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Lisa Schulze Steinmann, Joachim Heimler u.a. (Hrsg.): Die Zukunft sozialpsychiatrischer Heime

Cover Lisa Schulze Steinmann, Joachim Heimler, Hans Cordshagen, Josef Claasen (Hrsg.): Die Zukunft sozialpsychiatrischer Heime. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2003. 256 Seiten. ISBN 978-3-88414-339-1. 19,90 EUR.

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Einführung in das Thema

Das sozialpsychiatrische Heim existiert seit der Psychiatriereform als ein Ergebnis des Enthospitalisierungsprogrammes. Anstelle der alten medizinisch geprägten Großanstalt tritt nun das kleinere, sozialpsychiatrische Wohnheim. Dort sollen nicht mehr Patienten behandelt, sondern Bewohner wieder an die Gesellschaft herangeführt werden. Doch recht schnell schon entstehen Zweifel an der Heimunterbringung: dort scheint immer noch mehr verwahrt statt rehabilitiert zu werden. Irving Goffmans aufschlussreiche Analyse von Asylen weist bereits darauf hin, dass das Heim dieselben institutionellen Züge aufweist wie die Großklinik. Heutzutage wird im sozialpsychiatrischen Heim zwar nicht mehr durch Einheitskleidung oder Bettensäle uniformiert, doch liegen oft noch die individuellen Ressourcen der Bewohner mangels Förderungsmöglichkeiten brach.

Die an den alten Fehlern des Enthospitalisierungsprogrammes ansetzende Bewegung der De-Institutiona-lisierung bemüht sich um eine Wendung von der einrichtungs- zur personenzentrierten Arbeit. Dabei verfestigt sich immer mehr der Gedanke, dass hierzu auch ein eigener Lebensraum für die betroffenen Menschen gehört - die eigenen vier Wände, die zur Herausbildung und Wahrung der Identität dazugehören. Hier setzt das vorliegende Buch an: Die Herausgeber beschäftigt die Frage, ob die Wohnform "sozialpsychiatrisches Heim" eine Zukunft hat und wie diese aussehen könnte. In den Vorwörtern definieren sie ihre Position zu dem Thema: Visionen und die Fähigkeit, quer zu denken seien notwendig, um die Situation der Menschen in den Heimen zu verbessern. Gefordert sei vor allem der dort tätige Personenkreis nach dem Motto: Wer, wenn nicht wir? Auf Dauer - so ist man sich einig - werde das sozialpsychiatrische Heim in seiner jetzigen Form nicht mehr gebraucht. Allerdings könne kein einzelnes Konzept aus den vielen verschiedenen Dilemmata der sozialpsychiatrischen Heime herausführen. (S.9ff) So liegt es denn auch nahe, dass die Herausgeber eine Sammlung von sehr verschiedenen Beiträgen zu dem Thema veröffentlichen. Sie wählen damit einen - in diesem Arbeitsfeld mittlerweile - sehr üblichen Weg der Veröffentlichung.

Gliederung und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Themenkomplexe. In der Einführung werden in zwei Beiträgen der heutige Stand und die aktuellen Probleme und Trends in sozialpsychiatrischen Heimen beschrieben (S.14ff) und die Möglichkeit einer aktiv mitgestalteten Zukunftsforschung vorgestellt (S.26ff).

Daran schließt sich der erste große Themenblock zum Thema "Herausforderungen" an (S.44ff). Gemeinsam ist allen Beiträgen, dass sie bei den oft sehr unterschiedlichen Herausforderungen an die Arbeit im sozialpsychiatrischen Heim über die Symptomatik hinaus eine Ursachenforschung betreiben. Hinter jeder Herausforderung scheint ein Fehler im System zu stecken. Offenbar lässt das System "Heim" die Arbeit dort zu einer Herausforderung werden (S.44ff), weshalb eine ständige Qualitätskontrolle der Arbeit zu einer immer wichtigeren Voraussetzung für eine anhaltende Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit wird (S.53ff). Eine Abkehr von der alten Versorgungsmentalität ist auch gefordert, wenn es um die Beteiligung der Betroffenen geht, um zu einer verbraucherorientierten Selbstbestimmung zu gelangen (S.68ff). Bei bestimmten Personengruppen, die als besondere Herausforderung gelten, wird der Kausalzusammenhang zwischen Problem und Struktur besonders deutlich: bei den "Systemsprengern", deren Sprengsatz um so gefährlicher wird, je geregelter und rigider sich das System präsentiert (S.107ff) und bei der nachwachsenden Generation der chronisch psychisch Kranken, die von den traditionell vorgehaltenen Wohn- aber auch Arbeitsmöglichkeiten offenbar überhaupt nicht mehr angesprochen werden (S.81ff). Die Forderung, derartige Personengruppen künftig in geschlossenen Heimen unterzubringen, birgt die Herausforderung, eine möglichen Fehlentwicklung der De-Institutionalisierung zu vermeiden (S. 123ff). Nicht zuletzt ist eine Wandlung der inneren Einstellung der Mitarbeiter sozialpsychiatrischer Heime von nicht zu unterschätzender Bedeutung (S.98ff).

