Ihr Vorteil: Wir filtern, prüfen und ordnen die Angebote für die Sozialwirtschaft.

Susanne Gaschke: Klick. Strategien gegen die digitale Verdummung

Cover Susanne Gaschke: Klick. Strategien gegen die digitale Verdummung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-451-29996-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 35,90 sFr.

Besprochenes Werk kaufen


Thema

Das Buch liefert kritische Einsichten zum Einfluss digitaler Medien und des Internet auf den Alltag und die Bildung insbesondere junger Menschen. Es stellt in erster Linie herkömmliche Einstellungen und Vorstellungen rund um das Internet und zu digitalen Medien in Frage, insbesondere im Blick auf die Bildung junger Menschen. Neben einer Konsum-, Kultur- und Medienkritik ist vor allem die Demokratieerziehung und die ideologiekritische Wahrnehmung der Tendenzen hin zu unkritischen Konsumenten vor Augen. Das Buch fördert eine Diagnosekompetenz und setzt sich für eine Förderung von Lesekompetenz sowie für einen skeptischen Realismus in Bezug auf neue Medien ein.

Autorin

Dr. phil. Susanne Gaschke (* 1967 in Kiel) ist Journalistin bei der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ und Autorin von Sachbüchern.

Entstehungshintergrund

Das Buch fußt auf den eigenen Beobachtungen, Einblicken und Einsichten der Autorin sowie auf Recherchen in Literatur und Medien, wobei auch amerikanische Entwicklungen intensiv zur Sprache kommen und auf den deutschen Kulturraum übertragen werden. Die Autorin gibt dabei Rechenschaft über ihren eigenen Hintergrund als ZEIT-Redakteurin und ihre Motive als Liebhaberin von Print-Medien.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort, das als „full disclosure“ (Offenlegung erkenntnisleitender Interessen) gestaltet ist, in sechs Bereiche:

  1. Die digitale Erlösung. Was die Propheten der Netzwelt versprechen – und was sie verschweigen. In dieser Annäherung an die Thematik geht es um eine Näherbestimmung dessen, welche Aspekte mit „digitaler Verdummung“ in Zusammenhang gebracht werden können. Die Autorin setzt sich kritisch-provokativ mit Bildungs-, Informations- und Fortschrittsbegriffen auseinander und entlarvt etliche Mythen der Informations- bzw. Wissensgesellschaft. Dabei bezieht sie auch die gesellschaftliche, journalistische und pädagogische „Großwetterlage“ mit ein, ohne einige politische Gesichtspunkte wie die Ausbeutung ehrenamtlich geleisteter Online-Arbeit zu verschweigen.
  2. Das lesende Gehirn. Warum wir Weltverständnis nicht bei Google finden. In diesem Kapitel stellt Susanne Gaschke die „Wissensgesellschaft“ als Kampfbegriff des Digitalismus vor und zeichnet facettenrech einen dynamischen, ganzheitlichen Bildungsbegriff, bei dem Bildung, Inhalte und Fertigkeiten nicht voneinander zu trennen sind. Insbesondere macht sie sich stark für eine Lesekompetenz, der es nicht nur um das Sehen, sondern auch um das Verstehen eines Textes geht.
  3. Wissen für alle! Was Computer im Kindergarten zu suchen haben und warum Digitalisten keine Lehrer mögen. Dieser Abschnitt führt ideologiekritisch eine Fülle von Fragen vor Augen, die sich sämtlich um die Rolle von Wirtschaft und Politik in Zusammenhang mit der Digitalisierung der Gesellschaft drehen. Dabei kommen auch Fragen wie die der Kundenbindung im Kindergarten zum Tragen.
  4. Der Kult der Vielen, oder: Was uns die Netzwerkgesellschaft bringt. In diesem Kapitel stellt Susanne Gaschke den Optimismus in Zusammenhang mit dem Internet in Frage: Über Blogs, Wikis, soziale Netzwerke usw. entstünden Ersatz-Gemeinschaften, die oft für real gehalten werden und letzten Endes zu einem Personen- und Selbstdarstellungskult führen.
  5. Der Traum vom Superbürger. Wenn Journalismus und Politik im Netz verschwinden. In diesem Teil setzt sich das Buch für einen qualitativ hochwertigen, seriösen Journalismus ein, dem es nicht nur um Schnelligkeit, Jederzeitigkeit und Mitmachkultur bis hin zur Gleichzeitigkeit geht, sondern auch um Aufklärung, Auseinandersetzung und Bildung. Susanne Gaschke weist dabei auch auf die Rolle der Sprache in Online-Beiträgen hin, die nicht selten beleidigend oder ehrverletzend sind. Die politische Dimension eines überbewerteten Internets kommt gerade in diesem Abschnitt ausführlich zur Sprache.
  6. Kinder des Netzes. Warum Digitalisten und Neoliberale keine Erwachsenen brauchen. Im letzten Kapitel wendet sich die Autorin dem Einfluss der Digitalisierung insbesondere auf die junge Generation zu und problematisiert einen Konsumismus, eine Infantilisierung und ideologische Umprogrammierung, die den eigentlichen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen nicht gerecht werden und in der Summe zu einem Abbau der Lebenskompetenz junger Menschen führen kann.

