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Frank Dölker, Stefan Gillich (Hrsg.): Streetwork im Widerspruch

Cover Frank Dölker, Stefan Gillich (Hrsg.): Streetwork im Widerspruch. Handeln im Spannungsfeld von Kriminalisierung und Prävention. Triga Verlag (Gründau-Rothenbergen) 2009. 235 Seiten. ISBN 978-3-89774-685-5. 13,50 EUR.

Reihe: Beiträge aus der Arbeit des Burckhardthauses - Band 16.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das im Jahre 2008 stattgefundene 23. bundesweite Treffen der BAG Streetwork/Mobile Jugendarbeit zum Thema „Streetwork – Handeln zwischen Kriminalisierung und Prävention“ ist Grundlage für die vorliegende Publikation, welche in der Reihe „Beiträge aus der Arbeit des Burckardthauses“ erschienen ist.

Aufbau

In der Einleitung wird zunächst auf das Spannungsverhältnis von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit zwischen Kriminalisierung und Prävention eingegangen. In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung der Professionalität von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit hervorgehoben, welche ein eigenständiges Arbeitsfeld mit zentralen Handlungsprinzipien darstellt. Als niederschwelliges Angebot richtet es sich an eine Klientel, deren Lebenswelt im öffentlichen Raum stattfindet.

Der erste Teil „Grundlagen“ gibt einen theoretischen und fachlichen Überblick in Form von sieben Beiträgen. Im zweiten Teil „Praxisfelder“ werden anhand weiterer sechs Fachartikel verschiedene aktuelle Berichte aus der Praxis vorgestellt. Im letzten Teil „Tagungsverlauf“ sind die Arbeitsunterlagen des Bundestreffens beigefügt.

Teil 1 - Grundlagen

Stefan Gillich skizziert im ersten Beitrag die Problematik von der Verschiebung der „Sozialen Sicherheit“ zur „Inneren Sicherheit“ in der Gesellschaft. Dies hat zur Folge, dass die überflüssigen und unerwünschten Randgruppen bzw. „Modernisierungsverlierer“ zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung ausgeblendet und damit ausgegrenzt werden. SW/MJ schlägt zwischen der Klientel und der Gesellschaft wichtige Brücken Sie hat somit eine aktive Rolle gegenüber den „Ausgrenzmechanismen“ und trägt zu einer Verbesserung des Sozialraums bei.

Andreas Klose differenziert im zweiten Artikel die Begrifflichkeiten Kriminalisierung – Prävention – Handeln. Darüber hinaus zeigt er die Entwicklung der Prävention in der Gesellschaft der letzten fünfzehn Jahre auf. Für Klose haben sich die Strukturen des Handlungsfeldes geändert, was zu einem Dilemma der SW/MJ führt: einerseits als autonom handelnde Akteure der Sozialen Arbeit, andererseits deutet er auf die Gefahr hin, selbst zum Spielball verschiedener Interessensvertreter instrumentalisiert zu werden. Eine offene und bundesweite Diskussion, gegenseitige Solidarisierung und eine inhaltliche Standardisierung der SW/MJ könnte in Zukunft neue Chancen bieten, selbstbewusst und kompetent aufzutreten.

Stefan Gillich, Tom Küchler und Dieter Wolfer diskutieren in ihrem Artikel nicht nur die Wichtigkeit von SW/MJ im Rahmen des Arbeitsprinzips Gemeinwesenarbeit (GWA), sondern auch die enge Vernetzung zur Erreichung der Ziele. Kritisiert werden diesbezüglich grundsätzlich die fehlenden Sozialraumanalysen. Diese bilden die Grundlage für die Entwicklung neuer Konzepte, die sich stets an den Bedürfnissen der Adressaten orientieren und diese aktiv mit einbeziehen sollten, um eine sinnvolle Verbesserung der Lebensbedingungen zu erzielen. Des Weiteren werden die neun Handlungsprinzipien der sozialräumlichen Arbeit detailliert beschrieben. Besonders diesem Aufsatz gelingt es ausgezeichnet, eine klare und fundierte Anleitung zur Konzeptionalisierung, Evaluation und Realisierung der zielgenauen Projekte zu geben. Ein wichtiger Bestandteil zur Qualitätsentwicklung sollte dabei die Reflexion über die Wirksamkeit des Handelns sein.

