Cordula Dittmer: Gender trouble in der Bundeswehr
Cordula Dittmer: Gender trouble in der Bundeswehr. Eine Studie zu Identitätskonstruktionen und Geschlechterordnungen unter besonderer Berücksichtigung von Auslandseinsätzen. transcript (Bielefeld) 2009. 282 Seiten. ISBN 978-3-8376-1298-1. 28,80 EUR.
Reihe: Gender studies.
Thema
Die Bundeswehr ist eine Institution, die außenstehenden Wissenschaftlern nahezu verschlossen ist. Das betrifft insbesondere die Sozialwissenschaftler-/innen und dort vor allem die Geschlechterforscher-/innen. Um so außergewöhnlicher und erkenntnisreicher sind die Ergebnisse dieser Studie, die auf zahlreichen Interviews basiert und diese empirische Basis mit theoriegeleiteten Reflexionen zur Konstruktion von Geschlechteridentitäten im deutschen Kasernenalltag und bei Auslandseinsätzen verbindet.
Autorin und Entstehungshintergrund
Die Autorin arbeitet seit vielen Jahren zu Gender und Konflikten; sie war am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg tätig und wirkte an einem soziologischen Forschungsprojekt der Bundeswehrhochschule Hamburg mit. Die nun publizierte Studie basiert auf ihrer Dissertation.
Aufbau
Die Autorin gliedert ihr Buch in insgesamt dreizehn sinnvoll aufeinander aufgebaute Kapitel.
Während die ersten vier Kapitel die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundeswehr erläutern, stellen das fünfte und sechste die theoretischen Kontexte vor, insbesondere die Bezüge zur Subjekttheorie von Judith Butler. Das siebte erklärt das methodische Vorgehen, konkret geht es um die teilnehmende Beobachtung und die problemzentrierten Interviews. Diese methodischen Reflexionen bilden die Basis für die Auswertung der Interviewergebnisse im achten bis zwölften Kapitel, wobei Identitätskonstruktionen und Gender-Prägungen die analytische Klammer bilden. Sorgfältig wird in diesem Teil des Buches zwischen dem Kasernenalltag in Deutschland und den Auslandseinsätzen differenziert. Im Schlusskapitel werden wesentliche Aussagen und Erkenntnisse zusammengefasst.
Inhalt
Diese Detailstudie vermittelt Einblicke in eine für Außenstehende nur schwer zugängliche Institution. Sie illustriert, welche Strukturen und Dynamiken innerhalb der Bundeswehr die konkrete Aushandlung von Geschlechterverhältnissen beeinflussen. Dabei berücksichtigt die Autorin solche Geschlechterkonzepte und –stereotypen unserer Gesellschaft, die den Referenzrahmen für den militärischen Alltag bilden. Konkret geht sie auf den Soldatenberuf als „männlich“ konnotierten Beruf ein, thematisiert den Umgang mit Waffen und Tod sowie die Auseinandersetzungen über Diskriminierungserfahrungen von Soldatinnen und die Regelungen von körperlichen Aspekten wie Haartracht und sexuelle Kontakte. Auch die Bedeutung von Gerüchten, das Konfliktverhalten zwischen Soldatinnen und das Reagieren von Vorgesetzten auf Normenverstöße kommen zur Sprache.
Bei all diesen Aspekten schöpft Cordula Dittmer aus der Fülle ihrer Interviewergebnisse und setzt diese sinnvoll mit theoriegeleiteten Überlegungen zu Identitäts- und Gender-Konstruktionen in Beziehung. Hilfreich sind ihre historischen Rückbezüge zu den Hintergründe der Männlichkeitsprägung im Militär während des 19. und 20.Jahrhunderts. Diese zeitlichen Längsschnitte ermöglichen es, die aktuellen Aushandlungsprozesse und Geschlechterkonflikte in der Bundeswehr zu kontextualisieren.
Von besonderer Brisanz sind die Geschlechterordnungen bei Auslandseinsätzen, zumal dann weitere Konfliktebenen hinzukommen, insbesondere interkulturelle Interaktionen mit neuen Herausforderungen und Missverständnissen. Cordula Dittmer differenziert auch in diesem Zusammenhang, indem sie die Teilnahme an Auslandseinsätzen, die aus der Perspektive von Soldatinnen und Soldaten als identitätsstiftend gilt, am unterschiedlichen Fallbeispielen illustriert. Konkret beleuchtet und vergleicht sie die Geschlechterordnungen beim Einsatz im Kosovo, in Afghanistan und in Dschibuti. Vor allem in der Auseinandersetzung mit der Marine vor den Küsten Dschibutis wird deutlich, dass hier die reflektierte Anwendung des Konzeptes der totalen Institution einen sinnvollen analytischen Zugriff bietet.
Fazit
Der ansprechende Schreibstil, das hohe Reflexionsniveau und die gelungene Verbindung von theorieorientierten Darlegungen und empirischen Fallbeispielen machen dieses Buch zu einer erkenntnisreichen Lektüre. Gerade weil es wichtige Fragestellungen und zentrale Problembereiche der Geschlechterforschung, der Militärsoziologie und der Friedens- und Konfliktforschung in innovativer Weise verknüpft, bietet es viele Impulse für weitere Studien. Zu hoffen ist, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen an den hier aufgezeigten Problemfeldern weiterarbeiten. Dieses Buch ist nicht nur für Forschung und Lehre von Interesse, es hat mit Blick auf die fortwährenden Debatten über die Auslandseinsätze der Bundeswehr auch eine politische Brisanz.
Rezensentin
Dr. Rita Schäfer
Freiberufliche Wissenschaftlerin und Gutachterin
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Zitiervorschlag
Rita Schäfer. Rezension vom 15.02.2010 zu: Cordula Dittmer: Gender trouble in der Bundeswehr. transcript (Bielefeld) 2009. 282 Seiten. ISBN 978-3-8376-1298-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8807.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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