsicherungen von Schülern und auf positive psychosoziale Jungenerfahrungen wie sie z.B. durch das Erleben von Schulfreundschaften oder von Jungen, die sich in ihrer Klassengemeinschaft aufgehoben fühlen, gemacht werden.

Die internationalen Beiträge werden eingeleitet durch einen herausragenden Artikel von Margrit Stamm, in dem zunächst der im englischsprachigen Raum für das Verhalten und die Leistung von Jungen in der Schule geläufige Begriff ´underachievement´ vorgestellt wird. Stamm macht zunächst klar, „dass in diesen Ländern Schüler dann als Underachiever bezeichnet werden, wenn sie von der Schule nicht ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert oder als Angehörige einer Risikogruppe an der Entwicklung ihres Potentials gehindert werden“ (S. 131).

´Underachievement´ liegt also ein positives Menschenbild zugrunde und wird als ein nicht allein vom Individuum zu verantwortendes, sondern auch als ein von der Schule mit zu verantwortendes Problem verstanden (ebd.). Im weiteren Verlauf ihres Artikels geht die Verfasserin zwei erkenntnisleitenden Fragen nach:

„1. Gibt es in Bezug auf das Schulversagen (underachievement) eine Mädchen- und eine Jungentypik?

2. Welche Kontextfaktoren spielen eine Rolle, und welche Bedeutung kommt dabei der Schule zu?“ (S. 132ff)

Der folgende, durch in London basierte Forscherinnen verfasste Beitrag, beschreibt den Konsum, über den Maskulinitäten konstruiert und exerziert werden. Die übrigen Beiträge internationaler AutorInnen, u.a. aus Norwegen, Japan und Österreich, beschäftigen sich mit ähnlichen Phänomenen, wobei der Beitrag aus Japan das Thema ´Gewaltkultur und Männlichkeitsentwürfe´ adressiert und der Beitrag aus Österreich auf überaus erfrischende und etwas provozierende Weise den „Differenzen-Kampf“ (S. 233) aus organisations- und geschlechtsbezogener Perspektive beleuchtet: „Die Schule ist männlich“ (S. 235).

Diskussion

Eine Fleißarbeit der Herausgeberin und des Herausgebers. Das Buch wird die deutschsprachige Forschungswelt bereichern. Es hat darüber hinaus einen erheblichen praxisrelevanten und erkenntniserweiternden Wert. Die fachliche Qualifikation aller AutorInnen ist hervorragend.

Fazit

Ein wertvolles Buch. Die Erweiterung der deutschsprachigen Jungenforschung in Richtung einer theoretischen und empirischen Grundlegung wird durch dieses Buch enorm vorangetrieben. Der theoretische Teil hätte ausführlicher ausfallen können, was aber angesichts der verschiedenen Ziele, die sich die Herausgeberin und der Herausgeber gestellt haben (und die auch erreicht wurden, s.o.), nicht allzu negativ ins Gewicht fällt. Ein durchdachtes und intelligentes Buch.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 02.03.2010 zu: Jürgen Budde, Ingelore Mammes (Hrsg.): Jungenforschung empirisch. Zwischen Schule, männlichem Habitus und Peerkultur. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16683-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8753.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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