Der zweite Themenblock widmet sich möglichen Lösungen. Dazu haben die Herausgeber innovative Projekte aus der Praxis dazu eingeladen, ihre Arbeitsansätze vorzustellen. Alle Beiträge sind mit einem kurzen Vorwort der Herausgeber zu Inhalt und verständnisdienlichen Hintergrundinformationen versehen. Ein Beitrag aus Sicht der Heimaufsicht und aus Sicht eines langjährig Psychiatrie-Erfahrenen runden den Themenblock ab. Alle vorgestellten Projekte zeichnet aus, dass sie vor dem Hintergrund langjähriger Praxiserfahrung an bestimmten Punkten neue Wege eingeschlagen haben. Alle folgen dabei dem Prinzip der Normalisierung.

Mehrere Projekte beschäftigen sich mit alternativen Wohnformen. Sie berichten von einer Umwandlung eines Heimes in Wohngemeinschaften (S.170ff) oder in Appartementwohnen (S.132ff). Das "Intensiv Betreute Wohnen" hat sich bei Personen mit hohem Hilfebedarf und Forensikern bewährt (S.182ff). Systemsprenger werden offenbar am sinnvollsten ohne jede Hausordnung betreut (S.182ff). Für alle Wohnformen gilt grundsätzlich, dass der Hilfebedarf unbedingt von der Wohnform entkoppelt werden muss (S162ff). Bezeichnenderweise fordert kein Beitrag die sofortige Abschaffung des sozialpsychiatrischen Heimes - hier spiegeln sich Praxisnähe und Aktualität des Buches wider. Andere Projekte beschreiben erfolgreiche Veränderungen auf der Verhaltensebene, durch die beispielsweise disziplinarische Entlassungen aus Heimen verhindert werden sollen (S.209ff) oder Individualität und Normalität bei dem strittigen Thema "Alkoholkonsum im Heim" erreicht werden können (S.200ff).

Drei Projekte setzten auf der organisatorisch-strukturellen Ebene an. Eine multiprofessionelle und Institutionen übergreifende Hilfekonferenz kann offenbar unnötige Heimaufnahmen verhindern (S.221ff). Ebenso kann eine strikte Durchführung personenzentrierter Hilfen Verbesserungen bringen (S.143ff). Ein anderer Weg ist die Arbeit im Verbund, die offenbar den auf einzelne Institutionen bezogenen Blick der Professionellen überwindet (S.153ff).

Diese vielfach ungewöhnlichen, aber erfolgreichen Ansätze scheinen den Grundgedanken der Herausgeber zu bestätigen, dass es keine einzige Lösung für die Dilemmata des sozialpsychiatrischen Heimes geben kann. In Zukunft soll auch die Heimaufsicht den Prozess der De-Institutionalisierung beratend unterstützen (S.231ff). Der letzte Beitrag - ein imaginärer Brief eines Psychiatrie-Erfahrenen- entlässt den Praktiker schließlich mit dem Gedanken: Warum nicht zu entsprechender Gelegenheit vorlesen? (S.240ff)

Fazit

Das vorliegende Buch gibt Praxiserfahrungen an Praktiker weiter, die mehr oder weniger unmittelbar mit dem sozialpsychiatrischen Heim oder weiterentwickelten Wohnformen zu tun haben.

Als hilfreich erweisen sich das ausführliche Literaturverzeichnis mit vielen Anregungen zum Vertiefen und eine berufliche Kurzbiographie zu jedem der HerausgeberInnen und AutorInnen. Bei einem Thema, das möglicherweise als "heißes Eisen" gelten könnte und mit vielen persönlichen Werthaltungen verbunden ist, erleichtert dieses Verzeichnis die Einordnung der einzelnen Beiträge.

Inhaltlich lässt das Buch erst auf den zweiten Blick den roten Faden erkennen, der die einzelnen Beiträge miteinander verbindet. Liest man aber die übersichtlich gehaltenen Vorwörter, eröffnen sich schnell die leitenden Idee der HerausgeberInnen, mit der Veröffentlichung mutiger und innovativer Beiträge einen Beitrag zur De-Institutionalisierung zu leisten, der sich alle AutorInnen verpflichtet zu fühlen scheinen. So fasst das Buch nicht nur hervorragend den Stand der Entwicklung und die wichtigsten damit verbundenen Probleme zusammen, sondern bietet darüber hinaus interessierten Praktikern, die nach neuen Arbeitshaltungen und Wegen des Umgangs suchen, eine Orientierungshilfe - insgesamt also ein sehr informatives und anregendes Buch.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. Sabine Eimecke
Tätig in einem Wohnbereich eines psychiatrischen Fachkrankenhauses
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Zitiervorschlag
Sabine Eimecke. Rezension vom 26.08.2003 zu: Lisa Schulze Steinmann, Joachim Heimler, Hans Cordshagen u.a. (Hrsg.): Die Zukunft sozialpsychiatrischer Heime. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2003. 256 Seiten. ISBN 978-3-88414-339-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/877.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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