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Matthias Benad, Hans-Walter Schmuhl u.a. (Hrsg.): Endstation Freistatt

Cover Matthias Benad, Hans-Walter Schmuhl, Kerstin Stockhecke (Hrsg.): Endstation Freistatt. Fürsorgeerziehung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bis in die 1970er Jahre. Verlag für Regionalgeschichte (Gütersloh) 2009. 374 Seiten. ISBN 978-3-89534-676-7. 24,00 EUR.

Reihe: Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Bethel - Band 16.
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Thema und Entstehungshintergrund

Bis in die 1970er Jahre wurden in der Heimerziehung in Deutschland (wie auch in anderen Ländern) häufig rigide Erziehungsmaßnahmen eingesetzt. In den letzten Jahren ist dieses Thema – nicht zuletzt durch Peter Wensierskis Buch „Schläge im Namen des Herrn“ - vermehrt in die Öffentlichkeit gedrungen. Zurzeit sitzen die betroffenen ehemaligen Heimkinder mit Vertretern der Einrichtungen, in denen Sie damals lebten, zur Aufarbeitung gemeinsam an einem Runden Tisch. Eine Einrichtung, die hierbei besonders ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist, ist „Freistatt“ in Ostwestfalen, das zu den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel gehört.

Zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte gaben die v. Bodelschwingschen Anstalten dem Institut für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel einen entsprechenden Forschungsauftrag.

Außer Freistatt bezog das Forscherteam auch noch einige andere v. Bodelschwinghsche Anstalten in die Untersuchung mit ein. Damit die Untersuchung einen exemplarischen Wert erhielt, wurde besonderer Wert auf eine Einbettung der Ergebnisse in den historischen und gesellschaftlichen Kontext gelegt.

Als Quellen dienten die Sach- und die Zöglingsakten aus den Betheler Archiven, einschlägige Zeitschriften aus den 1950er und -60er Jahren und Interviews mit ehemaligen Freistätter Zöglingen und mit Diakonen und Diakonissen, die damals in den Einrichtungen in Freistatt, Ummeln und Werther tätig waren.

Aufbau

Nach einer Einleitung, in der das HerausgeberInnenteam die Hintergründe und den Forschungsansatz des Buches beleuchtet, folgen eine Reihe von Aufsätzen, die sich auf bestimmte Aspekte der Forschungsarbeit beziehen:

  • Ulrike Winkler: „Jugendnot“ und Fürsorgeerziehung in der frühen Bundesrepublik
  • Matthias Benad: Die Fürsorgeerziehung in Freistatt von 1899 bis in die frühe Bundesrepublik
  • Hans-Walter Schmuhl: Statistisches. Die Freistätter Zöglinsakten als Quelle
  • Ders.: „Papst Leo“, „Blondi“, „Karpfen“ und die anderen. Fürsorgeerziehung in Freistatt aus der Sicht der Zöglinge
  • Rainer Nußbicker: Freistatt, Heimerziehung und die Westfälische Diakonenanstalt Nazareth
  • Hans-Walter Schmuhl: Kritik, Krise und Reform. Erziehungsarbeit in Freistatt (1969-1973)
  • Kerstin Stockhecke: Die Jugendhilfe in Eckardtsheim im Umbruch
  • Ulrike Winkler: „Gehste bummeln, kommste nach Ummeln.“ Sarepta-Diakonissen in der Fürsorgeerziehungsarbeit (1946-1979)

Im Anhang werden einige der verwendeten Dokumente wie z.B. „Richtlinien über den Vollzug von Jugendarrest in den Betheler Zweiganstalten Freistatt (1969)“ abgedruckt, so dass man sich hier einen unmittelbaren Eindruck verschaffen kann.

Inhalt

Exemplarisch gehe ich hier etwas ausführlicher auf den letzten Aufsatz, „´Gehste bummeln, kommste nach Ummeln.´ Sarepta-Diakonissen in der Fürsorgeerziehungsarbeit (1946-1979)“, ein. Ulrike Winkler hat auf der Grundlage von Akten und Interviews mit Diakonissen den Heimalltag in verschiedenen Mädchenheimen rekonstruiert. Insbesondere aus der Perspektive der Schwestern stellt sie zusammen, wie die Mädchen in den Heimen aufgenommen wurden, wie sie dort wohnten und welchen Stellenwert Arbeit und Ausbildung hatten. Weitere Punkte sind die Hygiene, die Bedeutung von Sexualität und Strafen, die Freizeitgestaltung der Mädchen und ihre Kontakte zur „Außenwelt“. Unter der Überschrift „Generationenkonflikte“ wird deutlich, wie es – von Seiten der Mitarbeiterinnen - langsam zu Veränderungen in der Heimerziehung kam. Hierbei spielte auch eine zunehmende fachliche Qualifizierung und eine Ergänzung des Heimpersonals durch „Zivilistinnen“ eine Rolle.