An diese Hauptkapitel schließt sich eine Art Zusammenfassung in zehn Thesen unter der Überschrift „Strategien gegen die digitale Verdummung“ sowie ein Literaturverzeichnis an.

Inhalte

Im einleitenden Teil 1 beginnt die Autorin mit einigen Annäherungen und Näherbestimmungen zu dem, was sie unter „digitaler Verdummung“ versteht. Sie betont dabei ihre subjektive Sicht und untermauert ihre Einsichten und Einschätzungen mit etlichen Beispielen. Die Autorin hinterfragt insbesondere die von ihr wahrgenommenen Heilsversprechen in Zusammenhang mit der Digitalisierung der Welt, als wenn die Ausbreitung des Internet der Weg zu Wissen und Wohlstand für alle sei. Susanne Gaschke befragt die Leitmotive, wonach die Existenz von Medien und Computern schon zu mehr Bildung führe und dadurch eine Chancengleichheit hergestellt und Ungerechtigkeit beseitigt würde. Kritisch, skeptisch und provozierend setzt sie sich mit dem z.Zt. dominierenden Bildungs-, Informations- und Fortschrittsbegriff auseinander und entlarvt dabei etliche Mythen der Informations- bzw. Wissensgesellschaft. Zwischen Information, Wissen und Bildung sei demnach deutlich zu unterscheiden. Einem in Bezug auf das Internet vorherrschenden Optimismus begegnet sie mit Fragen und Zweifeln und setzt sich damit bewusst auf die Seite, die gewöhnlich als „Kulturpessimismus“ bezeichnet wird: „Da die Befürworterseite also äußerst gut besetzt ist, möchte ich mich hier eher mit skeptischen Fragen befassen: Wie gut tut das Netz unserer Gesellschaft? Löst es die großen Versprechen der Digitalisten ein? Bringt es tatsächlich mehr Nähe und Authentizität, mehr Verständnis und Engagement in die Politik? (…) Schließlich: Welchen Menschentyp braucht das Netz?“ (S. 24). Susanne Gaschke stellt sich ganz bewusst in ein Gegenüber zu denjenigen, die „programmatisch nur die Freiheiten, nicht die Risiken der digitalen Kultur (sehen) und fröhlich so (tun), als gebe es im Netz keine sozialen Unterschiede mehr, keine Herkunftsnachteile, keine Armut, keinen Kummer und kein Unglück.“ (S. 29). Die Autorin plädiert dafür, zunächst einmal die Lebenskompetenz im „real life“ in Blick zu nehmen, was eine Voraussetzung für einen konstruktiven Umgang mit dem Internet sei. Hier problematisiert sie v.a. die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, wichtiges von unwichtigem unterscheiden zu können, aufmerksam und kritisch zu sein. Das Unterkapitel „Befreiung von der Arbeit“ (S. 33-39) besticht durch seinen Blick auf die Auswirkungen des IT-Bereichs auf den Arbeitsmarkt. Demnach ist es ein Irrglaube, dass eine Computerisierung langfristig mehr Arbeitsplätze schaffe. Vielmehr gebe es jetzt mehr Möglichkeiten, umsonst zu arbeiten. Neben Bloggern gibt es immer mehr Menschen, die bereit sind, kostenlos z.B. für die Online-Enzyklopädie Wikipedia zu arbeiten. Zusammenfassend postuliert Susanne Gaschke: „das Problem der Jobvernichtung, der Lohndrückerei, der Polarisierung der Einkommen und der Ausbeutung ehrenamtlich geleisteter Online-Arbeit gehört in den Diskurs über das Netz und seine Segnungen“ (S. 39). Abschließend thematisiert die Autorin die Spuren, die im Internet hinterlassen werden und zu einer verlorenen oder zumindest veränderten Privatheit führen, da das Internet nicht nur die Option zu einer ungeheuren Kontrolle und Überwachung besitze, sondern tatsächlich auch Verhaltensweisen und Vorgänge sowie Aussagen im Netz kontrolliert werden. So sei in Bezug auf die elektronische Gesundheitskarte“ „der komplette Datensatz eines Patienten von der Geburt bis zum Tod“ das langfristige Ziel (S. 48). Als eine weitere „Nebenwirkung“ des Netzes sieht Susanne Gaschke den Einfluss von Google und anderer Suchmaschinen, deren Existenz dazu führe, „Fakten- und Zusammenhangswissen aus dem Kopf ins Netz auszulagern“ (S. 54).