Um der De-Professionalisierung der Sozialarbeiter entgegenzuwirken weist Frank Dölker in seinem Beitrag auf die wichtigsten Persönlichkeitsprofile im Arbeitsfeld Streetwork hin. Für ihn zählen als Voraussetzung nicht nur Kompetenzen im Bereich der Methoden und Kommunikation, um im Bereich von Streetwork zu arbeiten. Von Bedeutung ist auch eine innere kompetente Arbeitshaltung, fundierte Kenntnisse darüber, wie Gruppen agieren und funktionieren, das Wissen über sozialräumliches Arbeiten und der Einsatz von wissenschaftlichen Methoden.

Uwe Britten führt die Handlungsschritte auf, die notwendig sind um besonders junge Menschen, die auf der Straße leben, wieder zu stabilisieren und in ein normales Leben zurück zu führen.

Georg Grohmann zeigt in seinem Beitrag die Möglichkeiten und Chancen der Zusammenarbeit der Mobilen Jugendarbeit und der Polizei auf: Vorraussetzung sind die vorher definierten Arbeitsaufträge und Ziele beider Seiten, der regelmäßige Austausch sowie die gegenseitige Akzeptanz und Kooperation.

Professionelle der Sozialen Arbeit beschäftigen sich in ihrem Beruf täglich mit den Biographien unterschiedlichster Menschen, die gescheitert sind oder schwerwiegende Problematiken aufweisen. Wie Sozialarbeiter selbst damit umgehen und welche Fähigkeiten dabei entwickelt werden, um die eigene Gesundheit zu erhalten und nicht ausgebrannt zu sein, zeigt Irmhild Poulsen auf.

Teil 2 - Praxisfelder

Durch die fehlenden Fähigkeiten im Umgang mit Geld geraten besonders viele Jugendliche in der heutigen Konsumgesellschaft in eine Schuldenfalle, welche der Einstieg in ein Leben auf der Straße sein kann. Wie die Schuldnerberatung im Rahmen von Streetwork damit umgeht und welche präventiven Angebote z. B. in Jena greifen, erläutern Mandy Grazek und Sandy Hildebrandt in ihrem Beitrag.

In dem Artikel von Stefan Weber wird nicht nur das „Café Fix“ der Frankfurter Drogenhilfe im Bahnhofsviertel beschrieben, sondern auch die angegliederten sozialarbeiterischen und medizinischen Angebote für suchtkranke Menschen.

Guido Gulbins und Isabell Stewen geben Einblick in das Projekt „Pro Meile – Aufsuchende Jugendarbeit auf der Bremer Diskomeile“ und zeigen auf, welche positiven Erfolge und Veränderungen bei den Adressaten und auch in dem Stadtviertel erzielt werden.

Durch das sozialräumliche Projekt „Push and pull“ sollen Jugendliche, die in ehemaligen amerikanischen Kasernen in einem sozialen Brennpunkt in Fulda leben, auf eine eigenständige kulturelle Spurensuche gehen. Frank Dölker zeigt, wie sich bei den Jugendlichen durch das Projekt ein neues Selbstbewusstsein und Verständnis über ihren Lebensraum entwickelt.

Dieter Bott zieht in seinem Beitrag über das zwanzigjährige Bestehen der BAG-Fanprojekte ein umfangreiches Fazit und weist darauf hin, dass ein weiterer Handlungsbedarf in Form von jungend- und kulturpolitischen Projekten vorhanden ist.