Mit den Veränderungen der Heimerziehung beschäftigt sich auch Kerstin Storhecke in ihrem Aufsatz „Jugendhilfe in Eckardtsheim im Umbruch“. In den 1960er Jahren entstanden vor allem bei den jüngeren Diakonen im Eckhardtsheim Reformbestrebungen. Die älteren Diakone setzen diesen Bestrebungen Widerstand entgegen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die z.B. auch in der von Ulrike Meinhof initiierten Heimkampagne ihren Ausdruck fanden, unterstützten den Reformwillen.

Die Perspektive der ehemaligen Heimkinder berücksichtigt insbesondere Hans-Walter Schmuhl in seinem Aufsatz „Fürsorgeerziehung in Freistatt aus der Sicht der Zöglinge.“ Auf der Grundlage von Interviews mit Zöglingen aus der Nachkriegszeit bis zu den 1970er Jahren entsteht ein eindrucksvolles Bild, wie die Jungen ihr Leben in Freistatt empfunden haben. Sie litten vor allem unter harter Arbeit, Einsamkeit und Gewalttätigkeiten, die fast mehr von den Zöglingen als von den Erziehern ausgingen, die aber von diesen durch entsprechende Strafmaßnahmen provoziert und „übersehen“ wurde.

Diskussion

Auf „Endstation Freistatt“ bin ich gestoßen, weil ich anlässlich des Runden Tisches zur Aufarbeitung der Heimerziehung mit SchülerInnen eine Radiosendung über Heimerziehung für einen ostwestfälischen Bürgerfunk produzieren wollte. Zunächst musste ich feststellen, dass das Thema durchaus nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen war. Meine SchülerInnen – immerhin kurz vor der Fachhochschulreife – hatten jedenfalls bis dahin nichts davon mitbekommen. Mit – aufgrund der Projektarbeit – geschärften Sinnen, bekam ich den Eindruck, dass, auch wenn der Runde Tisch aktuell tagte, nicht besonders viel darüber berichtet wurde. Das, was berichtet wurde, war in der Regel erschütternd. Gemäß dem Motto „Sex sells“ wurden in den Medien vor allem die grausamsten Geschichten publik. Meine SchülerInnen stießen bei ihren Interviews mit Betroffenen und bei ihren Recherchen auf Internetseiten, auf denen ehemalige Heimkinder sich austauschen, zwar auch auf solche Geschichten – aber eben nicht nur.

Die Grundlage des Buches ist ein Forschungsauftrag eines betroffenen Einrichtungsträgers, die eine kritische Aufarbeitung zum Ziel hat. Methodisch werden dabei unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt: Sowohl die ehemaligen Heimkinder (die potentiellen Opfer) als auch die damaligen MitarbeiterInnen (also die potentiellen TäterInnen) und darüber hinaus weitere Quellen wie z.B. Akten und Zeitschriften. Vor meinem eigenen – wenn auch schmalen - Erfahrungshintergrund scheinen mir die Ergebnisse authentisch zu sein. Sie beschönigen weder den damaligen Heimalltag noch verfallen sie ins Reißerische. Durch die wissenschaftlich-distanzierte Haltung zeigen sie, wie es zu gewalttätigen Erziehungspraktiken in Heimen kommen konnte und welches Leid sie über die Opfer gebracht haben.

Historische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erlaubten es den Heimen zu totalen Institutionen zu werden, in denen viele „mitmachten“. Und historische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erlaubten, dass es in den 1970er Jahren trotz beinharter Verkrustungen zu Veränderungen kam.

Fazit

„Endstation Freistatt“ rekonstruiert in exemplarischer Weise den Heimalltag in der Fürsorgeerziehung bis in die 1970er Jahre und stellt einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dar. Zweierlei muss hieraus m.E. folgen: Es muss geklärt werden, wie die Opfer zu entschädigen sind. Und es muss dafür gesorgt werden, dass in der Heimerziehung eine Kultur entsteht, die verhindert, dass pädagogische MitarbeiterInnen bei eingefahrenen Strukturen „mitmachen“, die Kinder zu Opfern machen. Der Blick in die Vergangenheit ist das eine, die Frage danach, welche Verkrustungen in der Heimerziehung nach wie vor wirken und wie Veränderungsbestrebungen in Institutionen – auch außerhalb der Heimerziehung - strukturell unterstützt werden können, ist das andere wichtige Thema, das sich aus dem Buch ergibt.


Rezensentin
Dr. Anke Meyer
Fachschule für Sozialpädagogik, Fachoberschule für Sozial- und Gesundheitswesen
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Zitiervorschlag
Anke Meyer. Rezension vom 04.03.2010 zu: Matthias Benad, Hans-Walter Schmuhl, Kerstin Stockhecke (Hrsg.): Endstation Freistatt. Fürsorgeerziehung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bis in die 1970er Jahre. Verlag für Regionalgeschichte (Gütersloh) 2009. ISBN 978-3-89534-676-7. Reihe: Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Bethel - Band 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8766.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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