Unter der Prämisse, dass nur ein ganzheitlicher Bildungsbegriff den Menschen wirklich gerecht werde und zu einer Lebenskompetenz führe, betont das zweite Kapitel die Notwendigkeit, dass Sachkenntnisse ebenso wichtig sind wie eine Interpretationsfähigkeit, Analysefertigkeit und Kreativität, die insbesondere durch Zeit und Zugang zu Texten angebahnt werden. „Wer liest, hat die Chance, Luft zu holen und Distanz zu gewinnen – zu sich selbst und zur Welt.“ (S. 56). Daher sei eine Zerstreuungs- und Ablenkungskultur letzen Endes kontraproduktiv für einen konstruktiv-kritischen Umgang mit Informationen. Bildung sei eben mehr als die Aufnahme von Wissen, es gehe vielmehr um einen Prozess, eine Dynamik, ein ständiges An-sich-Arbeiten. Diese Einsichten münden in ein engagiertes Plädoyer für mehr Wertschätzung des Lesens und der Literatur, da hier die Empathie- und Wahrnehmungsschulung besonders gefördert würde. Das Lesen habe einen Eigenwert und sei nicht durch Arrangements vor einem Computer zu ersetzen, da einem hier u.a. eine kritische Anstrengung zur Auffassung von Informationen letzten Endes nicht zugemutet werde. Die Lesekultur verändere sich in der Richtung, dass von einer Art „Text-Zapping“ geredet werden könne, d.h. man lese mehr und mehr, wie man es vom „Bildschirm-Lesen“ her gewohnt sei: kleine Portionen, Weglassen uninteressant erscheinender Passagen usw. Dagegen betont Susanne Gaschke: „Einen Text gesehen zu haben, heißt nicht, ihn verstanden zu haben.“ (S. 81). Letzten Endes bekämpft die Autorin jedoch nicht das Medium an sich, sondern eine Geisteshaltung, die nicht mehr bereit ist, Mühe auf sich zu nehmen und etwas zu investieren, um Freude an Erkenntnis und Bildung zu erlangen.