In der Sozialen Arbeit ist es schwierig, passgenaue Parameter zur Erfassung der Qualität zu entwickeln. Dieter Wolfer zeigt in anschaulicher Form am Beispiel der „Treberhilfe Dresden“ auf, wie solch eine Leistungsbeschreibung als Kontrollinstrument aussehen kann.

Diskussion

Das Buch leistet einen ausgezeichneten, fundierten und aktuellen Beitrag zum Thema Streetwork/Mobile Jugendarbeit in Deutschland. Die in der Einleitung kurz beschriebenen Inhalte der einzelnen Beiträge geben dem Leser eine erste Orientierung über die vorgestellten Themen. Die ausführlichen Aufsätze aus dem ersten Teil bilden eine gute theoretische Grundlage zum grundlegenden Verständnis. Die im zweiten Teil vorgestellten Praxisbeispiele bieten einen guten Einblick in neue und innovative Projekte und zeigen, wie erfolgreich die Methode in der Praxis angewandt wird und sich dabei doch stets an die Veränderungen der Gesellschaft orientiert.

Das Buch hat einen strukturierten Aufbau und ist sehr gut lesbar. Von Bedeutung für den Leser ist, dass es nicht ein Buch über das Klientel mit seinen sozialen und psychischen Problemen darstellt, sondern es ist vielmehr ein fundierter und kritischer Beitrag über die damit beauftragte professionelle Sozialarbeit. In diesem Sinne steht die widersprüchliche Aufgabenstellung von Streetwork für die gesamte professionelle Soziale Arbeit: Auf der einen Seite im reintegrativen Sinne für die Gesellschaft zu agieren (und dies immer mehr unter kostenintensiven Aspekten) und auf der anderen Seite die Selbstbestimmung und Alltagsorientierung des Klienten zu respektieren.

Wünschenswert wären eventuell noch weitere Praxisberichte aus den Schnittstellen zu angrenzenden „Szenen“ wie zum Beispiel der Straßenprostitution. Des Weiteren wäre von Interesse, etwas konkreter zu beleuchten, in welchen unterschiedlichen Sozialräumen (Stadt-Land-Gefälle, bestimmte innerstädtische Viertel, Armutsbrennpunkte usw.) SW/MJ stattfindet und wo ein weiterer Bedarf besteht. Nicht unerheblich für die Zukunft wird auch sein, wie sich die beiden Begriffe auseinanderdifferenzieren und eigenständige Wege gehen.

Fazit

Das Buch ist ein äußerst gelungener Beitrag über die aktuellen Problematiken von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit und befasst sich auf sehr hohem Niveau mit den neuen Entwicklungen in diesem eigenständigen Arbeitsfeld. Für Studierende mit Grundkenntnissen, aber besonders für Fachkräfte aus dem Arbeitsfeld bzw. angrenzenden Wirkungskreisen bietet dieses Buch eine Bereicherung für die eigene professionelle Identität und eine wegweisende Wissenserweiterung. Es bleibt für die Zukunft spannend, in welche Richtung sich die „Erfolgsgeschichte“ von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit entwickelt und es wäre zu wünschen, dass die kompetenten Fachautoren hierzu weitere professionelle Beiträge leisten.


Rezensent
Prof. Dr. Martin Albert
Homepage www.srh.de
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Rezensentin
Julia Wege
M.A., SRH Hochschulen Heidelberg, Lehrbeauftragte für Methoden Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Martin Albert/Julia Wege. Rezension vom 25.01.2011 zu: Frank Dölker, Stefan Gillich (Hrsg.): Streetwork im Widerspruch. Handeln im Spannungsfeld von Kriminalisierung und Prävention. Triga Verlag (Gründau-Rothenbergen) 2009. ISBN 978-3-89774-685-5. Reihe: Beiträge aus der Arbeit des Burckhardthauses - Band 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8772.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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