Nach diesen Klärungen widmet sich die Autorin in Kapitel 3 den Veränderungen durch das Internet und fragt nach dem Ziel von Computern im Bildungsbereich von Kindergarten bis zum Studium. Hier macht sie wirtschaftliche Interessen deutlich und postuliert, dass es „beim Thema Mediennutzung und E-Learning eher um Ökonomie als um Bildung geht“ (S. 97) und es sich letztlich um eine interaktive Betreuung handele. Dass durch Computer ein leichteres, besseres und nachhaltigeres Lernen möglich sei, ist nach wie vor unbewiesen. Da die Ausstattung von Klassen- und Kinderzimmern mit Internetanschlüssen vielmehr keinen Einfluss auf die Leistungen der Schüler/innen habe, müsse deutlicher gemacht werden, auf welche konkreten Lern- und Leistungszuwächse er aus welchen Gründen durch die Computerisierung hoffe. Susanne Gaschke plädiert demgegenüber für eine klassische Bildung und Erziehung durch Beziehung: „Normale junge Leute brauchen, wie die Erwachsenen auch, Antrieb, Motivation durch andere Menschen, gelegentlich auch Druck, um sich einer unangenehmen Aufgabe zu stellen, wenn sie sich weiterentwickeln wollen. Ihnen diese Antriebe zu geben, ist die Pflicht der Erwachsenen. Ihnen zu suggerieren, es gebe Wissen ohne Mühe, ist eine Pflichtverletzung.“ (S. 102). Allerdings zeigen die weiteren Ausführungen auf, dass eine begleitende oder bewachende Person im Beisein des jungen, Computer nutzenden Menschen gar nicht erwünscht ist. Vielmehr sei „die Existenz eines solchen Wächters ... ein Angriff auf das do-it-yourself-Gefühl, das die Netzwelt prägt; auf ihren Egalitarismus, der jedes Erkenntnisinteresse gleich wichtig findet, und ein Anschlag auf ihre antiautoritären und antihierarchischen Affekte. (…) Das Lehrer-Bashing bedient noch ein weiteres Essential des ideologischen Digitalismus: die Jugendverehrung. Für die Digitalisten ist es ungemein wichtig, der Jugend zu schmeicheln und sie zum wahren Träger des Fortschritts zu erheben“ (S. 101f.), um somit mit ihnen gegen die in Bezug auf Computer (aber auch sonst?) inkompetenten Erwachsenen zu Felde zu ziehen. Dass der Einfluss der (Computer)industrie ein inzwischen bedenkliches Ausmaß erreicht hat, ist für Susanne Gaschke auch bildungspolitisch bedenklich: „Pädagogen und politisch Verantwortliche müssten eigentlich alarmiert reagieren auf diesen Versuch, eindeutig interessengeleitete Gesichtspunkte in die bildungspolitische Diskussion hineinzudrücken“ (S. 105). Das Engagement für mehr Computer im Bildungsbereich ist auch von daher fragwürdig, weil die Schüler/innen in eine Tätigkeit eingeübt werden sollen, die sie sowieso schon in ihrem Alltag ausüben und die sie letzten Endes lediglich an die Existenz des jewiligen IT-Anbieters aufmerksam machen sollen (Kundenbindung). Hier beklagt die Autorin, die sich intensiv für Leseförderung einsetzt, dass inzwischen auch Kultus-, Kultur- und Familienministerien viel Kapital in den IT-Bereich und wenig in klassische Medien wie Bücher und andere kulturfördernde Aspekte und Projekte investieren. „Und eine Katastrophe ist die Botschaft, die derart aufmerksamkeitsheischende Aktionen an die Eltern gerade benachteiligter Kinder senden: Der Computer ist gut für eure Kleinen, und wenn ihr ihnen etwas Gutes tun wollt, gebt ihnen Computer. Die zuständige Politik reagiert im Übrigen genau wie die benachteiligten Eltern.“ (S. 115)

Auf knapp achtzehn Seiten kommen im kürzesten Kapitel des Buches Fragen zu den sozialen Auswirkungen zur Sprache. Hier führt die Journalistin neben kommunikationstheoretischen und psychologischen Gesichtspunkten auch ideologiekritische Aspekte (materiell und emotional) an. So spielen etliche Einflüsse eine Rolle, die für sich genommen nicht automatisch zu einem destruktiven Umgang mit dem Internet führen, die aber im Zusammenspiel das Risiko erhöhen, dass man die „hohe Identität mit „virtuellen“ Freunden und Gesprächspartnern als dramatischen Hinweis auf Aufmerksamkeits- und Zuwendungsdefizite in unserer realen Gesellschaft verstehen (kann).“ (S. 121). Es hat sich zudem gezeigt, dass die Kommunikation im Internet unter polarisierenden Wirkungen von Gruppendiskussionen leidet und zu einem erheblichen sozialen Druck in Gruppen führt, die dann durchaus richtige Einzelmeinungen unberücksichtigt oder nicht gelten lassen. Darüber hinaus ist auch der Drang und Hang zum Personen- und Selbstdarstellungskult insbesondere dann kritisch zu betrachten, wenn Menschen mit bedenklichen Einstellungen eine offene Plattform geboten wird. Das Internet verführe quasi dazu, sich anderen als Publikum zur Verfügung zu stellen.

Im fünften Abschnitt „Der Traum vom Superbürger“ werden den Lesenden konkrete Anfragen an die Qualität und Seriosität von Internetbeiträgen vor Augen geführt und eine vom Internet unentwegt eingeforderte Schnelligkeit, Jederzeitigkeit und Mitmachkultur in Frage gestellt. Auch die Relevanz einer Information und die Qualität einer Nachricht spielen eine Rolle, wenn man klassische mit digitalen Medien vergleicht. Eine lenkende und entlastende Funktion ist zwar nicht immer nur positiv, aber gerade in Bezug auf leicht zu manipulierende Personen nicht von der Hand zu weisen. Insgesamt relativiert Susanne Gaschke die basisdemokratische Begeisterung für die Nutzermitwirkung als naiv, weil die Relevanz und Richtigkeit der Äußerungen im Netz sich einer endgültigen Kontrolle letzten Endes entzieht. Das Internet ist neben vielen Vorteilen eben auch ein Nährboden für Falschmeldungen, Gerüchte, Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten und Diffamierungen. Das Internet senkt schon bei der jungen Generation die Hemmschwellen und verführt schon früh zur Indiskretion. Auch dies relativiert das Internet als sozial und politisch neutrales Medium.

Die Frage, warum sich die Digitalisten eine junge Generation gerne unabhängig von Erwachsenen wünschen, greift das sechste Kapitel wieder auf. Neben sozialpädagogischen Einsichten, dass Kinder sich beispielsweise Bildern nur sehr schwer entziehen können, veranschaulicht das Kapitel, wie das Internet Kindern und Erwachsenen den Bedürfnisaufschub aberzieht und der Druck der Informationsüberflutung zu einer Verflachung von Bildung führt, zumal Alters- und Generationengrenzen zu wenig in ihrem Eigenwert beachtet werden. Ein durchaus notwendiger Generationenkonflikt wird nicht berücksichtigt. „Wer allerdings auf breiter Front die Kinder zum Kaufen verführen will, muss ein zusätzliches Interesse daran haben, Erwachsene zu Kumpeln und Gleichgesinnten ihres Nachwuchses zu degradieren. Denn als verantwortungsvolle, erwachsene Eltern könnten und würden sie vielleicht eine Wächterfunktion gegenüber ihren Kindern ausüben.“ (S. 181). Eine Nebenwirkung und ein Motiv dieser Infantilisierung ist es auch, schon junge Menschen zu braven Konsumenten statt zu kritischen Bürgern zu erziehen, wodurch auch Arbeitnehmer letzten Endes entmündigt werden, da sie von klein auf an gelernt haben, Verantwortung abzugeben und nicht selber wahrzunehmen.

Im abschließenden Ausblick werden „Strategien gegen die digitale Verdummung“ in zehn Schritten aufgezeigt, in denen die Autorin auch (möglichen) Vorwürfen und Einwänden gegen ihre Einsichten begegnet. Hier stellt Susanne Gaschke viele Fragen, u.a. die nach der Zeitverschwendung, der Privatsphäre, der Lesekompetenz, der Kommunikation und dem gesellschaftlichen sowie politischen Engagement.

Diskussion

Dieses essayhafte Plädoyer setzt sich intensiv mit den verschiedenen Aspekten rund um Internet, Computer und Digitalisierung von Informationen auseinander. Die Autorin hat hierzu ein breites Spektrum von Erfahrungen, Erkenntnissen und Literatur erfasst und detailliert ausgewertet. Ihr gelingt es, die verschiedenen Facetten und Aspekte aufzuzeigen und die Bedeutung einer gründlichen Reflexion der eigenen Einstellung zu Computern und Internet sowie zu deren Rolle in Gesellschaft und im Bildungsbereich verständlich darzustellen. Die Kapitelaufteilung des Buches ist anschaulich, einsichtig und ermöglicht es, klare Einschätzungen und Hilfestellungen zu bekommen. Die oftmals eingestreuten Fragen hätten durch graphisch ansprechendere Gestaltung (noch) mehr Wirkkraft erhalten. Wie ein roter Faden zieht sich durch das Buch die Lebenskompetenz insbesondere der jungen Generation, die durch den zunehmenden Einfluss von Computer und Internet immer mehr Herausforderungen zu bewältigen hat. Unentwegt werden konkrete, nachvollziehbare Beispiele aufgeführt. Das Literaturverzeichnis ist zwar zweigegliedert in „Studien und Aufsätze“ und „weiterführende Literatur“ mit sehr aktuellen Titeln, leider ist aber beides nicht sehr ausführlich und noch dazu unkommentiert. Ein Stichwortverzeichnis hätte das Wiederfinden interessanter Aspekte erleichtert. Bei der Darstellung der Problematik gelingt es Susanne Gaschke mit einer gut verständlichen und doch wissenschaftlich konkreten und zugleich außergewöhnlich praxisbezogenen Beschreibung immer wieder die Bezugspunkte zwischen ihren Fragen und Erkenntnissen und dem Alltag der Lesenden herzustellen. Besonders herauszustellen sind hierbei die zahlreichen, konkreten Fall- und Praxisbeispiele und wohl dosierten Zitate, leider zumeist aus dem amerikanischen Kontext. Die Autorin weiß um die Bedingungen und Herausforderungen für Elternhäuser, Kindergärten, Schulen und verfällt nicht einem Rundumschlag. Vor allem macht die Autorin deutlich, dass es nicht darauf ankommt, irgendwelche Konzepte umzusetzen und Projekte in Bezug auf Computer und Internet zu initiieren, sondern einerseits die soziale Großwetterlage und andererseits die jeweilige Situation bzw. das jeweilige Kind vor Augen zu haben. Das Buch ist ein praxisorientiertes Plädoyer für mehr Reflexion, Kritik und Anfragen in Bezug auf die Digitalisierung der Gesellschaft. Damit spricht sich die Autorin für eine neue Wahrnehmung klassischer Begegnungs- und Kommunikationsweisen zwischen den Generationen und untereinander – losgelöst von Computern – aus.

Fazit

Das Buch ist eine ungemein wertvolle Hilfe für die Wahrnehmung verschiedener Facetten im Umgang mit Computern in Elternhäusern und Einrichtungen für Kinder. Es bietet eine präzise Hintergrundanalyse gemischt mit Anmerkungen und Anregungen für den persönlichen Umgang mit der Computer-Lobby. Zugleich zeigt es weiteren Diskursbedarf zum Beispiel in Bezug auf das Zusammenspiel von Kindergarten und Elternhaus und die Rolle der Medien. Ein hilfreiches, relativierendes und reflexionsförderndes Buch, nach dessen Lektüre es sicherlich nicht bei jeder/m „Klick“ machen wird!


Rezensent
Reiner Andreas Neuschäfer
E-Mail Mailformular


Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Reiner Andreas Neuschäfer. Rezension vom 07.05.2010 zu: Susanne Gaschke: Klick. Strategien gegen die digitale Verdummung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-451-29996-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8789.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Mehr zum Thema

Tobias Moorstedt: [...] Wie die digitalen Medien die Politik verändern

Jean-Claude Kaufmann: Sex@mour

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Erzieher/in für Kindertagesstätte, Frankfurt am Main

Erzieher/in oder Sozialpädagoge (w/m) im Bereich Jugendhilfe, Ettlingen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.